
Während ich dies schrieb, versuchte die niederländische Polizei, Demonstranten einer Aktivisten-Gruppe namens „Geef Tegengas“ – was so viel bedeutet wie „Gas in die andere Richtung geben“ – von Gleisen zum Rotterdamer Hafen zu entfernen, auf die sich gelegt hatten. Der Hafen schlägt jährlich mehr als 400 Millionen Tonnen Fracht um, darunter Kohle, Eisenerz, Getreide, Öl, Chemikalien, flauschige Teddybären aus China und – offenbar – Waffen für Israel.
Die Gruppe verkündete bereits nach drei Tagen stolz, sie habe dem Hafen 30 Millionen Euro an entgangenen Einnahmen gekostet. Die Güterzüge werden sich wahrscheinlich bis nach Basel, wenn nicht bis nach Chiasso zurück stauen. Das ist das europäische Landäquivalent zur Blockade der Straße von Hormus.
Denn der größte Teil des europäischen Außenhandels hängt von den großen Häfen Antwerpen und Rotterdam ab – doch davon hört und sieht man nur sehr wenig. Ich bin bestürzt. Wo zum Teufel war die Polizei? Wenn jemand auf die Gleise geht und mit Selbstmord droht, werden alle Züge angehalten; wenn jemand die Bahninfrastruktur vandalisiert, Schienen, Schwellen oder Kabel lockert, bricht die Hölle los.
Rotterdam ist natürlich auch ein wichtiger Hafen für den gesamten NATO-Verkehr zu Militärstützpunkten in ganz Nord- und Mitteleuropa. Die Hafeneinnahmen beliefen sich im vergangenen Jahr auf rund 940 Millionen Euro, doch hängt vieles natürlich vom Vertrauen ab und davon, inwieweit die Reeder der Infrastruktur und den Zugangswegen vertrauen und darauf bauen können, ihre Güter zu den Schiffen oder von diesen zu transportieren.
Laut ihrer Website bezeichnen sich die Demonstranten als „ein Kollektiv, das mit direkten Aktionen die zerstörerische Maschinerie des fossilen Kapitalismus, des Rohstoffabbaus und der Militarisierung an ihrer Wurzel stört. Unsere Aktionen decken Ungerechtigkeit auf, indem wir strategisch wichtige Knotenpunkte dieses Systems lahmlegen. Damit stören wir – an entscheidenden Momenten und Orten – die Strukturen, die Ausbeutung, Unterdrückung, ökologischen Kollaps und Völkermord ermöglichen. Wir sind Teil einer internationalen Bewegung für Freiheit und Gerechtigkeit und handeln zur Selbstverteidigung der Gemeinschaften, Kulturen und Ökosysteme, zu denen wir gehören und die uns am Herzen liegen.“
Eine Zukunft ohne flauschige Teddybären
Wow. Das erinnert mich an Tom Lehrers Lied „We are the Folk Song Army! / Every one of us cares / About Poverty, War and Injustice / unlike the rest of you squares!“ Sie beanspruchen ein Monopol auf Tugend. Ich bin mir sicher, dass die Gruppe ihren Namen in naiver Unschuld verwendet. Denn „to give gas“ bedeutet einfach, Druck auf das Gaspedal auszuüben, nicht jemanden zu vergasen. Und hat wahrscheinlich auch nichts mit Gaza zu tun.
Sie sind in der Tat messianisch und glauben an eine wunderbare Zukunft ohne Krieg, Krankheit, Armut, Völkermord und (wahrscheinlich) flauschige Teddybären aus China. Der beste Weg, dies zu gewährleisten, besteht darin, Züge daran zu hindern, den Hafen zu befahren oder zu verlassen.
Schienheilig
In Deutschland wäre dies eine Angelegenheit für die Bundespolizei, nicht für die örtlichen Polizeikräfte. Was mich beunruhigt, ist nicht, dass ein paar fehlgeleitete Fanatiker glauben, sie könnten die Welt verändern, indem sie andere Menschen an ihrer Arbeit hindern, sondern dass die Behörden dies offenbar als eine Form der „Meinungsfreiheit“ zugelassen haben. Das ist natürlich immer eine selektive Angelegenheit. Tatsächlich verstößt es gegen das Gesetz. Wenn ein Lokführer das Gefühl hätte, sein Recht, seine Lokomotive zu fahren – langsam und mit vielen Hupen – über alles und jeden hinweg, der auf den Gleisen liegt, frei zum Ausdruck bringen zu wollen: Wäre das auch in Ordnung?
Aber es ist ja alles für einen guten Zweck, oder? Für die armen Kinder in Gaza?
Virtue-Signalling in Reinkultur, scheinbar unterstützt und begünstigt durch ein schwaches politisches System, das es denen, die es von innen heraus zerstören wollen, ermöglicht, dies mit bestmöglicher Öffentlichkeitswirkung zu tun. Anstatt gegen den Terrorismus zu kämpfen oder gar gegen jene, die den kleinen Kindern in den Schulen Gazas Hass beibringen, und gegen jene, die Teenagern beibringen, wie man Waffen benutzt und wie man Israelis angreift und tötet. (Die IDF haben gerade ein erbeutetes Dokument veröffentlicht, aus dem hervorgeht, wie Teenager während des Waffenstillstands im März in einem speziellen Kurs ausgebildet wurden.)
Aber das wäre alles ein bisschen zu kompliziert. Lieber bleibt man auf den Schienen, dort kann man schienheilig sein. Ich vermute, es wird nicht lange dauern, bis Israel beschuldigt wird, den Palästinensern in Gaza zu schaden, indem es sie alle fettleibig macht und ihnen Diabetes verpasst. Es gibt Online-Videos – deren Echtheit natürlich schwer zu bestätigen ist –, die dort einige sehr wohlgenährte Menschen zeigen. Und ich nehme an, die nächste Anschuldigung gegen die IDF wird natürlich lauten, dass sie trainierte Kater dazu bringen, palästinensische Gefangene zu vergewaltigen, und dies dann unter dem Motto „Happiness is a Hot Pussy“ filmen.
Ist das zu abgedreht, zu lächerlich, zu obszön? Vielleicht. Aber vergiss nicht: Du hast es hier zuerst gelesen.