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Aus dem Wörterbuch des Alltagsmenschen: »Norm/normal«

KI-generiert

»Farben und Klänge gibt es in der Natur, Worte nicht« (Benn). Dazu hier in unregelmäßigen Abständen Gedanken zu deutschen Begriffen und Wörtern, gelegentlich auch Sprichwörtern. Streng unwissenschaftlich, um »auf ernsthafte Weise unernst zu sein« (Mohler).

Nach dem Begriff »Rechte« möchte ich die Reihe fortsetzen mit »Norm/normal« – sind ja artverwandt.

Die Tage zog einer am hellichten Tage »blank« in der Innenstadt – ist das (noch) normal? Läuft dies einer Norm zuwider? Norm: lat. norma, Maß, Regel, griech. approximativ gnṓmōn, Kenner, Maßstab. Demnach:

Sich in der Öffentlichkeit zu entkleiden a) ziemt sich nicht und b) verstößt gegen geltendes Recht. Das a) ist moralisch-ethisch-ästhtischer Zweifel (es war vllt. mal okay, wenn »das Blanke« nicht eine Art natürlicher Zustand war, weil Urmensch eher zu einem Nackt- denn Angekleidetsein neigte), woraus b) wurde.

Mensch setzt also die Norm, was normal (geworden) ist – zu sein hat (?). Das ist wahrlich keine große Neuigkeit. Allerdings: Wwie häufig wird dieses Adjektiv von jedermann beinahe unbedacht genutzt. Es sind da die mannigfachen Dinge im Sein, die in jedem von uns abgesunken sind. In einem drin. Is’ halt normaaal.

Fuß-Pils

Nur dass es z. B. im Nahen Süden unserer Republik in meiner Studienzeit offenbar nicht normal war, mit der Pulle Bier einfach so um die Häuser zu flanieren – teilte mir damals ein doch sichtlich beschämter Studienkollege aus Morbach mit, als wir vom Essener HbF Richtung dessen Mini-WG-Zimmer, das im rumpeligen Altenessen lag, marschierten: Ich mit Stifts-Pils-0,5l-Humpen in einer Hand, er mit gar nichts in den Händen. (Man spricht in dem Zusammenhang im Ruhrpott vom Fuß-Pils, Sie verstehen, spazieren, zu Fuß unnawex, mit Pils…)

Im Ruhrpott normal, in der Rheinland-Pfälzischen Provinz nicht. Also Normendifferenz von Metropole und Dorf? Im Essener Süden, wo die »Bonzen« wohnen (herrlich, wie sich dieser Begriff verselbstständigt hat, googeln Sie ihn), war das Fuß-Pils aber auch nicht so gern gesehen. Ergo: Klassengesellschaftsnormen?

Wein, Weib & Gesang

Wo wir schon beim Alkohol sind: Wein genießen aus stilvoll-bestieltem Weinglas: das ist dem Franzmann so was von egal. Der trinkt aus, wie sagt man, IKEA-Gläsern. Der Italiener greift da schon eher auf die umgedrehte Dünnglasglocke auf Glasstorchenbein mit Rundfuß zurück. Interessant.

Minirock: Mann, was war der verschrien. „Du N***e!“ Is’ heute normal. Und sogar so normal, dass Miniröcke von Menschen getragen werden, die in das kleine Stück Stoff kaum reinpassen, hab’ ich ganz bescheiden den Eindruck, bei den Druckstellen, die (drunter & drüber) sichtbar werden. Oder von Männern, die nicht aus Schottland, sondern aus der Christopher-Street stammen. Soll mir recht sein. Kuck ich einfach schnell weg.

Ist Operngesang normal? Nein. Ja? Ist eine Hochkunst. Besser: hoch gekünstelt. Das Pendant zum schrillen Operngeträller – will das molto presto mal so nennen, obschon ich Oper sehr schätze (Rosenkavalier, Rake’s Progress, The Turn of the Screw etc.) – ist das Gutturalisieren der Metal-Sänger, vornehmlich im Death-Metal. Sowohl bei der Oper wie beim Death-Metal sieht man sich gezwungen, das Libretto oder die Lyrics bei der Hand oder die Texte auswendig drauf zu haben. Können die Sänger schließlich auch.

Krieg und Frieden

Gibt es normale Politik? Sind Diktaturen normal, oder, um im zeitgeistigen Jargon zu schwelgen, antidemokratische Herrschaftssysteme? Sofern ich mich an die Inhalte der Geschichtsbücher erinnere, welche ich lesen musste (Schule) und wollte (privat) – eingedenk der vorvorletzten Lektüre von »Die Lehren der Geschichte: 5000 Jahre Menschheitsgeschichte auf gerade einmal 150 Seiten, verfasst von zwei der größten Vordenker unserer Zeit« (Durant) –, sieht’s normengeleitet eher so aus, dass in den letzten Jahrtausenden das Antidemokratische sich als Norm darstellte. Total(itär)e Herrschaft war normal. Na so was. Durant berichtet ferner, dass von circa 3.000 Jahre Menschheitsgeschichte (warum 3.000, das fällt mir im Moment nicht ein) nur 300 Jahre Friede obwaltete. Oops: Krieg – normal?

Sonach ist Demokratie, will sagen die gegenwärtige (Post WK II), die oder das Unnormalste, was seit Menschengeschichtsschreibung und sozusagen erst »seit neulich« (s. o., Ruhrpott-Sprech) implementiert ist. Und für uns, die wir an ihr partizipieren, normal. Nicht für alle, aber für eine signifikante Majorität – diesbezüglich rekurrieren Sie bitte spontan auf das Böckenförde-Diktum.

