Bild: Gemini-KI, nach Prompts von A.P.
In meinem letzten Beitrag untersuchte ich das psychologisch-politische Phänomen der Verdrängung und Übertragung anhand der Verdrängung der ethnischen Säuberung der deutschen Ostgebiete und der Übertragung der Wut und Trauer auf den jüdischen Staat, der angeblich die Araber aus dem früheren britischen Mandatsgebiet Palästina verdrängen wolle.
Der Einwand liegt nahe, und ist berechtigt, dass diese spezielle deutsche Gemengelage kaum die anti-israelische Wende der Linken in anderen Ländern oder zu anderen Zeiten – heute etwa – erklären könne. Tatsächlich wollte ich zunächst nur historisch etwas erklären, was damaligen linken Beobachtern auffiel, nämlich die Intensität und Zentralität des anti-israelischen Ressentiments in der deutschen Linken zu einer Zeit, da es in den USA, Großbritannien oder Frankreich eher ein Randphänomen war.
Unvergessen ist, oder sollte sein, dass die Terrorserie der 1970er Jahre mit einer am Jahrestag der Kristallnacht 1969 von den „Tupamaros Westberlin“ gelegten Bombe im Jüdischen Gemeindehaus Berlin ihren Anfang nahm. Dieser missglückte Anschlag machte klar, dass die „Palästina-Solidarität“ von Anfang an antisemitisch war und eine Kollektivschuld der Juden für die Verhältnisse im Nahen Osten unterstellte – auch das eine Art Schuldumkehr, eine Überkompensation jenes deutschen Schuldgefühls, das „Tupamaros“-Chef Dieter Kunzelmann den „deutschen Judenknax“ nannte und von dem noch 55 Jahre später deutsche Aktivisten Palästina befreien wollten.
Dass aber der Israel-Hass wie der Antisemitismus, dessen aktuellste Ausprägung er ist, monokausal zu erklären wäre, habe ich nie behauptet. Das ist ja das Großartige am Judenhass, dass er immer passt; jede kann in „dem“ Juden ein Ventil, ein Hassobjekt, eine Projektionsfläche für ihre Frustrationen, Wut-Gefühle, Ressentiments und ähnliche Bedürfnisse (ja, lieber Götz Aly, auch für Neid- und Unzulänglichkeitsgefühle) finden. Der Punkt ist aber: das hat mit dem, was „der Jude“ oder „der jüdische Staat“ tut, wenig bis nichts zu tun.
Dass 1967 im Sechstagekrieg einem Vernichtungsschlag der mit der Sowjetunion verbündeten arabischen Staaten zuvorkam: Das mochte jene linken Dogmatiker ärgern, die immer noch Moskau für das Zentrum der Weltrevolution hielten, aber die waren damals schon eine (oder damals noch) eine winzige Minderheit in der linken Bewegung. Dass im Zuge dieses Krieges das demokratische Israel Gebiete besetzte, die 20 Jahre zuvor gegen Beschlüsse der UN vom Königreich Jordanien und vom damaligen Königreich Ägypten annektiert worden waren: Das mochte arabische Nationalisten und jene Altnazis ärgern, die damals für Gamel Abdel Nasser Waffen entwickelten, konnte aber – „objektiv“ betrachtet – kaum für Linke so bedeutsam sein wie etwa der Kampf Nordvietnams und der Vietcong gegen die USA, die sozialen Experimente in Lateinamerika oder der Kampf diverser „Befreiungs“bewegungen gegen die Reste des Kolonialismus in Afrika.
Aber wenn es gegen die Juden geht, wird eben nicht objektiv betrachtet. Kunzelmann meinte, die Deutschen müssten ihren „Judenknax“ verlieren, um sich den nationalen Befreiungsbewegungen der Dritten Welt anschließen zu können; und die Unterstützung der Araber gegen den jüdischen Staat war ein Mittel, um diesen „Judenknax“ zu überwinden. (Ein anderes war der Kampf gegen die allzu judenfreundliche „Springerpresse“. Auch hier war der Vorwurf – zu große Machtkonzentration – nur vorgeschoben, sonst hätte man auch gegen Bertelsmann, Bauer und Co. protestieren müssen. Es ging darum, eine Stimme auszuschalten, die gegen den Antisemitismus und für Israel war.
