
Die Energiewende darf die Zeitenwende nicht fressen. Warum man Deutschland Energiepolitik endlich mit Europas Sicherheit, industrieller Stärke und digitaler Zukunft zusammendenken muss.
Ein Klassiker aus der Sowjetunion:
Sohn: „Papa, wie wird es im Kommunismus sein, wenn alles perfekt ist?“
Vater: „Dann hat jeder alles, was er braucht.“
Sohn: „Und was, wenn es trotzdem kein Fleisch gibt?“
Vater: „Dann hängt über dem Laden ein Schild: ‚Heute braucht niemand Fleisch.‘“
Genau dieser Mechanismus – der Plan erklärt die Realität für nicht existent – zeigte sich bei einer Konferenz der Denkfabrik R21 für eine neue konservative Politik. Die Nuklearia, die als Facharbeitsgemeinschaft einst aus der Piratenpartei vertrieben wurde, kommentierte es mit einem Satz, der die ganze Misere auf den Punkt bringt: Dr. Jörg Munzel von WePlanet DACH fragte nach dem erheblich gestiegenen Energiebedarf, der in der Energiewende-Planung gar nicht vorgesehen war. Die Antwort lautete sinngemäß: Im Energieeffizienzgesetz stehe doch, dass der Bedarf sinke [1] – was meiner Meinung nach sehr gut das Tollhaus Energiewende in der seit 2022 veränderten europäischen Realität beschreibt.[2]
Allein an dieser realitätsfernen Antwort zeigt sich die Gefahr, dass die Energiewende die Zeitenwende zu fressen droht, weil man Effekte für die Zukunft ignoriert. Etwa den höheren Energieverbrauch durch Zukunftstechnologien wie KI und andere Effekte.
Dr. Jörg Munzel ist Technologie- und Umwelthistoriker sowie Strategieberater. Er gehört dem Vorstand von WePlanet DACH e. V. an. WePlanet DACH ist der deutschsprachige Zweig des internationalen WePlanet-Netzwerks – eine ökomoderne, technologieoffene Umweltbewegung, die unter dem Motto „Der Natur Freiheit schenken – Der Menschheit Wohlstand bringen“ für evidenzbasierte Lösungen eintritt, darunter die Kernenergie als Teil einer wirksamen Klimapolitik.
Die Nuklearia e. V. entstand wiederum 2013 aus der Arbeitsgemeinschaft Nuklearia der Piratenpartei. Nach internen Konflikten – unter anderem wegen eines Flyers zur Verwertung von Atommüll – gründete man den unabhängigen Verein. Er setzt sich für den Weiterbetrieb und die Reaktivierung bestehender Kernkraftwerke sowie den Bau neuer Anlagen ein und argumentiert, Kernenergie sei eine sichere, CO₂-arme und wetterunabhängige Säule der Versorgung. Genau diese Position wurde in der Piratenpartei politisch unmöglich gemacht, während die Partei selbst in energiepolitischen Dogmen verharrte.
Doris Leuthard, die als CVP-Bundesrätin den Schweizer AKW-Ausstieg vorantrieb, hat inzwischen sogar für die Schweiz eingeräumt: „Mit unseren Berechnungen zum Strombedarf ab 2035 sind wir viel zu bescheiden gewesen.“ Die großen Rechenzentren habe man nicht vorausgesehen. Der Bedarf sei viel größer als damals gerechnet. Dieser Satz gilt auch für Deutschland. Die Frage nach dem politischen Wahrhaben und danach handeln ist jedoch real. Auch wenn Kanzler Merz und die Wirtschaftsministerin Reiche die Not der Zeit erkannt haben, werden sie politisch leider noch durch die SPD und die lautstarken Aktivisten und Interessengruppen der Energiewende in den verschiedenen anderen Parteien ausgebremst. Die Energiewende wurde insgesamt mit falschen Annahmen gebaut. Der Ausstieg vom Ausstieg wurde rückgängig gemacht, der reale Atomausstieg 2023 als moralischer Triumph gefeiert – und die realen Folgen waren höhere Preise, zeitweise gestiegene Emissionen durch Kohle und neue Abhängigkeiten.[3]
Was ist Energiewendenationalismus?
