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9/11 und die Befindlichkeitsshow der deutschen Journaille

Ich war am Freitag im Auto unterwegs, mit Kind & Kegel. Dabei höre ich traditionell DLF. Allerdings schalte ich sofort aus, höre ich jenes inkorrekte Ideologiekrüppeldeutsch. In der Sendung »mediasres« blieb man sprachbewusst. Ich weiß jedoch nicht, ob im Verlauf der Sendung doch noch gegendert wurde, denn aus einem ganz anderen Grunde musste ich hurtig wechseln zu WDR 3 (klassische Musik, herrlich, da wird kaum gesprochen):

Das Thema der Sendung lautete »25 Jahre nach 9/11 – Wie der Terrorakt die Live-Berichterstattung verändert hat«. Und der Terrorakt hat offenbar das Seelenleben der damals berichtenden Journalisten mehr getroffen als die Opfer des Terrors selbst.

Man kann es nicht fassen: Wickert, Will und andere, man kenntse alle, diese unseren prominenten TV-Journalisten, die litten »unfassbar« darunter, dass an jenem 11. September just SIE am Mikrofon saßen und berichten mussten, wie Menschen den Sturz in den Freitod wählten, um vor den Flammen im 89. Stock des WTC zu fliehen.

Pizza Lacrimosa diabolo

Man war den Tränen nahe. So ein Schock! Der sitzt bis heute. Schlimm, über so etwas berichten zu müssen. Das Trauma lebt bis ins Jetzt fort – wie konnte & kann man’s nur ertragen! Durchleben! Und gegen die erste Grundregel verstoßen, möglichst sachlich = emotionslos über das zu Berichtende zu sprechen.

Wie hart muss das gewesen sein, meiner Treu, in Köln, im Luxus-Bürostuhl, im edlen Studio, nachmittags, leichter Herbstsommer 2001, der Feierabend in greifbarer Nähe, und das geplante Abendessen beim Italiener, das wird ein Großereignis der Gefühle des herzerwärmenden Mitleiderfahrens durch i clienti e i camerieri, die dem zutiefst erschütterten Journalisten erst einmal eine Runde Roten aufs Haus geben, dem armen Gutverdiener – womit hat er das verdient?

Und dann, leicht angeschickert, mit dem 911er nach Hause fahren. Auf uns!

 

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Über Axel Claudius Knappmeyer

Axel Claudius Knappmeyer, geb. 1973 in Ibbenbüren/Westf., ist Jazz-Musiker, Komponist, Lehrer, Verleger und Autor. 1993–1998 Jazzstudium an der Folkwanghochschule, Essen, freischaffendes Dasein. 2006–2008 Referendar in Düsseldorf als Quereinsteiger. Seit 2008 Studienrat für Musik und seit 2010 auch Praktische Philosophie in Mönchengladbach. 2021 Gründung eines eigenen Verlags "oea" (odi et amo) – www.oea-verlag.de. Daneben tätig als Tenorsaxophonist/Komponist – www.axel-knappmeyer.de

15 Gedanken zu “9/11 und die Befindlichkeitsshow der deutschen Journaille;”

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    Weiß jetzt nicht, welche PTBS-Patienten Sie seelsorgerisch begleiten, GW.

    Meiner sicher unvollkommenen Kenntnisse als vormaliger Amtsjurist am Versorgungsamt zu Leipzig ist post-traumatic stress disorder (PTSD) eine Erinnerungslücke, mit der sich nach dem Vietnamkrieg US-Veteranen auf die Psychiater-Couch legten.

    Die jüngste und sehenswerte Staffel von FAUDA (auf Netflix) folgt dem. Der Hauptheld Doron, Agent des israelischen Inlandsgeheimdienstes Schin Bet sitzt bei der Psychiaterin in Behandlung, weil immer wieder Bilder von toten Jugendlichen sieht, aber sich an das wirkliche Geschehen nicht mehr erinnern kann.

