
Dass viele im Osten AfD wählen, liegt nicht nur an Groll über die Berliner Politik und die etablieten Parteien, Fremdenfeindlichkeit oder Liebe zu Autoritären, sondern auch an DDR-Erfahrungen und den Verwerfungen seit der Einheit. Viele setzen sich aber auch zur Wehr. Ortsbesuche in Mecklenburg-Vorpommer, wo am nächsten Sonntag gewählt wird.
Für ein Meinungsforschungsinstitut war ich gerade zwei Tage in Wismar und habe dort verschiedenste Menschen interviewt. Eingefleischte Rechtsradikale waren nicht darunter. Eine ältere Frau erzählte mir, dass sie Verfahrenstechnikerin in einem Kombinat war, nach der Privatisierung Mädchen für Alles. Ihr Mann, Schweißer auf der Werft, hat sich vor vier Jahren zu Tode gesoffen. Eine private Tragödie, die sie mehr beschäftigt als die Politik und die Wahl.
1983 habe sie Erich Honecker geschrieben, weil ihre Wohnung in einem Plattenbau für sie beide und ihre beiden Kinder zu klein war, sagte die Frau. Andere Familien hätten eine größere Wohnung bekommen. Das fand sie ungerecht. Einige Wochen später habe sie eine Vorladung in die SED-Bezirksleitung bekommen. Aber statt Ärger bekamen sie kurz darauf eine bessere Wohnung. Ihre Lehre: „Man darf sich nicht alles gefallen lassen.“ So habe sie es auch gehalten, als die Vorgesetzten in ihrem privatisiereten Betrieb ihr immer neue Aufgaben übertrugen. „Da habe ich ihnen die Papiere in die Hand gedrückt und gesagt: ‚Darum müsst Ihr Euch selbst kümmern'“
Die Politik heute findet sie zu kompliziert. „Die vielen Themen und die vielen Abkürzungen. Was bedeutet denn AfD?“ Sie wusste es wirklich nicht. Als ich es ihr sagte, schüttelte sie ratlos den Kopf. „Alternative zu was?“ Ob sie die wählen wird? Ich glaube eher nicht. Eine selbstbewusste Frau, die sich erfolgreich an den Staatsratvorsitzenden der DDR gewandt hat, weil sie sich ungerecht behandelt fühlte, wird sich hoffentlich nicht neuen autoritären Kräften an den Hals werfen, die ein veraltetes Frauen- und Familienbild verfechten. Mit ihrem Leben schien sie, trotz des Tods ihres Mannes, ganz zufrieden. Zum Abschied schenkte sie mir einen Apfel aus ihrem großen Garten hinter ihrem netten Einfamilienhaus.
„Warum jammern so viele nur?“
Ein Nachbar berichtete, dass er in der DDR nicht weiter studieren durfte, als sein Vater in den Westen floh. Stattdessen habe man ihn zur Volksarmee eingezogen. „Wir hatten schon zwei Kinder und wussten nicht, wovon wir leben sollten.“ So etwas härtet ab gegen Diktatoren. Später wurde er doch noch Ingenieur. An der heutigen Politik habe er einiges auszusetzen, sagte er. Aber Radikale werde er nicht wählen.
Ein 84Jähriger erzählte mir, dass er Ingenieur für Schweißtechnik war. Nach dem Ende der DDR habe ihm der Leiter seines Kombinats wie anderen angeboten, sich mit einer eigenen Firma auszugründen. „Ich habe sofort zugesagt, obwohl ich kein Geld hatte.“ Das ehemalige Kombinat gab ihm ein Darlehen, das mit den Aufträgen verrechnet wurde. So baute er eine Firma mit 30 Mitarbeitern auf, die heute seine Tochter führt, und kaufte sich günstig ein Haus, das er renovieren ließ. Seine Frau engagiert sich in der SPD und ist im Seniorenbeirat der Stadt aktiv. Beide hoffen darauf, dass Manuela Schwesig die Wahl für die SPD gewinnt und die AfD in Schach hält. „Ist ja schlimm genug, dass sie in Sachsen-Anhalt gewonnen hat“, sagte er.
