
Der Wechsel an der Spitze der ukrainischen Streitkräfte ist mehr als eine Personalrochade. Er könnte das Verhältnis zwischen Armee und politischer Führung grundlegend verändern.
In den vergangenen anderthalb Monaten hat sich die militärische Führung der Ukraine stärker verändert als in den zwei Jahren zuvor. Der Oberbefehlshaber der Streitkräfte und der Generalstabschef wurden ausgetauscht, das Heer erhielt einen neuen Kommandeur, auch auf weniger sichtbaren, aber wichtigen Posten kam es zu Wechseln. Gleichzeitig werden die Streitkräfte für unbemannte Systeme unter dem Drohnen-Kommandanten Robert Browdi, Kampfname „Madjar“, massiv ausgebaut.
Jede dieser Entscheidungen für sich ließe sich als normale Personalrotation einer Armee im Krieg erklären. In ihrer Gesamtheit ergeben sie ein anderes Bild. In den ukrainischen Streitkräften scheint nicht nur eine Generation von Kommandeuren abgelöst zu werden. Es geht auch um eine neue Führungskultur und letztlich um eine andere Vorstellung davon, wie sich ein Krieg gegen einen materiell und personell überlegenen Gegner führen lässt. Und möglicherweise verändert sich noch etwas Grundsätzlicheres: das Verhältnis zwischen Armee und politischer Macht.
Im Sommer brach ein Konflikt zwischen Verteidigungsminister Mychajlo Fedorow und dem Oberbefehlshaber der ukrainischen Streitkräfte, Oleksandr Syrskyj, offen aus. Später bestätigte auch Präsident Wolodymyr Selenskyj die Schwere der Auseinandersetzungen. Hinter dem persönlichen Streit standen unterschiedliche Vorstellungen davon, wie die ukrainische Armee geführt und weiterentwickelt werden sollte.
Syrskyj, Absolvent der Moskauer Höheren Militärkommandoschule, gehört noch zur sowjetischen militärischen Tradition. Nachdem er im Februar 2024 Walerij Saluschnyj als Oberbefehlshaber abgelöst hatte, warfen ihm ukrainische Journalisten und Militärs immer wieder vor, zu dieser Führungskultur zurückzukehren. In der Debatte tauchte erneut ein bitterer Satz auf: Eine „kleine Sowjetarmee“ könne keine große Sowjetarmee besiegen. Gemeint waren eine rigide Zentralisierung, die Einschränkung von Eigeninitiative und eine Befehlskette, in der Entscheidungen möglichst weit oben getroffen werden.
Fedorow kam aus einer anderen Welt. Bevor er Verteidigungsminister wurde, war er für die digitale Transformation des Landes verantwortlich. Im Militär setzte er auf Drohnensysteme, Digitalisierung der Führung, schnellere Entwicklung und Beschaffung von Waffen, weniger Bürokratie und die rasche Übernahme von Lösungen, die unmittelbar an der Front entstanden.
Für die Ukraine ist dieser Streit existenziell. Russland verfügt über deutlich größere personelle und industrielle Ressourcen. Technologie wird deshalb für Kyjiw zunehmend vom Vorteil zur Überlebensbedingung.
Zunächst schien der Konflikt mit einem Sieg des „sowjetischen Generals“ Syrskyj zu enden: Fedorow verlor sein Amt. Doch der Sieg hielt nur kurz. Die Entlassung des populären Ministers löste Proteste in der Bevölkerung und Kritik aus dem Militär aus. Wenige Tage später musste auch Syrskyj gehen. Neuer Oberbefehlshaber wurde Mychajlo Drapatyj. Die Reformrichtung, für die Fedorow stand, scheint damit überlebt zu haben. Die „sowjetischen“ Führungsmethoden könnten dagegen gemeinsam mit Syrskyj verschwunden sein.
Die „Generation 2014“
Drapatyj wird häufig der neuen Generation ukrainischer Generäle zugerechnet. Dabei geht es weniger um sein Alter als um seine militärische Biografie. 2014 waren die ukrainischen Streitkräfte in weiten Teilen noch eine postsowjetische Armee: chronisch unterfinanziert und auf einen großen Krieg kaum vorbereitet. Die neue ukrainische Armee entstand erst im Kampf gegen Russland.
