Ich habe den Toten Hosen den Punk nie so ganz geglaubt. Was daran liegen mag, dass ich sie erst im Jahr 2000 zum ersten Mal live erlebt habe. Okay, ich gebe zu: Jahre zuvor war das noch anders. Ich besaß ein Tour-T-Shirt der Band mit der poetischen Aufschrift „Ficken Bumsen Blasen“. Das ich aber nicht tragen konnte, weil mir ein anderes mit der Aufschrift „Bier formte diesen wunderschönen Körper“ viel besser passte.
2000 also hatte ich sie als eine routinierte Stadionrock-Band empfunden und sie in meiner Rezension schnöde abgekanzelt: „Und so rumpelt es in einem fort, in schnöder Bierseligkeit bis zur bitteren Unsterblichkeit. Kein Punk. Vielleicht Volksrock. Früher hätte man mit der daraus destillierten Energie Häuser besetzen lassen. Ach was, ganze Straßenzüge. Aber heute?“
Immerhin endete meine Suada mit der Erkenntnis „Alles zu verzeihen und allemal besser 10.000 beim Tote Hosen-Konzert als nur ein einziger bei den Böhsen Onkelz“. Daran hat sich nichts geändert Und genau deshalb ist es meine verdammte Bürgerpflicht, die Düsseldorfer und ihr Abschiedsalbum „Trink aus! Wir müssen gehen“ zu feiern. Dazu später.
Intro
Vielleicht doch Punk? Hosen-Bassist Andi Meurer hatte mir schon 2008 erzählt: „Punk ist die Musik, mit der wir groß geworden sind und die ich immer noch liebe. Ich muss mich darüber heute aber nicht mehr definieren. Gerade in der heutigen Zeit hat jeder eine andere Vorstellung davon, was Punkrock ist. Frag zehn Leute, die werden dir zehn verschiedene Antworten geben. Unsere Wurzeln liegen aber genau da: Musikalisch und auch in der Ideologie. Sowas wie Eintrittspreise, wie behandelt man Fans. Wie behandelt man Vorbands, warum wir eine eigene Plattenfirma haben, das kommt alles daher“. Da hat er einen Punkt, wie man heute auf Dummdeutsch sagen würde.
Bridge.
Erste Zeile: Meine kleine Kapelle (Covers und Eigenes) ist geladen, auf einer Winzer-Hochzeit im Kaiserstuhl zu spielen. Einziger Sonderwunsch: Wir sollten „Tage wie diese“ von den Toten Hosen darbieten. Als wir die krawattierte und hochtoupierte Hochzeitsgesellschaft betrachten, kommen uns Zweifel. Wir spielen den Song todesmutig, Krawatten flattern im Wind, die Hochzeitsgesellschaft schwankt glückselig und es werden lautstarke Forderungen hörbar: „Nochmal!“. Zu Befehl. Wir fürchten schon, dass sie bald nackt auf den Tischen tanzen. Das muss doch Punk sein.
Zweite Zeile: Mit einer zutätowierten Bedienung in einer Musikkaschemme gerate ich in Streit: Sie outet sich als Tote Hosen-Fan, lehnt aber „Tage wie diesen“ als Verrat am Punk ab. Ich widerspreche heftig. Wochen später sehe ich, wie jene Dame auf Facebook von Putin gerettet werden will und die Corona-Impfung für Massenmord hält. Punk? Eher nicht.
Dritte Zeile: Campino singt seinen Hit beim Oktoberfest in München – im Hacker-Zelt mit der dortigen Schlagerkapelle. Der Zeltwirt lobte Campino demnach mit den Worten: „Du bist ein guter Bub“.
Punk? Eher doch.
Vierte Zeile: Ich erzähle einem Freund, wie wunderbar der Song bei fast allen Gelegenheiten passt. Außer vielleicht bei einer Beerdigung. Worauf der Freund meint: Kommt ganz darauf an, wer beerdigt wird. Das ist definitiv Punk.
