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Heul doch. Dolly Partons „Coat of Many Colors“

Bild: Gemini, nach Prompts von Dolly Parton

Es gibt Songs, da weiß ich, dass sie kitschig sind, aber heulen muss ich doch jedes Mal, wenn ich sie höre. „Green, Green Grass of Home“ von Tom Jones etwa, oder „Halleluja“ von Leonard Cohen. In dieses Genre, sentimental, aber irgendwie doch gut, passen viele Songs von Dolly Parton, zum Beispiel „Eagle When She Flies“, „Deportees“, or „If You Hadn’t Been There“, und es ist natürlich auch diese Stimme, die zwischen schluchzen und jauchzen changiert, zwischen flüstern und verkünden, die immer total kontrolliert ist und dennoch zuweilen den Eindruck vermittelt, als würde sie selbst vom Text überwältigt, die selbst kitschige Songs in etwas verwandeln kann, das den Kitsch mit offenen Armen annimmt und damit transzendiert.

Und nirgends besser als in diesem Song, „Coat of Many Colors“. (Den Text findet man wie immer unten.) In der Bibel erregt der vielfarbige Mantel, den Jakob seinem Lieblingssohn schenkt, den Neid der älteren Brüder, die Joseph in die Sklaverei verkaufen, den Mantel in Ziegenblut tauchen und dem Vater bringen, damit er glaubt, sein Sohn sei von wilden Tieren zerrissen worden. Joseph wird es in Ägypten weit bringen und schließlich über seine neidischen Brüder erhöht werden, wie er es geträumt (und dummerweise den Brüdern erzählt) hat.

Auch in Dolly Partons Song ist der Mantel eine Auszeichnung, ein Liebesbeweis: von der Mutter zusammengeflickt aus Lumpen, die irgendjemand ihr – einen Vater gibt es in diesem Song nicht – aus Mitleid geschenkt hat. Wie Joseph ist die Sängerin stolz auf ihren Mantel, zumal ihr die Mutter die Josephsgeschichte erzählt und die Bedeutung seines Mantels erklärt hat, und eilt in die Schule, um den Mantel ihren Mitschülern und Mitschülerinnen zu zeigen.

Dort erntet sie aber nur Gelächter und Spott.

Der Song endet aber nicht dort, sondern mit der trotzigen Bemerkung: „One is only poor if they choose to be”: Man ist nur arm, wenn man selbst die Armut wählt. Das Mädchen hingegen habe damals schon gewusst, dass sie reich war in diesem Flickenmantel, den ihr die Mutter gemacht hatte. Das ist schön, aber ich glaube dem Song nicht. Ich glaube, das Kind war bestürzt, am Boden zerstört, zum ersten Mal vielleicht damit konfrontiert, dass es arm war und dass etwas, das ihr so viel bedeutete, von den anderen Kindern für lächerlich und verachtenswert gehalten wurde.

Armut, schreibt Rilke irgendwo, sei „ein tiefer Glanz aus Innen“. Quatsch. Armut ist etwas Furchtbares. Auch weil jener tiefer Glanz, wenn er denn da wäre, von den anderen in ihren Designer-Sachen nicht wahrgenommen wird; weil armen Kindern zu erkennen gegeben wird, dass sie nicht dazu gehören. Wie viele Kinder finden die Kraft einer Dolly Parton, im Rückblick nicht beschämt oder bitter zu sein, sondern zu singen: „Ich war unendlich reich / In meinem bunten Mantel, den meine Mutter gemacht hatte – nur für mich.“

Schnüff. Mann, da geht es wieder los.

 

Back through the years
I go wonderin‘ once again
Back to the seasons of my youth
I recall a box of rags that someone gave us
And how my momma put the rags to use
There were rags of many colors
But every piece was small
And I didn’t have a coat
And it was way down in the fall
Momma sewed the rags together
Sewin‘ every piece with love
She made my coat of many colors
That I was so proud of

As she sewed, she told a story
From the Bible she had read
About a coat of many colors
Joseph wore and then she said
Perhaps this coat will bring you
Good luck and happiness
And I just couldn’t wait to wear it
And momma blessed it with a kiss

My coat of many colors
That my momma made for me
Made only from rags
But I wore it so proudly
Although we had no money
I was rich as I could be
In my coat of many colors
My momma made for me

So with patches on my britches
And holes in both my shoes
In my coat of many colors
I hurried off to school
Just to find the others laughing
And making fun of me
In my coat of many colors
My momma made for me

And oh, I couldn’t understand it
For I felt I was rich
And I told ‚em of the love
My momma sewed in every stitch
And I told ‚em all the story
Momma told me while she sewed
And how my coat of many colors
Was worth more than all their clothes

But they didn’t understand it
And I tried to make them see
That one is only poor
Only if they choose to be
Now I know we had no money
But I was rich as I could be
In my coat of many colors
My momma made for me
Made just for me

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