Wenn ein englischer Rabbiner mit breitem Schlapphut, Rauschebart und leuchtender Union-Jack-Krawatte durch ein sächsisches Dorf spaziert, bleiben die Uhren kurz stehen. Den Leuten fällt sprichwörtlich die Kinnlade herunter. Nicht aus Feindseligkeit, sondern aus spontaner, bodenständiger Fassungslosigkeit.
Walter Rothschild hat sich in seinem Leben noch nie um Schubladen geschert.
Er ist Theologe aus Cambridge, aufgewachsen in Yorkshire in einer Gemeinde jüdischer Flüchtlinge, ausgebildeter Lehrer, schließlich Rabbiner. Er amtierte in Leeds und Wien, hütete die Gemeinde auf der Karibikinsel Aruba und zog 1998 nach Berlin. Von dort aus entwickelte er sich zu einer Art geistlichem Dauergast auf europäischen Gleisen: Neben Stationen in Schleswig-Holstein, Sachsen-Anhalt, Bayern oder Nordrhein-Westfalen führten ihn seine Einsätze auch von Sarajevo bis nach Warschau. Er selbst quittiert dieses rabbinische Nomadenleben gern mit trockenem britischem Achselzucken: „Gott sei Dank ist Königsberg nicht mehr im Reich – sonst hätte ich da auch noch hinfahren müssen.“
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Rabbi Walter Rothschild: „Schlechte Nacht“ (Winter-Bahnreise Nr. 1)
17 Jahre am (und unter dem) Klavier
Seit 17 Jahren sind Walter und ich musikalische Komplizen. Es begann im Grünen Salon der Berliner Volksbühne mit jüdischen Salons und respektlosen Parodien: Walter stellte Klassiker wie „Bei mir bistu sheyn“ auf den Kopf („Bei mir bistu plain… I say with disdain: Jump under a train“), begleitet von unserer Jazz-Formation The Minyan Boys.
Aus dieser Berliner Club-Atmosphäre wuchs bald unser Duo-Abend: „Rabbi Walter Rothschild erzählt aus seinem Leben und singt leider – mit Max Doehlemann am (und unter dem) Klavier. Aus dem Duo-Abend wurde ein unverwüstlicher Dauerbrenner. Wir haben diesen Abend in rund 90 Städten gespielt: Im Münchner Gasteig, in Kulturzentren, in tief sächsischen Dorfkirchen oder in rheinhessischen Weinstuben.
Auf unserem Tourplakat schaut Walter spitzbübisch in die Linse, während ich mit leidendem Gesichtsausdruck in eine Tastatur beiße. Das ist keine Pose, sondern eine erprobte Rollenverteilung: Walter ist der wortgewaltige Freigeist, der mit anarchischem Sprachwitz, Chuzpe und Schlagfertigkeit voranstürmt – und ich sitze am Flügel, versuche die Form zu wahren und trotte hinter diesem unberechenbaren Vogel her, den man trotz allem einfach lieben muss.
Was die Menschen an diesen Abenden fasziniert, ist die Nahbarkeit. In Deutschland existierte das Judentum im öffentlichen Bewusstsein oft nur als museales Denkmal, als staatstragender Gedenktag oder als pädagogische Mahnung. Bei Walter begegnet man dem echten Leben.
Wo die Menschen unverstellt zuhören – wie in jener Weinkneipe in Rheinhessen –, tobt der Saal. Wo hingegen mancherorts das akademische Bildungsbürgertum erst einmal betreten auf die eigenen Schuhspitzen starrt und stumm debattiert, ob man über den Witz eines Rabbiners jetzt eigentlich lachen darf, bricht Walter das Eis mit seinem oft auch recht robusten britischen Humor. Ohne die Kunst des Lachens, so sagt er oft, wäre er längst tot.
Dass diese Abende an so vielen Orten stattfanden, verdanken wir den unzähligen, oft ehrenamtlichen Kulturvereinen und Initiativen im ganzen Land. Von Mecklenburg-Vorpommern bis ins Markgräflerland halten engagierte Menschen den Laden (und das Land?) zusammen – eine zivilgesellschaftliche Wärme, für die ich auf unseren Reisen zutiefst dankbar geworden bin.
