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Die Gewalt und ihre Erklärer

Das Rathaus von Limoges während der Ausschreitungen am 17. Oktober 2026. Foto: Lucas Destrem, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons

In Frankreich brennt es wieder. Die Erklärungen sind vertraut: Armut, Ausgrenzung, Perspektivlosigkeit. Doch wie viel Verantwortung bleibt dem Einzelnen, wenn seine Lebensverhältnisse alles erklären und entschuldigen sollen?

In Limoges brannte das Rathaus. In Paris wurden Geschäfte geplündert und Autos angezündet, mehr als 2.000 Menschen festgenommen. Begonnen hatte es mit Forderungen, die kaum jemand für abwegig hält: bessere Schulen, mehr Lehrer, Preise und Mieten, die man bezahlen kann. Hunderttausende demonstrierten friedlich. Ein kleinerer Teil nutzte die Lage, um zu plündern und sich mit der Polizei zu schlagen. Aber warum?

Die Deutungen kamen so zuverlässig wie die Bilder. Ungleichheit, Frust, fehlende Perspektiven, das zerrüttete Verhältnis zur Polizei. Deutsche Kommentatoren erinnerten an 1789, und weil in Marseille beim Angriff auf das Rathaus „C’est la révolution!“ gerufen worden sein soll, lag der Vergleich nahe. Frankreich eben, wo das Volk gern auf die Barrikaden geht.

Das ist hübsch erzählt, hält aber keiner Prüfung stand. Wer einen Elektronikmarkt ausräumt, stürmt keine Bastille. Und wer für bessere Schulen demonstriert und danach eine Schule anzündet, hat sein Anliegen selbst widerlegt. Uns fehlen keine Erklärungen für diese Gewalt. Wir haben uns an eine bestimmte Sorte so gewöhnt, dass wir nach anderen kaum noch fragen.

Was die Forscher fanden

Frankreich hat Übung mit solchen Nächten. 2005 brannten wochenlang Autos in den Banlieues. Im Sommer 2023 erschoss ein Polizist bei einer Verkehrskontrolle den 17-jährigen Nahel, danach brannte es landesweit: rund 12.000 Fahrzeuge, etwa 2.500 beschädigte Gebäude, darunter viele Schulen. Nahels Tod war ein Skandal, und über Polizeigewalt muss geredet werden. Er erklärt allerdings nicht, warum die Wut ausgerechnet Klassenzimmer traf und die Kleinwagen von Nachbarn, die selbst wenig besitzen.

Im Juni 2026 erschien eine große Studie des Forschungszentrums CESDIP, beauftragt von mehreren Ministerien. Die Autoren werteten Verwaltungsdaten aus und führten knapp 120 Interviews in acht Städten. Ihre Deutung steckt schon im Titel: Émeutes de la misère, Revolten des Elends. Die Krawalle ballten sich in Gemeinden mit besonders großen sozialen Problemen, und die Forscher interpretierten sie auch als Protest gegen Missstände vor Ort.

Wer weiterliest, stößt auf anderes. Jugendliche, für die die Nacht zum Wettkampf wurde, Gruppe gegen Gruppe, gefilmt im Stil von „Grand Theft Auto“. Plünderungen, deren Beute weiterverkauft wurde. In einer der untersuchten Städte griff man zuerst die Polizei an. Als mehr Beamte kamen, verlegte man sich aufs Plündern, am Ende blieben Diebstahl und Sachbeschädigung. Das sieht nicht nach blinder Verzweiflung aus. Das sieht nach Menschen aus, die Gelegenheiten erkennen und nutzen.
Die Autoren verschweigen das nicht. Trotzdem verdichten sie ihre Ergebnisse zur Formel von den „Revolten des Elends“. Aus vielen, oft banalen Motiven wird eine große gesellschaftliche Erzählung.

Ein Befund, zwei Fragen

Der Zusammenhang zwischen der sozialen Benachteiligung einer Gemeinde und der Häufigkeit der Krawalle ist real. Er beantwortet nur eine andere Frage als die, um die es eigentlich geht. Er erklärt, wo es brennt. Warum ein bestimmter Achtzehnjähriger einen Brandsatz wirft, erklärt er nicht. Hinzu kommt, dass die Forscher für den qualitativen Teil nicht mit Tätern sprachen, sondern mit Menschen aus deren Umfeld. Das ist legitim, heißt aber, dass die Motive zu einem guten Teil von Dritten nacherzählt werden.

Der französische Senat setzte 2024 in seinem Bericht andere Akzente: Opportunismus, Gruppendynamik, oft überhaupt kein politisches Anliegen. Aufschlussreich ist, wie verschieden dieselben Nächte aussehen, je nachdem, wer hinschaut. Wer Sozialstrukturen untersucht, findet Sozialstrukturen. Wer Straftaten untersucht, findet Täter und Tatgelegenheiten. Schwierig wird es, wenn eine Perspektive für die ganze Wahrheit gehalten wird.