    Wer ein Trauma (von von altgriechisch τραῦμα ‚Wunde‘) erlebte und es schildern kann, hat nämlich kein PTSD im Sinne der Definition dieser psychischen Erkrankung. Übrigens: Ein Drittel aller Menschen in Deutschland erlebt im Laufe des Lebens mindestens eine Wunde, die geeignet ist, ein post-traumatic stress disorder (PTSD) auszulösen.

    Der amerikanische Psychologe Jonathan Shy und andere fragte in den 1990er Jahren, ob diese post-traumatic stress disorder (PTSD) bei Vietnamkriegsveteranen nicht das schlechte Gewissen sei, dass sich da melde. Er entwickelte die Idee der moral injury, insbesondere im Zusammenhang mit dem Verrat an grundlegenden moralischen Erwartungen und Werten.
    Sonya B. Norman – forscht ebenfalls zu moral injury, traumabezogener Schuld und Scham. Ihr Ansatz behandelt insbesondere die Frage, wie Menschen nach einem Trauma mit dem Gefühl umgehen, gegen ihre eigenen Werte verstoßen zu haben. PPTSD VA

    Das „Krankheitsbild“ PTSB wird meiner bescheidenen Ansicht nach zu inflationär benutzt.
    Zumeist ist es die Frage:

    „Was habe ich falsch gemacht? Wie hätte ich es denn anders machen sollen.?“, das die Seele quält.

    Wenn zum Beispiel in einem Vergewaltigungsprozess sich plötzlich die Mutter des Vergewaltigungsopfers aus dem Zuschauerraum erhebt und den Angeklagten erschießt, der die Tochter vergewaltigt habe,…
    Und die vorsitzende Richterin anschließend 6 Monate dienstunfähig ist wegen Psyche und so, ….
    … dann quält die Richterin die Frage:

    „Wie hätte ich diese Selbstjustiz verhindern können?“

    Hätte sie gar nicht. Die Einlasskontrolle am Landgericht war gar nicht ihr Job.

    In der jüngsten und sehenswerten Staffel von FAUDA (auf Netflix) erinnert sich der Hauptheld Doron, Agent des israelischen Inlandsgeheimdienstes Schin Bet am Ende und fragt:

    „Sie waren alle tot und ich hatte es nicht verhindert.“

    Hätte er es überhaupt können?

    Die Serie endet mit seinem Gebet zu Gott, der ihm und Israel Gnade schenken möge.
    Und ich denke: Wirkliche Seelsorge kommt ohne diese Dimensionen gar nicht aus.
    Ist alles Firlefanz.

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      Ja, „PTBS“ bzw „PTSD“ wird inflationär benutzt, liegt aber auch daran, dass „Trauma“ und damit zusammenhängende „Belastungen“ schwer abzugrenzen sind.
      Jedes Trauma kann zu einer Belastung werden, bei Opfern (also z.B. Verletzten) sehr häufig, aber auch abgestuft bei Augenzeugen (direkt oder über ein Medium) oder Angehörigen.
      Der PTBS-Artikel auf Wikipedia ist gar nicht schlecht. Und es gibt deutlich mehr Symptome als „schlechtes Gewissen“, „Erinnerungen“ …
      Ich selbst – weil auf diesem Gebiet nicht ausreichend ausgebildet – verweise Personen, bei denen ich das vermute, an einen Supervisor oder Traumatherapeuten.

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        Lieber GW,

        in meiner Juristenbrille ging es als Beamter beim Versorgungsamt bei psychischen Störungen um den „Grad der Schädigung – GdS“, also der Schädigung der Erwerbsfähigkeit. Geschädigt durch staatliche Einwirkung, dort der Einwirkung des „SED-Unrechts“. Ein GdS von mindestend 30 (%) löst eine staatliche Versorgungsrente aus.

        In meiner Juristenbrlle ging es später als Anwalt um die geminderte Erwerbsfähigkeit, die Erwerbsunfähigkeit oder die Berufsunfähigkeit. Diese lösen eine (Versicherten-) Rente bei der DRV aus.