Das ist der Kern dessen, was Babak Tubis und ich als Energiewendenationalismus bezeichnet haben. Es handelt sich nicht um ein rhetorisches Konstrukt, sondern um die präzise Beschreibung eines ideologisch verengten, national gedachten Sonderwegs. Er trennt Energiepolitik bewusst von Sicherheits-, Außen- und Resilienzpolitik. Er tut so, als könne Deutschland seine energiepolitischen Entscheidungen isoliert von Europa und der geopolitischen Lage treffen. Er stellt innereuropäische Identitäten über europäische Realitäten und moralische Gewissheiten über strategische Robustheit.
Die Folge war absehbar. Die Abhängigkeit von russischem Gas war kein historischer Zufall. Sie war das Ergebnis einer politischen Kultur, die glaubte, geopolitische Risiken durch moralische Gewissheiten ersetzen zu können. Seit 2022 wird die Abhängigkeit nur verlagert: von russischem Pipelinegas hin zu chinesischen Photovoltaikmodulen, Batteriezellen und verarbeiteten kritischen Rohstoffen. China kontrolliert nach IEA-Daten den weit überwiegenden Teil der Photovoltaik-Wertschöpfungsketten und der Batterieproduktion. Wer eine Abhängigkeit durch eine andere ersetzt, löst das Problem nicht – er wechselt nur den Lieferanten.
Die Energiewende darf die Zeitenwende nicht fressen. Seit dem russischen Überfall auf die Ukraine ist Energiepolitik harte Sicherheitspolitik. Sie entscheidet über industrielle Substanz, digitale Souveränität und Verteidigungsfähigkeit. Ohne gesicherte Energie gibt es keine belastbare Rüstungsindustrie, keine glaubwürdige Abschreckung und keine strategische Handlungsfähigkeit. Wer Energie- und Sicherheitspolitik getrennt denkt, betreibt strategische Selbsttäuschung.
Im Juni 2026 haben Samuel Schmid, Jonathan Sören Darmann und ich das Policy Paper „Den deutschen Energiewendenationalismus für Europas Zukunft endlich begraben – Von der Identität zur Souveränität“ vorgelegt. Darin fordern wir die Piratenpartei auf, anti-nukleare Dogmen zu überwinden und sich für Technologieoffenheit und eine europäische, evidenzbasierte Energiepolitik einzusetzen. Im August 2026 habe ich auf Starke Meinungen ergänzt: Der Ausweg aus dem technokratischen Energiewendenationalismus liegt in einer paneuropäischen zivilen nuklearen Grundsicherung – einer gemeinsamen europäischen Infrastruktur für Grundlast und Reserve, die Energie-, Sicherheits- und Industriepolitik systematisch zusammendenkt. Es geht nicht um eine europäische Bombe. Es geht um Teamplayer statt nationaler Diven. Echte Souveränität entsteht nicht durch moralische Belehrung, sondern durch gemeinsames Handeln.[4]
Die deutsche Piratenpartei hat sich in diesem Punkt selbst ins Absurde getrieben. Während französische Piraten Kernkraft als zentrales Mittel zur Dekarbonisierung betrachten und andere europäische Piratenparteien technologieoffen argumentieren, hält die deutsche Partei an Dogmen fest, die 2022 bereits überholt waren. Richard Klaus hat zu Recht an die technologische Skepsis der Grünen in den 1980er-Jahren erinnert.[5] Dieselbe Haltung prägt heute noch Teile des Energiewendelagers.
Meiner Einschätzung nach steckt das deutsche Energiewendelager immer noch in einer überholten Realität fest. Wie sehr sich etwa die deutsche Piratenpartei selbst ins Absurde getrieben hat, habe ich an anderer Stelle bereits dargestellt. Es ist fatal und ein Symbol für das Scheitern Deutschlands, wenn in einer Welt, in der wir die digitale Revolution als Demokratien gestalten wollen, ausgerechnet die digitale Partei schlechthin noch an energiepolitischen Fantasien festhält und selbst beim Thema Rechenzentren fantasievolle Ausschmückungen produziert, die die von der Geschichte überholte Energiewende verteidigen.
