Die Rolling Stones 1963. Foto: Public Domain via Wikimedia Commons
Weil ein Freund und Bandkollege den Film lobte, schaute ich mir auf arte „Brian Jones und die Rolling Stones“ an. Na ja.
Nun muss man vorwegsagen, dass vieles, was mir am Film von Nick Broomfield nicht gefällt, auf 99 Prozent aller so genannten Dokumentarfilme zu Popstars zutrifft. Sie werden zusammengestoppelt aus Interviews mit mehr oder weniger bedeutenden Zeitgenossen, die sich meistens für erheblich bedeutender halten, als sie es sind oder waren, und dazwischen gibt es Konzertmitschnitte, die meistens aus Copyrightgründen frustrierend kurz sind oder – wie in diesem Film – zuweilen mit anderer Musik unterlegt sind; oder andere zeitgenössische Aufnahmen, die so manipuliert werden, dass sie scheinbar zur Aussage des Films passen.
In Broomfields Film sind seine wichtigsten Interviewpartner die Mütter der vier Kinder, die Brian Jones als Teenager und junger Popstar zeugte. Und die – sonst wären sie nicht auf ihn hereingefallen – naturgemäß wenig über ihn als Mensch und noch weniger über ihn als Musiker (und darum soll es im Film gehen) sagen können. Ich finde, jede dieser Frauen hätte eine interessante Geschichte zu erzählen: Wie war das als alleinerziehende Mutter in den frühen 1960er Jahren? Wie haben Sie das geschafft? Fanden Sie je eine andere Liebe? Weiß Ihr Kind, wer sein Vater war? Was bedeutet das für das Kind und Sie heute? Nur nicht: Wie war das mit Brian Jones und den Rolling Stones?
Daneben interviewt Broomfield Bill Wyman, den Ex-Bassisten der Stones. Wenn der 90-Jährige das Slide-Gitarrenspiel von Jones auf „Little Red Rooster“ kommentiert und dazu mit den Händen imitiert, so ist das ganz amüsant. Allein zu behaupten, diese Gitarre allein oder vor allem mache den Song aus, und nicht etwa auch Charlie Watts‘ wunderbares Schlagzeugspiel und die Produktion mit dem übertriebenen Hall auf Mick Jaggers Stimme, der seinerseits der Versuchung widersteht, Howlin‘ Wolf oder Big Mama Thornton nachzumachen, sondern wunderbar zurückhaltend-unschuldig singt, falls als wüsste er nicht, dass es sich beim Little Red Rooster um ein Phallus-Symbol handelt. Und der übrigens klasse Harmonika spielt am Ende – das also zu behaupten, geht etwas weit.
Wyman hat seine eigenen Gründe, auf Mick Jagger und Keith Richards sauer zu sein, und er hat, nachdem er die Gruppe verlassen hat, mit den „Rhythm Kings“ eine Band zusammengestellt, die Rhythm`n`Blues spielt, wie die die frühen Stones im Marquee Club und Crawdaddy Club gespielt haben könnten, wenn auch nicht so wild. Und so fördert er auch aus eigenem Interesse die Legende, Brian Jones habe aus den von ihm gegründeten Rolling Stones nicht mehr machen wollen als eine Blues-Gruppe, habe unter der Kommerzialisierung durch Mick Jagger und Keith Richards und den genialischen Manager-Produzenten Andrew Loog Oldham gelitten, was letztlich zu seiner Drogenkrise und seinem Rausschmiss aus der Band geführt habe.
Daran ist so ziemlich alles Bullshit. Brian Jones mag die Rolling Stones gegründet haben, indem er eine Anzeige aufgegeben hat, aber davor hatte Jagger mit Dick Taylor (später Bassist bei den Rolling Stones, dann Gitarrist bei den Pretty Things) die Bluesband „Little Boy Blue and the Blue Boys“ gegründet, zu der ihr gemeinsamer Freund Keith Richards dann auch stieß. Sie meldeten sich auf die Anzeige hin bei Jones und seinem Pianisten-Freund Ian Stewart und traten im Mai 1962 als Rolling Stones auf.