        Die ständige Rechtsprechung das Bundessozialgerichts sagt:

        „Wenn das Trauma nach 5 Jahren nicht verheilt ist, liegt ein Vorschaden vor. Das Trauma ist nicht überwiegende Ursache der Traumatisierung.“

        Bei der Geltendmachung von Traumatisierungen durch vor 45 Jahren erlittenes DDR-Unrecht sieht das die veröffentlichte Meinung und der Bundestag – gar nicht verblüffenderweise anders. Die DDR muss als Dämon dienen.

        – Das Ziel, infolge einer unheilbaren Macke eine Rente zu erhalten

        und

        – das Ziel, psychisch gesund zu sein oder zu werden,

        … stehen zueinander in einem Zielkonflikt. Nur eines der beiden Ziele kann der Klient anstreben.

        Weshalb auch kein Psychotherapeut eine Therapie beginnt mit einem Klienten, der sich in einem Rechtsstreit um eine Rente „deswegen“ befindet.

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        Lieber Bodo Walther,
        ja, deutsche Bürokratie und „GdS“ ist mir ein Begriff, möglich ist bei manchen Krankheiten auch eine befristete Einstufung, sollte also nicht gegen eine Therapie sprechen, aber das ist kompliziert und ein anderes Thema …
        Beste Grüße

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        Lieber Gerald Wissler,

        etwa 20 Jahre meines Lebens war ich Berufsbürokrat. Übte also die Herrschaft (griech. κράτος, krátos, „Macht“) des „bureau“ aus. Der „bureau“ wiederum ist im Französischen ein grober Wollstoff, genutzt als Schutz für die Unterlage, auf der „man“ schrieb.

        Um die Unterlage, z.B. den Esstisch, nicht mit zu vielen Tintenklecksen zu verderben. Später, als im Haus mehr Raum zur Verfügung war, war der Tisch selbst das „bureau“. Noch später dann wurde der ganze Raum so bezeichnet.

        Bürokratie ist (noch) nicht Herrschaft des Rechts.

        Aber Herrschaft des Rechts erfordert ein „bureau“.

        Vor zwei Monaten hat der Bundestag beschlossen:
        Wer vor 45 Jahren von einer „Zersetzungsmaßnahme“ der DDR betroffen war (Können Sie mir den Begriff definieren? Ich habe 2 Jahre als Bürokrat das Verwaltungsrechtliche Rehabilitierungsgesetz zu vollziehen gehabt, das diesen Begriff in § 1 a, Abs 2 Satz 3 aufwirft: https://www.gesetze-im-internet.de/vwrehag/__1a.html ), ich könnte es nicht …

        … also wer vor 45 Jahren von einer „Zersetzungsmaßnahme“ betroffen war, dessen Altersdepressionen sind von diesem Trauma per gesetzlicher Vermutung verursacht. Und eine Versorgungsrente wird fällig.

        Und das alles ist eingeführt als „Bürokratieabbau“.

        Übrigens nicht nur das, auch die Einführung des „Bürgergeldes“ lief unter Bürokratieabbau. Der Bürokrat soll nicht mehr prüfen ob der sozial Bedürftige überhaupt bedürftig ist. Welchen Vermögensumfang er besitzt.

        „Weg mit der Bürokratie!
        Her mit der Staatsknete!“

        Das ist das Ende allen Sozialrechts.

        Beste Grüße zurück

        Bodo Walther

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    PTBS ist kein Selbstmitleid … Habe beruflich zuweilen in der Seelsorge damit zu tun und weiß daher, welche Folgen das – insbesondere bei nicht angebotener oder versäumter Supervision – haben kann.

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      PTBS – bei Journalisten durchs Berichten? Oder wie? Ich weiß, dass Soldaten et al. PTBS haben – was hat das mit meiner Kritik zu tun? Nichts.