Die R21-Konferenz und die Rückkehr der Realisten
Die R21-Konferenz am 4. November 2026 im dbb forum Berlin hat gezeigt, dass die Debatte weitergeht. R21 ist die Denkfabrik für neue bürgerliche Politik. Sie setzt auf Freiheit, Eigenverantwortung, Rechtsstaatlichkeit und Technologieoffenheit. Auf der Konferenz diskutierten unter anderem Prof. Joachim Weimann, Patrick Graichen, Anna Veronika Wendland, Andreas Lenz und Vertreter der Nuklearia über die Bilanz der Energiewende, Reaktivierung und neue Reaktoren. Wendland wettete mit Graichen, dass 2040 in Deutschland wieder Kernkraftwerke im Bau sein werden. Lenz wies darauf hin, dass Schüler im Bundestag fragen, warum die Union Kernkraft nicht für Klima, Versorgungssicherheit und Diversifizierung nutzt.[6]
Die Blockade durch die Bewahrer und die Jugend-Projektion
Das Fatale ist aber, wie wir sehen, dass die heutigen Bewahrer und Blockaden durch diejenigen verursacht werden, welche am lautesten über Blockade der Energiewende schreien. Dabei geht es ihnen am Ende nicht um das Wohl des Landes oder Europas, sondern nur um ihren eigenen mentalen Status quo. Es ist auch fatal, dass wir eine Mediendynamik haben, welche sich nur auf die jungen Menschen richtet, welche dann einem bequemen progressiven Wunschbild entsprechen. Nicht umsonst warnte deswegen damals schon Dieter Rucht im Beitrag „Faszinosum Fridays for Future“ vor dieser Fehlannahme an sich.[7] Daher kommen Schüler, wie Andreas Lenz sie beschreibt, in dieser medialen und öffentlichen Wahrnehmung nicht vor. Spätestens seit 2019 hätte das bekannt sein und auch im politischen Diskurs – gerade von linker Seite – berücksichtigt werden müssen. Denn gerade ein Milieu, das sich massiv inklusiv inszeniert, sollte nicht exkludierend denken. Diese Dynamik ist fatal: Sie setzt ein falsches gesellschaftliches Bild von „der Jugend“ in die Welt.
Genau mit diesem falschen Framing wurde ich selbst konfrontiert. Als ich für die Europawahl 2024 auf Platz 7 der Piratenpartei kandidierte, interviewte mich die Mitgliederzeitung der Partei. Meine Antwort auf die dahinterstehende Vorstellung lautete:
„Es gibt nicht ‚die Jugend‘. Die junge Generation ist vielfältig und gemischt. Das Thema ‚der Jugend‘ gibt es nicht. Da sollte man nicht altväterlich seine eigenen Gedanken auf ‚die Jugend‘ übertragen, sondern zuhören und sich mit vielen jungen Leuten austauschen, anstatt ‚die Jugend‘ als Projektionsfläche der eigenen Wünsche zu sehen.“[8]
Deutschland hat den nationalen Sonderweg selbst und beharrlich gewählt. Dafür bezahlt es gerade bitterlich. Wir sind das Land mit den höchsten Stromkosten und Kosten in Europa. Energie an sich ist die Basis für alles andere. Daher: Wenn wir junge Menschen für höhere Energiekosten demonstrieren und nun dieselben aktivistisch orientierten „progressiven“ jungen Menschen auf den sehr zweifelhaften Demonstrationen von „Gen Z regelt das“ jammern, dass alles so teuer wird, dann sollte man sich fragen, ob sie damals besser anstatt Schülerstreiks fürs Klima doch eher in logischem Denken aufgepasst hätten. Energie ist die Basis für alles. Macht man diese teurer, so hätte den Aktivisten klar sein müssen, dass die künstlichen Kosten auf jeden weiteren Schritt der Kette schlagen.
