
Neue Enthüllungen der österreichischen Zeitung „Standard“ legen Gewaltfantasien bei Identitären und ihrer „Aktion 451“ offen. Jungfunktionäre der FPÖ sind mittendrin.
Zitate aus dem „Standard“: Der identitäre Ideologe ist in Rage. Am liebsten würde er den Fotografen, der sein Eintreffen bei einem Vortragsabend der identitären Tarnorganisation „Aktion 451“ dokumentiert hat, mit einem Samuraischwert angreifen, tönt er vor einer Gruppe von Kameraden – um mit dessen Eingeweiden „Refugees Welcome“ und „Nie wieder“ zu schreiben. „Nie wieder“ war ein Mahnruf befreiter Häftlinge des Konzentrationslagers Buchenwald.
„Diese Mischung aus Niedertracht und Feigheit erregt in mir Gewaltfantasien“, sagt der Identitäre über Fotojournalisten. „Rein literarisch“, wie er witzelt. Aber: „Man sollte einfach ein Glas in ihrem Gesicht zerschlagen und die Nase brechen.“
Derartige Gewaltfantasien, Drohungen, tatsächliche Angriffe und entmenschlichende „Hobbys“ finden sich im Umfeld der Identitären und ihrer Tarnorganisation Aktion 451 zuhauf. Auch der Verfassungsschutz attestiert, „dass die ideologische Radikalisierung einzelner Aktivisten zunehmend mit der Bereitschaft zur Anwendung körperlicher Gewalt einhergeht“.
Gleichschritt mit der Jugend der FPÖ
Die Gruppe wurde dem Bericht zufolge 2023 von Identitären-Mitbegründer Martin Sellner geründet. Ihr Ziel war es, Lesekreise und Vorträge abzuhalten. Die Aktion 451 hat auch das Ziel, einen Gegenpol zur vermeintlichen linken Vorherrschaft an Unis bilden.
Der Name verweist auf Ray Bradburys Roman Fahrenheit 451. Bei dieser Temperatur beginnt Papier zu brennen.
Die Aktion 451 ist eng mit der Freiheitlichen Jugend (FJ) verflochten, vor allem in Wien; ebenso mit dem Ring freiheitlicher Studenten (RFS).
Nach STANDARD- Enthüllungen prüft das österreichische Bundeskanzleramt nun, ob Geld aus Förderungen an die FPÖ und ihre Jugendorganisation an die Identitären weitergeleitet wurde. FJ-Obmann Maximilian Weinzierl bestreitet das.
Die engen Verbindungen der Identitären zur FJ und zu anderen FPÖ-Organisationen lassen sich nach den „Standard“-Recherchen nicht leugnen. Schon der Auftakt der Aktion 451 erfolgte in enger Kooperation mit dem RFS.
Dieser hatte im November 2023 den neurechten Ideologen Götz Kubitschek für einen Vortrag an der Universität Wien gewonnen. Allerdings untersagte das Rektorat die Veranstaltung. Daraufhin kam es zu einer Demo vor der Universität, bei der Kubitscheks Sohn Wieland einen am Boden liegenden Kameraden mit einer Glasflasche attackierte. Er hatte ihn versehentlich für einen Antifaschisten gehalten.
Wieland Kubitschek ist jetzt in führender Position bei den Wiener Identitären und der Aktion 451, die nach dem Vorfall durch den österreichischen Staatsschutz beobachtet wird.
Frauen „entehren“
Aktivisten der Aktion 451 gehen nach der Zeitungsrecherche auch auf „Rassenschandejagd“. Sie suchen linke und migrantische Lokale auf, um als vorgeblich progressive Männer Frauen zu verführen, um sich am Ende als Rechtsextreme zu outen. So entstand der Begriff „Rassenschandejagd“ heißen, da durch dieses Verhalten die betroffenen Frauen „entehrt“ würden.
Ein weiteres Beispiel: Bei einer Identitären-Demo im vergangenen Jahr sprach ihr damaliger Wien-Sprecher Yannick Wagemann einen Pressefotografen auf dessen Schwester an. Ob das eine Drohung sei? „Nein überhaupt nicht“, meinte Wagemann, er habe nur gehört, dass sie eine „unglaubliche Schönheit sei“ und er würde sie „gerne kennenlernen“.
Der FPÖ-Fotograf Matthias Ohm filmte lachend die Szene und bedrängte den Fotografen ebenfalls. Journalisten und Fotografen werden bei Demos oder vor Vorträgen gerempelt und angespuckt. Sellner beauftragt auch Aktivisten der FJ damit, Fotografen abzudrängen oder mit Schirmen zu stören. Das ist auf Videos und Fotos festgehalten.
Vortrag über Incels
Groß beworben wurde der Auftritt von Nils Wegner, der vor etwa 15 Personen über „Incels“ referierte – also über „unfreiwillig enthaltsame“ Männer. Dort hörten die Teilnehmenden, wie „Männlein“ und „Weiblein“ wieder zu einem normalen Verhältnis zurückfänden.
