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Rotschöpfe und Muslime

Bild: Gemini nach Prompts von A.P.

Ich lese mit großem Gewinn Justus Benders Buch „Deutschland 2033“. Der Vizechef der Politikredaktion der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“ schildert darin, wie 100 Jahre nach Hitlers Machtantritt eine rechtsextreme Partei die Regierung in Deutschland übernimmt, wie es dazu kommen konnte, und was dann passiert.

Hin und wieder allerdings reizt mich das Buch zum Widerspruch. So entwickelt Bender auf den Seiten 49 bis 52 ein Gedankenspiel, in dem es darum geht, dass die AfD Vorurteile gegen Rothaarige schürt. „Niemand muss Rothaarige mögen, niemand muss neben einem Rothaarigen niemand muss rothaarige Freunde haben. Das ist im Alltagsleben legitim. Erst wenn ein staatliches Handeln davon abgeleitet wird, beginnen die Probleme. Eine Partei, die offen gegen Rothaarige hetzt, bedroht den Staat in seiner wichtigsten Funktion: die Gleichheit aller Staatsbürger vor dem Gesetz zu sichern.“ So Bender (S.55).

Und nun die real existierende AfD. Bender zitiert das Grundsatzprogramm der Partei: „Der Islam gehört nicht zu Deutschland. In seiner Ausbreitung und in der Präsenz einer ständig wachsenden Zahl von Muslimen sieht die AfD eine große Gefahr für unseren Staat, unsere Gesellschaft und unsere Werteordnung.“ Bender dazu:

„Eine Partei also, die Anhänger einer bestimmten Religionsgruppe als Gefahr für unsere Gesellschaft sieht. Die damit sagt, dass unsere Gesellschaft nicht deren Gesellschaft ist (…). Die sagt, dass die Gefahr, die von diesen Muslimen ausgeht, allein durch ihre ‚Präsenz‘ besteht. (…) Weil sie existieren. Wer diese Gefahr abwenden will, müsste die Präsenz dieser deutschen Muslime beenden (…). Und wer ein politisches Amt übernimmt und schwört, das deutsche Volk zu schützen, und dann nichts tut gegen die Präsenz dieser Gefahr, der verrät das Volk …“ (S. 25f.)

Ich will nicht bestreiten, dass die inkriminierte Passage so gelesen werden kann, vielleicht so gelesen werden soll oder auch so gelesen werden soll. Aber zunächst gilt es, genau zu lesen. Die AfD sagt nicht, dass allein die Präsenz deutscher Muslime oder von Muslimen in Deutschland den Staat gefährdet. Sie sagt, dass die Ausbreitung des Islam und die „Präsenz einer ständig wachsenden Zahl von Muslimen“ eine Gefahr seien.

Darüber kann man sich empören. Aber man kann auch fragen, ab wann etwa Juden in diesem Land das Gefühl hätten, hier nicht mehr sicher zu sein: bei 50 Prozent Muslime? 40 Prozent? 30 Prozent? Wie geht es Ihnen, die Sie das hier lesen? Sie sind keine Rassistin, klar. Sie meinen, jede soll nach ihrer Fasson selig werden. Aber ab wann hätten Sie das Gefühl, sie gehörten nicht zu Deutschland? Fühlen Sie sich auf der Sonnenallee in Berlin-Neukölln manchmal unwohl? Weichen Sie, wenn es dunkel ist, einer Gruppe muslimischer Männer aus? Nur, weil es Männer sind? Also: bei wie vielen Sonnenalleen wäre für Sie Schluss? Wo liegt bei Ihnen die Grenze der „Ausbreitung“?

Gegenwärtig sind 8 bis 8,5% der Bevölkerung muslimisch. Laut Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) haben die Stadtstaaten Bremen und Hamburg mit 12,5 – 13,2 Prozent den höchsten prozentualen Wert, dicht gefolgt von Hessen und Nordrhein-Westfalen. Die wenigsten muslimischen Menschen proportional zur Bevölkerung hat Sachsen mit einem Anteil von 0,9 bis 1,0 Prozent.

Fühlen sich die nicht-muslimischen – etwa jüdischen oder schwulen – Menschen in den stark von Muslimen geprägten Stadtteilen von Hamburg und Bremen wohl? Haben die Menschen in Sachsen das Recht zu sagen, dass sie es erst gar nicht so weit kommen lassen wollen wie in Hessen oder NRW, geschweige denn wie in den besagten Stadtstaaten? Und eine Partei zu wählen, die ihnen verspricht, dafür zu sorgen, egal wie unappetitlich sie ist?

