
Ich kann nicht begreifen, warum so viele Deutsche so fahrlässig mit der Zukunft ihres Landes umgehen. Europa balkanisiert sich – und Deutschland steckt mittendrin!
Die Osmanen machten sich 1878 auf dem Balkan aus dem Staub; zurück blieb diese Halbinsel, besonders Ex-Jugoslawien, als Pulverfass Europas. Mehrere Nationalitäten mit unterschiedlichen Religionen – katholisch, orthodox, islamisch – prallten aufeinander. Es ist schwer zu zählen, in wie vielen Kriegen sie sich gegenseitig massakrierten. Der Zweite Weltkrieg war der schlimmste, zumal so viele mit den Faschisten aus Europa kollaborierten und Juden vernichteten.
Nach dem Zweiten Weltkrieg glaubten wir – lauter gut gebildete, Frieden liebende Bürger dieses Landes –, die jugoslawischen Völker hätten die Feindseligkeiten endlich hinter sich gelassen. Wir waren überzeugt: Der Balkan als Pulverfass existierte nur noch in den Floskeln verflossener Zeiten. Wie wir uns getäuscht hatten, begriffen wir 1992, als der serbische Nationalismus diese Zeitbombe zur Explosion brachte.
Ich habe die Folgen dieser Explosion unmittelbar erlebt und gelernt, dass Pazifismus keinen Sinn hatte: Die Zivilisten, die nicht kämpfen wollten und sofort die Macht der Eroberer akzeptierten, fielen direkt der Soldateska zum Opfer.
Seit dem Gemetzel in Bosnien ist viel Wasser den Bach runtergeflossen. Schon eine Weile habe ich das Gefühl, dass sich gerade diese Phase meines Lebens wiederholt, obwohl ich seit dem Krieg nicht mehr auf dem Balkan lebe, sondern in Deutschland. Es ist beängstigend, wieder eine Zeitbombe unter den Füßen ticken zu hören.
Bedrohung auch aus dem Inneren
Europa wird mit mehreren Kriegen der globalisierten Welt konfrontiert und von ihren Auswirkungen bedroht. Die Bedrohung kommt auch von innen: Europas Städte verkommen. In Berlin, Paris, London oder Brüssel werden Clans immer mächtiger, islamische Fanatiker immer gewaltbereiter. Wieder erlebe ich, dass friedensliebende Menschen die Gefahr nicht sehen wollen.
Sie hängen denselben Illusionen des Pazifismus an wie wir damals in Bosnien: Die Jugend lehnt den Wehrdienst ab, Eltern und Großeltern unterstützen sie dabei! Ihr Mantra lautet: „Wir geben euch unsere Söhne und Enkelsöhne nicht! Wir brauchen keine Aufrüstung! Wir wollen keinen Krieg!“
Ich versuche, mit meinen bitteren Erfahrungen gegen solche Illusionen anzusteuern. In Bosnien hat uns die Ablehnung des Kriegs Hunderttausende Menschenleben und Millionen Vertriebene gekostet. Lauter Zivilisten, oft ganze Familien, wurden von der serbischen Soldateska umgebracht und in Massengräbern verscharrt – meist diejenigen, die dem Aggressor sofort ihre Loyalität proklamiert hatten. Tausende Frauen und Mädchen wurden vergewaltigt, obwohl ihre Männer nicht kämpften.
Einem solchen Schicksal entkamen wir – meine Familie und ich – in letzter Sekunde. Wir lebten in einer serbischen Ortschaft und wollten unser Zuhause nicht verlassen. Monatelang vegetierten wir vor uns hin und hofften, für die serbischen Machtstrukturen unsichtbar oder uninteressant zu sein, weil wir niemandem etwas Schlimmes angetan hatten. Aber die Milizen wussten, wo wir wohnten, und kamen nachts, um uns abzuholen. In letzter Sekunde wurden wir von einem serbischen Polizisten gerettet, der vor dem Krieg, wie er sagte, mit vielen Muslimen befreundet gewesen war.
Vorboten des Zerfalls

In meinem Roman „Tanz auf Europas Pulverfass“ habe ich an erster Stelle darstellen wollen, wie Propaganda und die Krise der Wirtschaft den Zerfall einer Gesellschaft ankündigen. In Ex-Jugoslawien war die Ökonomie nicht robust; die Kriegstreiber brauchten nicht viel Kraft und Zeit, um die Produktionsketten zu unterbrechen und eine enorme Inflation hervorzurufen. Was im Sozialismus relativ schnell geschah, kann im demokratischen Deutschland natürlich länger dauern.
Doch die Vorboten sind seit mehreren Jahren da: Die Bürger dieses Landes erleben tagtäglich ein solches Wirrwarr an Propaganda und den Zerfall der mittelständischen Firmen, die das Fundament der Wirtschaft darstellen. Die politischen Strukturen, die dieser Insolvenzwelle längst hätten vorbeugen sollen, scheinen orientierungslos zu sein – genau so, wie ich es in meinem Roman dargestellt habe.