Fünfte Zeile: Im September 2013 tanzen und hüpfen die CDU-Granden in Schlips und Aberschlips nach dem Wahlsieg zum Sound von „Tage wie diese“. Obwohl, jetzt kann ich es ja verraten, der Song lediglich ein Open Air Festival-Erlebnis zelebriert. Egal. Hauptsache „wie diese“. Angeblich soll Angela Merkel ein paar Tage später Campino angerufen haben mit den entschuldigenden Worten: „Herr Campino, ich rufe an, weil wir letzten Sonntag auf Ihrem Lied herumgetrampelt sind.“ Angela Merkel ist Punk und Stadionrock zugleich. Ich hab’s ja schon immer gewusst.
Refrain
2009 erlebte ich in Paris auf dem Montmartre etwas Faszinierendes: Da saß die Jugend der Welt auf den Treppenstufen und musizierte. Zwar nicht zusammen, aber doch vereint und mit gegenseitigem Respekt. Die migrantischen Jugendlichen hatten Hiphop aus dem Laptop, manche Franzosen gruben Chansons aus und der Rest Europas und Amerikas sang Klassiker aus den Sixties. Bob Dylan vorzugsweise. Der aktuellste Hit war “Wonderwall” von Oasis, damals auch schon so etwas wie ein Oldie. Kurz danach traf ich Michael des Barres in Köln zu Interview und stellte ihm die Frage: Warum singen die jungen Menschen vorzugsweise die alten Lieder?
Wer Michael des Barres ist, fragen Sie? Sänger und Schauspieler, erfolgreicher als Schauspieler: In der Serie MacGyver spielte er einen Auftragskiller. Er war zu sehen in Melrose Place und in Hollywoodfilmen wie Pink Cadillac und Mulholland Drive. Als Sänger kennen ihn wohl nur hochspezialisierte Rock-Nerds. Er ersetzte kurzzeitig Robert Palmer in der Supergroup Power Station. Seine Ex-Gattin Pamela des Barres erlangte Berühmtheit als Super-Groupie der Rockstars der 70er Jahre. So. Jetzt wissen Sie das.
Zurück zu meiner Frage. Die sei einfach zu beantworten: “There are no songs to rally around anymore”. Frei übersetzt also: Heute gibt es eben keine Songs mehr, die Menschen zusammenbringen. Keine Songs, hinter denen man sich versammeln kann. Ich wollte nicht widersprechen. Aber jetzt, da bei mir die angeblich letzte CD der Toten Hosen auf dem Tisch gelandet ist, fange ich nochmal an, drüber nachzudenken. Vielleicht gibt es diese Songs ja doch. Zumindest im deutschen Sprachraum fallen mir einige ein. Wobei – es mag der deutschen Geschichte oder meiner selektiven Wahrnehmung geschuldet sein – die meisten dieser Songs mehr oder weniger eindeutige Statements gegen Rechts sind. Lassen wir einmal die kranken 70er-Jahre-Gewaltfantasien wie “Macht kaputt, was Euch kaputt macht” der linksextremen Ton, Steine, Scherben beiseite und fangen wir…. tja: wieder bei den Toten Hosen an.
Die haben mit “Hier Kommt Alex – inspiriert von “Clockwork Orange” – 1988 eine Hymne gehschaffen, mit der man sich beim Mitbrüllen trefflich von sinnloser Jugendgewalt distanzieren konnte. Vielleicht aber auch nur, um irgendeinen Alex zum Saufen einzuladen, wer weiß? (Mein zweiter Vorname ist übrigens Alexander). Bekanntlich gehört das Werk ja dem Künstler nicht mehr, sobald es in der Welt ist. Viel konkreter ist der Ärzte-Klassiker “Schrei nach Liebe” von 1993, in dem ein Nazi erst angebrüllt wird „Du bist wirklich saudumm. Alles muss man dir erklären, weil du wirklich gar nichts weißt …“, um anschliessend einer Psycho-Analyse im Schnelldurchlauf unterzogen zu werden: „Deine Gewalt ist nur ein stummer Schrei nach Liebe, und deine Eltern hatten niemals für dich Zeit“. Jeder Refrain endet mit der Diagnose der therapierenden Ärzte: “Arschloch!” Was haben wir noch? “Arsch huh, Zäng usseinander”, getextet von Wolfgang Niedecken und eingespielt von einer kölschen Allstar-Band. Die Aufforderung, auch beim Brötchenkaufen gegen Rassisten und Faschisten Stellung zu beziehen, verstehen aber nur des Kölschen mächtige Mitbrüller.