Drapatyj war damals Major und führte ein Bataillon der 72. mechanisierten Brigade. Berühmt wurde ein Video aus Mariupol: Ein gepanzertes Fahrzeug unter seinem Kommando rast über eine feindliche Barrikade und öffnet der nachfolgenden Kolonne den Weg. Später musste sich sein Verband nahe der russischen Grenze nach Artillerieangriffen aus einer faktischen Einkesselung befreien.
Danach führte Drapatyj die 58. motorisierte Infanteriebrigade. Nach Beginn der russischen Großinvasion 2022 war er an Operationen im Süden und an der Befreiung des westlichen Teils des Gebiets Cherson beteiligt, später führte er operative Verbände, das Heer und die Vereinigten Kräfte. Fast seine gesamte Laufbahn als höherer Offizier entstand nicht in Friedensstäben, sondern im Krieg. Das ist die „Generation 2014“.
Zu ihr gehört auch Walerij Saluschnyj, der die ukrainischen Streitkräfte während der ersten beiden Jahre der russischen Großinvasion führte. Im Februar 2024 entließ Selenskyj den außerordentlich populären Oberbefehlshaber nach einem langen Konflikt über die Strategie des Krieges. Später wurde Saluschnyj ukrainischer Botschafter in Großbritannien.
Drapatyj schlicht als „Mann Saluschnyjs“ zu bezeichnen, wäre übertrieben. Es gibt keine ausreichenden Belege für die Existenz einer organisierten Personalgruppe des früheren Oberbefehlshabers. Entscheidender ist etwas anderes: Beide gehören derselben professionellen Kultur an und teilen ein ähnliches Verständnis des modernen Krieges.
Nach seiner Entlassung entwickelte Saluschnyj seine Vorstellung eines neuen technologischen Krieges systematisch weiter. Er war wohl der erste Oberbefehlshaber einer großen Armee, der auf Grundlage der Erfahrungen eines umfassenden Krieges des 21. Jahrhunderts eine geschlossene Konzeption technologischer Kriegführung als Alternative zum klassischen Abnutzungskrieg formulierte. Ihre Logik ist einfach: Die Ukraine kann Russland nicht besiegen, indem sie versucht, die russische Armee in kleinerem Maßstab zu kopieren. Die Antwort müssen unbemannte Systeme, Robotik, digitalisierte Führung, künstliche Intelligenz und eine möglichst enge Verbindung von Aufklärung und Wirkung sein.
Saluschnyj formulierte die Konzeption. Fedorow versuchte, dafür die technologische und organisatorische Infrastruktur zu schaffen. Drapatyj bekommt nun die Chance, daraus den Alltag militärischer Führung zu machen. Dafür braucht es keine informelle „Saluschnyj-Gruppe“. Wichtiger ist die Existenz einer militärischen Schule. Bemerkenswert war jedenfalls, wie Saluschnyj auf die Ernennung des neuen Oberbefehlshabers reagierte: Seine öffentliche Botschaft an Drapatyj fiel deutlich herzlicher aus als eine übliche protokollarische Gratulation.
Das Recht, die eigene Mannschaft zu wählen
Eine der ersten Entscheidungen nach Drapatyjs Ernennung betraf den Generalstab. Neuer Generalstabschef wurde Generalmajor Ihor Skybjuk, zuvor Kommandeur der ukrainischen Luftsturmtruppen. Drapatyj und Skybjuk hatten bereits 2022 bei der Befreiung des Gebiets Cherson zusammengearbeitet. Der neue Oberbefehlshaber bezeichnete Skybjuk ausdrücklich als Mitglied seines Teams und dankte dem Präsidenten für die Unterstützung bei dieser Personalentscheidung.
Die Umbesetzungen gingen schnell weiter. Oleksandr Hrusewytsch, Stabschef des Heeres und in ukrainischen Quellen dem Umfeld Syrskyjs zugerechnet, verlor seinen Posten. Drapatyj hatte bereits in seiner früheren Funktion vergeblich versucht, ihn abzulösen. Den bisherigen Kommandeur der Logistiktruppen, Wolodymyr Karpenko, ersetzte der 41-jährige Jurij Pohrebnyj, der schon unter Drapatyj in der 58. Brigade gedient hatte. Das sind keine spektakulären Namen für die internationale Öffentlichkeit. Gerade deshalb sind sie interessant. Es geht nicht mehr um einzelne öffentlichkeitswirksame Ernennungen, sondern um den Arbeitsmechanismus der Armee.
