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Aus dem Wörterbuch des Alltagsmenschen

W. Cummings – USA

»Farben und Klänge gibt es in der Natur, Worte nicht« (Benn). Dazu hier nun in unregelmäßigen Abständen unalphabetisch Gedanken zu einigen deutschen Begriffen und Wörtern. Gelegentlich werden auch Sprichwörter unter die Lupe genommen. Streng unwissenschaftlich, um »auf ernsthafte Weise unernst zu sein« (Mohler).

Starten möchte ich mit dem herrlichen Reizwort/Reizbegriff: »Rechte«

Einstmals im Geschichtsunterricht frug ich mich und meinen Lehrer, wie amüsant es doch sei, wäre zur Französischen Revolution die Parlamentsdichotomie vertauscht gewesen, demnach die Rechten die Progressiven und die Linken die Restaurativen.

Oder dachten Sie, werter Leser (sorry, ich gender nicht, es sind immer alle gemeint), an die Rechte, die Ihnen unveräußerlich zustehen? Soll mir recht sein. Bleiben wir sonach kurz bei der Rechtswissenschaft. Zu den anderen Rechten später.

Wir dürfen in der BRD in einem Rechtsstaat leben. Recht so. Dessen Entwicklungsstand ist menschheitshistorisch phänomenal. Bedenke: Post WK II implementierten sich im Juni 1945 die Vereinten Nationen (aka UN) mit recht wenigen 51 Staaten, von denen sich sicher nicht alle lupenrein demokratisch schimpften – womit Demokratie und Rechtsstaat gleichgesetzt sei.

Artikel

Derzeit sind’s knapp 200 Staaten. Inwiefern pro Staat intern über „unsere“ und irgendeine „andere“ Demokratie ein ambitioniert-herrschaftsfreier Diskurs abgehalten wird, das wissen alle: So etwas können nur »Wir« (kein Lektüretipp: »Wir« vom Steinmeier).

Zurück zum Hier: Unser Grundgesetz umfasst 146 Artikel. Seit dem 23. Mai 1949 gab es 70 GG-Änderungen, ungefähr eine pro Jahr. Die Änderungen implizieren Fortschritt, vermutet man. Weg mit den alten Zöpfen, her mit der momentan angesagten Modefrisur. Ohne Haarspalterei: Hat man eigentlich ein Recht auf eine Frisur? Auf einen Friseurbesuch offenbar ja, eingedenk Merkels Corona-Lockdown-Dekreten: Die Friseure durften öffnen, andere Betriebe nicht.

Recht bricht Gefühl

Merkwürdig, im Wortsinne, ist allgemein das: Rechte haben – wiesoweshalbwarum eigentlich? Wieso habe ich ein Recht auf dies & das? Wer erteilt mir das? Welches Recht wird mir genommen – gegeben? Neulich teilanwortete ich mir selbst mittels eines von mir entworfenen Kalenderspruchs: Recht bricht Gefühl, wobei ein Gefühl des Brechens Ursache ist (alte Adornodialektikschule). Nachgefragt: Wo bleibt dabei die Pflicht?

Weitaus substanzgesättigtere Antworten gibt die Lektüre der Schriften von Sir Roger Scruton (RIP). Sukzessive öffnete sich das ein oder andere Fenster meiner über die Jahre kommod eingerichteten Echokammer. Das Lesen blies frischen Wind über die ein oder andere gealterte Selbstgewissheit.

Vorrechtliches

In diesem Falle umhauchte mich Scruton’s nebensätzlich artikulierter Hinweis auf das Faktum der Existenz eines vorrechtlichen Lebens aller Menschen. Unsere Vorfahren lebten bzw. überlebten Jahrtausende, ohne dass ihnen jeweils – die Idee des Individuums an sich sei ganz weit hintan gestellt – Rechte zugesprochen wurden wie wir sie haben oder kennen. Trotz unserer tiefdunkelgrau und schier nicht enden wollenden zähen Vorzeit ohne Rechtsprechung & Gewaltenteilung, wurschtelten sich unsere Vorfahren ein Leben zurecht, auf dass die und damit wir nicht ausgestorben sind.

