„Die Befreiung Palästinas endet nicht, wenn das Westjordanland befreit ist. Die Befreiung Palästinas endet dann, wenn Tel Aviv wieder in der Hand von Palästina liegt!“ (Hannah Bruns, Sprecherin der LAG Palästinasolidarität Die Linke; Kundgebung 30.08.2025)
Ein hochauflösendes Foto einer iranischen Spionagedrohne russischer Herkunft, die in großer Höhe flog, zeigte etwas Verstörendes. Auf dem Bild war ein völlig im Dunkeln liegender Landstrich an der östlichen Grenze des Mittelmeeres zu sehen. Es fiel auf, dass der dunkle Fleck die Umrisse Israels hatte. Man versuchte den israelischen UN-Botschafter zu erreichen, aber erhielt keine Antwort. Ebenso konnte man israelische Außenministerium nicht mehr kontaktieren. Die UN berief eilig eine Vollversammlung ein, zu der allerdings niemand erscheinen konnte, da der Flugverkehr zusammengebrochen war. Eilige Recherchen vor Ort bestätigten den ungeheuerlichen Verdacht: Israel existierte nicht mehr, die Juden existierten nicht mehr. Tel Aviv hatte sich zum Lost Place verwandelt, Haifa war entvölkert, das jüdische, armenische und christliche Viertel in der Jerusalemer Altstadt unbewohnt. In Beer Sheva nahm die Negev Wüste bereits wieder Besitz von der Stadt und im Hafen von Ashdod dümpelten Schiffe vor sich hin, die nicht mehr beladen wurden. Die israelischen Autobahnen waren verwaist. Das israelische Militär war nicht mehr existent.
Als man nun offiziell bekanntgab, dass die Juden von der Erde verschwunden waren, brachen Freudentänze aus. Vor allem im nahen Osten und im Maghreb, aber auch in vielen europäischen Hauptstädten feierte man. Geschäfte jüdischer Inhaber wurden geplündert, jüdische Restaurants verwüstet. Synagogen brannten, Wohnungen von Juden wurden besetzt. Das jüdische Mahnmal in der Mitte Berlins war innerhalb von Stunden mit Parolen besprüht. Die Welle der Gewalt nahm zu. Das System des öffentlichen Nahverkehrs brach zusammen. Die Polizei kapitulierte, da die Regierung kapituliert hatte.
Weltweit kam es zum Einsturz christlicher Gotteshäuser. Im Vatikan konnte keine Kopie des alten und des neuen Testaments mehr gefunden werden, das Vatikanische Archiv war leer. Die Fresken Michelangelos im Petersdom in Rom, ebenso die Fresken in Florenz von Masaccio und Filipino Lippi, verblassten und verschwanden schließlich ganz. In sämtlichen Sakralbauten im Vatikan bildeten sich Risse, bis auch diese Bauten einstürzten.
Dann registrierte man, dass das globale Satellitensystem nicht mehr arbeitete. Mobiltelefonnetze waren von einer auf die andere Sekunde tot. Medizinische Geräte wie MRTs und Dialysegeräte versagten den Dienst, ebenso wie Herzschrittmacher und Defibrillatoren. Chemiefabriken standen still, Militärflugzeuge starteten nicht, Flugzeugträger trieben steuerlos durch die Weltmeere. Erste Fälle von Cholera, Beulenpest und Kinderlähmung traten auf und weiteten sich schnell zu einer Pandemie aus. Die eilig angeschobenen Impfkampagnen konnte nicht in Gang kommen, da es die Lager mit den entsprechenden Impfstoffen nur noch leere Räume waren.
Das Google-Hauptquartier in Mountain View, Kalifornien, war leergefegt, seine Server funktionslos. Kein KI-Programm funktionierte mehr, keine E-Mail konnte mehr versendet werden. Scanner und Streamingdienste waren tot und CDs waren nur noch silbrige Scheiben ohne Funktion.
Aus Filmen verschwanden jüdische Schauspieler, sämtliche Filme von Steven Spielberg und Billy Wilder waren nicht mehr auffindbar. Wo gestern noch Bilder von Dani Karavan, Marc Chagall und Max Liebermann in Museen hingen, blickte man nun auf leere Rahmen. Aus Bibliotheken verschwanden die Bücher von Heinrich Heine, Karl Marx, Lion Feuchtwanger, Walter Benjamin und Maxim Biller.