Jones war, wie eben Richards und Jagger auch, zunächst ein Blueser, und vermutlich gingen die Ambitionen aller drei Männer damals nicht viel weiter als regelmäßig im Marquee Club aufzutreten und einen festen Platzes in der Londoner Blues- und Jazzszene zu ergattern. Wo sie aber, was die musikalischen Fähigkeiten betraf, keineswegs zu den Besten gehörten. Über Jaggers Gesang mokierten sich die alteingesessenen Blueser, aber auch Brian Jones konnte mit dem Gitarrenspiel etwa eines Alexis Korner nicht mithalten. Wären die Stones eine Bluesband geblieben, sie wären von Bands wie John Mayalls Bluesbreakers oder den Formationen um Zoot Money, Georgie Fame, Long John Baldry, Rory Gallagher e tutti quanti hinweggefegt worden.
Zum Glück kamen da die Beatles. Sie spielten eine etwas modernere Form des R&B, verbanden aber ihre Cover-Versionen schwarzer Musik (ob von Little Richard oder von Girl Groups wie den Shirelles) mit einem betont weiß-jugendlichen, frech-humorigen und typisch britischem Auftreten; sie waren, mit einem Wort, Pop-Stars. Und das eröffnete den Stones eine ganz neue Möglichkeit: sich sozusagen als die Punk-Variante der Beatles zu vermarkten. Oldham, der früher im Management der Beatles gearbeitet hatte, übernahm das Styling – und überzeugte die Beatles, einen Hit für „seine Jungs“ zu schreiben: „I Wanna Be Your Man“. Der Rest ist Rock-Geschichte.
Mit dieser Entwicklung mag Jones hin und wieder gehadert haben, wie bei den Beatles John Lennon auch; aber am Ende ging es ihm als Drop-Out aus bürgerlichem Hause (auch da gibt es eine Ähnlichkeit mit Lennon) fast mehr als etwa Jagger, der an der renommierten London School of Economics studierte und gute Karriereaussichten hatte, um den Erfolg. Und Andrew Loog Oldham wies den Weg. Jones stilisierte sich denn auch bewusst als den fotogenen „Pretty Boy“ der Band, mit Beatles-Frisur und schicken Klamotten, und kultivierte einen seelenvollen Blick an der Gitarre, während Jagger anfangs etwas unbeholfen als Frontmann herumhampelte. Als sich einmal ein BBC-Fernsehproduzent über den „Mann mit den Motorradreifenlippen“ mokierte, mit dem es die Stones nie so weit bringen würden wie die Beatles, Searchers, Gerry & the Pacemakers, Hollies usw., war Jones durchaus bereit, Jagger aus der Band zu werfen.
Jones‘ Problem war: Er konnte nicht Songs schreiben, und um in den USA zu reüssieren, musste die Band eigene Songs haben. Es war nicht so, dass Jones nur Blues-Nummern schreiben wollte oder konnte. Die wenigen Aufnahmen seiner Kompositionsversuche (man hört einen kleinen Ausschnitt in dem Film) enthalten sehr melodische, poppige Versuche, und er hat – etwa auf „Aftermath“ und „Between the Buttons“ – durchaus melodische Arrangements abgeliefert, so für die Rokoko-Parodie „Lady Jane“. Vielleicht fehlte ihm ein Partner: Es gab ja Lennon-McCartney und Jagger-Richards (und natürlich Goffin-King und vor allem Leiber-Stoller), aber Jones fand niemanden, sei es, weil er niemandem wirklich traute, sei es, weil er zu stolz war.
Jedenfalls wurde aus dem Sprecher und Leiter der Band zunehmend ein Auftragnehmer. Derweil lernte auch Jagger, auch mal seelenvoll-romantisch dreinzublicken und das Ungelenke in eine Kunstform zu überführen, so dass er mehr und mehr das Gesicht der Band wurde. Und mit diesem Misserfolg wurde Brian Jones nicht fertig.
Sicher ist sein Schicksal traurig. Aber weder tragisch noch das Ergebnis irgendwelcher kommerzieller Verschwörungen gegen seine Künstlerseele. Brian Jones kam mit dem Widerspruch zwischen seinem Selbstbild und seinem Selbst nicht zurecht. Es geht vielen so, schon deshalb hat er viele Fans. Aber das ist – außer wenn ein William Shakespeare es in „Hamlet“ darstellt – nicht abendfüllend. Nicht einmal wirklich der Stoff, aus dem ein guter Dokumentarfilm wäre.
