avatar

Bettina Heinen-Ayech: Das Licht Algeriens

Eine deutsche Malerin zwischen zwei Kontinenten – das Kunstmuseum Schwaan zeigt eine außergewöhnliche Position der Moderne

 

Als Bettina Heinen-Ayech 1963 nach Algerien übersiedelte, begann für sie nicht nur ein neues Kapitel ihres Lebens. Es war auch der Beginn einer außergewöhnlichen künstlerischen Entwicklung. In Guelma, einer Stadt im Nordosten des Landes, fand die 1937 in Solingen geborene Malerin eine Landschaft, deren Licht und Farben ihre Malerei für immer verändern sollten. Über Jahrzehnte hinweg setzte sie sich mit dieser Umgebung auseinander und entwickelte eine unverwechselbare Bildsprache zwischen europäischer Maltradition und nordafrikanischer Farbigkeit. Das Kunstmuseum Schwaan widmet der 2020 verstorbenen Künstlerin vom 16. Januar bis zum 4. April 2027 die Ausstellung „Bettina Heinen-Ayech. Künstlerin zwischen zwei Kontinenten“.

Die Geschichte dieser Malerin ist auch die Geschichte einer ungewöhnlichen Selbstbehauptung. Bettina Heinen wuchs in der Solinger Künstlerkolonie „Schwarzes Haus“ auf, einem kulturell und künstlerisch geprägten Elternhaus. Ihr wichtigster Lehrer und Mentor wurde der Maler Erwin Johannes Bowien, der ihr Talent früh erkannte und sie über viele Jahre begleitete. Bereits als junge Künstlerin machte sie auf sich aufmerksam. Ihre künstlerische Ausbildung führte sie unter anderem an die Kunstakademie München und an die Königlich Dänische Kunstakademie in Kopenhagen. Reisen führten sie nach Norwegen und durch weitere europäische Länder.

Eine entscheidende Begegnung ereignete sich 1960 in Paris. Gemeinsam mit Bowien besuchte sie die französische Hauptstadt und lernte dort Abdelhamid Ayech kennen, den sie später heiratete. Drei Jahre danach ließ sie sich in seiner Heimatstadt Guelma nieder. Algerien wurde zu ihrer zweiten Heimat und zu einem entscheidenden Erfahrungsraum ihrer Kunst. Im Land war sie bald als „Madame Bettina“ bekannt. Ihr Leben blieb eng mit Deutschland und Algerien verbunden.

Bettina Heinen-Ayechs Landschaftsmalerei ist weit mehr als die Wiedergabe einer schönen Umgebung. Sie wollte das Licht nicht einfach abbilden, sondern seine Wirkung auf die Landschaft erfahrbar machen. Die intensive Sonne, die klare Luft, die roten Böden, die Olivenhaine und die weiten Ebenen rund um Guelma eröffneten ihr eine neue Welt der Farben. Was auf den ersten Blick als Landschaft erscheint, wird in ihren Bildern zu einem komplexen Zusammenspiel von Licht, Atmosphäre und Bewegung.

Besonders eindrucksvoll zeigt sich ihre Eigenständigkeit in der Aquarellmalerei. Die trockene Luft Algeriens ließ die Wasserfarben auf dem Papier wesentlich schneller trocknen als in Mitteleuropa. Heinen-Ayech entwickelte deshalb eine eigene Technik, bei der sie kräftige Farben in zahlreichen einzelnen Strichen nebeneinandersetzte, statt sie ineinander verlaufen zu lassen. Sie selbst verglich diese Arbeitsweise mit einem Mosaik. Aus den präzise gesetzten Farbpartien entsteht eine vibrierende Bildoberfläche, die den Eindruck von Licht und landschaftlicher Lebendigkeit unmittelbar vermittelt.

Zu ihren wiederkehrenden Motiven gehörte der Berg Maouna, dessen markante Silhouette die Landschaft von Guelma prägt. Immer wieder kehrte sie zu diesem Motiv zurück. In dieser beharrlichen Auseinandersetzung mit einer Landschaft liegt eine bemerkenswerte Parallele zu Paul Cézanne und dessen wiederholten Ansichten der Montagne Sainte-Victoire. Auch für Heinen-Ayech wurde die vertraute Umgebung zum Ausgangspunkt immer neuer malerischer Entdeckungen.