Das eingängigste Beschwörungsritual liefert Herbert Grönemeyer mit “Fall der Fälle” (2018): “Es bräunt die Wut, es dünkelt. Der kleine Mob macht rein. Es ist die Angst, die glaubt, sauber muss es sein. Und immer brenzlich und gemein”. Grönemeyer, sonst ein Meister der Andeutungen, der rätselhaften Metaphern, wird hier ganz konkret. Die bei Konzerten geradezu mantraartig wiederholte Zeile “Kein Millimeter nach rechts” ist mittlerweile wohl zur bekanntesten und stärksten Beschwörungsformel gegen den wieder erstarkenden Faschismus geworden. Mehr noch, sie dient als Selbstvergewisserung: Wir sind noch da. Ihr werdet nicht gewinnen, denn wir sind mehr.
Damit sind wir wieder bei den Toten Hosen, die in den besten Momenten auf ihrem Abum “Trink aus, wir müssen gehen” dieses Wir-Gefühl vermitteln können.
Von Erich Kästner stammt das Zitat “Man darf nicht warten, bis aus dem Schneeball eine Lawine geworden ist. Man muss den rollenden Schneeball zertreten. Die Lawine hält keiner mehr auf. Sie ruht erst, wenn sie alles unter sich begraben hat.“ Campino hat Kästner sein Buch „Kästner, Kraftwerk, Cock Sparrer. Eine Liebeserklärung an die Gebrauchslyrik“ gewidmet. 2024 wurde er in einem Interview der Jüdischen Allgemeinen gefragt: „Erich Kästner hat mit Literatur gegen den Nationalsozialismus opponiert. Was braucht es Ihrer Meinung nach heute, um gegen rechtsnationale Kräfte anzugehen?“ Seine Antwort war: „Jeder Mensch kann in seinem Rahmen etwas dagegen tun. Es geht um Zivilcourage, dass man Menschen entschlossen entgegentritt, sobald sie homophobe, antisemitische, rassistische und fremdenfeindliche Sprüche von sich geben, auch, wenn sie als schlechter Scherz kaschiert sind. Es wird zurzeit intensiv versucht, die demokratische Mitte zu spalten und aufzureiben, das müssen wir alle zusammen verhindern, völlig egal, ob wir mit einer schwarzen, grünen, roten oder gelben Partei sympathisieren.“
Refrain, Reprise
Um es kurz zu machen: Musikalisch ist das Abschiedsalbum der Hosen business as usual. Solider Stadion-Rock mit kleinen Ausflügen in Echtpunk, so etwa in „Schlechte Nachbarn“, das stark an Bad Religion erinnert, die US-Punkband für High Speed-Schwerst-Intellektuelle. Der Text entwirft ein grusliges Sittengemälde, bei dem man an die als „Familienfeste“ schlecht getarnten Wahlkampf-Exzesse der AfD denkt. Campino erzählt in wenigen starken Zeilen, wozu andere einen schwachen Roman bräuchten. Juli Zeh, ja, Sie sind gemeint. „Es riecht nach Kaffee und nach frischen Waffeln. Das ganze Viertel ist zum Fest gekomm’n. Opa steht am Schießstand, er kann gut mit Waffen. Und ein Clown verteilt Luftballons. Auf der Bühne steht ein Heino-Double. Mama hat schon ein’n im Tee. Die Kleinen sind glücklich, sie kreischen und toben. Auf der Hüpfburg von der AfD (Oh) Schlechte Nachbarn…“
1988 sang Campino: „Es gibt 1000 gute Gründe, auf dieses Land stolz zu sein. Warum fällt uns jetzt auf einmal kein einziger mehr ein?“ Heute klingt Campino, als gebe es viele gute Gründe, dieses Land zu verteidigen. Die Toten Hosen sind erwachsen geworden. In „Was ist mit uns los?“ heisst es: „Du sagst, du willst dein Land zurück, ich versteh‘ nicht, was du meinst. Das Dritte Reich von Hitler oder Deutschland in zwei Teil’n? Du schreist, du willst dein Land zurück, doch hat es dir je gehört? Dieses Land, von dem du dauernd sprichst, ist nur ein Traum, der dich verwirrt“. Und weiter: „Wie kann es sein, dass wir nicht begreifen, wie groß unsre Freiheit ist? Was ist bloß los, dass wir wegschmeißen, wonach die halbe Welt sich sehnt?“. Böse Menschen würden sagen: Staatstragend. Ganz böse Menschen nennen die Hosen Systemlinge. Okay, das System heisst Demokratie und Freiheit. Kapiert, Arschloch? Was ist los mit uns? Antworten gibt es keine. Nur einen Mutmacher Song: „Für alle da draußen. Wir sind hier gemeinsam. Gewinn’n oder scheitern. Kein Blatt zwischen uns“.