Rein physisch lebten tausende Generationen im blanken Elend unter monströsen Hygienezustände – der Phantasie sei keine Grenzen gesetzt. Offenbar war und ist da aber immer »etwas«. Dieses Gefühl, oder derer viele, UN-zählige, so dass die sich sagten und wir uns bis heute selbstbeauftragen: So kann, soll und darf es nicht weitergehen. Tja: Wie weit werden wir gehen?

Nach jetzigem historischem Stand ist die allererste vom Menschen gesetzte Gesetzessammlung der Codex Hammurapi. Dieser sah sich zwar im 18. Jahrhundert v. Chr. versäult wieder. Aber der Codex bei 300.000 Jahren Homo sapiens? Geschenkt. Die UN sind angesichts dessen auch nur einen Augenaufschlag »alt«.

Ungleiches

Jetzt leben wir im dritten Jahrtausend n. Chr. Ist einiges passiert. Ich stelle fest: Rechtssicherheiten und Gleichheiten sind im Westen jeweils allgemeines Gut. Und je gleicher eine Gesellschaft sich statuiert, desto deutlicher sticht das in ihr Ungleiche heraus. (Kopfnote: Wer die west- wie ostensiven Obsessionen unserer egalitären Gegenwart erkennen und verstehen will, anempfehle ich René Girards Schriften.) So werden trotz aller zivilisatorischen Erfolge (links- wie rechts-)liberaler Gesellschaftsordnungen Rufe der Unzufriedenheit immer lauter, wenn nicht dreister. Brandaktuell:

Eines der ungleichsten Dinge, will sagen schrecklichen Ungerechtigkeiten des Universums ist die Tatsache, dass ein homosexuelles Paar keine Kinder erzeugen, besser: »kriegen« kann. Da kann man nichts »gerecht« machen. Homosexuelle sind per definitionem-naturalis Gleiche und unter ihnen kann es zu einer Zellteilung nie und nimmer kommen. Daran änderte auch ein UN-Gerechtigkeits-Gesetz nichts.

Konstruktives

Haben wir denn überhaupt ein Recht auf ein Kind? Oder das Kind abzutreiben? Um spontan in einer recht aktuellen B-Promy-Story zu suhlen: Haben Spahn und dessen Mann, seinen Namen grad vergessen, ein Recht auf ein Leihmutter-Kind? Hat man ein Recht auf eine Wohnung? Auf Arbeit? Einen Parkplatz? Auf sauberes Trinkwasser? Bildung? Liebe? Auf Leben? Haben Tiere Rechte? Haben wir ein Menschenrecht?

Recht zugespitzte Allantwort: Nein. Sie sind nicht einfach da, wir haben sie nicht. Es gibt sie, weil wir sie uns selbst oder unsere Gesetztgeber sie geben. Alles Konstrukt. Siehe oben: Recht bricht Gefühl. Gesetze sind komponiert – von lat. Präfix con und ponere = zusammen-setzen. Als Partizip positum = positiv = Positives Recht und Gesetz. Man setzt, sozusagen, Gesetze durch. Will sich durchsetzen – siehe Protestrufe der Empörung aus der Nischenwelt.

Cis-Interesse

Vergegenwärtigen Sie sich dazu flugs die immer schriller Nischengrüppchen wie die Trans-Aktivisten, die sich einander zugehörig fühlen. Mehr als ein Gefühl ist all das Überschreiten (lat. trans) nämlich nicht. Ein Mann bleibt ein Mann. Eine Frau eine Frau. Funfact: Das würde amüsanterweise ein Transgenderpärchen unter Beweis stellen. Wäre z. B. eine Translesbe mit einer Cis-Lesbe (lat. cis = diesseits) zusammen, implizierte dies, dass die Translesbe als biologischer Mann in der Lage wäre, …

Wer aber vom Rechten nicht reden will, der sollte auch vom Linken schweigen (Marx Orkeimer)

