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Der islamische Schock

Die muslimischen Terroristen hatten die Anschläge in Deutschland vorbereitet. Damaliges Fahndungsplakat des BKA

Bis zu den Anschlägen vom 11. September 2001 ignorierten die demokratischen Strukturen in Deutschland nicht nur die Probleme der Integration der Zugewanderten, sondern auch die Gefahr des islamistischen Terrorismus. Daran hat sich bis heute wenig geändert.

Durch die Anschläge wurde Deutschland mit der Tatsache konfrontiert, dass die Täter, alles junge Männer aus islamischen Ländern, ihre mörderischen Aktionen auf dem deutschen Boden geplant und vorbereitet hatten. Augenblicklich wurde die deutsche Gesellschaft wach, die Medien stürzten sich auf das Thema. An der Basis aber, dort, wo ich mich bewegte, sowohl seitens der Deutschen als auch der Zugewanderten, nicht selten auch in den akademischen Kreisen, konnte man sogar Schadenfreude spüren: »Die Amis haben es verdient!«.

Überall kam Antiamerikanismus zum Vorschein, was mich erschütterte. Die Verschwörungstheorien waren heimtückisch wie zum Beispiel der Zweifel, ob diese Anschläge überhaupt von einer Gruppe junger Muslime verübt worden wären. Die Geheimdienste hätten das inszeniert, aus welchen Gründen auch immer.

Aus dieser Zeit stammt mein Text über die Reaktion der deutschen Öffentlichkeit auf die Terroranschläge in den USA:

»Seit ich in Deutschland bin, beobachte ich, wie sich die Muslime hier im Lande immer mehr abschotten, wie die Integration ausgeblendet wird. Es ist mir unverständlich, warum politisch-kulturelle Prominente das Problem ›Zuwanderung‹ die ganze Zeit so oberflächlich behandelten. Ab und zu stellte man fest, dass die Integration misslang, einige Recherchen bewiesen, dass die Frauen muslimischer Herkunft in dieser Zeit kaum eine Chance hatten, sich zu emanzipieren.

Der Text ist ein Auszug aus meinem Buch „Deutschland als Heimat?“

Aber aus dieser Feststellung entstanden selten die Programme, die diese Missstände wenigstens hätten reduzieren können. Ich nahm wahr, dass die Migrantinnen in Deutschland dazu verdonnert sind, nicht nur als Putzfrauen oder an den Fließbändern zu arbeiten, sondern auch, mehr oder weniger freiwillig, Tradition und Bräuche aus der alten Heimat in ihren Familien zu hüten und damit die jüngeren Generationen unter Kontrolle zu halten, die dann jede Grausamkeit solcher Umstände ertragen mussten.

Die politischen Parteien nahmen die Umwälzungen in der Gesellschaft einfach nicht ernst. Meist beriefen sie sich auf die Vielfalt der Kulturen, die man, ihrer Meinung nach, tolerieren müsse. Lange Zeit wurde gezögert, Deutschland als ein Zuwanderungsland einzustufen. So oder so agierten die politischen Parteien an der Realität vorbei und versäumten es, sich mit dieser Problematik gründlich auseinandersetzen.

Und dann geschah etwas, was niemand vorhersehen konnte: Am 11. September 2001 erschütterten die Terroranschläge in New York die ganze zivilisierte Welt, deren Vorbereitungen die Geheimdienste sowohl in Europa als auch in Amerika nicht einmal gespürt hatten. Warum nicht, das wird für immer ein Rätsel bleiben.

Abgeschottete Muslime

Danach wachte die deutsche Gesellschaft auf, entsetzt stellte man fest, dass die Planung und die Organisation der Terroranschläge in den USA teilweise in unserem Land stattgefunden hatten. Auf einmal nahm die Öffentlichkeit wahr, wie viele Muslime in Deutschland lebten und arbeiteten. Sie hatten sich aber längst in den Moscheen und den Gemeinden abgeschottet. Sehr wenige wussten Bescheid, ob die Muslime hier im Lande fundamentalistisch agierten, ob sie Deutschland als ihr Land wahrnahmen.

Nach dem schmerzlichen Aufwachen sah sich die Öffentlichkeit mit der Tatsache ›Islam in Europa‹ konfrontiert. Meines Erachtens waren die Diskussionen, die danach entflammten, wenig konstruktiv. Man behandelte dieses Thema meist wie ein rohes Ei auf der goldenen Waage der politischen Korrektheit. Die Vorsichtigen dachten, vielleicht gäbe es Fundamentalisten innerhalb der islamischen Gemeinschaft, sie sollte man nicht verärgern, lieber versuchen wir mit denen ins Gespräch kommen. Viele Redaktionen überboten sich darin, den sogenannten Korankennern ein Forum zu geben. Immer wurden dieselben Personen zu den Podiumsdiskussionen eingeladen, und die Zeitungsseiten waren mit ihren Ansichten gefüllt.

