Die Kunstbiennale Manifesta 16 füllt profanierte Gotteshäuser im Pott mit neuem Leben, Soundscapes und radikalen Installationen. Eine Spurensuche zwischen verblasstem Glanz und der Chance auf ein neues gesellschaftliches Miteinander.
Der Ückendorfer Hof hat schon lange zu. Müde erinnert seine Fassade an den Ehrgeiz vergangener Zeiten. Der Stuck zitiert Ornamente der Gotik. Doch ist der Stuck vor Staub dunkelgrau, die heruntergelassene Rolljalousie zur Eingangstür demoliert. Das Schicksal der Gelsenkirchener Kultgaststätte war geknüpft an die Arbeit in den Zechen, an die „Kathedralen der Arbeit“, wie der Kunsthistoriker Karl Scheffler die Monumentalbauten der Schwerindustrie nannte. Mit dem Ende des Bergbaus ging auch im Ückendorfer Hof das Licht aus. Das Gebäude verfällt.
Low-Budget-Christo meets Blue Man Group
Ein paar Hundert Meter weiter blüht neues Leben aus den Ruinen: Die Kirche Sankt Josef gehört zu 12 profanierten Gotteshäusern, die Teil der Manifesta 16 sind. Die Amsterdamer „Manifesta Stichting“, Organisatorin der „Nomadic European Biennal“, fokussiert im Zweijahres-Takt auf immer neue Orte sozialen Wandels. Dieses Jahr im Fokus: die entwidmeten Gotteshäuser im Ruhrgebiet. Was wird aus den Kirchen? Braucht die wirklich keiner mehr? Was braucht es, um diesen Gebäuden neues Leben einzuhauchen?

In Sankt Josef in Gelsenkirchen-Ückendorf hat sich das göttliche Pneuma in tiefblaue Plastikfolie verwandelt, die nun den gesamten sakralen Innenraum umspannt. Das mystische Blau verleiht auf seine Weise dem verblassten Glanz der Bergarbeiter-Kirche eine neue Erhabenheit. Penique Productions schaffen durch Verfremdung mittels ihrer ephemeren Installation ein völlig neues Bild von diesem einst so vertrauten Raum.
Pantoffelkirchen und Migration
Mit seiner eigenwilligen Mixtur von Gotik und Klassizismus gehört Sankt Josef zu den älteren Gotteshäusern, die an der Manifesta teilnehmen. Der Kirchenbauboom folgte den Einwanderungswellen, galt es doch, Neuankömmlinge zu integrieren und ihnen ein spirituelles Obdach zu geben. Dies taten die zahlreichen Kirchen in der unmittelbaren Nachbarschaft, die sogenannten „Pantoffelkirchen“. Denn der Pott, wie das Ruhrgebiet genannt wird, war immer eine Region massiver Einwanderung. Bedeutender Zuzug bestand in den 1870er und 1880er Jahre, einer Phase forcierter Industrialisierung, nicht zuletzt in der Folge der Reichsgründung. Die Neu-Gelsenkirchener von damals waren überwiegend polnischsprachige Bürger des preußischen Ostens, überwiegend Katholiken.
In der Zeit nach 1945 kamen die Zuwanderer erneut aus Osteuropa, Deutsche aus dem einst preußischen Osten nach dem Ende von Hitlers Vernichtungskrieg. Vertriebene. Sie wurden dringend für die Aufbau-Arbeit nach den Kriegsschäden gebraucht und standen am Anfang des Wirtschaftswunders, das schon bald einen noch weitergehenden Bedarf an Arbeitskräften zeitigen sollte.
Flak-Geschütze und Soundscapes
Die monumentale architektonische Pose der Liebfrauen Kirche in Duisburg zeugt vom Selbstverständnis jener Tage. Mitten ins Zentrum der betriebsamen City setzte Architekt Toni Hermanns einen rauen Solitär aus Sichtbeton und Naturstein als spirituellen Raum des Rückzugs. Im Innern dieses monumentalen kubischen Baukörpers manifestiert sich dieser Tage das Pneuma in einer raumgreifenden Installation demontierter Orgelpfeifen, die dank einer raffinierten Druckluft-Mechanik stetig sich wandelnde, näselnde Soundscapes generieren. Die wie Flak-Batterien angeordneten Pfeifen künden so von Krieg, Verlust und Heilung zugleich.
Im Essener Norden, in der wuchtigen Architektur von Sankt Marien, lassen die Kuratoren René Block und Leonie Herweg die Manifesta-Gemeinde durch einen Klangvorhang von Röhrenglocken den Blick auf eine Installation von Katharina Fritsch werfen. Ihr Kreuz, aus groben Ästen geformt, erinnert an die einstige Bestimmung dieses auch bei strahlendstem Sonnenschein etwas düster wirkenden fünfeckigen Kirchenschiffs. Doch der rosa Lack auf dem Holzkreuz verleiht dem archaischen Symbol einen poppig-frischen Look und konterkariert damit die Untergangsstimmung des verlassenen Gotteshauses.

Ein neues „Wir“
Indem die Manifesta 16 diese profanierten Sakralbauten als Orte diskursiver Kunst nutzt, öffnet sie die Tore wieder weit für uns alle: „Wir haben in den ersten sechs Wochen 72.000 Menschen gezählt“, sagt Anna Thornton, die Sprecherin der „Stichting“, „das hat unsere Erwartungen weit übertroffen.“ Wo einst der Ort des christlichen Ritus war, treten heute Kunst, Spiritualität, soziale Fragen und gesellschaftlicher Dialog in einen lebendigen Austausch.
Und genau hierin liegt die große Chance für uns alle: Entwidmete Kirchen dürfen nicht verfallen! Dringend benötigen wir sie als Orte eines lebendigen Miteinanders für Menschen jeder Herkunft und aller Glaubensrichtungen – denn sie sind dazu bestimmt, uns zu den verbindenden solidarischen Wurzeln unserer Traditionen zurückführen.
Fotos: Hans v. Seggern