In Berlin stürzte das deutsche Theater in Berlin ein. Vom Haus CDU-Haus fiel das „C“ mit Getöse von der Fassade auf die Straße.
In das Gebiet des ehemaligen Israels strömten Menschen aus den Nachbarländern und eigneten sich die Hinterlassenschaften der Juden an. Das größte Heiligtum der Juden, die Klagemauer, sprengte man. Synagogen brannten auch hier, die Knesset wurde mit syrischer Artillerie zusammengeschossen. Ehemalige Staatsbürger, die keine Juden waren, wurden als Verräter abgeurteilt. Bei der Plünderung der Goldreserven der israelischen Nationalbank und der Inbesitznahme des militärischen Geräts der IDF kam es zu ersten Scharmützeln rivalisierender Gruppen, die sich schnell zu größeren Gefechten ausweiteten. Der alte Konflikt zwischen Schiiten und Sunniten flammte unerbittlich auf, da man mit dem Verschwinden der Juden und des Christentums nun keine gemeinsamen Feinde mehr hatte, die es zu bekämpfen galt. Saudi-Arabien und der Iran versuchten über ihre jeweiligen Proxys eine Entscheidung herbeizuführen. Tel Aviv und Haifa verwandelten sich in ein Trümmerfeld. Die Gärten der Bahai versanken im Granatenhagel. Die Konflikte weiteten sich schnell aus. Griechenland, seiner christlichen Orthodoxie beraubt, wurde unterworfen. Es folgte der Balkan und dann Mitteleuropa. Die Schweiz und Österreich wurden überrollt. Die chaotischen Zustände in den Städten erzeugten Flüchtlingsströme in Richtung Osten, aber Länder wie Polen, die Tschechische Republik und Ungarn schlossen ihre Grenzen. Aber auch hier war der Kitt der christlichen Religion verschwunden. Hunger grassierte, medizinische Versorgung gab es nicht mehr, Korruption bestimmte, wer noch eine Weile leben konnte. Innerhalb weniger Wochen dezimierte sich die Bevölkerung in Mittel- und Südeuropa um 40 Prozent. Warlords und Clans teilten ganze Länder unter sich auf. Es entstand ein sich ständig bewegender Krieg, dessen Fronten niemand mehr zu bestimmen vermochte.
In der deutschen Hauptstadt und in Frankreich wiederholte sich, was sich bei der Iranischen Revolution 1979 in Teheran abgespielt hatte. Die Allianz zwischen Linken und muslimischer Geistlichkeit zerbrach an ideologischen Gegensätzen, obwohl das ehemals gemeinsame Ziel, die Vergesellschaftung des Individuums, sie bis dahin zusammengeschweißt hatte. Doch nun wurde klar, dass orthodoxe Religion im Verbund mit Ideologie mächtiger ist als ihr atheistisches Gegenstück. Die Linke geriet schnell in die Defensive. Manche passten sich an, übernahmen Werte und Vorstellungen, vielleicht mehr aus Opportunismus, denn aus Überzeugung. Andere, diejenigen, die sich nicht unterordnen wollten, eliminierte man unerbittlich.
„Ich gab ihnen das Leben und sie haben sich von mir abgekehrt und sich meinem Feind angeschlossen, dem Chitan, dem elenden Balis. Mein Zorn ist groß. Wir werden sie hinter hohe Mauern zurückdrängen und alles tun, damit sie auf schrecklichste Weise sterben.“ (Boualem Sansal: 2084)
Daniel Anderson: Berufsausbildung zum Bootsbauer. Regiestudium an HFF „Konrad Wolf“ in Babelsberg. Berufsverbot als Filmregisseur in der DDR. Oberspielleiter, Autor und Schauspieler am Theater Senftenberg. Nach dem Mauerfall freier Regisseur, Autor (TV-Serie, Theater, Synchron), Schriftsteller und Musiker. Studium Vergleichende Religionswissenschaften in Bonn. Gründer und Leiter der „Theaterbrigade Berlin.“ Andersons Bücher sind im Spiegelbergverlag erschienen. Anderson lebt in Berlin und immer mal wieder in Tel Aviv.
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