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        „PTBS – bei Journalisten durchs Berichten?“
        Möglich. Nach außen kalt bleiben müssen, innerlich verarbeiten müssen.
        Bei jedem, der eine Katastrophe miterlebt – ob direkt oder indirekt.
        Unglück Flugschau Ramstein: nicht nur Opfer, auch Zuschauer.
        Jedenfalls supervisionsbedürftig.
        Ihre Kritik ist natürlich berechtigt:
        Zuerst die Opfer, auch die der Langzeitfolgen (habe ich ja aufgeführt),
        dann die direkten Augenzeugen,
        dann alle Zuschauer einschließlich Journalisten.
        Dennoch: ignorieren, dass Gruppe 4 – wenn auch weniger betroffen – damit klar kommen muss und es zuweilen nicht kann, finde ich nicht angebracht.
        In meinem Beruf gehört es dazu: gerade eine Trauerfeier für einen 55jährigen Kollegen gehalten, nach außen die Rolle ausfüllen und funktionieren, obwohl man heulen möchte. Man lernt damit umzugehen. Journalisten wohl nicht, heute vielleicht anders …

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        Meine Schwester berichtet fat im Monatsrhytmus vom SED-Unrechtsstaat und was die Stasi da Böses in ihrer eigenen Familie tat.

        Ihren Bruder habe die Stasi drei Jahre inhaftiert.

        Sie habe davon heute noch Posttraumatische Belastungsstörungen.

        Auf diesen Mist kann man wirklich nur noch mit Sarkasmus antworten, Axel Claudius Knappmeyer.

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    9/11 war nun einmal eines der prägenden Live-Medienereignisse. Millionen Menschen sahen die Katastrophe in Echtzeit. Ansonsten halte ich fest: Gutverdiener haben sich zusammenzureißen und sollen gefälligst nicht schockiert sein. Für ihr Geld dürfen sie schließlich auch was aushalten. Wer danach noch gut isst und ein Glas Wein trinkt, macht sich endgültig verdächtig. Hinweis: „Pizza Lacrimosa diabolo“ ist kein Italienisch. Pizza lacrimosa alla diavola käme der Sache näher. Neulich hieß es bei Ihnen noch, in seliger Distanz zur Materie: „Dämonisierung der KI ist notwendig“. Nun also Journaille, Gutverdiener und sichtbare Gefühle. Im Fegefeuer wird’s enger. Früher war noch alles himmlisch: Man kam aus dem Krieg heim, schwieg und schrie höchstens mal die Familie zusammen. Zum Glück feiert die alte Schule ja gerade ihre Wiederauferstehung.

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        Eigentlich ja. Aber alla diavola ist im Italienischen eine feste Wendung für scharf zubereitete Gerichte. Es gibt zb auch pollo alla diavola.

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    Finde Ihren Sarkasmus hier unangebracht.
    Natürlich stehen an erster Stelle die Opfer. Neben denen, die direkt verstorben sind, auch die, die an Langzeitfolgen verstorben oder erkrankt sind: Krebs, Asthma, andere Atemwegserkrankungen, Reflux, Schlafapnoe, PTBS, Depressionen.
    PTBS kann auch Journalisten betreffen. Nicht alle sind so kalt, dass sie ungerührt am nächsten Tag wieder im Büro sitzen. Da hilft weder ein gutes Gehalt noch ein Glas Roter. Der Bericht, den Sie gehört haben, zeigt also eins: auch hier wäre Supervision angebracht gewesen.
    Aber man kann’s ja auch einfach unter den Teppich kehren. Und klassische Musik hören …

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      Ich bin erschüttert ob hist. Ereignisse, lese ich Augenzeugenberichte oder schaue ich mir das an, wo es um die Feuerwehrmänner des 9/11 geht, die elend krepierten oder bis heute deren Heldentum = Leiden nicht kompensiert ward: https://www.youtube.com/watch?v=_uYpDC3SRpM

      Oder geht es um die Shoa, angesichts dessen so viele Deutsche lauter rumheulen als Juden – eingedenk des Spruchs von Zvi Rix: „Auschwitz werden uns die Deutschen niemals verzeihen!“, bin ich erschüttert, wenn ich a) das mir anschaue https://www.youtube.com/results?search_query=60+minutes+the+album ober b) ich lese erneut „Kaltes Krematorium“ und „Hanns und Rudolf“.

      Das mir seit Jahrzehten andauernd begegende Selbstmitleid meiner Landsleute macht(e) mich sarkastisch. Mehr nicht. Und das soll man ertragen – oder nicht. Das ist mir schnuppe.

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