Besonders aufschlussreich ist die Ernennung von Swjatoslaw Sajets zum Kommandeur des Heeres. 2014 führte Sajets eine Aufklärungskompanie der 25. Luftlandebrigade, die während der russischen Besetzung der Krim auf der Halbinsel eingeschlossen wurde. Während zahlreiche ukrainische Einheiten Waffen und Fahrzeuge zurücklassen mussten, weigerte sich Sajets, seine Einheit zu entwaffnen. Seine Soldaten bereiteten ihre Fahrzeuge für den Fall eines russischen Zugriffs zur Zerstörung vor und verließen die Krim schließlich mit Waffen und gepanzerten Fahrzeugen.
Die Episode ist weniger als Heldengeschichte interessant denn als Beispiel für eine Eigenschaft, die viele Kommandeure der „Generation 2014“ prägt: selbst zu entscheiden, wenn die Befehlskette nicht funktioniert. Zwölf Jahre später führt Drapatyj die ukrainischen Streitkräfte, Sajets das Heer.
Auch die Karriere von Robert Browdi, „Madjar“, passt kaum zum klassischen Bild eines Generals. Als Gründer eines der erfolgreichsten ukrainischen Drohnenverbände wurde er bekannt; heute kommandiert er die Streitkräfte für unbemannte Systeme. Sein Aufstieg steht für die Institutionalisierung von Erfahrungen, die in der ukrainischen Armee von unten, unmittelbar auf dem Schlachtfeld entstanden sind. Drapatyj, Skybjuk, Sajets und Browdi bilden nicht zwangsläufig eine gemeinsame Gruppe. Aber sie gehören zu einer Armee, deren professionelle Kultur in zwölf Jahren Krieg entstanden ist.
Noch deutlicher wird der Umbau durch zwei neue große Truppengruppierungen im Donbas. Sie bündeln mehrere Verbände auf entscheidenden Frontabschnitten. Geführt werden sie von Andrij Bilezkyj, dem Kommandeur des 3. Armeekorps, und Denys Prokopenko, Kampfname „Redis“, dem Kommandeur des 1. Korps der Nationalgarde „Asow“ und bekannt als einer der Kommandeure der Verteidigung von Mariupol und Asowstal. Offiziell handelt es sich um Truppengruppierungen, nicht um „Fronten“. Funktional ist die Veränderung dennoch erheblich: Die operative Führung mehrerer Korps auf wichtigen Abschnitten wird eigenen Kommandeuren übertragen. Der Oberbefehlshaber muss nicht mehr jeden Frontabschnitt unmittelbar führen.
Auch die Auswahl der beiden Männer ist bemerkenswert. Bilezkyj und Prokopenko waren im Sommer als mögliche Nachfolger Syrskyjs gehandelt worden. Nach Drapatyjs Ernennung wurden potenzielle Konkurrenten also nicht an den Rand gedrängt. Sie erhielten im Gegenteil erheblich mehr Verantwortung.
Besonders Bilezkyj ist politisch interessant. Der Gründer der ursprünglichen „Asow“-Einheit, frühere Parlamentsabgeordnete, Gründer der 3. Sturmbrigade und heutige Kommandeur des 3. Armeekorps besitzt nicht nur militärisches Ansehen, sondern eine eigene politische Biografie. In einem System, das unabhängige militärische Machtzentren fürchtet, müsste eine solche Figur eigentlich Misstrauen hervorrufen. Stattdessen wurde ihm einer der wichtigsten Abschnitte der Ostfront anvertraut. Die neue Personalpolitik scheint militärische Leistungsfähigkeit höher zu gewichten als die politische Kontrollierbarkeit eines Kommandeurs.