1 – 2 oder 3…

Einspruch: Uns? Okay: für uns Westler (einige »von uns« sind die letzten Jahre dann doch echt e-norm (haha) zickig geworden: Westler*innen, um bloß nicht zu diskriminieren). Gemeinhin knapp eine Milliarde West-Weltenbürger – von acht. Nach OECD-Norm. Sieben Milliarden Mitmenschen leben folglich irgendwie anders genormt. Ex negativo: nicht-westlich. Oder semi-westlich – wurde einst die Welt in 1., 2. und 3. Welt vernormt. Darf man diese Dreier-Norm noch artikulieren – im Westen? War es den 3.-Welt-Menschen eigentlich jemals bewusst (gemacht worden), dass die unsere eine Welt als 3. Welt-Bewohner bewohnten – bewohnen?

Wie ich es hier via »Über Unter-Haltung…« zu erläutern anstrebte: Alles, was wir tun, wir Menschen, ist menschlich. Brutalo-Relativismus. Klar. Ich vergleiche regelmäßig, als politisch Interessierter, all unser Handeln auf diesem Globus – was mir denn davon zuteil wird, welcher gefilterte Minminiausschnitt und dabei bitte nie vergessen: Wer Menschheit sagt, will betrügen. Der Vergleich bringt mich sodann zu dem Zwischenergebnis, dass die West-Norm eine ist, die ich favorisiere – eben in Relation zu den vielen anderen Normen, die sich Menschen als Maßstab setzen.

Auch wenn dem Westen eine Ideologiekonzentrationshybris innewohnen zu scheint – jawoll, meine Damen & Herren, das konnte allein der Westen –, die trotz (oder teils wegen?) aller Aufklärung so etwas wie die Schoa a) erdachte, b) ermöglichte und c) erst nach recht langem Gewährenlassen stoppte – mit tatkräftiger Hilfe nicht-westlicher Staaten, notabene.

Im Westen viel Neues…

Ein riesengroßes nichtwestliches Gebilde aus dem Osten tat sich, wie jeder weiß, beim Stoppen des gigantischen Monstrums National-Sozialismus = Schoa hervor: das der UdSSR. Bemerkenswerterweise unterwarf sich jene Ost-Diktatur den Normenkatalügen, Verzeihung, -logen eines Mannes aus dem Westen: Marx.

Kalle, der Charaktermülleimer (Danisch), der war halt so ein Großkopferter von jenen, die, seit Menschengedenken, sich jeweils die eine, und zwar die letzte Norm für Menschheit (Lügenbaron!) ausdachten. Marx’ manifeste Neuigkeiten fielen auf großflächig fruchtbaren Boden mit furchtbaren Resultaten, die hinlänglich bekannt sind – exklusive des Hinweises, meines sehr persönlichen, dass derjenige, der sich weiter auf Marx beruft, angesichts erwähnter Resultate, zuinnerst einen am Schädel haben muss. Aber jedem seine eigene Norm, der es folglich als normal begreift, im Namen einer oder der Weltendgerechtigkeit vorher 50 Millionen Menschen bestialisch opfern zu müssen.

DIN-A des Volkes

Ein leider Gottes weltbekanntes intransigentes Interjektions-Duo war auch mal normal: Heil Hitler & Sieg Heil! Seit 1945 verboten. Kinder schlagen, züchtigen, war mal normal. Nun geächtet, eine Straftat, dennoch sicher weiter teilweise irgendwo irgendwie normal. Ist denn der Miniklaps auf den Kinderpopo das gleiche – dasselbe kann er nicht sein – wie der Faustschlag ins Kindergesicht?
Ist es normal, dass manfrau das jeweilige Geschlecht wechselt? Ist zumindest ein überuntersignifikantes Phänomen, stellt der Biologe im Einklang mit dem Empiriker faktisch fest.

Überlässt man dem sichtbar Älteren wie Schwächlichen (einiges Gebrechen benötigt kein Extrawurst-Sonderzeichen im Wortinnern, um sichtbar zu sein) den eigenen Sitzplatz im ÖPNV? Ist Höflichkeit normal? Die tageszeitangepasste Grußformel, die sogar dem Fremden gegönnt wird? Ist Nächstenliebe normal?

Deutsches Institut für Normierung: Wo wären wir, wo wäre Welt (aus DIN wurde ISO) ohne diese glorreiche Norm? Ein Deutscher normiert, die Welt folgt. Ist das nicht echt crazy?

Wird hernach das als normal angesehen, was eine Mehrheit tut? Oder denkt? Sagt?

Was ist normal, werter Leser? Bitte kommentieren Sie. Danke.

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Über Axel Claudius Knappmeyer

Axel Claudius Knappmeyer, geb. 1973 in Ibbenbüren/Westf., ist Jazz-Musiker, Komponist, Lehrer, Verleger und Autor. 1993–1998 Jazzstudium an der Folkwanghochschule, Essen, freischaffendes Dasein. 2006–2008 Referendar in Düsseldorf als Quereinsteiger. Seit 2008 Studienrat für Musik und seit 2010 auch Praktische Philosophie in Mönchengladbach. 2021 Gründung eines eigenen Verlags "oea" (odi et amo) – www.oea-verlag.de. Daneben tätig als Tenorsaxophonist/Komponist – www.axel-knappmeyer.de

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