
Moskaus Macht über seinen Außenposten DDR bis 1989 war keineswegs nur über seine militärische Macht zu erklären. Klar – die Eliten der DDR in Politik, Militär und Verwaltung waren zugleich Eliten des Moskauer Imperiums. Sie hatten Russisch zu können, um mitzureden. Russisch war die Kommandosprache der Luftstreitkräfte der Nationalen Volksarmee, der Aufklärung und der Flotte. Ab dem Dienstgrad eines Hauptmanns der Nationalen Volksarmee war ein Studium (auf Russisch) an der sowjetischen Militärakademie angesagt, wenn es in der Karriere weiter gehen sollte. Und intelligente und ehrgeizige Menschen wollen, dass es „weiter geht“.
Die Macht eines Imperiums ist zuallererst wirtschaftliche Macht
Aber weil die wirtschaftliche Macht eines Imperiums die Grundlage aller Macht ist (und das Moskauer Imperium über seine wirtschaftliche Misere zusammenbrach), war Russisch auch Handelssprache im Sowjetimperium.
Kenntnisse des Russischen waren Geschäftsgrundlage der Wirtschaftseliten der DDR, der Direktoren der Volkseigenen Betriebe und Kombinate. 30.000 Eisenbahn-Waggons exportierte das Werk in Ammendorf (1950 nach Halle/Saale eingemeindet) von 1948 bis 1999 in die Sowjetunion bzw. nach Russland. In solchen lag ich in der sowjetischen Staatsbahn herum.

Bild oben: 1989, Februar, Transsibirische Eisenbahn, Blick aus dem letzten Waggon
Von Moskau bis zum Japanischen Meer.
Im Gegenzug verkaufte die Sowjetunion nicht nur Öl und Gas. Georgische oder usbekische Baumwolle, also Baumwolle aus diesen Sozialistischen Sowjetrepubliken waren die Grundlage der sächsischen Textilindustrie. Verrechnet in „Transfer-Rubel“.
Ab dem 1. Januar 1990 stellte die (noch immer existierende) Sowjetunion allen Export auf Dollar und auf Weltmarktpreise um. Und die Regierung Modrow und dann auch die Regierung de Maiziere in Ostberlin hatte keine Dollar. Bis zum 1. Juli 1990, der Währungsunion, auch keine Deutsche Mark, die in Dollar hätten konvertiert werden können.
Dieses war eines der Probleme der ostdeutschen Wirtschaft nach 1990: Die Verflechtungen im Außenhandel waren zerrissen. Das Netz musste entweder in die Tonne geworfen oder neu geknüpft werden.
Wieviel war zerrissen?
Als ich 1993 das Büro des Deutschen Industrie- und Handelskammertages zu meiner Wahlstation in der Referendarausbildung des Juristen wählte, war es noch ganz offizielle Wirtschaftspolitik der Regierung Kohl, den Faden nach Moskau nicht reißen zu lassen, gegebenenfalls neu zu spinnen.
Der (FDP-)Wirtschaftsminister Günter Rexrodt hielt den Russlandhandel gar für das Allheilmittel für die am Boden liegende ostdeutsche Wirtschaft.
Warum hatte ich überhaupt diese Wahlstation in St. Petersburg gewählt?
Einfach erklärt: An der Tübinger Juristenfakultät begegnete mir von Seiten von Professoren das Vorurteil, nicht nur die Eliten aus der DDR sprächen fließend und fehlerfrei russisch. Mancher glaubte auch, dies träfe sogar für den gelernten DDR-Gemüsegärtner Bodo Walther zu. Und ich dachte bis 1989, bis zum „Mauerfall“:
„Gut Bodo, machst‘e halt dieses draus.“
Auf dem Russlandhandel lagen auch schon vor 1989 im Westen große Hoffnungen. Die wurden dann mit dem Wegfall des staatlichen Außenhandelsmonopols in der Sowjertunion schon unter Gorbatschow und schrittweise ab 1986 immer größer.
Warum waren dann nach dem Zerfall der Sowjetunion 1992 die Hoffnungen der deutschen Wirtschaft auf Moskau gerichtet, nicht auf Kiew? Auf den anderen Staat der „Rus“?
Na, weil das Pro-Kopf-Bruttoinlandsprodukt in Russland im Durchschnitt auch heute noch etwa dreimal so hoch ist wie in der Ukraine.
Einiges Wenige haben die Wirtschaftseliten der einstigen DDR „wieder hinbekommen“ im Russlandhandel. Und ihre Kenntnisse und „Affinitäten“ habe sogar einen Generationenwechsel überlebt.
Bis eben zum „Ukraine-Krieg“.
Der „Ukraine-Krieg“ bedeutet eben nicht nur andere Öl- und Gaspreis. Er war für nicht wenige Betriebe ein Wegfall eines ganzen Absatzmarktes. Für die Nahrungsmittelwirtschaft zum Beispiel.
Und weil den Menschen nun einmal zuallererst interessiert, wovon er sein täglich Brot verdient, finden die Rußland-Sanktionen im Osten nicht allzu viele Freunde.
@Ben Frick.
Ich stimme Ihnen im Großen und ganzen und im Ergebnis zu.
Wenn ich mal in mich selbst hinein horche, ich war 1990 so 40 Jahre, stellt sich das so dar:
„Der Iwan“ war da, man sah ihn hin und wieder eingepfercht auf der Ladefläche des LKW auf der Landstraße. In der Stadt selten als penibel schuhgeputzten Offizier.