Lieber Alan Posener,
ich danke Ihnen für die Entschuldigung bezüglich der Ausdrücke, die Sie verwendet haben. Auch „Irre“ sind Menschen, leisten etwas für die Gesellschaft, auch wenn das nicht gleich sichtbar ist. Bruce Springsteen beschreibt in seiner Biographie seinen lang andauernden Kampf mit Depressionen. Oft liegt es ja an den Genen, der Vater von Springsteen war schizophren. Trotz alledem hat Bruce Springsteen ja durchaus etwas geschaffen, worauf ich und viele Fans nicht verzichten möchten.
Ich habe mit 2 Jahren meine Mutter verloren, sie starb nach einer OP, innerliche Blutungen, anfangs der 50er Jahren gab es noch nicht die Mittel, die heute Standard sind. Meine 6 Geschwister waren alle im oder vor dem Krieg geboren, also viel älter als ich. Wenn mein Vater nicht schnell wieder geheiratet hätte, wäre ich in einem Heim gelandet. Allerdings konnten sie nicht sofort – im Unterschied zu mir – eine neue „Mutter“ akzeptieren. Sie haben sie abgelehnt. Und irgendwann auch mich, weil sie sofort meine Bezugsperson wurde und ich nicht verstand, warum meine Geschwister sie mit Intrigen vertreiben wollten. Kurzum: es war ein frühes Trauma, was ich da erlitten habe. Und dieses Trauma führte dazu, dass ich viele Jahre danach, mittlerweile in den 50zigern, selbst depressiv wurde. Ich konnte nicht weiter in der Psychiatrie arbeiten, wurde aussortiert. Mein Ventil gegen den Blues war der Blues. Ich spielte anschließend in etlichen Gruppen, heute, mit 77 Jahren, nur noch für mich. Meine erste Platte von den Stones hat mich damals schon umgehauen. Ich hörte im Radio „Little Red Rooster“ und etwas später „Tell me“. Die Beatles hab ich auch gern gehört, aber gefühlsmäßig hat mich das nicht so erreicht wie das bei der Musik der Stones war. Natürlich ist das alles subjektiv, das wollte ich nicht in Frage stellen, tut mir leid, dass es so verstanden wurde.
Und ich danke Ihnen für Ihre Offenheit.
Die erste Stones-Platte, die ich mir kaufte, war die Single „Not Fade Away“ / „Little By Little“. Die kaufte ich in Braunschweig, wohin ich 15-jährig mit meinem Vater in den Ferien fahren musste, weil ich nicht allein zuhause bleiben konnte; meine Mutter hatte ihn gerade verlassen. Mir war deren Trennung mehr oder weniger schnuppe, weniger gut fand ich, dass ich meine erste Freundin in Berlin zurücklassen musste. Ich habe solange ein langes Gesicht gezogen, bis mein Vater aufgab und mich nach Berlin zurückfuhr, wo ich endlich auch die Platte hören konnte. „Little By Little“ finde ich immer noch eine der besten Nummern, die die Rolling Stones je aufgenommen haben – da ist so viel los im Studio, es rumort und klimpert und klappert, als spielten sie in einer riesigen Halle. (Ich habe das Regent Sound Studio vor ein paar Jahren besucht. Es ist tatsächlich ziemlich groß. Aber der Effekt kommt vom Hall, den Andrew Loog Oldham, vermutlich auf Anraten von Phil „wall of sound“ Spector, der ihm hier zur Hand ging, auf die ganze Aufnahme gelegt hat.) Und ich hätte Ihnen beinahe insoweit Recht gegeben, als der Song angeblich von „Nanker/Phelge“ (also der gesamten Band inklusive Brian Jones) zusammen mit Spector geschrieben wurde. Allerdings wurden der Titel und der Ablauf – vermutlich von Spector – geklaut: nämlich vom Bluesmann Junior Wells. Macht nichts. Ist trotzdem eine großartige Aufnahme.
Lieber Alan Posener,
Vielleicht bin ich ja irre, das ist menschlich. Ich habe viele Jahre im Team von Klaus Dörner gearbeitet, Sie sollten mal gelegentlich sein Buch „Irren ist menschlich“ lesen.
