
Man sehe mir nach, dass ich einen Screenshot aus bild.de vom 18. Mai 2026 zur Illustration meiner Gedanken teile. Obwohl das Blatt sich sonst jedem Tierthema ausgiebig zu widmen pflegt (unbelehrbare, versterbende Wale; entlaufene, gemeuchelte Tiger, aggressive Kühe in Österreich). fehlen Kaninchen und Schlange. Das ist schade und kaum entschuldbar.
Diese Wesen aus der Redewendung sind leicht zu identifizieren: Das Kaninchen ist natürlich die schwarz-rote Koalition. Niedlich aus der Entfernung, kleinlaut beim Näherkommen, wenig selbstbewusst und in der Natur außer als Raubvogelsnack kaum wahrnehmbar. Die Schlange hingegen ist die AfD: listig, fast unhörbar, höchst gefährlich und als schlankes Wesen für Etliche attraktiv, gerade wegen der Unheimlichkeit faszinierend.
Um ein letztes Mal im Bild zu bleiben: Nach dem Biss der Schlange ist es ein Wettlauf mit der Zeit, um ein Gegengift zu bekommen, s.o.: Die „Zeit für Schwarz-Rot wird knapp“.
Bisherige Therapien versagen: Politisch scheint die AfD kaum zu stellen. Rabulistisch windet sie sich aus Widersprüchen heraus, schlüpft in die Rolle des verfolgten, missverstanden Opfers. Sie suhlt sich in Allgemeinplätzen, wie dem „Friedensdialog“ mit dem Kriegstreiber Putin (wer wollte schon etwas gegen Frieden sagen?), ergötzt sich schamlos an jeder Straftat, die ein Mensch mit dunkler Hautfarbe, arabisch klingendem Namen oder sonstigem Migrationshintergrund begangen hat und schreit dann ein triumphierendes „Siehste!“ in die aufgewühlte Gesellschaft.
Die AfD leugnet den Klimawandel und die Erfolge des Euro. Sie will aus NATO und EU austreten, schmeißt sich an die Brust der Autokraten und liebäugelt mit den Machtphantasien von Musk, Thiele und Karp. Sie tut sozial, sahnt im Arbeitermilieu des ehemaligen SPD-Klientels von Gelsenkirchen bis Ludwigshafen ab, stimmt aber im Bundestag regelmäßig gegen Gesetze, die Ärmere, Behinderte oder Benachteiligte besser stellen könnte.
Sprachliche Nähe zu den Nazis
Sinnigerweise wendet sie sich gegen Steuererhöhungen für Wohlhabende, Vermögenssteuer oder eine veränderte Erbschaftssteuer. Und selbst wenn man exponierten Parteimitgliedern eine mindestens sprachliche Nähe zu NS-Jargon und Thesen (Remigration = Deportation) nachweist, bleiben der AfD die Wähler treu. Das ist nur auf den ersten Blick verwunderlich.
Gegner der AfD sprechen nicht selten von Protestwählern, die der AfD ihre Stimme geben. Das soll beruhigend wirken: Protest ja, schön und gut. Wir müssen einfach eine bessere Politik machen, dann wählen die auch wieder CDU, SPD oder FDP. Ob das stimmt, darf bezweifelt werden, denn Untersuchungen belegen, dass AfD-Wähler parteitreu sind und eher gar nicht wählen gehen als zu den „Alt-Parteien“ (der despektierliche Ausdruck wird hier bewusst gewählt) zurückzukehren.
Der weitere Einwand, man könne der AfD mit demokratischen Angeboten entgegentreten, beinhaltet ein Oxymoron. Natürlich ist die AfD keine demokratische Partei, steht sogar im nachvollziehbaren Verdacht, die Demokratie und das Staatswesen aushöhlen zu wollen. Genauso unbestreitbar allerdings ist, dass diese vermeintliche Alternative demokratisch gewählt wurde und wird, also sich berechtigt fühlt, mit den Mitteln des demokratischen Parlamentarismus denselben abzuschaffen.
Allein deshalb wäre eine CDU/CSU-Minderheitsregierung, geduldet oder gar getrieben von der AfD, der Blattschuss für die Union.
Kommunale Verankerung
Eine bislang eher wenig beleuchtete Entwicklung könnte die Hinwendung anderer Parteien oder Wählergruppen zur AfD sein, obwohl diese heute noch ihren Abstand zu den Populisten versichern. So verwundert kaum noch, dass das BSW mit Sahra Wagenknecht immer häufiger AfD-Narrative unterstützt, vielleicht auch, um davon abzulenken, dass die Splitterpartei, die einst aus Teilen der Linken hervorging, in Umfragen kaum über 3 % hinauskommt. Auffällig kongruent beim BSW vor allem die Haltung zu Putins Russland oder in der Migrationsfrage. Unlängst nahm Wagenknecht die Kritik an Ulrich Siegmund, dem AfD-Chef in Sachsen-Anhalt, der einen Staatsumbau einleiten möchte, zum Anlass, ihn empört in Schutz zu nehmen.
Auch etliche Freie Wähler-Gruppen, vor allem im Osten Deutschlands, scheinen anfällig zu sein, Programmpunkte bei Migration oder auch Wirtschaft zu übernehmen, geschürt durch das Misstrauen gegen die Berliner Bundespolitik und kaum weniger populistisch. Tagesschau.de zitierte schon vor zwei Jahren den Soziologen Matthias Quent von der Hochschule Magdeburg-Stendal, der eine erstarkte kommunale Verankerung der AfD erkennt. Quent sagte der Nachrichtenagentur dpa, insgesamt sei es „ein großer Schritt nach rechts für die Kommunen“.
