Die Politikerin und Publizistin Marina Weisband veröffentlichte nach der Wahl zum Abgeordnetenhaus in Berlin ein Statement.
Frau Weisband wehrt sich als Jüdin dagegen, instrumentalisiert zu werden, um „progressive Politik“ zu verhindern. Sie zeigt auf den Vorwurf an die Partei Die Linke, sie, die Partei, sei eine Partei, in der der Antisemitismus deutlich zum ideologischen Kerngeschäft gehört. Und das ist nicht die halbe, sondern die ganze Wahrheit.
Doppelmoral 1: Israelkritik
In meinem Umfeld, Kunst und Kultur, gibt es viele Menschen, die ich tatsächlich sehr schätze, die aber mit einem fast ungehemmten Beißreflex auf den Vorwurf des Antisemitismus bei der Linken reagieren.
Da ist von einer „Kampagne,“ von konservativen und rechten Medien, Interessenvertretern der Wohnungskonzerne oder dem Feind schlechthin, der AfD, die Rede, die das orchestrieren würden. Denn, das ist das Totschlagmantra: Man müsse doch Israel kritisieren dürfen, und die Israelische Regierung sei „menschenfeindlich und rassistisch.“ Eine Erklärung oder Belege dafür bleibt man einfach schuldig. Zur Begründung werden einfach Phrasen der Hamas-Propaganda von „Genozid“ und „ethnischer Säuberung“ gedroschen, die eben nur das sind, was sie sind: Propaganda. Eine besonders perfide Spielart dieser Propaganda sind dabei Pallywoodinszenierungen von hungernden und kranken Kindern, an deren Leid Israel Schuld tragen soll. Das bringt das linke Blut richtig in Wallung und man kann seinen irrationalen Judenhass endlich ungebremst und durch moralische Überhöhung ausleben.
Es ist tatsächlich erstaunlich, dass es im Duden einen eigenen Eintrag „Israelkritik“ gibt, aber „Chinakritik,“ „Russlandkritik“ oder „Irankritik“ fehlt, ganz zu schweigen von „Massakerkritik.“ Netanyahus derzeitige Politik macht es auch mir nicht gerade leicht, die Politik seiner Regierung zu verteidigen. Vielleicht hatten und haben er und sein Kabinett aber einfach nur Pech, dass während seiner Amtszeit das Fass mit dem Massaker des 7.Oktober übergelaufen ist. Wenn Muslime andere Muslime und Christen abschlachten, wie in Syrien, im Libanon oder in Kenia und Somalia, ist die Stille bei den Linken und Grünen nahezu ohrenbetäubend. Denn Linke und Grüne fühlen sich mit der totalitären Ideologie des politischen Islam, das Individuum zu vergesellschaften, deutlich mehr verbunden, als sie es mit der Demokratie und Freiheit sind. Demokratie und Freiheit sind die eigentlichen Opponenten der Linken. Wir Juden sind dabei einfach nur die Projektionsfläche. Dass sich Links damit zu nützlichen Idioten der Islamisten machen, mag ihnen bewusst sein oder nicht, ich tendiere zu Ersterem, aber das ändert nichts am Ergebnis.
Es ist keine „progressive Politik,“ Frau Weisband, das Rad der Geschichte in Richtung VEB, Kolchose, Gulag, Gedankenkontrolle und Sprechverbote zurückdrehen oder den Weg zum Kalifat abkürzen zu wollen. Und: Solidarität mit den Menschen in Gaza ist natürlich nicht automatisch antisemitisch, Solidarität mit der Hamas, die 80% der Menschen in Gaza gewählt haben, schon.
Doppelmoral 2: Bekenntnishudelei
Erzählt man heute in Deutschland, dass man Jude ist, sieht man sich irgendwann immer mit der Gretchenfrage konfrontiert, wie man denn zum sogenannten Nahostkonflikt und besonders zur Politik der israelischen Regierung steht. Manchmal dauert es einen Moment, oft aber kommt diese Frage wie aus der Pistole geschossen. Und plötzlich sehe ich mich einer Art Gesinnungsprüfung ausgesetzt, wie ich sie noch aus dem totalitären, stalinistischen DDR-System von Stasiverhören her kenne. Ich werde für die Politik Israels in Sippenhaft genommen, nur weil ich Jude bin und das Recht für Juden auf einen eigenen Staat bedingungslos verteidige. Da ich schon bei den Stasiverhören nicht bereit war, irgendeinen ideologischen Eiertanz aufzuführen, um mich wie Winston Smith aus „1984“ von der dummdreisten Umklammerung zu lösen, bin ich es auch jetzt nicht. Ich bin nicht bereit, mich dem moralischen Hochparterre, das auf dem dünnen Fundament islamistischer Propaganda gebaut ist, zu unterwerfen. Die Reaktionen gehen von moralischer Verurteilung meines Standpunktes bis hin zur Kündigung von Freund- und Bekanntschaften. Aber damit nicht genug.
Als ich eine Lesung meines Romanmanuskripts „Frau ohne Land“ plante und dafür auf der Suche nach Veranstaltungsorten in Berlin war, wurde von einem Veranstalter die Frage an mich gerichtet, ob ich Mitglied einer jüdischen Gemeinde wäre. Auf meine Gegenfrage, was das mit meinem Text zu tun hätte, der mein Jüdischsein oder Israel weder thematisiert, noch für den Plot von irgendwelcher Relevanz ist, erhielt ich eine skurrile Antwort. Falls jemand von Links oder Muslime herausfinden würde, dass ich Jude wäre, könne man für die Sicherheit der Veranstaltung nicht garantieren, es sei denn, ich würde für die Kosten des Sicherheitsdienstes aufkommen oder, besser noch, meine Identität nicht preisgeben. Hat man jemals Muslime in Deutschland dazu aufgefordert? Natürlich nicht, und das ist auch gut so.