Man müsse dafür sorgen, dass es wieder geschlechtergetrennte Bereiche gebe. Und die, die es noch gebe, müssten strikt erhalten werden. „Es geht darum, den Kontakt wieder zu etwas Besonderem zu machen.“ Frauen sollten, so Wegner, darauf ausgelegt zu sein, „möglichst aufwärts zu heiraten“.
Man müsse sich vom Primat der Gleichberechtigung, der Gleichbehandlung und des Gleichseins verabschieden. Dafür sei es notwendig, an den Grundpfeilern der westlichen Werte „zu rütteln“.
In diesem Jahr steht noch ein Vortrag eines jungen Russen auf dem Programm. Dieser wirbt in seinen Texten für ein „Großeuropa“. Zu diesem soll selbstverständlich Russland gehören, um einen Krieg zu vermeiden. Europa und Russland seien seiner Ansicht nach beide potenzielles Opfer des Globalen Südens in Form von Islamisierung, Multikulturalisierung und der „Unzulässigkeit des Remigrationsgedankens“.
„Bewusstlose aufwecken“
Auch referierte der Langzeit-Identitäre Philipp Huemer über den rechtsextremen französischen Aktivisten Dominique Venner, der sich im Mai 2013 in der Notre-Dame erschossen hat, um „die Bewusstlosen aufzuwecken“, wie er in seinem Abschiedsbrief schrieb.
Nach dem durch Deutschland verlorenen Zweiten Weltkrieg würden fortan „zwei raumfremde Mächte“ das Schicksal Europas bestimmen, referierte Huemer: die Sowjetunion und die USA.
Huemer arbeitet nun bei Sellners „Remigrations-Institut“. Zuvor, als Mitarbeiter der rechtsextremen Propagandaplattform AUF1, genoss Huemer exklusiven Zugang zu FPÖ-Spitzen. Für den Parteivorsitzenden der FPÖ, Herbert Kickl, sind die Identitären allerdings immer nur eine „NGO von rechts“.
Wenn man genauer hinsieht, entdeckt man viele Gemeinsamkeiten zwischen radikalen Islamisten und Rechtsextremisten wie den Identitären: Demokratiefeindlichkeit, Frauenfeindlichkeit, Antisemitismus, Gewaltaffinität.
Der Unterschied liegt nur darin, dass die Bewegung der Identitären über die Parlamentspräsenz „ihrer“ Parteien, wie der FPÖ in Österreich oder der AfD in Deutschland starke Verbindungen ins Zentrum unserer Demokratie hat. Damit bestimmt sie den politischen Diskurs mit. Sie füttert Wahlprogramme mit ihren Narrativen und gestaltet Verschwörungsmythen mit.
FPÖ – das leuchtende Beispiele der AfD
Alice Weidel, die Co-Parteivorsitzende AfD, und damit Aushängeschild der deutschen Rechtsextremen, war vor einigen Tagen in Wien, um sich eng mit Herbert Kickl und der FPÖ über gemeinsame Strategien abzustimmen. Dort hat sie auch das berüchtigte Sommerinterview gegeben.
Sie hat bei ihrem Besuch betont, wie wichtig für sie die Zusammenarbeit mit der FPÖ ist. Die AfD könne von der FPÖ so viel lernen, was die FPÖ in Österreich stark gemacht hat. Immerhin steht die FPÖ in den Umfragen bei knapp 40 %. Damit ist es sehr wahrscheinlich, dass sie bei der nächsten Parlamentswahl zumindest entscheidend an der Regierungsbildung mitarbeiten – beziehungsweise mit Herbert Kickl sogar den Kanzler stellen könnte.
Die Schwesterpartei der CDU in Österreich, die ÖVP, hat dezidiert erklärt, dass sie nichts von Brandmauern hält. Eine Zusammenarbeit in Koalition mit der FPÖ als kleinerer Koalitionspartner wäre daher absolut denkbar.
Dabei darf nicht vergessen werden, dass es bereits vor einigen Jahren eine Koalition aus FPÖ und ÖVP in Österreich gab, die u.a. an der Ibiza Affäre gescheitert ist.
Beide, also AfD und FPÖ, leugnen den menschengemachten Klimawandel. Beide Parteien fordern Remigration und eine Stärkung der Geburtenrate durch die Rückkehr zur traditionellen Rolle der Frau in der Gesellschaft.
Unsere Generation, also die oft genannten Boomer, werden das vermutlich nicht verhindern, da die galoppierende Dummheit der Gesellschaft die Tendenz zur Wahl solch extremistischer Parteien fördert.
Meine Hoffnung: Die Klimakatastrophe wird in den kommenden Jahren sehr viel schlimmer werden, was letztendlich eine Abkehr von derartigen Parteien und eine Rückkehr so gesellschaftlicher Solidarität bewirken könnte.
Aber nur könnte. Also nur vielleicht