Es ist sicher auch kein Zufall, dass der Aufschwung des Antisemitismus seit dem 7. Oktober 2023 zusammenfällt mit dem Niedergang der Klimabewegung. Kurz vor der Corona-Pandemie hatte „Fridays For Future“ den Höhepunkt ihres Einflusses erreicht. Der Versuch Russlands, im Februar 2022 die Ukraine zu erobern und ein russlandfreundliches Regime in Kyiv zu errichten, bedeutete eine „Zeitenwende“, in der militärische und wirtschaftliche Stärke im Bewusstsein der Europäer wichtiger wurden als der „Kampf“ gegen eine „Klimakatastrophe“, die nie eintraf. Greta Thunberg, eine zwar nicht kluge, aber hochintelligente junge Frau, erkannte früh die Zeichen der Zeit: sie konnte symbolischer Kopf des friedlichen Kampfes für mehr Klimaschutz bleiben und mit ihm in der relative Bedeutungslosigkeit versinken – oder sich dem Kampf der Hamas und ihrer nützlichen Idioten im Westen anschließen und mit ihnen ein neues, schärferes Profil gewinnen. Ein „no-brainer“: Judenhass geht immer, Klimaschutz nur, wenn es nicht gerade Wichtigeres zu tun gibt.
Wie es in den Köpfen mancher Klimakämpfer aussieht, erzählt der vielleicht nicht klügste, aber geistreichste unter ihnen, Tadzio („Tod in Venedig“) Müller im Schlusskapitel seines zweiten Buchs. Müller litt zeitweise unter einer „Klimadepression“, also einer durch die Aussichtslosigkeit des Kampfs gegen die Erderwärmung induzierten depressiven Phase. Denn: „Dass es keine ökologische, keine grüne Utopie im globalen ökologischen Kollaps geben kann, ist klar. Aber auch die linken und bürgerlichen, die humanistischen Utopien funktionieren im Kollaps nicht mehr.“
Was bleibt: „Wir ziehen uns in die Katakomben der Stadt zurück, in die vielen Keller und Tunnel unter Berlin, die wir in jahrelanger vorausschauender Vorbereitungsarbeit ausgebaut und miteinander vernetzt haben.“ Als Anführer der „Pink Panthers“ schützt Müller die Katakomben, wo queeres Leben stattfindet, „queeres Leben, wie es sein sollte, frei, ekstatisch, gemeinsam, geil, solidarisch, liebevoll, sexy, euphorisch, menschlich… Die Party ist ein rauschendes Fest, es gibt keinen Unterschied mehr zwischen Darkroom und Dancefloor, überall wird geknutscht, gevögelt, gegessen, gesoffen, geweint, getanzt, gefesselt und gepeitscht, geliebt und gelacht…“
Was ja sicher ganz toll wäre, bloß dass es erstens die Pink Panthers nicht gibt, dass sie zweitens viel zu faul sind, ein Tunnelsystem unter Berlin zu graben, wie es die Schwulenhasser von der Hamas taten, so dass drittens Leute wie Müller – Orgname auf X: „Faggots for Future“ – ihren Frust und ihre Ohnmacht auf Demos und in Posts auslassen, in denen Partei für jene ergriffen wird, die Tel Aviv, die Schwulenhauptstadt der Welt, auslöschen wollen, gerade weil es die Schwulenhauptstadt der Welt ist. Mankann ja die Götterdämmerung herbeisehnen, wenn die Utopie sich nicht einstellen will. „Also werfen wir alles in diesen letzten Moment, opfern uns tatsächlich auf.“
Dass Müller zwar geistreich, aber nicht klug ist, sieht man daran, dass ihm, dem gebildeten, nie um Zitate verlegenen Utopisten nicht selbst aufgeht, wie die Vorstellung eines Endkampfs um Berlin, bei dem die Guten im Bunker sind und sich schließlich selbst als Opfer darbringen gegen die anbrausende Barbarei – wie viel diese Vorstellung dem Vorbild Adolf Hitlers verdankt. Natürlich ist Müller kein Nazi. Solche Parallelen stellen sich, wie Hegel sagen würde „hinter dem Rücken“ der Beteiligten her. Und wenn man das begreift, ist der absurde Kampf der „Queers for Palestine“ so folgerichtig wie Greta Thunbergs Wandlung von der Klimaaktivistin zur Vorkämpferin einer islamistischen Truppe, der das Klima so gleichgültig ist wie der AfD.
