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Schöne Stellen – ein musikalischer Ausflug in mehreren Teilen

Der Rosenkavalier. Screenshot

Der Musikinteressierte, der mehr als reiner Konsument ist oder sein will und demnach (wenn auch nur gelegentlicher) Leser von theoretischen Schriften ist, kam und kommt an Adorno nicht vorbei. Mit Gewinn oder Verlust. Oder Kopfschütteln. Wie dem auch sei.

Adorno schrieb hunderte Seiten Abhandlungen über Musik. Final verabscheute er alles Tonale, das sich als rabenschwarze Reaktion in akustischer Form darböte. Jazz verabscheute er geradezu und brachte ihn mit aufs Pflaster schlagenden SS-Stiefeln in Verbindung. Popmusik: Schund. Ach ja: wer Strawinsky schätzt, wie ich dies tue, sei verloren. Ich beneide ja immer Menschen mit einer glasklaren Weltsicht.

Die Rettung aus dem Verlustiggegangewordensein gelänge ergo allein der sogenannten Neue Musik (ich erwähnte sie hier im Blog; zur erneuten Manifestation: Neue Musik ist bewusste Negation der Funktionsharmonik, nicht mehr, nicht weniger), die aber zuletzt – getreu Adorno’scher Dialektik – auch zu nichts führe. Applaus. Am Ende versank Adorno in finsterem Kulturpessimismus.

Kurz vor seinem Tod befasste sich der jüdische Denker mit schönen Stellen in der Musik im allgemeinen. Diese seien hinreißend, man müsse allerdings stets das Ganze im Blick behalten. Was denn sonst, ramenterte er zeitlebens unermüdlich vom Mantra „Das Ganze ist das Unwahre“. Was mit dem Abstraktum bezweckt ward, blieb (mir) im Trüben. Ich vermute ferner, dass konkret musikalisch gewiss etwas mitschwingt: DIE Ganze sei das Unwahre. Sie, die Ganze, ist der Notenwert von vier Schlägen. Und das oder die, die ist halt unwahr.

Musik allein…

Das passt ins Bild der Adorno-Apologie von Neue Musik, verwirft jene Kompositionstechnik den 4/4-Takt, das Synonym für die Musik-Ganze, brüsk, weil – ja warum eigentlich? Dafür setzt der Neue-Musik-Komponist Taktarten wie Rhythmen, die seinesgleichen suchen, weil kein Hörer, wenn er ehrlich ist, diese findet (hören Sie gern hier in so ein Werk hinein, aufgeführt 2021, viel Vergnügen. Wenn Sie die Rhythmen finden, schreiben Sie mir das gerne in den Kommentaren).

Sonach, ohne zu viel Aufruhr, möchte ich Ihnen hier im Blog dann und wann für mich schöne Stellen präsentieren und freundlich kommentieren (erst immer das Gesamtwerk, dann die Stellen). Ohne philosophischen Unter- wie Überbau. Und ebenso ohne Politik, denn der ein oder andere Komponist wie Dirigent, der hier gleich erklingt oder was zum Erklingen bringt, laviert(e) sich teils durchs Leben, wie es demjenigen, der reine Lehren vertritt, natürlich niemals passieren würde. ICH doch nicht, ich bin immer dagegen und immer auf der Saite, sorry, Seite des Ewigguten.

Ich offeriere also die schönen Stellen exklusiv all dem. Wer empört die Nase rümpft, dem gereichte ich gelassen ein Taschentuch aus schönstem Stoffe. E viola.

Teil 1: Richard Strauss – Der Rosenkavalier (Walzer-Suite)

Das Tutti hier, unter der Leitung von L. Bernstein (1967, New York Philharmonic Orchestra). Nebenbei: der Konzertmeister (oder 1. Geige), das ist/war David Nadien (1926–2014), wen’s interessiert, hier. Und: Richard Strauss orientierte sich an dessen Nachnamensvetter, an Josefs »Dynamiden«, hier.

Zu den Stellen.