Gibt es denn noch überhaupt das Rechte an sich, ohne Nazi zu sein? Im Moment klare Antwort: Nein. Das ist recht absurd, wenn es nicht a-historisch ist. Das wirft die Grundsatzfrage auf:
Was ist das Rechte, ergo das Linke? In der Frage steckt die Antwort: es gibt beides. Es muss beides geben. Ja, was denn sonst. Es muss einen Kernunterschied geben, eine Grenze – zur Entfaltung nochmals schnell zum Trans-Phänomen:

Trans-Portal

Das Individuum, das das eigene biologische Geschlecht als das falsche betrachtet, fühlt, wie auch immer, das muss dann doch eines Tages diese eine Grenze ÜBERSCHREITEN (trans…), um nun zu wissen, nein: eigentlich muss der Übergang in die Tiefen des Unterbewusstseins abgesunken, also »in Fleisch und Blut« übergangen sein, dass da nichts mehr gewusst, sondern einfach gemacht wird: natürlich. Sowie ich nicht jede Tagessekunde meines Daseins mich als XY-Wesen hyperreflektiere, sondern meinen Marotten, Gepflogenheiten, meinem Leben lebend nachgehe.

Der Trans-Mensch kann schlechterdings nicht jede Sekunde nachdenken, oder »von irgendwo her im Innern« daran erinnert werden, dass sich da doch noch das vormalige Cis-Geschlecht auf irgendeine Art »regt«. Diese Grenze, eine Art Trans-Portal muss schlichtweg existieren – was mich, trotzdem ich harsch-lakonisch-zynisch-ignorant-argumentationsfundierte Kritik an all jenem Gender-Transitionismus übe, unfassbar interessiert, in diesem Sinne, als dass es sonach Grenzen gibt – geben muss!

Lechts/Rinks

Hier ist’s die biologische Grenze, da ist’s die intellektuelle – das Prinzip ist m. E. dasselbe: rechts kann nicht links sein – vice versa. Zumal Vertreter oder sich Zugehörigbegreifende oder -benannte der jeweiligen Seite es brüsk von sich weisen, Teil der anderen zu sein – niemals! Siehe oben: das Niemals impliziert eine Grenze, der sich genähert, die aber unter keinen Umständen überschritten wird oder werden darf, beginge man ansonsten Hochverrat.

Sparsamkeitsprinzip

Ich mach’s mir nun recht einfach und mache einen auf Ockham: (endlich-)horizontal-(endlos-)vertikal, altruistisch-egoistisch, endlos-endlich, ersatzreligiös-religiös, fließend-fixiert, universal-lokal, kosmopolitisch-national, gutsein-schlechtsein = links-rechts.

– Pädagogik ist alles, weil am Ende können alle alles – »Alle Menschen sind gleich darin, dass sie verschieden sind« (Montaigne);

– Ich halte jemandem die Türe auf, weil es eine gute Tat ist – ich halte jemanden die Türe auf, damit mir dies auch widerfährt;

– »Ohne die Vorstellung eines fessellosen, vom Tod befreiten Lebens kann der Gedanke der Utopie nicht gedacht werden« (Adorno) – wir alle werden sterben;

– Gott, die Kirche, alle Religionen sind tot, wir glauben als »Mensch-allein-Bewegung« an die (marxistisch-materialistische (= deutsche?) Vernunft – »Ohne Gegenwart der letzten Bewußtseinsstufe wäre der Mensch so wenig einer Bewußtseinsregung fähig wie ohne die Gegenwart Gottes eines Atemzuges« (Liebruck);

– Radikalsubjektivismus: ich kann alles sein bei Aussetzung kosmisch-biologischer Axiome – Mann, Frau.

– Auf zum letzten Gefecht… – »Die Liebe, die sie für den Menschen der Zukunft haben, entsteht aus ihrem Haß gegen den Menschen aus Fleisch und Blut« (Gómez Dávila);

– Ein Weltstaat – eine Welt mit Staaten;

– Ohne Angst verschieden, für immer gut sein – es gibt, verdammt noch mal, abgrundtiefböse Menschen:

Linkssein – Rechtssein.