Mit kommerziell meine ich nicht „Künstler“, die nicht gehört werden wollen, sondern im Extremfall komplette Teams, die generalstabsmäßig einen „Hit“ ausarbeiten. Wenn Sie sowas befürworten, ist es für Sie ja ok, für mich nicht.
Außerdem: Beginn und Ursprünglich liegen für mich nicht unbedingt zeitlich nahe beieinander. Ursprünglich geht zurück zum Ursprung. Ok, sie finden das vermutlich wieder irrwitzig. Egal, jedenfalls meinte ich mit ursprünglich die Wurzeln der Musik der frühen Rolling Stones, die auf die lange Geschichte des Blues zurückgeht. Die frühe Musik der Beatles ging auf die nicht lange zurückliegende und aktuelle Popmusik in England und auf Skiffle zurück.
Aber gut, jeder hat seine eigene Meinung, nur wenige starke Meinungen. Ich habe offenbar keine starke Meinung.
Ich wollte Sie nicht beleidigen, lieber Hans Happe, und entschuldige mich für meine Wortwahl. Irren ist in der Tat menschlich. Gehen wir Ihre Punkte einzeln durch:
1. Teams, die einen Hit ausarbeiten: Das war weder bei den Beatles noch den Stones der Fall. Die Beatles scheiterten bei allen großen Plattenfirmen, bis sie bei „Parlophone“ landeten, wo sie – mit einem Minimalbudget, ohne Zusatzmusiker und mit antiquiertem Aufnahmegerät (Vierspur!) dank George Martin einige der großartigsten Aufnahmen in der Geschichte der Popmusik schufen. Die Stones hatten bei Decca (dem Label, das die Beatles abgelehnt hatte, weil sie für „Gitarrengruppen“ keine kommerzielle Zukunft sahen) immerhin neben Andrew Loog Oldham Jack Nitzsche und andere erfahrene US-Musiker zur Hand, um Hits zu schaffen, was sie natürlich genauso wollten wie alle anderen Musiker, die von ihrer Musik leben wollen.
2. Die Rolling Stones waren ursprünglich eine Blues-Gruppe. Das bestreitet niemand. Aber ihre erste Single war „Come On“, eine Rocknummer von Chuck Berry, von dem die Beatles auch Songs coverten („roll Over Beethoven“ etwa). Die zweite Single war „I Wanna Be Your Man“, geschrieben von, ähm, jenen Popmusikern John Lennon und Paul McCartney. Die dritte Single war „Not Fade Away“, geschrieben von Buddy Holly, dem weißen Rock-Pop-Musiker, den die Beatles, Bob Dylan und überhaupt alle, die etwas von Musik verstanden, damals verehrt haben. Die vierte Single war „It’s All Over Now“ von Bobby Womack, einem R&B-Musiker, der mit Sam Cooke zusammenarbeitete. Erst mit der fünften Single kam mit „Little Red Rooster“ ein Blues-Stück, das war zugleich die letzte Single, die sie nicht selbst geschrieben haben. Danach kamen „The Last Time“, „Satisfaction“ und andere Klassiker. Und das musste sein, wollten sie in den USA reüssieren, wo weiße englische Jungs, die Blues zu spielen versuchten, eher als Kuriosität belächelt denn ernstgenommen wurden.
3. Die Beatles kamen in der Tat nicht vom Blues her, sondern von Skiffle, Country, Rock and Roll, Jazz, der nordenglischen Music-Hall-Szene (mit dem großen George Formby) und Pop. Aber all diese Stilrichtungen, die sie etwa auf dem Weißen Album feierten, haben ihrerseits eine lange und ehrwürdige Tradition. Es ist unsinnig, etwa den Trad Jazz aus New Orleans, den McCartneys Vater ihm beibrachte, als weniger „ursprünglich“ anzusehen als etwa den elektrischen Blues aus Chicago. Das sind Klischees aus den 1970er Jahren, und sie waren schon damals Marketing-Strategien, mehr nicht. Die Stones blieben zwar vom Blues geprägt, was sich etwa darin zeigt, dass es in ihren Kompositionen selten eine „Bridge“ oder „Middle Eight“ gibt, bei den Beatles fast immer. Aber in ihren eigenen Kompositionen haben sich Mick Jagger und Keith Richards sehr bewusst gehütet, einfach weiße Blues-Nummern zu schreiben. Hören sie sich „That Girl Belongs to Yesterday“ an, eine Single, die Jagger und Richards 1964 (!) für Gene Pitney (!) schrieben. Oder „As Tears Go By“ für Marianne Faithful. Oder „Out of Time“ für Chris Farlowe. Oder „Take It Or Leave It“ für die Searchers (!). Oder „Tell Me“. Oder … Das sind sehr schöne Pop-Nummern, die an Kommerzialität (einschließlich Geigen bei „As Tears Go By“) den Lennon-McCartney-Nummern in nichts nachstehen.