Die Erste:

Die Erste extrahiere ich nicht, sie ist, es ist der Anfang an sich. Es existieren mannigfache Aufnahmen dieser Suite, aber diese tut es mir so an wegen des Gesamtambientes, bin ich ein Gefangener des Ausgangs aus den 1960ern, rein in die 1970er. Der Saal, ausstaffiert mit abgedunkelter Kiefernholzvertäfelung. Das opake Bild (scheint eine alte TV-Aufnahme zu sein), es erinnert mich an alte Velour-Ohrensessel, die angenehm Oma-muffig riechen. Die Brillen der Musiker. Fiel mir, erst nach unzähligem Anschauzuhören, auf: der freie Stuhl, neben Bernstein. Toll. Verklärung pur.

Musikalisches: die ersten drei Töne, bestehend aus dem Intervall Sexte (mit Tonwiederholung). Hohe Lage in den Streichern. Ich weiß nicht, welcher Musiker es mal artikulierte: Kein Hit der Welt ohne dieses Tonintervall. Vollendetes Reinfallen in Musik.

Sie wollen’s mal ausprobieren, selbst erfahren, erhören? Gern. Schreiten wir zur Tat:

Setzen Sie sich bitte an dieses Online-Klavier. Eine Klaviatur sollte geladen und am Bildschirm zugegen sein. In einem Bereich ist jeder Taste ein Buchstabe zugeordnet. q = c, 2 = cis usw. Die C-Dur-Tonleiter spielen Sie so: q w e r t z u i . Die schwarzen Tasten dazu: 2 3 5 6 7 . Chromatik (für die Fortgeschrittenen bzw. Neue-Musik-Puristen): q 2 w 3 e r 5 t 6 z 7 u i . Nicht vergessen: auch alles rückwärts üben! i u z t r e w q – usw. usf.

Jetzt wagen Sie es, bitte, den Anfang (0:03–0:19) von Strauss mitzuklimpern. Unbedingt. Dafür müssen Sie folgende Tastenkombination drücken, ohne Rhythmus, den nach Gehör ( – bedeutet: kleine musikalische Pause):

f . . – f , , – x j j – x n n – 0 b b f . x d f d (Sieht fast aus wie eine Neue-Musik-Notation, hehe.)

Die Sexte, zur Erinnerung, die ich meine, in diesem Falle mit den Tasten f . . , in Notennamen übersetzt: b g g – ist das nicht wunderbar?

(Der Anfang ist in Es-Dur komponiert, wen’s denn interessiert. Um sich Es-Dur zu verdeutlichen: Drücken Sie, oder eine Person Ihres Vertrauens, die gern mitmachte, während der Tastendrücke f . . – f , , – x j j – x n n – 0 b b f . gleichzeitig dazu die Taste 3 . Dann folgte weiter als Melodie die Tastenkombi x d f , dazu simultan die Taste e pressen und fürs Ende zusammen mit der Taste d die Taste 7 . Dauert ein bißchen, ich weiß. Bereitet aber Freude, nicht?)

Sicher, kitschig. Warum denn nicht? Adorno war gegen Kitsch. Dann bin ich eben gegen Adorno. Ohne Angst verschieden sein – wie war das noch gleich, Herr Wiesengrund?

Weitere Stelle: 1:14–1:54

Die erste Geige, der Konzertmeister trumpft auf. Voll mit schönen Intervallen (ich erspare Ihnen die Tastenkombis; oder: (ver-)suchen Sie es einfach selbst…). Sein beinahe kalter Blick, auch der des Kollegen dahinter. Wundert mich generell, bis ins Heute, anschaue ich mir Videos klassischer Orchester (wie sonst kann man so nah das Gesicht erblicken): hochemotional-innige Tonsignale, erstarrt-fokussiertes Äußeres. Disziplin? Ehrfurcht?

Außermusikalische Stelle, schließt direkt an: 1:55–2:07

Kinder im Publikum. Überfordert-gelangweilt, aber doch interessiert. Oder weil Mama und Papa es so wollen? Immerhin im feinen Zwirn. Die müssen jetzt um die 70 Jahre alt sein. Der bebrillte Glatzkopf bei 2:05. So sehe ich aus. Ungefähr.

