
An diesem Samstag wird wieder der deutschen Wiedervereinigung am 3. Oktober 1990 gedacht. Aber man hat den Eindruck, es ist den meisten ziemlich egal. Warum eigentlich?
Als Jugendlicher erlebte ich zum ersten Mal in Paris den 14. Juli, den Jahrestag des Sturms auf die Bastille, mit großer Militärparade und patriotischen Reden. Später auch die Nationalfeiertage in den USA, Mexiko und auf Kuba. Auch da wird jeweils an eine Revolution erinnert als Beginn der neuen Nation. Als nachkriegsgeborenem Deutschem war mir das befremdlich. Mit Nationalem und Patriotismus haben wir es nicht so, eingedenk der Nazi-Geschichte. Dabei gibt es gute Gründe, auf die deutsche Einheit und die friedliche Revolution, die dahin führte, stolz zu sein.
Bis 1990 war in der Westrepublik der 17. Juni Tag der deutschen Einheit, der Jahrestag des Arbeiteraufstands in der DDR 1953. Der wurde jedoch vor allem von „Revanchisten“ begangen, wie ich als junger Mensch dachte, Konservativen wie mein Vater, ehemaliger Wehrmachtsoffizier, die von einer Wiedervereinigung auch mit den früheren deutschen „Ostgebieten“ träumten, nicht nur „Mitteldeutschlands“, der Sowjetisch Besetzten Zone (SBZ).
In der DDR hatte die SED das Bekenntnis zur Einheit aus der Becher-Hymne und auch sonst getilgt. Nichts sollte mehr daran erinnern, dass der Freiheitsgedanke Grenzen überwinden kann.
Einheit als revolutionäre Idee
Dabei war der Wunsch nach Einheit, der sich in der seit 1990 gesamtdeutschen Hymne „Einigkeit und Recht und Freiheit“ ausdrückt, im 19. Jahrhundert ursprünglich revolutionär und keineswegs nationalistisch. Denn er richtete sich gegen die Fürstenherrschaft in den deutschen Kleinstaaten. Er stand deshalb für Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit, wie in Frankreich und den USA, den ersten demokratischen Staaten. Versinnbildlicht in den Farben Schwarz-Rot-Gold.
Bismarck machte diese Freiheitsforderung jedoch zunichte, indem er 1871 nach der gewaltsamen Restauration der monarchistischen Autokratien und dem Sieg im Krieg gegen Frankreich in Versaille die deutsche Einheit als Kaiserreich ausrief – gegen die Republikaner, die Franzosen und die anderen europäischen Nationen. Das wirkt bis heute fort.
Auf das 1918 gestürzte Kaiserreich folgte nach der Zwischenphase der Weimarer Republik das Dritte Reich, die Hitler-Diktatur. Nach deren Ende wollten die „besseren Deutschen“ nichts mehr von Einheit wissen. Die deutsche Teilung, die zugleich auch die Teilung Europas bedeutete, schien auch mir die gerechte Strafe für all die Verbrechen, die deutsche Nationalisten angerichtet hatten.
Plötzlich wieder auf der Tagesordnung
Aber dann begann in der DDR 1989 der Aufstand gegen die SED-Diktatur. Und auf einmal stand sehr in Frage, ob und warum es noch zwei deutsche Staaten geben sollte, zumal die kommunistische Zwangherrschaft auch in anderen Ländern Mittel- und Osteuropas bröckelte. Als sich der revolutionäre Slogan „Wir sind das Volk“ bei den Demonstrationen im zerfallenden SED-Staat jedoch in den Ruf wandelte „Wir sind ein Volk“, wurde vielen im Westen ganz blümerant. Erhebt sich da der alte schreckliche deutsche Nationalismus?, fragten sich viele sorgenvoll, auch in den westeuropäischen Hauptstädten.
„Alle reden von der Einheit, wir reden vom Wetter“, plakatierten die Grünen (weshalb sie bei der ersten gesamtdeutschen Wahl 1990 aus dem Bundestag flogen). Auch in der SPD wollten der Vorsitzende Oskar Lafontaine und andere nichts von Wiedervereinigung wissen. Selbst Helmut Kohl, bald darauf Kanzler der Einheit, reagierte zunächst zurückhaltend und sprach in seinem Zehn-Punkte-Plan von einer Konföderation, nicht von nationaler Einheit.
Doch Geschichte lässt sich nicht aufhalten. Die Mauer fiel unter dem Druck der Ereignisse. Am 23. August 1990 beschloss die frei gewählte Volkskammer gegen Bonner Willen in einer nächtlichen Sitzung den Beitritt. Am 3. Oktober folgte der formelle Akt.
Ein friedliches Fest
Ich war an dem Abend als Reporter dabei, als vor dem Berliner Reichstag und am Bradenburger Tor die deutsche Flagge gehisst wurde und eine riesige Menge zusammen mit Kohl, Genscher und Willy Brandt die deutsche Einheitshymne sang. Es hatte für mich und wohl viele überhaupt nichts Nationalistisches, nicht einmal Patriotisches. Es war ein friedliches Freudenfest. So wie Brandt gesagt hatte: „Es kommt zusammen, was zusammen gehört.“
Das ist ein gefühlte Ewigkeit her, mehr als die 36 Jahre. Heute scheint Deutschland wieder sehr geteilt, nicht nur zwischen Ost und West. Gerade deshalb wäre es angebracht, an den Geist von damals zu erinnern. Grenzen friedlich zu überwinden, nicht gewaltsam, wie es Putin-Russsland unternimmt, und Unterdrückung zu beseitigen, damit Menschen und Völker friedlich zusammen leben können: Das sind nicht bloß Feiertagsreden. Das ist gelebte Einheit. In ganz Europa.
Nationalisten wollen zurück in die alte Zeit, die AfD und ihre ungeistigen Schwestern und Brüder in anderen europäischen Ländern. Auch Linksextreme versuchen wieder zu spalten. Man darf ihnen nicht das Feld überlassen. Der 3. Oktober erinnert an das Gegenteil. Lasst ihn uns feiern.