4. „Jeder hat seine eigene Meinung.“ Klar. Aber Meinungen müssen sich schon an Fakten überprüfen lassen. Jeder hat seinen eigenen Geschmack, ja. Da mag der Eine die Stones besser finden, der andere die Beatles, und über den Geschmack lässt sich keine Meinung bilden, auch keine starke. Aber man sollte sich hüten, seinen subjektiven Geschmack als etwas Objektives auszugeben. Da geht man irre. Was menschlich ist, aber dennoch vermieden werden sollte.
Ich persönlich mag übrigens beide Gruppen.
Lieber Alan Posener,
Erwähnt habe ich ein Konzert im Jahre 1965, was ich selber miterlebt habe. Damals waren die Stones auch schon kommerziell erfolgreich. Ich habe ihre Musik bei diesem Konzert und auch auf ihren frühen Alben als ursprünglicher wahrgenommen. Kann sein, dass ich mich damit auch schon wieder falsch ausgedrückt habe. Aber ich empfinde es nach wie vor so, dass ihre Musik zu Beginn anders war als in späteren Jahren. Da unterscheiden sich für mich die Stones und Beatles fundamental: die Musik der Beatles zu Beginn war auf Erfolg getrimmt, künstlerisch keine Glanznummern, das kam erst später. Die Stones waren zuerst eine Blues-Band, mit zwei musikalisch überragenden Leadern: Brian Jones und Mick Jagger. Die Beatles waren zu Beginn eine Popband, allerdings mit zwei von Beginn an tollen Musikanten: John Lennon und Paul McCartney.
Natürlich war die Musik der Rolling Stones und der Beatles „zu Beginn“ anders als „später“. Und in beiden Fällen war sie „zu Beginn“ „ursprünglicher“, weil ja Ursprung und Beginn semantisch und zeitlich nahe beieinander liegen. Will sagen, die ersten beiden Alben beider Gruppen enthielten vor allem Cover-Versionen von amerikanischen R&B-Songs, die aus dem Live-Repertoire der Bands stammten; später, als sie auch in den USA reüssierten, mussten sie – und wollten es auch – eigene Nummern schreiben. Dass die Musik der Beatles anfänglich „künstlerisch keine Glanznummern“ enthielt, halte ich für eine der irrsinnigsten Aussagen, die ich in Bezug auf diese Band je gehört habe. Meines Erachtens haben sie nie eine bessere Nummer als „Please Please Me“ geschrieben oder aufgenommen; nicht zufällig haben sie den Song selten live gespielt, er ist wahnsinnig schwierig, instrumentell und gesanglich; aber „She Loves You“ und „I Wanna Hold Your Hand“ oder „This Boy“ und „A Hard Day’s Night“ kommen dem schon nahe. Dass die Beatles „zu Beginn eine Popband“ gewesen seien, steht der ersten Aussage an Irrwitz kaum nach: „Twist and Shout“, „Money“, „You Really Got A Hold On Me“, Long Tall Sally“, „Slow Down“ usw.: ich meine, hallo? Sie scheinen „künstlerisch“ mit „kompliziert“ zu verwechseln, und einfach mit kommerziell, oder „auf Erfolg getrimmt“, was Sie anscheinend ablehnen. Aber das ist doch wirklich alles furchtbarer Unsinn. Wir haben doch nicht so viele musikalische Erfahrungen gesammelt, um noch die dummen Klischees der 1970er Jahre unreflektiert zu wiederholen.
