
Sind die wirtschaftspolitische Ziele populistischer Parteien unangreifbar? Ein Forscherteam um den Nobelpreisträger und renommierten MIT-Ökonomen Daron Acemoglu hat in einem jetzt erschienenen Arbeitspapier des National Bureau of Economic Research (NBER) eine These unterfüttert, die vielen Menschen nicht gefallen wird. Von Gastautor Nico Stehr.
Ein wesentlicher Grund für die weltweit schwindende Zustimmung zur Demokratie liegt demnach nicht allein in der tatsächlichen wirtschaftlichen Leistungsschwäche demokratischer Systeme, sondern in einer systematischen Fehleinschätzung der Alternativen. Laut den Autoren überschätzen viele Bürger, wie gut populistische oder autoritäre Regime wirtschaftlich abschneiden würden. Diese optimistische Verzerrung nährt wiederum ihre politischen Präferenzen.
Der Befund fügt sich gut in die seit Jahren wachsende Literatur zur „demokratischen Erosion“ ein. Diese hat vielfach dokumentiert, dass populistische Regierungen mit autoritären Zügen weltweit an Boden gewinnen. Auffällig ist dabei ein Paradoxon, auf das die Autoren zu Beginn hinweisen. Die akademische Forschung zeigt recht eindeutig, dass nichtdemokratische und populistische Regierungen tendenziell schlechter wirtschaften als demokratische. Dennoch wächst ihre Popularität scheinbar unaufhaltsam. Die Verfasser führen dies darauf zurück, dass Politiker, einschließlich der Gegner populistischer Parteien und Wähler, diese Forschung schlicht nicht kennen oder ihr nicht glauben und die Lücke mit unrealistischem Optimismus füllen.
Nico Stehr ist Soziologie und Autor der Studie "Beobachtungen moderner Gesellschaften: Wirtschaft, Ungleichheit, Wissen und Natur". Springer 2026. ISBN 978-3658521868
Besonders reizvoll ist der methodische Ansatz der Studie. Anstatt sich auf Beobachtungsdaten oder Umfragekorrelationen zu verlassen, führten die Autoren zwei groß angelegte, präregistrierte Umfrageexperimente mit insgesamt 11.377 Teilnehmern während des argentinischen Präsidentschaftswahlkampfs 2023 durch. Aus dieser Wahl ging bekanntlich Javier Milei als Sieger hervor. Argentinien eignet sich in besonderer Weise für eine solche Untersuchung: Vier Jahrzehnte enttäuschender Wirtschaftsleistung unter demokratischen, vorwiegend peronistisch-linkspopulistischen Regierungen haben, so die Vermutung der Autoren, den Boden für übertrieben positive Vorstellungen über unbekannte Alternativen bereitet, etwa einen rechtspopulistischen Umbruch oder gar eine neuerliche Militärregierung.
Falscher Glaube
Das erste Experiment fand vor der ersten Wahlrunde statt, in der der linksperonistische Kandidat Sergio Massa, der gemäßigt rechte Kandidat Patricia Bullrich und der Populist Javier Milei gegeneinander antraten. Den Teilnehmern wurden Einführungsvideos gezeigt, die entweder zentrale Merkmale des Populismus, in Anlehnung an die klassische Definition von Cas Mudde als Konflikt zwischen „dem Volk“ und „den Eliten“ oder die Kennzeichen autoritärer Herrschaft (starke Exekutive, mögliche Auflösung des Parlaments, Zensur) beschrieben. Bemerkenswert ist, dass die Forscher den Begriff „Populismus” bewusst vermieden, da er im öffentlichen Diskurs zu unscharf und umstritten ist. Stattdessen sprachen sie von „Personalismus”. Anschließend wurden den Probanden die Wirtschaftsdaten eines fiktiven Landes unter demokratischer Führung gezeigt und sie wurden gefragt, wie sich diese Ökonomie unter einem rechts- oder linkspopulistischen Präsidenten bzw. einem Militärregime entwickelt hätte. Die befragte Gruppe erhielt anschließend die korrekte Information, die auf tatsächlicher akademischer Forschung basiert, dass solche Regime typischerweise schlechter abschneiden.