Gleichzeitig übernahm Emil Ischkulow das 11. Armeekorps, Walerij Skred das 19. Korps. Es geht also nicht nur um neue Namen. Drapatyj versucht offenbar, operative Verantwortung an erfahrene Frontkommandeure zu delegieren und den Oberbefehlshaber vom Mikromanagement zu entlasten, damit dieser sich auf die strategische Ebene konzentrieren kann. Das wäre das Gegenteil einer der häufigsten Vorwürfe gegen Syrskyj.
Nach der Ernennung Bilezkyjs und Prokopenkos bezeichnete „Madjar“ die Entwicklung als Schritt hin zu einer netzwerkzentrierten Kriegführung und zu „Smart War“. Der Begriff verbindet die Personalreform mit der technologischen Transformation: Ein moderner Krieg braucht nicht nur Drohnen und digitale Systeme. Er braucht auch eine Führungsstruktur, in der Informationen und Initiative breiter verteilt sind als in einer traditionellen starren Hierarchie.
Wer entscheidet über die Generäle?
Am 10. August erklärte Selenskyj, Drapatyj habe ihm gemeinsam mit Generalstabschef Skybjuk und Verteidigungsminister Jewhen Chmara seine Vorstellungen über weitere Personalveränderungen vorgelegt. Ein Teil der Entscheidungen sei bereits vorbereitet, weitere sollten folgen. Verfassungsrechtlich ist daran nichts ungewöhnlich. Die Ukraine unterstellt ihre Streitkräfte weiterhin ziviler Kontrolle, und der Präsident behält seine gesetzlich vorgesehenen Personalbefugnisse. Politisch jedoch ist die Formulierung bemerkenswert.
Die Entlassung Saluschnyjs 2024 war nicht einfach der Austausch eines Oberbefehlshabers. Sie war Teil eines wesentlich umfassenderen Machtmodells, das sich um Selenskyj und den damaligen Chef seines Präsidialamtes, Andrij Jermak, gebildet hatte: Entscheidungen konzentrierten sich zunehmend im Machtzentrum des Präsidenten, während institutionelle Eigenständigkeit eher als politisches Risiko denn als notwendiger Bestandteil funktionierender Staatsführung betrachtet wurde. Mit Saluschnyj verloren auch die meisten Mitglieder seines Führungsteams ihre Posten.
Formell ist das Präsidialamt ein Hilfsorgan des Präsidenten. Unter Jermak entwickelte es sich faktisch zu einem parallelen, von der ukrainischen Verfassung nicht vorgesehenen Macht- und Steuerungszentrum des Staates. Über Jermaks Stellvertreter Oleh Tatarow gewann die Bankowa informellen Einfluss auf erhebliche Teile der Strafverfolgungs- und Sicherheitsapparate. Nach Recherchen der Financial Times reichte Jermaks Einfluss sogar bis in einzelne operative militärische Entscheidungen. Als bekanntestes Beispiel galt die politische Entscheidung, die Verteidigung Bachmuts fortzusetzen, obwohl Teile der militärischen Führung einen Rückzug vorgeschlagen hatten.
Nach Saluschnyjs Entlassung wurde die militärische Hierarchie damit zunehmend nicht nur auf den Präsidenten, sondern auch auf dessen Apparat ausgerichtet. Es wäre zu einfach, die heutige Wende allein mit Jermaks Ausscheiden zu erklären. Doch mit ihm verschwand aus dem Machtzentrum des Präsidenten der Mann, der beim Aufbau des früheren, extrem zentralisierten Modells eine Schlüsselrolle gespielt hatte.
Betrachtet man die Jahre 2024 bis 2026 als zusammenhängenden Prozess, ergibt sich ein bemerkenswertes Bild. Nach Saluschnyjs Entlassung verfügte die Präsidialmacht über eine deutlich leichter kontrollierbare militärische Hierarchie. Zwei Jahre später scheint die Personalinitiative wieder stärker von der Armee selbst auszugehen. Und auf Schlüsselpositionen gelangen ausgerechnet Kommandeure, die eigenes Ansehen, professionelle Autorität und die Fähigkeit besitzen, unabhängig vom politischen Zentrum Entscheidungen zu treffen.