Weltalltag

Das in aller Oberfläch- wie Unwissenschaftlichkeit. Und wenn ich nicht weiß, wer ich bin, weiß ich oft, wer der andere ist:

Der Linke kennt keinen Alltag, denn dieser ist kleinbürgerlich-spießig-lässliche Nebensächlichkeit bei Abwicklung des ökonomisch Notwendigen (= nützliche Idiotenplackerei). Linke kennen bloß Weltalltag: Ich und Menschheit, dabei ist »‚Menschheit’ weder eine gültige Adresse noch eine begegnungsfähige Größe«, grummelt es recht gescheit aus Herrn Peter Sloterdijk. Weiter mit des Philosophen Wort:

Indiskrete Hordenwesen

»Die Menschen sind nicht darauf vorbereitet, mit Milliarden Zeitgenossen in voller Kenntnis ihrer Gegenwart zu koexistieren. Früher wurden die Diskretionsabstände zwischen den Nationen und Kulturen durch die Geografie hergestellt. Schwer überwindbare Entfernungen sorgten für Diskretion, mental und politisch. Doch Globalisierung bringt den Triumph der Indiskretion mit sich. Jetzt schaut jeder jedem ins Wohnzimmer. Globalisiert heißt die Weltform, in der die Chinesen uns näher sind als die Belgier. Oder, um, anthropologisch zu reden: Wie wollen wir aus einem Hordenwesen, das von Natur aus ein Kleingruppengeschöpf war, einen Weltbürger machen?«

Vollkommenfrei

Der Rechte kennt den Alltag. Er weiß – wie der Linke, dank des technischen Fortschreitens – um vieles in der Welt, weiß aber auch, dass sie größer ist als er es je sein kann. Er verspürt nicht jenen »Drang nach Vollkommenheit, der zu Leiden führt; Ahnungen, nie Gewißheit. Wenn man sich damit abfände, daß man nicht satt wird, durstet, daß die Hände nicht keimfrei werden, wenn man sie wäscht, die Stimmungen nicht harmonisch enden, die Träume ohne Verwirklichung versinken, die Liebe sich verwandelt und die Verwandlung endlos ist bis zum Vergessen –, wenn man dies lehrte, dies zweite Wärmegesetz des Existentiellen, diese Apologie des Verfalls, diese Universalien der Seele, – wenn wir die Häupter beugten, die sinnlos erhobenen –, würde diese Lehre aus der Zerrüttung führen«(Benn).

Der Rechte wird das allerdings nie vergessen:

»1. Erkenne die Lage. 2. Rechne mit deinen Defekten, gehe von deinen Beständen aus, nicht von deinen Parolen« (Benn).

Give me a gun!

Tja, die ein oder andere Parole des Linken, so eine wie »Frieden schaffen ohne Waffen!«, zerschellt an der Realität – die es laut Linkem nicht gibt, leben wir doch allesamt im und mit dem notwendig falschen Bewusstsein, das alsbald ersetzt sein wird durch das alleinzig richtige – wir müssen alle nur ganz fest daran glauben…

Wie es ihr das Showbiz abnötigt, ausplaudert, als letztes Wort, eine Dame aus den USA leger-flapsig die Differenz von links und rechts. Have fun – give me a gun!

 

 

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Über Axel Claudius Knappmeyer

Axel Claudius Knappmeyer, geb. 1973 in Ibbenbüren/Westf., ist Jazz-Musiker, Komponist, Lehrer, Verleger und Autor. 1993–1998 Jazzstudium an der Folkwanghochschule, Essen, freischaffendes Dasein. 2006–2008 Referendar in Düsseldorf als Quereinsteiger. Seit 2008 Studienrat für Musik und seit 2010 auch Praktische Philosophie in Mönchengladbach. 2021 Gründung eines eigenen Verlags "oea" (odi et amo) – www.oea-verlag.de. Daneben tätig als Tenorsaxophonist/Komponist – www.axel-knappmeyer.de

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