Die Ausgangslage war aufschlussreich: Zu Beginn glaubten nahezu die Hälfte der Befragten (47 Prozent), dass rechtspopulistische Regime wirtschaftlich besser abschneiden würden als nichtpopulistische. Nach der Konfrontation mit den Forschungsergebnissen sank die erwartete Wirtschaftsleistung rechtspopulistischer Regime um 0,16 Standardabweichungen und die Unterstützung für ein solches Regime um 0,15 Standardabweichungen. Auch die Wahlabsicht zugunsten Mileis sank leicht um drei Prozentpunkte, wenngleich dieser Effekt statistisch nicht ganz eindeutig war. Bei linkspopulistischen Regimen, deren jüngste argentinische Bilanz den Befragten bekannt und negativ konnotiert war, fiel die Wirkung der Intervention wie erwartet gering aus.
Ein zweites, methodisch verfeinertes Experiment fand kurz vor der Stichwahl zwischen Milei und Massa statt und konzentrierte sich ausschließlich auf autoritäre Herrschaft, konkret auf die Militärdiktatur Augusto Pinochets in Chile zwischen 1973 und 1990, ein in der argentinischen Öffentlichkeit hoch umstrittener Fall: Die eine Seite spricht bis heute vom chilenischen „Wirtschaftswunder“, die andere verweist auf die sozialen Kosten und die Repression. Zu Beginn der Befragung bewerteten rund 45 Prozent der Befragten die Wirtschaftsleistung unter Pinochet als schlecht oder sehr schlecht, 34 Prozent als durchschnittlich und 21 Prozent als gut oder sehr gut. Dieser Befund illustriert die tiefe gesellschaftliche Spaltung bei der Bewertung dieser Epoche.
Kaum Einfluss durch soziale Medien
In diesem zweiten Experiment untersuchten die Autoren gezielt, welche Informationsquellen die Meinung der Menschen tatsächlich verändern können. Die Teilnehmer erhielten entweder positiv oder negativ gerahmte Aussagen über Pinochets Wirtschaftsbilanz, die jeweils akademischen Studien, seriösen Zeitungsartikeln oder Social-Media-Beiträgen zugeschrieben wurden. Das zentrale Ergebnis: Akademische Quellen und etablierte Presseorgane veränderten die Einstellungen der Befragten deutlich, während Inhalte aus sozialen Medien praktisch wirkungslos blieben. Dies ist bemerkenswert, da soziale Netzwerke heute für viele Menschen die primäre politische Informationsquelle darstellen. Insgesamt verschoben die Interventionen die erwartete Wirtschaftsleistung autoritärer Regime um 0,06 Standardabweichungen und die Unterstützung für solche Regime um 0,03 Standardabweichungen. Diese Effekte liegen trotz des unterschiedlichen Studiendesigns bemerkenswert nah an jenen des ersten Experiments. Die Wahlabsicht für Milei sank um 1,6 Prozentpunkte.
Um auszuschließen, dass die gemessenen Effekte lediglich das widerspiegeln, was die Befragten für die vermeintlich erwünschte Antwort der Forschenden hielten, ein methodisches Grundproblem solcher Studien, bekannt als „Experimenter Demand Effect“ –, wandten sie zwei Gegenproben an. Zum einen analysierten sie, ob sich die Befragten in Kommentaren oder Bewertungen des Fragebogens je nach Behandlungsgruppe unterschieden, dies war nicht der Fall. Zum anderen bauten sie eine Placebo-Gruppe ein, die den Eindruck einer Intervention erweckte, aber keine inhaltliche Information übermittelte. Erwartungsgemäß zeigte diese Gruppe keine Effekte. Beide Kontrollen stützen die Interpretation, dass die vermittelte Information und nicht der Studienrahmen selbst die Einstellungsänderungen bewirkt hat.
Zwei weitere Befunde verleihen der Studie ihre eigentliche Tiefe. Erstens zeigte sich, dass die Wirksamkeit akademischer Evidenz maßgeblich davon abhängt, ob die Befragten Vertrauen in die Wissenschaft haben. Nur wer glaubte, seine eigene Einschätzung decke sich mit dem wissenschaftlichen Konsens, reagierte signifikant auf die neuen Informationen. Wessen Überzeugungen von der vermuteten Fachmeinung abwichen, zeigte praktisch keine Reaktion. Demnach genügt Information allein nicht, sie muss auch als glaubwürdig wahrgenommen werden.