Das Dilemma der demokratischen Parteien
Die anderen Parteien sieht Quent in einer „äußert schwierigen Situation“. Einerseits müssten sie die Werte des Grundgesetzes verteidigen. Andererseits hätte eine Dämonisierung der AfD „ganz offensichtlich bei Bürgerinnen und Bürgern eher für Dissonanzen gesorgt“. (Quelle: tagesschau.de v. 11.06.2024)
Wenn man unterstellt, dass die veröffentlichte Meinung in den Medien meist eine eher kritische Haltung gegenüber der AfD einnimmt, fällt auf, dass diese publizistische Distanzierung unter AfD-Wählern kaum Wirkung zeigt. Im Gegenteil: Das Etikett „Lügenpresse“ findet immer größere Verbreitung. Ein weiteres Oxymoron: Die vermeintlich manipulative Presse verliert an Einfluss, erreicht weite Kreise der Bevölkerung schon lange nicht mehr. Damit sind vor allem die öffentlich-rechtlichen Angebote, aber auch große, überregionale Zeitungen und etablierte Regionalzeitungen gemeint, während rechtspopulistische Online-Portale wie Nius, Tichys Einblick, reitschuster.de und wenige Print-Medien wie Compact oder Junge Freiheit sich wachsender Beliebtheit und Akzeptanz erfreuen.
Das bedeutet, dass klassische Formen der politischen Kommunikation (Medien, Parlamentsdebatten) in Bezug zur AfD weitgehend untauglich geworden sind. Und neue? Etablierte Parteien (Ausnahme: Die Linke) tun sich mit online-Auftritten schwer(er), verharren – da sind sie wieder – wie das Kaninchen vor der Schlange, erstarrt, entsetzt über immer üblere Umfrageergebnisse, bundesweit, aber vor allem in Sachsen-Anhalt, wo eine absolute Mehrheit der AfD zumindest nicht mehr völlig ausgeschlossen ist.
Zwei Gedanken nur, die jede/jeder selbst zu Ende führen kann:
Erstens: Haben wir Journalisten verlernt wahrzunehmen, was in einer breiten Bevölkerung passiert und diese tangiert, weil wir mit der kaum noch Berührungspunkte haben? Das urbane Milieu, nicht nur der Hauptstadtredakteure, sondern auch rund um die Funkhäuser der öffentlich-rechtlichen Medien, meist in Landeshauptstädten oder anderen Metropolen, ist weit entfernt von Hoyerswerda oder Neunkirchen, von Husum oder Radevormwald. Viele Orte haben schon heute gar keine dezidierte Lokalzeitung mehr, aus der sie verlässlich aus der Heimatstadt unterrichtet würden. Tendenz leider abnehmend. Doch der Staat ist vor allem in der eigenen Stadt nah erlebbar, im Rathaus, im Ordnungsamt, im Seniorenheim, bei der Sozialhilfe oder im Jobcenter. Berlin oder auch München, Hannover, Magdeburg sind weit – und abstrakt. Die Kirchen haben die integrierende Kraft längst verloren, viele Vereine, ob Schützen Sportler, ebenso.
Die kleinen Themen, die Bürgerinnen und Bürger bewegen, sind für „Groß-Journalisten“ oft nebensächlich, denn die sind meist ordentlich versorgt und bezahlt. Fahrradwege, geschlossene Betriebe, Umleitungen, fehlender ÖPNV, Dauerbaustellen, Schmutz auf Bürgersteigen, Einbruchsdiebstähle in der Nachbarschaft, kurz: das Stadtbild, nicht rassistisch oder ausländerfeindlich gelesen, sondern wortwörtlich, ist nur Thema in Berlin, Düsseldorf oder Mainz, wenn sich der Kanzler missverständlich ausdrückt. Es sei denn, man heißt AfD.
Zweitens: Haben die Parteien, namentlich die Unionsparteien zu viel versprochen, zu wenig gehalten und viel zu wenig bewegt? Hängst die SPD noch ihren alten Triumphen und Themen in einer längst veränderten Gesellschaft nach? Die Versprechen vor den Wahlen waren groß, die Glaubwürdigkeit ist geschrumpft. Missglückte Kommunikation kommt hinzu. Dass andererseits die AfD nur auf Grund ihrer Versprechen, ihrer Schwarzmalerei, ihrer Dystopien punktet, scheint das zu widerlegen. Die wenigen Orte, in denen sie als Landrat oder Bürgermeister zumindest graduell etwas in ihrem Sinne verändern könnten, belegen, dass die AfD weder sachlich noch personell, in der Lage ist, tatsächlich etwas zu verändern.
Wenn das Gegengift nicht mehr hilft
Fast tragisch mutet es daher an, dass das auf die Schlange starrende Kaninchen seine eigentliche, vielleicht sogar einzige Aufgabe aus den Augen verloren hat. Jenseits des mühsamen Klein-Kleins der Reformen muss Schwarz-Rot verhindern, dass die AfD an die Macht kommt, weder in Sachsen-Anhalt noch in Mecklenburg-Vorpommern. Und schon gar nicht im Bund.
Das geht nur, indem Union und SPD beweisen, dass Solidargemeinschaft, Rechtsstaat, Gemeinwesen und die wehrhafte Demokratie in Stadträten und Parlamenten wirklich unverzichtbar und unantastbar sind. Sind Organe erstmal betroffen, gibt es gegen manche Schlangenbisse keine Heilung.