Es mag in allen Parteien Antisemitismus geben, Frau Weisband, wie Sie in ihrem Statement sagen. Laut einer Studie der Bertelsmann-Stiftung ist Antisemitismus bei Grünen und Linken nur ein Randproblem. Davon abgesehen, dass die Ergebnisse der Studie nichts über Methode und Konsistenz des Studienverlaufs aussagen, ist der von Links betriebene Judenhass besonders aggressiv. Denn er macht den Islamismus zum Alliierten, wie der Wahlkampf in Berlin und die Beschlüsse von Solid und der Linken in Schleswig Holstein deutlich gezeigt haben. Der linke Judenhass stellt sich in eine stalinistische Tradition der Paranoia und dient vor allem der Dämonisierung Israels.
Muslime in Deutschland dazu aufzufordern, Verantwortung für weltweite islamistische Verbrechen und für die totalitären Regime von Iran bis Marokko zu übernehmen, wird oft damit zurückgewiesen, dass das alles nichts mit dem Islam zu tun habe. Abgesehen davon, dass das Unsinn ist, ist es natürlich genau soviel Unsinn, diese Bekenntnishudelei zu fordern. Aber genau diese Bekenntnishudelei, Frau Weisband, ist, ob es Ihnen nun gefällt oder nicht, Antisemitismus. Die Vehemenz, mit der das gefordert wird, grenzt an Obsession und blendet Ursachen aus. Ein Blick ins Geschichtsbuch könnte helfen.
Reduktion und Opferkonkurenz
Die Linke ist ein gelehriger Schüler ihrer islamistischen Verbündeten, denn sie hat sich diese Islamisten und deren Taktik der Israeldämonisierung zur Blaupause erkoren, um die Wahl in Berlin zu gewinnen. Und, ja, es hat geklappt, islamistische und clankriminelle Milieus mit gnadenlosem Antisemitismus und Antikapitalismus zu mobilisieren. Geschafft hat man das durch einen wohlfeilen, obsessiven Populismus, jüdische Kultur, Tradition und Religion auf die Verdammung Israels zu reduzieren. Damit einher geht dann allerdings der Verschwörungsmythos, dass Israel die staatliche Manifestation eines unheimlichen, bösen und eliminatorischen Weltherrschers ist. Ganz in der Tradition eines marxistischen und nationalsozialistischen Antisemitismus, der „raffendes Kapital“ (Goebbels) und Judentum als deckungsgleich begreift.
Die Linke bedient sich bereitwillig der Propagandawerkzeuge auf dem Arsenal der Muslimbruderschaft und baut eine Opferkonkurenz auf. Schon das Benennen der Weltherrschaftsansprüche und Unterwerfungsfantasien des Islamismus, werden als „antimuslimischer Rassismus“ geframed. „Globalize the Intifada,“ „Death to IDF,“ „Yalla Yalla Intifada / Westbank, Palästina, Gaza“ und ähnliche Widerwärtigkeiten lassen Linke nicht nur unwidersprochen, sondern stimmen bereitwillig ein, wie auf einer Wahlkampfveranstaltung der Linken. Machen Sie sich bewusst, Frau Weisband, dass diese Parolen nichts anderes bedeuten, als einen neuerlichen Holocaust zu initiieren, Und das, Frau Weisband, ist eliminatorischer Antisemitismus von Links, auch wenn die Spitzenkandidatin versucht hat, das herunterzuspielen.
Während man in Berlin als Jude nur unter Polizeischutz öffentlich Kippa oder sichtbar einen Magen David tragen kann, werden Kopftücher bei muslimischen Frauen, mithin ein Zeichen für Geschlechterapartheid und Segregation, als „Empowerment“ und „Feminismus“ gefeiert. Während man in öffentlichen Verkehrsmitteln nur noch unter Lebensgefahr Hebräisch sprechen kann, marschieren Linke mit Islamisten bei Demonstrationen durch Berlin, auf denen gefordert wird, Juden an die Hamas auszuliefern oder gleich zu ermorden. Während „Globalize the Intifada“ als „legitimer Widerstand“ verstanden wird, nicht etwa als Aufruf zum Mord an Juden, wie er in der bis heute gültigen Charta der Hamas als Ziel ausgewiesen wird, werden bis heute die Brutalitäten des 7. Oktobers durch die Hamas an Juden als legitimer Widerstand relativiert.
Wenn das alles zum Ziel hat, Juden in Deutschland wieder unsichtbar zu machen, in letzter Konsequenz das Ziel der Nationalsozialisten zu vollenden, Juden aus Berlin und ganz Deutschland zu vertreiben, Frau Weisband, dann ist man auf dem besten Weg. Und diesen Weg baut die Partei Die Linke gerade als Autobahn aus.
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Daniel Anderson: Berufsausbildung zum Bootsbauer. Regiestudium an HFF „Konrad Wolf“ in Babelsberg. Berufsverbot als Filmregisseur in der DDR. Oberspielleiter, Autor und Schauspieler am Theater Senftenberg. Nach dem Mauerfall freier Regisseur, Autor (TV-Serie, Theater, Synchron), Schriftsteller und Musiker. Studium Vergleichende Religionswissenschaften in Bonn. Gründer und Leiter der „Theaterbrigade Berlin.“ Andersons Bücher sind im Spiegelbergverlag erschienen. https://spiegelberg-verlag.com/component/eshop/daniel-anderson. Anderson lebt in Berlin und immer mal wieder in Tel Aviv.