Outro
The icing on the cake, um mal in Campinos zweiter Muttersprache zu sprechen, ist die Bonus-CD „Alles muss raus“, die vereint, was man auf den ersten Blick vielleicht nicht unbedingt erwartet hätte: Die Toten Hosen spielen hier Begleitband für ihre Gäste: Darunter Justin Sullivan (New Model Army), Feine Sahne Fischfilet, Marteria, Alphaville, Blixa Bargeld, Vicky Leandros, Hannes Wader, Wolf Biermann. Ich bin ziemlich sicher, Udo Jürgens hätten Sie auch gefragt, weilte er noch unter den Lebenden. Ach, und Wolfgang Niedecken singt „Kristallnacht“. Auf Hochdeutsch, damit es endlich alle verstehen. Köln und Düsseldorf vereint! Wir sind dem Wettfrieden eine Schritt näher. Et hätt noh immer jut jegange!
Lieber Thomas Zimmer,
Auf „Mein Schiff“ spielen Sie jedesmal, wenn das Schiff einen Hafen verlässt, das Lied „Große Freiheit“ vom „Grafen“ („Unheilig“). Musik von der Stange – der Text liest sich wie KI – generiert. Furchtbar!
Ein ähnliches Niveau hat „An Tagen wie diesen“. Diese „Jo-so-jung-kommer-nie-wieder-zusammen-lasst-uns-feiern!“ – Masche ist ja im deutschen populären Liedgut seit „Revolverheld“ schwer in Mode.
Mit Grönemyer (und HR Kunze) bin ich groß geworden; beide zeigen bis heute wohlkonturiert ihre Haltung. Das ist gut und richtig. Und wenn ich sehe, wer Grönemeyer dafür anfeindet, denke ich: Da macht er alles richtig.
Beste Grüße!
Lieber Stefan Trute, ich kann nicht „wissenschaftlich“ erklären, was ich an „Tage wie diesen“ so gut finde. Vielleicht entspringt es einfach der Erfahrung, es selbst des öfteren mit ohrenbetäubender Lautstärke für ein begeistertes Publikum gespielt zu haben?? Bei Grönemeyer bin ich vollkommen einig mit Ihnen. Den Hass der Faschos hat er sich redlich erarbeitet. Er sollte es als Auszeichnung sehen. Stoppok und Niedecken halte ich für die besten Storyteller deutscher Sprache. Wobei Niedecken gelegentlich auch mal ein recht flacher Text durchrutscht. Kunze ist ein etwas seltsamer Vogel, der gelegendtlich extrem arrogant wirkt. Vor allem in seinen Sprechtexten. Und seine Kuschelei mit Egon Krenz finde ich geradezu widerlich. Im übrigen empfehle ich Gerhard Gundermann (ja, ich weiss, Stasi usw….). Aber dessen Texte haben noch mal eine andere, ganz spezielle Qualität. Wnbei man sich manches erst erarbeiten muss, wenn man ein ahnungsloser Wessi wie ich ist.