Zweitens fanden die Autoren deutliche Belege für „motivated reasoning“, also motiviertes Denken: Personen, die mit Informationen konfrontiert wurden, die ihren bisherigen Überzeugungen widersprachen, waren am Ende des Experiments signifikant weniger bereit, zusätzliche Informationen über gute Regierungsführung anzufordern als Personen, deren Vorurteile bestätigt wurden. Menschen passen ihre Überzeugungen zwar kurzfristig an neue Fakten an, ziehen sich aber zugleich stärker vor weiterer unbequemer Evidenz zurück. Dieser Mechanismus könnte erklären, warum Fehlwahrnehmungen trotz punktueller Korrekturen langfristig persistieren.
Unrealistische Erwartungen
In ihrem Fazit ordnen die Autoren ihre Ergebnisse in den größeren Zusammenhang der globalen Demokratiekrise ein. Sie verweisen auf frühere eigene Arbeiten, die zeigen, dass tatsächliche wirtschaftliche Underperformance die Zustimmung zur Demokratie schwächt. Die vorliegende Studie ergänzt dies um den Befund, dass dieser Effekt durch ungenaue Vorstellungen über die Leistungsfähigkeit nichtdemokratischer Alternativen verstärkt wird. Das eigentliche Informationsproblem entsteht demnach in reifen Demokratien, deren Bürger keine gelebte Erfahrung mit autoritärer Herrschaft besitzen. Ohne ein beobachtbares Gegenbeispiel fällt es schwer, realistische Erwartungen an eine unbekannte Alternative zu bilden, ein Umstand, den moderne, fragmentierte Medienlandschaften eher verschärfen als lindern.
Die methodische Sorgfalt der Studie, Präregistrierung, IRB-Genehmigung und doppelte Kontrolle gegen Experimenter-Demand-Effekt verdient Anerkennung und die Effektgrößen sind für Kurzzeitinterventionen dieser Art durchaus beachtlich. Dennoch sind mehrere Einschränkungen zu nennen. Erstens ist die externe Validität begrenzt. Argentinien mit seiner spezifischen Geschichte wiederholter Wirtschaftskrisen unter demokratischer wie auch, in geringerem Maße, autoritärer Herrschaft ist kein beliebig übertragbarer Testfall für andere Demokratien mit anderer historischer Erfahrung. Zweitens messen beide Experimente vor allem kurzfristige Effekte unmittelbar nach der Intervention. Ob die beobachteten Einstellungsverschiebungen von 0,15 bzw. 0,03 Standardabweichungen über Wochen oder Monate Bestand haben, bleibt offen. Gerade angesichts des selbst dokumentierten Befunds zum motivierten Denken liegt die Vermutung nahe, dass ein Teil der Effekte rasch verpufft.
Drittens beruht die Kategorisierung „Populismus versus Nicht-Populismus“ zwangsläufig auf Vereinfachungen. Die Autoren räumen dies selbst ein, etwa wenn sie darauf hinweisen, dass linke und rechte Ausprägungen unterschiedlich stark auf Interventionen reagieren. Dies ist ein Hinweis darauf, dass ideologische Vorprägung die Wirkung „neutraler“ Fakteninformationen mitbestimmt. Somit wird die vermeintliche Trennschärfe zwischen „Wissen“ und „politischer Präferenz“ relativiert.
Schließlich bleibt die zentrale normative Implikation der Studie – dass bessere ökonomische Aufklärung, insbesondere durch Wissenschaft und Qualitätspresse, demokratische Institutionen stärken könne – zwar plausibel, wird aber durch den eigenen Befund zum selektiven Rückzug vor unbequemer Information erheblich relativiert. Wer die Botschaft am dringendsten bräuchte, ist gerade der Botschaft gegenüber am resistentesten.
Quelle: Daron Acemoglu. Nicolás Ajzenman. Guillermo Cruces
Martin Fiszbein, und Gaston García Zavalet, “Where the Grass Seems Greener:
Economic Misperceptions and Support for Democracy,” NBER Working Paper 35644, August 2026; DOI 10.3386/w35644