Das wäre vielleicht wert, noch weiter diskutiert zu werden:
„Die Parallelen stellen sich, wie Hegel sagen würde „hinter dem Rücken“ der Beteiligten her.“
Ist das so? Oder ist es nicht eher so, daß das Ideen- und Verhaltensrepertoire der Menschheit begrenzt ist und sich diese Ähnlichkeiten eher dadurch zwangsläufig ergeben? Immer dann, wenn sich die ‚kognitiven Dissonanzen‘ (=Probleme) häufen: Energiebedarf der Zivilisation, Gerechtigkeitsempfinden für alle und jeden, das man sich nicht leisten kann, Ende der Wachstumsphase einer ausentwickelten Volkswirtschaft, ungezogene US-Präsidenten, unbelehrbare Bullystaaten, die sich nicht ans ‚Völkerrecht‘ und die Erkenntnisse des IPCC halten..
Sicher ist es richtig, dumme Ideen zu bekämpfen, aber die Ursache ist und bleibt m.E. in Europa/ehem. Commonwealth und einer Hälfte der USA der protestantische Fanatismus, zumindest im Westen in seiner säkularen Vernunftshuberei vermeintlicher Sachzwänge und Alternativlosigkeiten – und besonders dann, wenn er ratlos ist. Nicht als Schuldiger (wer sollte Max Weber und Immanuel Kant ernsthaft beschuldigen), sondern sozusagen als Meta-Idee, die eben auch Raum für ideologischen Unsinn lässt, bzw. als ‚Mentalität‘. Vielleicht ein Fall von missbrauchter (Denk-)Freiheit.
Dazu passt auch dieser Fall sehr gut: https://jungefreiheit.de/debatte/kommentar/2026/das-widersetzen-team-zwischen-buergerlichkeit-und-innerem-faschismus/ (leider hinter der Bezahlschranke)
Lieber KJN, erst scheinen Sie sagen zu wollen, dass es wenig sinnvoll ist, nach ideengeschichtlichen Ursachen für bestimmte Verhaltensweisen zu suchen, und dann kommen Sie plötzlich mit dem „protestantischen Fanatismus“ um die Ecke. Ich bin kein Freund Martin Luthers (https://www.welt.de/kultur/article127697560/Widerrede-Luther-kann-nichts-fuer-die-Nazi-Verbrechen.html), aber Fakt ist, dass der Antizionismus heute am stärksten zu finden ist in Spanien und Irland, zwei katholisch geprägten Ländern; auch in Italien ist er stärker als in Deutschland oder Skandinavien. Vielleicht aber habe ich Sie falsch verstanden, dann bitte ich um Klärung.
Lieber AP, ich hatte tatsächlich Schwierigkeiten, meinen Gedanken zu Hegels ‚Parallelen hinter dem Rücken‘ unmissverständlich zu formulieren und danke für Ihre Nachsicht. Also noch mal ein Versuch, diesmal als Thesen (wo wir schon bei Luther angekommen sind):
1. Daß politische Antagonisten und ihre Ideologien sich ähneln liegt daran, daß sie ihre Lösungen autoritär durchsetzen wollen. Weil sie, statt die vergangenen Entwicklungen und Fehler zu analysieren um daraus zu lernen, ihre angeblich alternativlose Ideologie durchsetzen wollen. Die einen ihre Identitätspolitik (Linke +Rechte), die ‚Grünen‘ ihre Klima- und Investorenrettung im Heizungskeller und die derzeitige Regierung mit dem Hineinregieren in die Arbeitswelt mit kleingeistigen Regelungen zu Krankmeldungen und Majestätsbeleidigungen als Tätigkeitsnachweis. Autoritäre Politik, oft angstgetrieben, hat immer die gleichen Merkmale und Züge: Sie gängelt, überwacht und bevormundet. Allerdings ist die derzeitige Politik oft nur eine Reaktion auf den derzeitigen hysterischen öffentlichen Diskurs, mit aller gegenseitigen Wechselwirkung.
2. Damit meine ich den Fanatismus, eine Art intellektueller Implosion. Vielleicht über den Perfektionismus, den ich besonders in protestantischen Elternhäusern meine wahrnehmen zu können und vielleicht war das auch schon zu Zeiten Luthers so, der ja Liberaleres (Abschaffung des Zölibats) und Ehrlicheres (Bekämpfung der Doppelmoral der Kirche) mit Bibel-Fundamentalismus durchsetzen wollte. Ich zumindest sehe da Entsprechendes in der derzeitigen Politik gerade von ‚Grünen‘, SPD und der halben CDU mit einer (nun säkularen) überheblichen Moral, was Klima, politisch korrekte Sprachregelungen, Fragen der weltweiten Gerechtigkeit angeht (bei der ‚Linken‘ mag ich von Moral gar nicht reden) und sie auf den Kirchentagen zelebriert wird. Das (z.B.) ist ein Türöffner für die beliebte ‚Israelkritik‘, kein anderes Land, noch nicht mal die USA wird so gerne und ausgiebig kommentiert.