Kunsthistorisch nimmt Bettina Heinen-Ayech eine eigenständige Position ein. Ihre Malerei steht in einem Spannungsfeld zwischen Expressionismus, Postimpressionismus und einer sehr persönlichen Form der Pleinair-Malerei. Während sich ein großer Teil der klassischen Moderne zunehmend der Abstraktion zuwandte, blieb sie der sichtbaren Welt verpflichtet. Doch ihre Landschaften sind keineswegs naturalistische Abbilder. Sie verdichten die unmittelbare Erfahrung von Natur zu einer eigenständigen, farbintensiven Bildsprache.

Ihr Werk lässt sich als Beitrag zu einer transkulturellen Moderne verstehen. Die europäische Tradition der Freilichtmalerei begegnet hier den spezifischen Licht- und Farberfahrungen Nordafrikas. Dabei erscheint Algerien nicht als exotische Projektionsfläche, sondern als gelebter kultureller und persönlicher Erfahrungsraum. Heinen-Ayech entwickelte ihre Kunst aus einer jahrzehntelangen Teilhabe an unterschiedlichen Lebenswelten. Sie war eine Vermittlerin zwischen Deutschland und Algerien, zwischen europäischer Moderne und mediterraner Kultur.

Auch ihre Lebensentscheidung, sich außerhalb der etablierten europäischen Kunstzentren einen eigenen Arbeits- und Lebensraum zu schaffen, gehört zu ihrer künstlerischen Unabhängigkeit. In einer Kunstwelt, die lange von männlichen Deutungsansprüchen und institutionellen Hierarchien geprägt war, behauptete sie eine Position, die sich gängigen Zuordnungen entzog.

Dass ihr Werk heute erneut größere Aufmerksamkeit erfährt, zeigt sich auch an den Ehrungen der vergangenen Jahre. Im Rahmen des nordrhein-westfälischen Projekts „FrauenOrte NRW“ wurde sie in den Kreis von 50 bedeutenden historischen Frauenpersönlichkeiten des Landes aufgenommen. Damit wird nicht nur ihre künstlerische Leistung gewürdigt, sondern auch ihre besondere Rolle als kulturelle Mittlerin.

Die Ausstellung in Schwaan erhält durch ihren Ort eine zusätzliche kunsthistorische Dimension. Die mecklenburgische Kleinstadt besitzt eine eigene, bis ins späte 19. Jahrhundert zurückreichende Tradition der Freilichtmalerei. Um 1880/85 entwickelte sich hier, angestoßen durch den Maler Franz Bunke, eine Künstlerkolonie. Bunke, der als Professor für Landschaftsmalerei an der Weimarer Malerschule tätig war, brachte zunächst Kollegen zum gemeinsamen Naturstudium nach Schwaan. Ab 1892 folgten ihm regelmäßig Schüler, vor allem Schülerinnen. Zu den wichtigsten Vertretern der Künstlerkolonie gehörten neben Bunke die Maler Rudolf Bartels und Peter Paul Draewing, beide gebürtige Schwaaner, sowie der aus Hamburg stammende Alfred Heinsohn, der sich 1902 in der Stadt niederließ.

Die Begegnung mit Bettina Heinen-Ayech erweitert diese lokale Kunstgeschichte um eine internationale Perspektive. Was die Schwaaner Maler in der Flusslandschaft zwischen Warnow und Beke suchten – die unmittelbare Erfahrung von Natur, Licht und Atmosphäre –, fand bei Heinen-Ayech unter den Bedingungen des mediterranen Klimas eine ganz eigene Fortsetzung. Ihre Bilder führen von der norddeutschen Landschaft in die sonnenüberfluteten Landschaften Algeriens. So entsteht ein spannender Dialog zwischen zwei unterschiedlichen Landschaftsräumen und zwei künstlerischen Erfahrungswelten.

Die Ausstellung in Schwaan macht eine Künstlerin sichtbar, deren Werk heute eine neue kunsthistorische Perspektive eröffnet. Bettina Heinen-Ayech zeigt, dass die Moderne nicht allein in den großen Kunstzentren Europas entstanden ist. Auch an den Übergängen zwischen Kulturen, aus Begegnungen und individuellen Erfahrungen, entwickelten sich eigenständige künstlerische Positionen. Ihre Malerei ist dafür ein eindrucksvolles Beispiel. Zur Ausstellung erscheint ein Katalog.

Bettina Heinen-Ayech. Künstlerin zwischen zwei Kontinenten

16. Januar bis 4. April 2027

Kunstmuseum Schwaan
Mühlenstraße 12
18258 Schwaan

www.kunstmuseum-schwaan.de

Öffnungszeiten:
Dienstag bis Freitag: 11–16 Uhr
Samstag und Sonntag: 11–17 Uhr
Montag geschlossen

 

Schreibe einen Kommentar