Weiter mir Musik: 2:13–2:31

Der Walzer, ein 3/4-Takt. Und bei ihm kommt es an auf den Nachschlag, nicht auf die 1, nein. Zählzeit 2 und 3 sind entscheidend, ob es walzt. Und hier tut’s das ganz gewaltzig Kann man nicht notieren. Muss man können. Hören. Dann umsetzen. Das hat sowieso mit der Gesamtperformance zu tun, wie fein tänzerisch Bernstein diese Stelle dirigiert.

Eigentümlich-hinreißend garniert sodann Bernstein diese Stelle mit seinem Dirigat: 3:14–4:01

Nach dem Trommelwirbel erneut jenes nichtnotierbare Walzern. Ich führe es mir immer wieder zu Gemüte. Ist übrigens wie die Eingangsmelodie bei minimaler Tonveränderung und transponiert von Es- nach E-Dur. Fällt erst mal nicht auf. Auch mir nicht, trotz Musikstudium. Das musste ich mir erst erklimpern. Dies Unerhörte ist stets ein großer Spaß und eine Motivation für den Komponisten, durch die Tonarten zu wabern, auf die lange musikalische Strecke hin – und allein Musiker wie Komponist grienen in sich hinein. Ebenso derjenige Mitmensch, der das sogenannte absolute Gehör hat, sprich der das physikalische Signal ohne Zuhilfenahme eines Instrumentes einer Tonbezeichnung/einem Tonnamen zuordnen kann; dessen sind mehr Menschen fähig, als man gemeinhin vermutet, macht aus denen allerdings nicht automatisch gute Musiker, lehrt mich mein Musikerleben (ich selbst höre nicht absolut, sondern recht gut relativ).

Fast schon »süß« ist’s bei Minute 3:43. Man mag es als affektiert abtun. Soll mir recht sein. Ich liebe es.

Zuletzt: 5:26 bis Ende

Diese Stelle findet mein 31 Monate junger Sohn so toll, RATSCH. Später folgen noch Triangel – das zuweilen grob unterschätzte Instrument; ich nenne es den Torwart des Orchesters: macht der einen Fehler, ist’s Stück im Argen oder der Ball im eigenen, im falschen Tor – und Tamburin. Das Finale naht und kommt. Schauen Sei’s einfach bis zum Ende.

Noch zwei Anekdoten

1.: 4:11–4:22: rechts, hinten, wer geht da raus? Bzw. wer kommt zu spät? Und: warum?

2.: Entweder der zahlreichen Fortissimo geschuldet oder gewiefte Tontechniker mischten sich ein(en, kleiner Wortwitz, haha): Ich meine wahrzunehmen, dass im Auditorium niemand hustete, entgegen meiner Konzerterlebnisse: So ablenkten mich, wie infam, viel zu viele Male in der Kölner Philharmonie über-flüssige Nebenthemen vom eigentlichen Musikprogramm in Form einer Morgenstimmung unmusikalischer Note, weil Mithörer, unerklärlicherweise und unüberhörbar, den Export zelebrierten von in verstimmter Nacht angesammelter und, kennt man, fest gewordener Flüssigkeit. Die Sexten schwirren im zärtlichen Hauch, da rotzt der Nachbar ins Stofftaschentuch – und sei es aus Empörung (s. o.).

Offenbar werde ich, nein, bin ich alt und zickig geworden. Soll mir erst recht sein.

 

 

 

 

1 Kommentar zu „Schöne Stellen – ein musikalischer Ausflug in mehreren Teilen“

  1. Danke, mehr davon! (nochmal danke, ist ja angekündigt)

    1. Boulez: nee, da ist kein Rhythmus, kann man keinen hören, allenfalls serielle Andeutungen. (Ist das so richtig formuliert?) Nix für mich.
    2. Adorno: zuweilen reizvoll zu lesen, muss ihm ja nicht zustimmen. Zeitgeschichtlich geprägt, vergangen … wobei: an manchen Punkten liegt er ja richtig. Stichwort „schöne Stellen“, da ist was dran (nicht alles).

    Tipp:
    Urs Fruchtiger: Was zum Teufel ist mit der Musik los? Eine Art Musiksoziologie für Kenner und Liebhaber. 1981/1982
    Liest sich, vor allem für Liebhaber und Nicht-Experten, sehr genussvoll!

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