
Timo Gerke, früher Schornsteinfeger, leitet als Unabhängiger eine Samtgemeinde aus sechs Dörfern bei Hamburg. Vor den Kommunalwahlen in Niedersachsen am Sonntag kämpft er dagegen, dass die AfD in den Gemeinderat einzieht. Und für seine Wiederwahl.
Timo Gerke ist ein Mann der Tat. Wenn ihn etwas lockt oder wenn ihn etwas ärgert, fackelt er nicht lange, wie er selbst sagt. 2001 bekam er das Angebot, einen Kehrbezirk im Alten Land westlich von Hamburg zu übernehmen. Er musste zwar erst mal nachschauen, wo das liegt, zog dann aber kurz entschlossen in das Dorf Hollern-Twielenfleth an der Elbe, mitten in einem großen Obstanbaugebiet. Und kam schnell unter die Leute. „Als Schornsteinfeger bekommt man viel mit, man ist ja überall in den Häusern. Vieles lag da im Argen“, erzählt er. Und weil er sich schon an seinem früheren Wohnort Uelzen bei der Freiwilligen Feuerwehr und im Schützenverein engagiert hatte und er nicht zu den „Meckerpötten“ gehören wollte, beschloss er: „Gehste in die Politik.“
Da er aber nicht in eine Partei wollte, kandidierte er 2006 für die Freien Wähler für den Rat der Gemeinde und wurde fünf Jahre später zum ehrenamtlichen Bürgermeister des Dorfs gewählt. Er schob eine Reihe von Projekte an: ein Feriendorf mit 40.000 Übernachtungen pro Jahr und mit dem Pastor der evangelischen Gemeinde ein Projekt für altersgerechtes Wohnen auf dem Land. „So bekamen wir Zuzug in die freiwerdenden Häuser, ohne Obstbäume abholzen zu müssen.“
Vom Bürgermeister der Samtgemeinde Lühe, zu dem das Dorf neben fünf anderen gehört, erhielt er jedoch keine Unterstützung. Deshalb überredeten ihn Bürger, selbst für das Amt zu kandidieren. Ohne Wahlkampf und ohne Partei im Rücken gewann er 2021 die Wahl in dem konservativen Landstrich gegen den Amtsinhaber, ein CDU-Urgestein, mit 60 Prozent, als erster Nicht-CDU-Mann. „Mit Hasnain Kazim, einem Autor aus unserem Dorf, dessen Eltern aus Pakistan kamen, habe ich eine Lesung am Strand gemacht. Mit dem Pastor war ich im NDR-Fernsehen, und mit der Altländer Tracht bei der Grünen Woche.“ Das überzeugte offenbar die Mehrheit der knapp 10.000 Bewohner, von denen viele ihn sowieso als Kaminfeger kannten.
Für Klimaschutz und gegen Rassismus
Seitdem setzt er sich zusammen mit den anderen Kommunen im Alten Land für Klimaschutz ein, für den Erhalt des kommunalen Freibads und gegen die Abwertung von Menschen. Deshalb ließ er sich mit einem Plakat „Kein Ort für Rassismus“ fotografieren. Das brachte ihm prompt Dienstaufsichtsbeschwerden der AfD und der CDU ein, weil er gegen seine Neutralitätspflicht als Verwaltungschef verstoßen habe. Die Beschwerden wurden jedoch von der Kommunalaufsicht abgelehnt. „Ich hatte ja keine Partei genannt.“ Weil ein schwuler Mitarbeiter der Gemeinde, den er eingestellt hatte, angefeindet wurde, zog er 2025 mit einem Truck zum Christopher Street Day in Hamburg, wieder zum Missfallen der AfD, die ankündigte, mit ihr werde es so etwas nicht mehr geben, und der CDU. Aber auch davon lässt er sich nicht beirren.
„Ich will niemanden ausgrenzen. Nicht alle AfD-Wähler sind Nazis“, sagt Gerke. „Aber sie wählen Nazis.“ Solche klaren Worten haben ihm Morddrohungen eingebracht. „Die standen schon vor meiner Tür.“ Aber klein beizugeben ist seine Sache nicht. „Wenn wir nicht mehr für die Demokratie einstehen, haben wir verloren“, sagt er in seinem Amtszimmer, neben ihm eine 74jährige „Oma gegen rechts“, die ihn unterstützt und vor dem Rathaus gegen die rechtsextreme Partei demonstriert.
Der Bürgermeister ist stolz darauf, dass die AfD bei der Europa- und Bundestagswahl in seiner Samtgemeinde die wenigsten Stimmen im ganzen Landkreis bekam. Vor seiner Wahl saß sie im Gemeinderat. Aber weil sie keinen einzigen Antrag zu örtlichen Themen einbrachte und die Lokalzeitung deshalb konsequent nicht über sie berichtete, flog sie 2021 raus. Nun aber fürchtet er, dass sie bei den Kommunalwahlen wieder in den Gemeinderat kommt. Gegen ihn kandidiert ein neuer CDU-Mann mit harten Bandagen. Der kreidet ihm an, dass er keine Verwaltungsausbildung hat. „Dabei hat er selbst auch keine.“
Gerke macht auch jetzt keinen Wahlkampf. Seine Erfolge sollen für ihn sprechen. Die drei örtlichen Grundschulen wurden zu Ganztagsschulen ausgebaut, die Verwaltung hat er bürgernäher gestaltet, der Nahverkehr verbessert, wie er auf einem Flyer auflistet.
Wenn er abgewählt wird, will sich der 60Jährige dennoch weiter für die Gemeinde engagieren und sich mehr um seine großen Kinder und seine Lebensgefährtin kümmern. „In ein Loch werde nicht fallen.“ Falls er wiedergewählt wird, hat er schon einen Plan. „Dann mache ich einen CSD in unserem Freibad.“