Daher müssen Parteien sich entscheiden, ob sie den sozialen Frieden und die europäische Freiheit oder aber irgendwelche dogmatischen Energievorstellungen aus den 1980ern mit Degrowth garniert retten wollen. Das ist die Wahl, und das deutsche Energiewendelager und seine in den verschiedensten Parteien fanatischen Jünger wollen dem jüngsten Gericht, das seit 2022 ihre Theorien begraben hat, immer noch nicht entgegensehen. Nun wird auf den Demos „gegen Krieg“ demonstriert und die Ursache und der Aggressor verschwiegen. Nun haben wir Aktivisten, die progressiv sind und auf denselben Demos neben Islamisten für Islamisten in Gaza demonstrieren und dann erschrocken sich wundern und versuchen, sich von den Plünderungen zu distanzieren. Dabei hätte es ihnen bewusst sein sollen. Diese Dynamik ist nicht neu. Schon im Streit um Nasrin Amirsedghi zeigte sich, wie schnell moralische Gewissheit die Auseinandersetzung mit der Wirklichkeit ersetzt. Amirsedghi schilderte aus jahrzehntelanger Praxis als Integrationskurs-Lehrerin, was in überfüllten und extrem heterogenen Kursen schiefläuft und wie wenig Rückhalt Lehrkräfte oft haben.[9] Als sie diese Erfahrungen öffentlich machte und daraus politische Forderungen ableitete, reagierten Teile des Piratenmilieus vor allem mit moralischer Abgrenzung: Ihr wurde vorgehalten, Menschen nach ihrem wirtschaftlichen Nutzen zu bewerten und strukturelle Hürden nicht ausreichend zu berücksichtigen. Über ihre Schlussfolgerungen kann man streiten. Doch wer eine Frau mit eigener Migrationsgeschichte und jahrzehntelanger Praxiserfahrung moralisch aburteilt, ohne sich ernsthaft mit den von ihr beschriebenen Zuständen auseinanderzusetzen, spricht mit großer Selbstgewissheit über eine Realität, zu der ihm die praktische Nähe oft fehlt. Dieselbe moralische Empörung finden wir auch bei denjenigen, die aktuell unsere Wirtschaftsministerin moralisch empört angreifen, da sie gerade versucht, die Karre, in welche die deutsche Energiewende unser Land gebracht hat, aus dem Dreck zu ziehen.
Europa geht bessere Wege – der deutsche Sonderweg ist gescheitert
Wir werden eher früher denn später eine Energiepolitik nach der Energiewende brauchen. Die Zeitenwende und die Realität in Europa zwingen uns Demokraten dazu. Das ist allen europäischen Staaten und Debatten klar. Die deutsche Energiewende ist eben kein Vorbild für die Welt, sondern reiht sich in die typische Reihe deutscher Sonderwege ein. Moralisch will Deutschland wieder einmal zeigen, dass es alles besser als die anderen in Europa weiß – ein perfektes Rezept für Katastrophen.
Europa geht zum Glück teilweise bereits andere Wege. Wer die Energiewende als quasi-religiöses Dogma behandelt und sie zum einzig moralisch zulässigen Maßstab für den gesamten Kontinent erhebt, gefährdet die strategische Handlungsfähigkeit Europas. Die Energiewende nach deutschem Muster hat die Freiheit Europas und die Stabilität Deutschlands mutwillig aufs Spiel gesetzt. Es ist Zeit, den Energiewendenationalismus zu begraben – und Energiepolitik endlich mit der Zeitenwende zusammenzudenken.
Gerade deswegen macht die R21-Konferenz Mut, scheint sich doch das bürgerliche Lager wieder daran zu erinnern, was doch insgesamt wieder auf dem Spiel steht. Und ich bin aus persönlichen Gründen und meiner historischen Beziehung zur deutschen Piratenpartei, der ich bis Ende Juni 2026 angehört hatte, froh, dass dort Funktionäre wie Richard Klaus und Alexander Kohler[10] sowie Mandatsträger wie Thomas Ney die deutsche Energiewende und die nuklearen Konsequenzen auch gegen lautstarken Widerstand, der das Denken einschüchtern will, weiterhin in ihrem Denken und Diskurs mit aufgreifen. Unsere Demokratie muss wehrhaft bleiben dürfen, dafür braucht sie am Ende die ausreichend verfügbare neue Energie.