3. Daher sehe ich eher in der Bereitschaft zum Fanatismus in der Praxis das Problem. Und ausdrücklich nicht im präzisen und radikalen Denken und Schlussfolgern. Ich bin da für eine strikte organisatorische Trennung von Elfenbeinturm und Praxis, was ja nicht heißt, daß die nicht miteinander reden und verhandeln sollen.
4. Hegels Ausspruch über die „Parallelen hinter dem Rücken“ ergeben sich m.E. durch das fanatische Handeln und nicht durch eine intellektuelle Verwandtschaft der Ideen. Aber die Bereitschaft zum fanatischen Argumentieren und Handeln, z.B. in der ‚Judenfrage‘ kann ja deswegen schon kein protestantisches Alleinstellungsmerkmal sein, weil Luther ja Katholik war. Es ist weniger die Religion, als die Mentalität (..ja, das bedingt sich gegenseitig, aber nur teilweise, und ja ich weiß, der Antijudaismus).
5. Zusammengefasst: Nicht die Ideen an sich erzeugen die ‚Parallelen hinter dem Rücken‘, die ‚Hufeisen‘ und was es da an Metaphern zu dem Thema sonst gibt, sondern die perfektionistischen Übertreibungen, die ..ismen, die Ideologien in der Praxis (die Fragen, mit denen Ideologen führen und gängeln wollen: ‚ist deine Entscheidung, dein Handeln sozialistisch, ökologisch, sozial gerecht..?‘, ‚check‘ deine Privilegien..‘) und eben das was die Mitscherlichs und Arendt ja schon hinreichend und wie ich finde psychologisch erläutert haben. Ideen und Ideologien sind die notwendige, aber nicht hinreichende Bedingung zum Unheil.
Danke. Jetzt habe ich es verstanden. Ich weiß nicht, ob ich einverstanden bin, aber das ist zweitrangig. Ich denke erstmal darüber nach.
Alles schön und richtig, aber wer von „angeblicher Klimakrise“ schwadroniert, hat nicht erst seit 2026 den Zug verpasst. Schade für den ansonsten guten Text. Grüße, V.
Grüße zurück, Herr Krondorfer. ich habe meinen Text noch einmal durchgelesen und finde keine Stelle, an der ich von einer „angeblichen Klimakrise“ schwadroniere. (Schreckliches Verb übrigens.) An einer Stelle schreibe ich: „Der Versuch Russlands, im Februar 2022 die Ukraine zu erobern und ein russlandfreundliches Regime in Kyiv zu errichten, bedeutete eine „Zeitenwende“, in der militärische und wirtschaftliche Stärke im Bewusstsein der Europäer wichtiger wurden als der „Kampf“ gegen eine „Klimakatastrophe“, die nie eintraf.“ Es ist eindeutig hier vom „Bewusstsein der Europäer“ die Rede. Unmittelbar danach schreibe ich, dass Greta T. „symbolischer Kopf des friedlichen Kampfes für mehr Klimaschutz bleiben“ könnte; an anderer Stelle schreibe ich über Tadzio Müller, die „Aussichtslosigkeit des Kampfs gegen die Erderwärmung“ habe bei ihm eine Depression ausgelöst. Weder leugne ich die Erderwärmung also, noch denunziere ich den friedlichen Einsatz für mehr Klimaschutz. Ich glaube jedoch, dass Worte wie „Klimakatastrophe“ so unangebracht sind wie das Herbeihalluzinieren eines erneuten 1933. Und ich weise daraufhin, dass die Unmöglichkeit, den Katastrophismus mental aufrechtzuerhalten, zu Übersprungshandlungen wie Gretas Pro-Hamas-Einsatz führt. Es ist übrigens auch bezeichnend, dass dieselben Leute, die sehnsüchtig ein neues 1933 herbeireden, damit sie beweisen können, um wieviel besser sie sind als ihre Urgroßeltern, am lautesten gegen Israel schreien, also den gleichen Feind haben wie ihre Vorfahren.
Vielleicht, lieber Alan Posener, sind die aber auch alle mit so nem Vielsafttrank zwangsgedopt? https://starke-meinungen.de/2026/07/07/von-zaubertraenken-und-der-sed/