Seine 87jährige Nachbarin stemmt sich ebenfalls gegen die Blauen. Sie war erst Agrartechnikerin in einer LPG, dann Grundschullehrerin ohne Studium, „weil in der DDR Lehrer fehlten“. Vor ein paar Jahren war sie mit ihrer Tochter in Indien. „Wenn man sieht, wie Menschen in vielen anderen Ländern leben müssen, geht es uns doch ganz gut. Ich verstehe nicht, warum viele hier immer nur jammern“, meinte sie.
Nebenan in aufgefrischten Plattenbauten leben den Klingelschildern nach viele Migranten. Ein mittdreißiger Deutscher, nach der Wende geboren und Vater von vier Kindern, der dort wohnt und in der Werft arbeitet, die nun Thyssen gehört und Kriegsschiffe für die Bundesmarine baut, sagte mir, dass sie trotz der gestiegenen Preise und Mieten ganz gut klar kämen. „Aber hier sind zu viele Ausländer, die Politik kümmert sich nicht um uns.“ Er wird wohl schon eher AfD wählen.
Frust in den Dörfern

Vor einigen Wochen habe ich schon einmal in Grevesmühlen und in kleinen Dörfern im Umkreis Interviews geführt. Dort, wo die Welt stehen geblieben scheint und vieles noch an die DDR erinnert, obwohl die meisten Häuser und die Straßen renoviert sind, begegneten mir viele, die mit der AfD sympathisieren. Sie fühlen sich abgehängt, nicht anders als in ländlichen Gebieten im Westen. Ärzte gibt es in den Dörfern nicht, Schulen, Kindergärten und Geschäfte auch nicht, Busse fahren wenn überhaupt nur ein paar Mal am Tag. Perspektiven fehlen. Auf was und wen sollen sie vertrauen?
Ein älteres Ehepaar, er ehemaliger Betonbauer und Bauingenieur, sie Fachärtzin, das in einem schönen alten Haus wohnt, Mercedes vor der Tür, keine materiellen Sorgen, sagte mir, dass sie zu den ersten Corona-Demonstranten in der Landeshauptstadt Schwerin gehört hätten. Sie seien gleich verhaftet worden, man habe in ihrem Privatleben herumgeschnüffelt. „Die Pandemie gab es nicht, das war eine Erfindung der CIA“, sagte die Frau, eine Medizinerin. Er klagte über das viele Geld, „das wir in die Ukraine schicken, und Waffen.“ Nette Leute, aber völlig abgedreht.
Von anderen hörte ich ähnliches. Sind das Rechtextremisten oder Menschen, die nach den Umbrüchen der Nachwendezeit die Orientierung verloren haben und nun auf eine Partei hereinfallen, die ihnen den gleichen Unsinn erzählt und das Blaue vom Himmer herunter verspricht?

Mehrere Leute, die nach 1990 aus dem Westen dorthin gezogen sind, weil die Landschaft nahe der Ostsee so schön ist und es in den mecklenburgischen Dörfern ruhig zugeht, sagten mir, dass sie überlegen, wieder nach Westdeutschland zu gehen. Eine Frau berichtete, dass sie mit ihrem Mann vorher in einer Kleinstadt in Sachsen-Anhalt gelebt habe. „Dort war es kaum noch auszuhalten. Deshalb haben wir nach der Rente hier nahe an der Ostsee ein Haus gebaut. Aber nun breitet sich das auch hier aus. Vielleicht sollten wir wieder in unsere in Heimat im Hessischen ziehen.“
Eine einheimische Frau, Altenpflegerin, die nebenbei Bio-Obstsäfte aus eigener Ernte vertreibt, sagte mir, dass sich das blaue Gift hier schon lange ausgebreitet habe. „Aber es sind nicht alle hier so. Viele setzen sich wie ich dagegen zur Wehr. Nur dringt man kaum noch durch.“ Wegziehen will sie dennoch nicht, anders als viele junge Leute. „Das ist meine Heimat. Die gebe ich nicht auf.“
Nach den beiden Ortsbesuchen bin ich dennoch ganz zuversichtlich. Die Unzufriedenen und selbst die Schwurbler dort sind nicht alle für die Demokratie verloren. Aber man muss ihnen zuhören und darf sie nicht verdammen. Sie hatten ein schwierigeres Leben als viele im Westen. Dass viele die falschen Schlüsse daraus ziehen, muss man ihnen klar machen. Ohne sie auszugrenzen. Das hilft nur den Falschen.