Das wahre deutsche Seelenleiden
Wer so viel durch dieses Land reist wie Walter Rothschild, stolpert unausweichlich über das eigentliche deutsche Zentraltrauma der Gegenwart: die Deutsche Bahn.
Walter ist nicht bloß Gelegenheitskunde, er ist promovierter Eisenbahn-Historiker und gibt seit Jahrzehnten HaRakevet heraus, das weltweit einzige Fachmagazin über die Eisenbahnen des Nahen Ostens. Züge sind seine Obsession. Und gleichzeitig ist er glühender Liebhaber der Musik von Franz Schubert.
Sein einziger Vorwurf an die Musikgeschichte: „Schade, dass Schubert schon tot ist – er konnte meine Texte nicht mehr vertonen. Da musste ich eben seine Lieder neu betexten.“
Was eignet sich besser für das moderne Elend des frierenden, im Nirgendwo gestrandeten Mitteleuropäers als der heiligste Liederzyklus der deutschen Romantik? Franz Schuberts Winterreise ist der Inbegriff von Weltschmerz, Kälte, Einsamkeit und Seelenpein. Walter hat die gesamten 24 Lieder dorthin verpflanzt, wo der Schmerz heute real pocht: auf den Bahnsteig, ins defekte Bordbistro und vor die geschlossene Schranke im Dauerregen.
Aus der Winterreise wurde die „Winter-Bahnreise“.

Folge 1: „Schlechte Nacht“
Heute erscheint die erste Folge dieses Zyklus: „Schlechte Nacht“ – eine liebevolle Demontage von Schuberts Auftaktlied „Gute Nacht“.
Wo einst der romantische Wanderer klagte: „Fremd bin ich eingezogen, fremd zieh’ ich wieder aus“, hebt nun Walters schwermütiger Bahn-Abgesang an, kongenial interpretiert von Uli Pleßmann:
„Der Bahnsteig ist öd und leer. Das Wetter feucht und kalt. Ich wünsche mich weit weg von hier und fühle mich arm und alt…“
Begleitet vom originalen, unerbittlichen Schubertschen Achtel-Puls am Flügel entfaltet sich das Drama des modernen Fahrgasts: Die Rolltreppe defekt, der Anschlusszug im Äther verschollen, die Wagenreihung umgekehrt und die Aussicht auf ein warmes Getränk im Bordbistro durch eine mechanische Störung zunichtegemacht.
Ich habe das Projekt mit den wunderbaren Kollegen Andrea Chudak und Uli Pleßmann im Studio hörspielartig aufbereitet. Es ist keine Schenkelklopfer-Comedy, sondern feinsinnige, bittere Realsatire – vertonter deutscher Alltagsschmerz im Gewand hoher Kunst.
Walter hat im vergangenen Sommer eine schwere gesundheitliche Krise durchgestanden. Ihn nun wieder mit dieser unbändigen Schalkhaftigkeit seinem unverwüstlichen Geist am Gleis stehen zu hören, ist mir ein persönliches Fest.
Dass die erste Folge nun ausgerechnet unmittelbar vor Rosch Haschana, dem jüdischen Neujahrsfest, das Licht der Welt erblickt, hat eine ganz eigene Pointe. Während Walter und ich uns auf den Streaming-Plattformen durch den winterlichen Bahn-Weltschmerz schlagen, sitze ich an den Feiertagen an der Orgel in der Synagoge – Musik verbindet eben alle Register des Lebens.
Gute Reise, Shanah Tovah – und wenn Sie heute am Bahnsteig stranden: Nehmen Sie es mit Schubert. Und mit Rabbi Rothschild.
P.S.: Wer lieber Jazz als Schubert hört, wird bei den Streaming-Diensten ebenfalls fündig: Rabbi Walter Rothschild & The Minyan Boys haben dort ihr Album ‚Greatest Hits Vol. 2‘ abgelegt. Einen ersten Teil gab es nie – Walter bestand darauf, chronologisch direkt mit den größten Erfolgen, also mit Vol. 2 einzusteigen.