Mal belehrte uns eine junge, schick gekleidete und reichlich geschmückte Frau, wie wir uns entsprechend den Vorschriften des Islam kleiden sollten. Sie behauptete, die Musliminnen trugen ihre Kopfbedeckungen freiwillig – damals waren das noch Kopftücher, Hijabs kamen später, mit mehr Flüchtlingen aus der arabischen Welt – aus Überzeugung und Frömmigkeit.

Viele deutsche Feministinnen teilten diese Meinung, einige behaupteten, es sei viel wichtiger, was in den Köpfen sei, als das, was diese Frauen auf ihren Köpfen tragen. Ich verstand wirklich nicht, woher eine solche Einstellung kam, weil ich noch in meiner Kindheit in Bosnien gelernt habe, wie solche Kopfbedeckungen das Schicksal einer Frau bestimmten. Egal ob indoktriniert oder gehorsam, solche Frauen haben selten Mut und Kraft, selbstständig zu denken, meist handeln sie im Dienst der Familie oder des Glaubens.

Es war unvorstellbar, was man alles in dieser Zeit hören konnte. In einer Sendung predigte ein Geistlicher davon, dass eine Selbstverwirklichung von Musliminnen eine Sünde sei, weil sie nur für das Wohl ihrer Familien leben sollten. Eine junge, im Sozialbereich engagierte Kopftuchträgerin gab zu, dass es viel Gewalt gegen Frauen in den zugewanderten Familien gäbe. Sie versuche, dem Imam in der Gemeinde ans Herz zu legen, die gewalttätigen Männer bei seiner Predigt in der Moschee zu ermahnen: Man dürfe die Frauen nicht verprügeln, weil so etwas der Prophet nie getan hätte. Er hätte seine Frauen immer gut behandelt, behauptete sie.

Ich hatte niemanden, dem ich meine Meinung sagen konnte. Ich fragte mich, wo lebten diese Musliminnen? In einem streng islamischen Land, wo die Scharia herrschte, oder in einem europäischen Staat, wo alle Gesetze zur Verfügung standen, mit denen man die Rechte des Individuums schützen konnte?

Eine Frage, die bis heute ohne Antwort bleibt

Es meldeten sich auch die Stimmen zu Wort, die offenbarten, was sich Negatives in den Parallelgesellschaften abspielte: Zwangsheirat, Ehrenmorde an Schwestern und Töchtern, radikalisierte Jugendliche, Schulen des Schreckens. Daraus kann man ableiten, dass die ganze Problematik der vernachlässigten Zuwanderungspolitik teilweise bekannt war, es fehlte aber der Wille, sich mit ihr auseinanderzusetzen.«

Sobald der Schock nach den ersten islamistischen Terroranschlägen in Amerika nachgelassen hatte, konnte ich als Beobachterin feststellen, dass niemand, weder in der Politik noch in der Kultur bereit war, sich mit der Zuwanderung grundsätzlich zu befassen. Es schien, dass die Angst vor der rechten Radikalisierung der deutschen Gesellschaft, die den Hass gegen die Ausländer, besonders gegen die Muslime, zum Ausdruck brachten, viel stärker war als vor einem islamistischen Fanatismus.

Nach und nach wurde Deutschland als Zuwanderungsland eingestuft, in diesem Prozess entstand auch die Illusion: leben und leben lassen. Damit begann die deutsche Gesellschaft in die Multi-Kulti-Phase zu schlittern, in der fast alle Aktivitäten bezüglich der Integration weiterhin auf Sparflamme stattfanden. Weder die publizistischen Analysen der Zuwanderung durch Seyran Ates und Necla Kelek noch die schrecklichen islamistischen Anschläge in Frankreich, Großbritannien, Spanien, Belgien, letztendlich in Deutschland schafften es, ein Umdenken der Politik bezüglich des Crashs der Kulturen in unserem Land zu bewirken.

 

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Über Safeta Obhodjas

Die aus Bosnien stammende Schriftstellerin und frühere Journalistin Safeta Obhodjas lebt seit 1992 in Deutschland. Sie hat mehrere Bücher, Theaterstücke und Essays auf Deutsch und Bosnisch geschrieben und engagiert sich als liberale Muslimin für die Befreiung muslimischer Frauen aus der Unterdrückung durch den konservativen, fundamentalistischen Islam.

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