
Die allsommerlichen Hitzewellen und die zunehmende Trockenheit machen uns klar: Das Klima verändert sich. Was wir nicht verinnerlicht haben: Wir müssen uns mit ihm verändern. Al Gore, ehemaliger US-amerikanischer Präsidentschaftskandidat, prägte bereits 2007 den Satz: „Die Erde hat Fieber – und das Fieber steigt.“ Wir fiebern längst mit.
Forscher weisen seit Langem darauf hin: Zur „Mitigation“, also der Begrenzung und Abmilderung des Klimawandels – vor allem durch weniger CO₂-Emissionen – muss die „Adaption“ hinzukommen: die Anpassung an jene Folgen, die schon spürbar sind.
Zu warm, zu trocken, zu extrem
Extremwetterlagen dürfen uns nicht nur erschrecken; sie müssen Ansporn sein. Das 1,5-Grad-Ziel als Leitmotiv des Pariser Klimaabkommens ist in weite Ferne gerückt, zugleich drohen Kippunkte mit unumkehrbaren Folgen.
Besonders deutlich zeigt sich die Entwicklung am Wasser. Wasser ist nicht alles – aber ohne Wasser ist alles nichts. Es gibt ein zu viel, wenn Starkregen oder der Meeresspiegelanstieg Lebensräume bedrohen und zerstören können. Aber das zu wenig ist ebenso problematisch, wenn Hitze und Dürren im globalen Süden die Ernten bedrohen und sich Wüsten ausbreiten.
Gerät die Verteilung von Wasser aus dem Gleichgewicht, sind die Folgen fatal. Jeder vierte Erdenbürger hat laut der UN heute keinen Zugang zu sauberem Trinkwasser. Millionen Menschen werden in die Flucht getrieben. Kriege um Wasser sind keine Vision apokalyptischer Untergangs-Blockbuster mehr. Die Zukunft der Menschheit wird davon abhängen, wie sie mit diesem Element umgeht.
Lösungen aus den Laboren unserer Zeit
Sollen wir nun aufgeben, angesichts Wassermangels und Erderwärmung – mit all ihren Folgen? Besser wäre, wenn Politik und Wirtschaft entschlossen reagierten – aber auch die Forschung sollte Lösungen anbieten. Resignation und Panik helfen nicht. Gute Ansätze sind da; wir müssen sie aber konsequent um- und einsetzen. Dann können wir das Fieber in den Griff bekommen!
Zum Beispiel mit erneuerbaren Energien. Afrika verfügt hier über ein enormes Potenzial: Rund 60 Prozent der besten Solarressourcen befinden sich dort, dennoch deckt der Kontinent nur etwa 1 Prozent der weltweiten Solarenergie ab. Das ist bitter, weil die afrikanischen Staaten Strom exportieren und damit neue Einnahmen erschließen könnten und gleichzeitig unabhängiger würden von der zunehmend gekürzten Entwicklungshilfe. Es bräuchte eine ebenso große Initiative wie bei den Nordseeanrainern in Europa bezüglich der Offshore-Windenergie, die sprichwörtlichen Rückenwind hat.
Gleichzeitig müssen wir Menschen uns weltweit an bereits unvermeidbare Folgen des Klimawandels anpassen. Investitionen in eine klimaresistente Infrastruktur, intelligenter Hochwasserschutz und nachhaltige Landwirtschaft, dazu die Regeneration unserer Wälder sind genauso wichtig wie die Reduzierung von Emissionen.
Neue Städte braucht das Land
Wie eng Klimaschutz, Anpassung und Wasser zusammenhängen, zeigt unser Konsum. Für die Produktion eines einzigen Fast-Food-Menüs müssen laut WWF 6000 Liter Wasser aufgewendet werden. Ein Kilo Avocado braucht bis zur Ernte bis zu 2000 Liter. 70 Prozent des weltweiten Süßwasserverbrauchs entfallen auf die Landwirtschaft.
Und es ist nicht nur jenes Konsumfeld: Die Herstellung einer einzigen handelsüblichen Bluejeans verbraucht etwa 7.500 bis 10.000 Liter Wasser. Ein erheblicher Teil davon entfällt auf den Anbau der Baumwolle, denn die Pflanzen müssen in trockenen Regionen intensiv bewässert werden.
Wir haben einen globalen Wassertransport von Süd nach Nord – und das, obwohl der globale Süden schon längst zu trocken ist.
Was im Globalen Kontext zum Wasser gilt, wird in den Städten der Industrienationen ganz konkret. Sie können einen wichtigen Beitrag leisten, indem sie mehr Grünflächen, Parks und Bäume schaffen sowie Dächer und Fassaden begrünen. Schweden und Norwegen etwa haben bei begrünten Dächern eine jahrhundertelange Tradition – von so einem Wissen kann die ganze Welt profitieren. Wenn diese Häuser dann zugleich besser gedämmt und ressourcenschonend geheizt werden, ist viel gewonnen.
Außerdem sollten Raumplaner das Schwammstadt-Prinzip umsetzen: Durchlässige Flächen, Wasserspeicher und begrünte Bereiche können Starkregen und Überschwemmungen besser ausgleichen.
Visionen fürs Wetter – mit Digitalen Zwillingen
Damit solche Entscheidungen nicht nur gut gemeint, sondern gut begründet sind, brauchen wir Daten. Unbestreitbar ist: Wir werden den Klimawandel nur bewältigen, wenn wir Entscheidungen auf eine wissenschaftliche und sozio-technische Grundlage stellen. Genau hier können Digitale Zwillinge komplexer Systeme ein Gamechanger sein – daran forschen auch wir am Helmholtz-Zentrum Hereon und kooperieren weltweit mit Wissenschaft, Wirtschaft und Zivilgesellschaft.
Digitale Zwillinge ermöglichen es, Systeme wie eine ganze Stadt virtuell abzubilden und den Impact von Maßnahmen zu simulieren, bevor sie umgesetzt werden. Städte können so testen, wo mehr Bäume die größte Kühlwirkung entfalten, welche Dächer sich für Solaranlagen oder Begrünung eignen und wie neue Radwege den Verkehr beeinflussen. Sie können sichtbar machen, welche Wohnviertel bei Hitzewellen belastet sind oder wo bei Starkregen Überschwemmung droht.
Das Prinzip der Digitalen Zwillinge reicht über die Grenzen einer Stadt hinaus – zum Beispiel bis zu den Weltmeeren. Wie verstehen wir unsere Ozean- und Küstensysteme? Wie können wir sie digital abbilden und Entwicklungen projizieren? Und wie beantworten wir auch ganz andere Fragen der Resilienz. Etwa, wie neue Materialien die Welt fit für das Klima der Zukunft machen, gleichzeitig nachhaltiger in ihrem Lebenszyklus werden.
Von Klimamaßnahmen über das Wasser als Lebensgrundlage bis hin zu den Werkzeugen der urbanen Planung: Bessere Entscheidungen sind weltweit wichtig für Stadt und Land der Zukunft. Und damit für die Menschen, die dort leben.
Wir können das Fieber der Erde senken!
Weitere Informationen: www.hereon.de
Weitere Beiträge: The Transatlantic Ledger – Decoding Politics Across the Atlantic