Viele Sozialwissenschaften neigen dazu, Menschen als Ergebnis ihrer Verhältnisse zu beschreiben, schon weil sich Verhältnisse messen und politisch bearbeiten lassen. Der Einzelne, der eine Entscheidung trifft, ist als Variable unhandlich.

Ich leide, also bin ich

Der französische Philosoph Pascal Bruckner beschäftigt sich in seinem 2024 erschienenen Buch Je souffre donc je suis, auf Deutsch Die Gesellschaft der Opfer, mit einer solchen Denkweise. Bruckner beobachtet eine Kultur, in der Leid moralische Autorität verleiht. Wer Benachteiligung geltend machen kann, verlangt nicht nur Hilfe, sondern unter Umständen auch Nachsicht im Urteil.

Echte Opfer gibt es, daran zweifelt niemand. Interessant ist, was geschieht, wenn erlittenes Unrecht zur Identität wird. Bei den Krawallen erscheint der Jugendliche, der ein Geschäft plündert, zuerst als Angehöriger einer benachteiligten Gruppe und erst danach als Täter. Seine Gewalt wird verurteilt, und im nächsten Satz folgt die Erklärung, die ihn wieder entlastet. Zugespitzt lautet die Botschaft: Eure Wut ist berechtigt, ihr habt es diesmal nur etwas übertrieben. Rechenschaft schuldet in dieser Lesart vor allem die Gesellschaft. Die Ladenbesitzerin, deren Geschäft ausgeräumt wurde, und der Pendler, dessen Auto angesteckt wurde, kommen darin kaum vor.

Eine Metaanalyse von 103 wissenschaftlichen Arbeiten zeigt, dass exklusive kollektive Opferüberzeugungen häufig mit feindseligeren Einstellungen einhergehen. Gemeint ist eine Haltung, bei der das Leiden der eigenen Gruppe im Mittelpunkt steht, während das anderer kaum Beachtung findet. Das erklärt noch keine französischen Krawalle. Es spricht aber gegen die bequeme Annahme, eine immer wieder bestätigte Opferrolle würde Konflikte besänftigen.

Armut allein macht nicht kriminell

#Auch der scheinbar sichere Zusammenhang zwischen Armut und Gewalt ist wackliger, als man meint. In einer schwedischen Studie mit mehr als einer halben Million Menschen hatten Kinder aus den ärmsten Familien ein fast siebenfach erhöhtes Risiko, später wegen Gewalttaten verurteilt zu werden. Als die Forscher Geschwister miteinander verglichen, verschwand der statistische Einkommenseffekt. Eine finnische Untersuchung kam zu einem ähnlichen Ergebnis. Bedeutungslos ist Armut damit nicht. Aber sie erklärt offenbar weit weniger, als der bloße Vergleich armer und reicher Familien vermuten lässt.

Viel interessanter wäre doch die umgekehrte Frage: Warum wird die große Mehrheit armer Menschen nie straffällig? Welche Rolle spielen familiäre Bindungen, soziale Normen, Selbstbeherrschung oder schlicht der Ehrgeiz, es anders zu machen als die Eltern? Wer das ernst nimmt, wird sich mit dem Ruf nach höheren Sozialausgaben allein kaum zufriedengeben. Und er würde Millionen gesetzestreuer Geringverdiener von dem stillen Verdacht befreien, sie seien nur eine schlechte Woche von der Plünderung entfernt.

Verantwortung ist kein Luxusgut

Die große Mehrheit der Franzosen verurteilt die Gewalt, und die politische Debatte dort ist vielstimmiger, als sie von außen wirkt. Diese Art des Denkens ist keineswegs auf Frankreich beschränkt. Auch anderswo neigt man dazu, unerwünschtes Verhalten bevorzugt aus den Umständen zu erklären. Das ist meist gut gemeint. Wer Menschen aus der Armut holen will, sucht nach dem, was sie festhält. Am Ende steht dann leicht ein Menschenbild, in dem der Einzelne kaum noch handelt, sondern nur reagiert. Man will Menschen befreien und traut ihnen nicht zu, frei zu entscheiden.

Verantwortung ist kein Privileg der Bessergestellten, sie gehört zur gleichen Würde. Auch in den Banlieues gelten dieselben Rechte und Pflichten wie überall in der Republik. Wer gegen Diskriminierung kämpft, muss deshalb keine Plünderungen entschuldigen. Und wer Polizeigewalt kritisiert, darf von Jugendlichen erwarten, dass sie keine Polizisten angreifen.

Frankreichs Krawalle haben viele Ursachen. Sie haben auch Täter. Menschen, die vielleicht unter schlechteren Bedingungen aufgewachsen sind als andere, aber dennoch selbst entschieden haben, was sie tun. Wer sie vor allem als Opfer ihrer Verhältnisse betrachtet, spricht ihnen diese Verantwortung ab. Er hält sie im Grunde für unmündig. Mit Respekt hat das wenig zu tun.

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