Haben umgekehrt muslimische Bürger das Recht, eine muslimische Partei zu wählen, die sich für Gebetsräume in Schulen, eine Verschleierungspflicht für Schülerinnen und Lehrerinnen in überwiegend muslimischen Klassen und Veränderungen im Curriculum einsetzt, dergestalt etwa, dass Israels Gründung als illegitim dargestellt wird – oder werden darf? Klar haben sie das, und was passiert, wenn sie das tun?

Kann man ernsthaft bezweifeln, dass die Israelkritik der Linken und des BSW auch mit dem Kalkül erfolgt, muslimische Wähler zu erreichen? Müssen Juden in Deutschland damit halt leben, dass sie mit 0,25 Prozent der Bevölkerung als Klientel für alle deutschen Parteien weniger wichtig sind als die Muslime?

Gehört der Islam wirklich zu Deutschland, wie Bundespräsident Christian Wulff 2010 behauptete? Oder muss das nicht vielmehr eine Forderung an den Islam sein, dass er deutschlandkompatibel werde, also kompatibel mit jenem Westen, zu dem Deutschland gehört und weiterhin gehören will, wie es die Katholische Kirche in der Folge des Kulturkampfs im 19. Jahrhundert und schließlich im 20. Jahrhundert durch das Vaticanum II wurde?

Das sind Fragen, die ich ungern stelle. Aber, um auf den Ausgangspunkt zurückzukommen: der Islam ist kein Körpermerkmal wie rotes Haar (oder eine schwarze Haut). Er ist eine Ideologie mit absolutem Wahrheitsanspruch, wie jede Religion. Man wird zwar als Moslem geboren, weil die Eltern das so bestimmen; aber niemand wird gezwungen, Moslem zu bleiben.

Oder doch? Doch. Die Apostasie wird im Islam mit dem Tod bestraft, und wo diese Strafe nicht vollstreckt wird, mit dem sozialen Tod. Auch in Deutschland. Ja, letzteres war auch im Katholizismus noch in den 1950er und 1960er Jahren der Fall. Aber es ist weitgehend nicht mehr der Fall, selbst in Bayern nicht. Doch als es in Bayern der Fall war, galt das als Problem: das „katholische Mädchen vom Lande“ galt Georg Picht 1964 als Inbegriff der deutschen „Bildungskatastrophe“.

60 Jahre später haben wir wieder eine Bildungskatastrophe: darf man sagen, dass muslimische Jungen aus den Problembezirken der Großstädte maßgeblichen Anteil daran haben? Welchen Sinn würde es machen, deren Zahl, deren „Präsenz“ in deutschen Klassenzimmern zu vergrößern? Wäre ein muslimischer Bevölkerungsanteil von 25 Prozent in Hamburg noch bildungspolitisch verkraftbar? Wie wäre es mit einem Rothaarigen-Prozentsatz von 50 Prozent? Eben. Letzteres wäre kein Problem.

Noch einmal also für alle Nichtrassisten, zu denen ich mich zähle: Wo wäre die rote Linie zu ziehen: bei einer Verdoppelung der Zahl der Muslime auf an die 20 Prozent? Bei 30 Prozent? Und wenn man sich einig ist, dass man den hier lebenden Muslimen nicht verbieten kann, Kinder zu bekommen, was folgt daraus für die Zuwanderung? Wie die „Zeit“ am 30. November berichtete, hat das „Pew Research Center“ errechnet, dass der Anteil der Muslime in Deutschland im Jahr 2050 ohne Migration bei neun Prozent läge. Ein Niveau, das 2025 schon erreicht wurde. „Sollte die Zuwanderung auf dem Niveau der Jahre 2014 bis 2016 bleiben, wären es dagegen 20 Prozent.“

Darf man das bewerten? Darf man sagen, dass 40 Prozent AfD-Wähler in Sachsen-Anhalt durch ihre „Präsenz“ und möglich „wachsende Präsenz“ in anderen Bundesländern eine Gefahr bedeuten, aber nicht als Partei und als Regierung sagen, dass eine Begrenzung des Anteils von Muslimen wünschenswert wäre?

Muslime mit rothaarigen zu vergleichen, wie es Justus Bender tut, ist jedenfalls blauäugig. Kein Moslem würde das tun.

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