Es gab so gut wie keine Kontakte, mithin auch keine Konflikte.
Das es die eigentlichen Machthaber waren, war schon bewusst, aber doch eher blass und hintergründig. Der gesamte Apparat lief ja auf deutsch.
Ich vermute aber, dass die Ostfrontler meiner Vorgängergeneration überproportional in den Westen gingen.
Ich hatte insgesamt 8 Jahre Russischunterricht, meistens eine 4. Dennoch kann ich so gut wie nichts mehr. Im letzten Jahr habe ich, aus lauter Überdruss, während des Unterrichts heimlich Spanisch „gelernt“.
Ein emotional näheres Verhältnis zum Russen als Menschen hat sich erst während einer Austauschreisse zum Ende meines Studiums nach Moskau, Leningrad und ins Baltikum eingestellt.
Keinerlei Resentiments gegen Deutsche, im Gegensatz zu Polen und Tschechen.
Mir wurde klar, denen geht’s so wie uns auch.
Und das ist der eigentliche Unterschied zu Westdeutschland. Wir hatten nie Angst vor dem Einmarsch der Russen. Er war ja schon da.
Als ich 1993 in Estland war, konnte noch jeder Este Russisch, wollte es aber nicht mehr können, sonderm radebrechte in einem damals noch grausamen Englisch.
Ausser …
Ausser ein Autohändler der mit sagte:
„Russisch ist für den Handel nach wie vor wichtig. St. Petersburg ist ein riesiger Absatzmarkt für uns.“
Begriffen habe ich das erst später, als die Kaufkraft in Rußland wegen der Öl- und Gasexporte stieg:
Die 5,62 Millionen Einwohner St. Petersburgs brauchen so viel Milch, Butter und Käse, so viel können Estland mit seinen 1,36 Millionen Einwohnern und Lettland mit seinen 1,83 Millionen Einwohnern nicht mal zusammen produzieren.
Und der Abbruch der Handelsbeziehungen nach Rußland ab 2014, vor allem der Totalabbruch 2022, habe Estlands Volkswirtschaft auch in eine Rezension gestürzt.
Wirtschaft und „Volksempfinden“ unterscheiden sich gewaltig voneinander.
Das war 1973 als ich in Tallin war auch schon so.
Nach ewiger Ansteherei beim Bäcker wurde ich nicht bedient. Wie sich heraus stellte, weil ich auf Russisch bestellt hatte. Erst als ich meinen Kumpel auf deutsch fragte ob die hier ein Rad abhaben, strahlten die Gesichter auf.
Abends in der Disko dito.
Trotz erkennbarer, und auf Gegenseitigkeit beruhender Zuneigung, unter gar keinen Umständen russisch reden.
Der Abend endete übrigens unnormal früh. Plötzlich hörte die Musik auf, Stille, und alle zahlten.
Grund war, von mir unbemerkt, ein gesundheitliches Problem eines anwesenden estnischen Schriftstellers.
Diese (verständliche) nationale Renitenz der Balten halte ich für einen stärkeren Schutz als die NATO.
Lieber Bodo Wather, für die Russlandaffinität der AfD und ihrer Wähler braucht man weder Kombinatsdirektoren noch russischsprachige NVA-Offiziere, die heute ohnehin überwiegend im Ruhestand oder verstorben sein dürften oder manche in der AfD, und auch keinen „Ossi“. Dafür braucht es keine DDR-Biografie.
Russlandfreundliche Einstellungen sind in Ostdeutschland traditionell stärker verbreitet, klar, und die von Ihnen beschriebenen historischen und wirtschaftlichen Verflechtungen haben dazu beigetragen. Nur überschätzen Sie deren heutige Bedeutung erheblich. Als Absatzmarkt spielte Russland unmittelbar vor dem Krieg auch für die ostdeutsche Wirtschaft nur eine sehr geringe Rolle.
Die Russlandnähe der AfD erklären diese wirtschaftshistorischen Verflechtungen jedenfalls kaum, sie findet sich schließlich ebenso in der westdeutschen AfD und ihrer Wählerschaft, von Bayern bis nach Schleswig-Holstein.
Die politische Schnittmenge mit Putins Russland liegt auf einer anderen Ebene: nationale Souveränität, Ablehnung liberaler und kosmopolitischer Gesellschaftsvorstellungen, Skepsis gegenüber EU, USA und NATO, Denken in Einflusszonen und Russland eher als legitime Gegenmacht zum Westen denn als Bedrohung.
Das führt. auch die westdeutsche Parteichefin Weidel im jüngsten Economist-Interview ziemlich anschaulich vor https://www.economist.com/insider/the-insider/an-interview-with-alice-weidel
@B.W.
… ich erinnere mich, dass die ‚DDR‘ das günstige, mit Transfer-Rubel bezahlte, sowjetische Rohöl in Raffinerien, PCK Schwedt z.B., zu Benzin und Heizöl weiterverarbeitete und dann heimlich für Devisen in den Westen exportierte, um ihre immensen Westschulden abzustottern.
Da wurde der Gen. Breschnew im Kreml richtig sauer, dass Ostberlin das billige sowjetische Öl nutzte, um im Westen ‚Kapitalisten-Geld‘ zu verdienen, anstatt die Sowjetunion direkt zu unterstützen. In der Folge kürzte Moskau ab 1981 die Lieferungen massiv. 1989 dann aus die Maus.
… tja, ‚Genossen-Affinität‘ gibt ’s immer und überall. 😉