Das politische Problem einer solchen Eigenständigkeit liegt auf der Hand. Während die Ukrainer vielen staatlichen Institutionen kritisch gegenüberstehen, liegt das Vertrauen in die Streitkräfte 2026 weiterhin bei mehr als 90 Prozent. Die Armee besitzt damit eine eigene gesellschaftliche Legitimität, die nicht vom Ansehen des Präsidenten abhängt. Saluschnyjs Beispiel hat bereits gezeigt, dass ein populärer Oberbefehlshaber zu einem eigenständigen Zentrum gesellschaftlicher Autorität werden kann, ohne überhaupt Politik zu betreiben.
Personalkontrolle hat zudem eine materielle Dimension: Geld. Waffen, Munition, Drohnen, Kommunikation, Befestigungen, Reparaturen und Logistik verschlingen gewaltige Summen. Wer Einfluss auf die Struktur einer Armee besitzt, hat zwangsläufig auch Einfluss auf die Verteilung dieser Ressourcen. Doch ein großer Krieg setzt der politischen Kontrolle Grenzen. Spätestens dann, wenn die Kosten ineffizienter Entscheidungen höher werden als der politische Nutzen der Kontrolle.
Es gibt keine ausreichenden Belege dafür, dass eine bestimmte Person Selenskyj gezwungen hätte, dem Militär mehr Eigenständigkeit einzuräumen. Wahrscheinlicher ist das Zusammenwirken mehrerer Faktoren: der öffentliche Druck nach Fedorows Entlassung, eine über Jahre des Krieges entstandene Schicht von Kommandeuren mit eigener militärischer Autorität und schließlich Russland selbst. Moskaus Überlegenheit an Menschen zwingt die Ukraine, nach einer technologischeren und dezentraleren Form der Kriegführung zu suchen.
Selenskyj könnte schließlich zu dem Schluss gekommen sein, dass der politische Preis weiteren Widerstands gegen diese Entwicklung zu hoch geworden war. Sollte das zutreffen, bedeutet es weder eine Machtübergabe an die Armee noch die Gefahr einer Militärherrschaft. Nicht die politische Macht der Armee wächst, sondern ihre institutionelle Autonomie.
Die Rückkehr der ukrainischen Armee
Für die westlichen Verbündeten der Ukraine mögen die Namen neuer ukrainischer Generäle wie Details einer internen Personalpolitik wirken. Tatsächlich geht es um eine grundsätzlichere Frage: Kann die Ukraine ihre seit 2014 gesammelten Kampferfahrungen in ein militärisches System verwandeln, das Russlands Überlegenheit an Menschen und Material ausgleichen kann?
Die ersten Entscheidungen Drapatyjs deuten darauf hin, dass ein solcher Umbau begonnen hat. Zugleich scheint die politische Führung dem professionellen Militär deutlich mehr Spielraum zu lassen als in den beiden vergangenen Jahren. Jedes einzelne dieser Ereignisse lässt sich für sich erklären. Ihre Gesamtheit als Zufall zu erklären, fällt erheblich schwerer.
Das bedeutet noch nicht, dass Selenskyjs Macht zu Ende geht oder an die Generäle übergeht. Es könnte aber bedeuten, dass der Präsident nicht mehr über dieselbe Freiheit verfügt, in die professionelle Führung der Streitkräfte einzugreifen, die er nach Saluschnyjs Entlassung besaß. Das Paradoxe daran: Weniger Kontrolle durch den Präsidenten könnte in diesem Fall einen stärkeren ukrainischen Staat bedeuten.
Saluschnyj hat wiederholt argumentiert, dass die Ukraine Russland nicht mit den Methoden des Krieges von gestern besiegen könne. Sie brauche eine Armee, die schneller lernt als ihr Gegner, neue Technologien schneller einsetzt, menschliche Masse durch Maschinen ersetzt und jenen mehr Initiative überlässt, die das moderne Schlachtfeld unmittelbar verstehen.
Vielleicht braucht es für die Umsetzung dieser Konzeption Saluschnyj selbst gar nicht – zumindest vorerst. In die entscheidenden Kommandopositionen rücken Männer seiner Generation und jener militärischen Schule auf, zu deren wichtigsten Vordenkern er geworden ist.
2024 veränderte der Präsident die Armee des Landes. 2026 könnte der Krieg den Präsidenten gezwungen haben, die Armee sich selbst verändern zu lassen.
Boris Nemirovski ist Politikwissenschaftler und Journalist aus der Ukraine