avatar

Wozu Lyrik gut sein kann: Axel Reitels Gedichte

Wozu Lyrik? Es gibt zum Glück darauf viele Antworten. Zum Beispiel Eingängigkeit:

Kuno sprach zu Kunigunde: Paech-Brot ist in aller Munde / Doch ist’s nicht fein, das gilt für jeden, mit Brot von Paech im Mund zu reden.

Die Werbegedichte für Paech-Brot hingen früher in der Berliner U-Bahn, und da ich auf der Fahrt von Zoo bis Tegel – Leopoldplatz umsteigen – sonst nichts zu tun hatte in jeder Zeit, als es keine Smartphones gab, habe ich sie memorisiert. (Unser Deutschlehrer hingegen meinte, zwischen Zoo und Hansaplatz würde er unsere Arbeiten korrigieren. Mehr Zeit auf unsere Ergüsse zu verwenden, wäre Verschwendung.)

Die Paech-Verse – mein Vater las sie auch und schlug der Firma den Spruch vor: Haste Paech – haste Glück – waren „Gebrauchslyrik“, wie man damals, als man noch sauber zwischen E und U, zwischen Hoch- und nun, eben weniger hoher Kultur, Neger- und weißer Musik unterschied, ein wenig herablassend befand. Aber was wäre Lyrik, die nicht zu gebrauchen ist? Bertolt Brecht spricht irgendwo von den „Leiden der Brauchbarkeit“, und seine Lyrik, die zum Besten gehört, was in Deutschland an Poesie je verfasst wurde, war zugleich allzu brauchbar für Leute, die es mit Deutschland gut meinten und die Menschen in jenem Teil Deutschlands, das ihnen zugefallen war, zu ihrem Glück zwingen wollten.

Vielleicht entzieht sich auch deshalb Axel Reitels Lyrik, die ohne Brecht nicht denkbar wäre, der allzu leichten Interpretation. Denn Reitel ist ein Geschädigter jener Zwangsbeglückungsanstalt, die sich DDR nannte; ein von der DDR geprägter und immer noch gegen die DDR rebellierender Geist. Geboren Im Jahr des Mauerbaus in der Uranbergwerkstadt Plauen, schon als Schüler widerständig, Knast, Widerstand auch im Knast, Freikauf 1982. So erlebt er die Freiheit, ein abgenutztes Wort, das hier zwischen jeder Zeile aufblitzt:

Glücklich schon in West-Berlin. / Explosionen ruhiger Segel, / die Augen durften alles sehen, / das konnte drüben keiner verstehen. / Du studierst, bist in einer Rock- und Jazz-Band, / bist für alles, bist dagegen, also jung, / und da ist deine bessere Hälfte.

Wozu Lyrik? Wegen solcher Wendungen: die Augen dürfen alles sehen. Auch wegen solcher Wendungen. Oder wegen dieser Zeilen aus dem Gedicht „Am Griebnitzsee“, einem einst zwischen West und Ost geteilten Glied der Seenkette, die Berlin von Norden bis Suden durchteilt:

Schau das Paar diagonaler Laternen-Stene da, / im Maul der grauen Stichlingswolke …

Der Gestus ist der aus Brechts „Die Liebenden“: Sieh jene Kraniche im großen Bogen! Und zugleich erinnert die „Wolke“ an Brechts „Erinnerung an die Marie A.“. Hier aber ist die Wolke, sind auch die Wolkenkratzer nicht „ungeheuer oben“, wie bei Brecht, sondern unten, im blau-weiß-karpfengeschuppten Himmel (…) und da am Seegrund erwacht das Wolkengebirge als Atoll … Dazwischen eine Reminiszenz an Friedrich Hölderlins „Hälfte des Lebens“: Und wie die Wolkenkratzer der Wälder dicht an dicht in den See hängen. Bei Hölderlin: Mit gelben Birnen hänget / und volle mit wilden Rosen / das Land in den See … Und am Ende melden sich auch Geheimrat Goethe und das deutsche Volkslied zu Wort Stille. Im See ruht der Wald. Bei Goethe ist ja über allen Wipfeln Ruh, und Heinrich Pfeils Lied heißt es: Still ruht der See / die Vöglein schlafen ein.

Solche lyrischen Bezüge lustvoll zu entziffern, heißt nicht, Reitels Originalität in Zweifel zu ziehen. Als Musiker kennt er auch Bob Dylan, der die Kunst des Pastiche, der Montage, der Verfremdung und Anspielung meisterhaft beherrscht. Und wir Heutigen können eben nicht so tun, als sei unser Naturerleben – unser Erleben schlechthin – nicht geprägt von den Bildern und Wörtern der Riesen und Zwerge, auf deren Schultern wir stehen, ohne deshalb unbedingt weiterzusehen.

Wozu Lyrik? Auch um uns daran zu erinnern.

Oder dies:

Das Böse wandert, / Die Freiheit steht nicht still, /  wer für sich mäandert / braucht weder Druck noch Drill.

Mäandern ist ein schönes Verb. Lyrik ist beim Mäandern ein guter Wegweiser, indem sie keinen Weg weist. In einer – sehr positiven – Besprechung dieses Lyrik-Bands heißt es von einem Gedicht, es sei eine „Vermessung des Zwischenraums zwischen zwei Menschen“; aber das ist, mit Verlaub, Bullshit. Wer den Raum vermessen wollte, wäre vermessen, und die Lyrik vermisst nichts, lotet allenfalls aus. Noch eine Funktion der Lyrik: sie macht uns alle kurzfristig zu Dichtern, und sei es auch zu sehr schlechten Dichtern: zu Menschen jedenfalls, die auf den Klang und den Sinn, das Echo und den Doppelsinn der Wörter achten, sie auskosten und auf den Nachgeschmack achten.

Noch eine Kostprobe, und danach müssen Sie diesen schönen Sammelband selbst kaufen:

Nimm mich unter deine Augen, bevor mein Herz hausieren geht …

Könnte Dylan deutsch schreiben und singen, diese Zeile würde er klauen. Und das wäre höchstes Lob.

Poesiealbum 369. Axel Reitel. Hsg. Edwin Kratschmer. Wilhelmshorst: MärkischerVerlag, 2022. 52 Gedichte. ISBN: 978-3-943 708-69-1.

Folge uns und like uns:

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Scroll To Top