Ich habe noch Erinnerungen an Brian Jones. Bei meinem allerersten Besuch eines Konzerts der Stones 1965 in der Westfalenhalle in Dortmund war Brian Jones noch dabei. Ein hatte einen Zebrapullover an, mit weiß-Schwarzen Streifen. Irgendwann während des Konzerts traf ihn fast ein auf die Bühne geschleuderter Damenschuh. Aber all das war für mich nicht wichtig, viel wichtiger war sein exzellentes Gitarrenspiel. Es war das beste Konzert der Stones, ich habe danach noch mehrere Konzerte der Stones miterlebt, aber es wirkte auf mich ganz anders als beim Auftritt 1965. Mag sein, dass es auch damit zusammenhing, dass es das erste Mal war. Aber: danach klangen die Stones einfach kommerzieller, nicht vergleichbar mit dem Dortmunder Konzert. Und das lag meiner Empfindung nach vollem an Brian Stones. Seine Begleitung bei dem Song „Lady Jane“ war einfach hinreißend. Vor allem: Es war nicht nur die gereifte Technik von ihm, sondern seine Sensibilität, sein Empfinden, seine Gefühle, die er wie kaum ein anderer auf seinen Instrumenten ausdrücken konnte. Sogar noch kurz vor seinem völligen Zusammenbruch, bei der Aufnahme von „No Expectations“ ist das wahrnehmbar. Mir tut es sehr leid, wie es bei ihm geendet hat. Vor allem aber auch, wie die Restband, außer Bill Wyman, über ihn hergezogen ist. Seitdem bin ich kein Stonesfan mehr. Aber das kümmert natürlich niemanden, die Band ist nach wie vor kommerziell erfolgreich. Warum auch immer…
Die Kritik, „das klang kommerzieller“, lieber Hans Happe, ist bei einer Band, die von der Musik lebt, so neben der Spur, dass ich mich frage, in welchem Paralleluniversum Sie denn leben. Jede erfolgreiche Band ist per definitionem kommerziell; und 99 Prozent der nicht erfolgreichen Bands sind es auch, nur haben sie bei der Vermarktung Pech gehabt oder sind einfach nicht gut genug. Nicht kommerziell sein wollen, heißt, das Publikum verachten, von dessen Geld man lebt. Kommerziell ist schlicht kein künstlerisches Kriterium. Ein Entertainer, der „nicht kommerziell“ sein will, ist vermutlich einer, den niemand hören will. Wie sangen die Puhdys: „Was gut, gut, gut ist, setzt sich durch.“
Es gibt Fälle, in denen eine tiefere Überlegung oder eine klare Erkenntnis den Zauber verfliegen lässt. Nicht zieht den Stecker der persönlichen Verbindung zuverlässiger als Gedanken über die Präexistenz Christi oder die ewige Jungfräulichkeit der Gottesmutter, zum Beispiel. Weil aber auch über so etwas jemand nachdenken muss, hat die Kirche ihre Berechtigung. Die Melancholie der späten Chilli Papers spendete mir Trost im herbstlichen Pendelverkehr, seit einer Doku über ihr gebaren auf Tourneen ist die Magie schlicht weg und kommt wohl auch nicht mehr wieder. Biografien über Popstars lese ich erst, wenn die inspirierende Wirkung verflogen ist, also mehr zum Abschließen als zum richtig einsteigen. Vielleicht sind Biopics und Popdokus deswegen in der Regel wie absichtlich schlecht.
Nee, ich glaube, die meisten Biographien und Biopics von Popstars sind deshalb schlecht, weil sie von mittelmäßigen Autoren und mit wenigen Mitteln gemacht werden, nach dem Motto: Die Fans schlucken eh alles. Und natürlich ist das Leben der meisten Popmusiker nicht SO interessant. Es gibt Ausnahmen. So habe ich kürzlich das Buch „John and Paul: A Love Story in Songs“ von Ian Leslie mit Rührung und großem Erkenntnisgewinn gelesen. Und ein Freund versichert mir, dass die Autobiographie von Sinead O’Connor sehr gut sei.
… Paint It Black. … und Brian Jones mit einer Langhalslaute ist für mich einer der größten Hits, wenn nicht gar der Größte, der Stones. Jo, so ist das.