Obwohl ich das Buch „Tanz auf Europas Pulverfass“ vor fast 20 Jahren geschrieben habe, ist das Thema heute aktueller denn je. In seinem Inhalt spiegelt sich die gegenwärtige Situation in Europa wider. Die Leser erfahren, was mit den Friedlichen geschieht, wenn sich ihre multikulturelle Idylle, an die sie weiterhin glauben, in eine Hölle des Faschismus verwandelt. Meine Botschaft an sie: In eurer vielfältigen, pazifistischen Blase seid ihr keineswegs vor Aggression geschützt!
Hallo,
ich schwinge ja selten mit KJN im Einklang, aber die kritische Frage nach den möglichen weiteren Ursachen für das Inferno in Jugoslawien finde ich durchaus berechtigt.
Das war ja eine von vielen billigend in Kauf genommen Katastrophe. Ich glaube, den meisten Akteuren, war es am Anfang ziemlich egal, wo das alles enden würde. Man schaute auf seine eigene Situation und dachte, es kann ja nur besser werden.
Aus dem, was ich Mitte bis Ende der 80er-Jahre in den deutschen Medien gelesen habe, waren die ersten emanzipatorischen Bestrebungen vor allem auf mangelnder Mitbestimmung, d. h. einem Demokratiedefizit und den wirtschaftlichen Einbruch bei gleichzeitiger sozialer Ungleichheit, sowohl zwischen verschiedenen sozialen Schichten als auch regionalen Gebieten (Nord-Süd-Ungleichheit) zurückzuführen.
In diesem kritischen Milieu, so war meine Erinnerung, wurden dann zunächst die nationalistischen „Karten“ ins Spiel gebracht, und erst als der Krieg begann, die religiösen. Aber ich war nicht dabei, vielleicht kann Stevanovic dazu etwas sagen.
Ich jedenfalls, hatte damals das Gefühl bekommen, dass man da vor allem auf einen sozialen Dynamitfass dass, das jederzeit von nicht gut gesinnten Brandstiftern in die Luft gejagt werden könnte.
Wer daran alles „Schuld“ hatte, will ich nicht beurteilen. Aber man sollte etwas weiter zurückschauen, auf die Zeit des WW2, ja, auf den serbischen Nationalismus, aber auch auf den kroatischen. Man sollte auch auf den IWF und seine Politik in den 80ern schauen. Die in Kauf genommen Verelendung, d. h. die u. a. auf Schumpeter zurückgehende menschenverachtend angewandte Theorie der „schöpferischen Zerstörung“.
Da gibt es interessante auf Gurr aufbauende empirische Studien zu, dass die wirtschaftliche Disintegration auch ein entscheidender Zerfallfaktor war, wenn nicht sogar, der entscheidende.
68er
Sehr geehrte Frau Obhodjas,
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„Die Leser erfahren, was mit den Friedlichen geschieht, wenn sich ihre multikulturelle Idylle, an die sie weiterhin glauben, in eine Hölle des Faschismus verwandelt. Meine Botschaft an sie: In eurer vielfältigen, pazifistischen Blase seid ihr keineswegs vor Aggression geschützt!“
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ich teile Ihre aufgeführten Befürchtungen seit längerem.
Und ich weiß, Prognosen blenden immer das aus, was an Stelle passieren könnte, aber ich frage dennoch: Gegen wen konkret sollten wir uns aufrüsten, wehrhaft werden müssen? War – in Ihrem Fall – Serbien die einzige Ursache für den Krieg? Sind wir als komplett zersplitterte Gesellschaft mit vielen abgehobenen Ideen, aber ohne Perspektive überhaupt in der Lage, ‚uns‘ zu verteidigen? Warum könnte Russland die Rolle Serbiens übernehmen wollen und vorgehen, um daß das zerbröckelnde Europa zu annektieren (beginnend bei den Baltischen Staaten, Polen, Slowakei und warum sollte es dieses Wagnis eingehen? Ist ‚Europa‘ und ‚der Balkan‘ wirklich vergleichbar? Ich denke bei einigen Punkten werden wir an Oswald Spenglers Gedanken nicht vorbeikommen.
Lieber Klaus, Ihre Fragen bezüglich Russland würde ich mit der Statistik der bisherigen, aktuellen sowie prognostizierten Rüstungsausgaben der Europäischen Nato-Lnder beantworten. Russland bedroht Europa in meinen Augen nicht. Es versagt ja schon in der Ukraine als Hegemon.
„Oswald Spenglers Gedanken“, lieber KJN,
habe ich noch immer nicht im Original gelesen. Nur einen (Teil-) Aufguss davon: Rudolf Steiner lehrte, dass das Abendland einmal untergehen werde und Rußland einmal dessen Erbe antreten würde.
Aus diesem Grund gibt es seit 1919 an allen Waldorfschulen Russisch-Unterricht.
Weder Spengler noch Steiner, so glaube ich, hatten allerdings bedacht, dass einmal eine europäische Frau weniger als zwei Kinder gebären würde. Sie hätten das wohl für unmöglich gehalten.
Im Ukraine-Krieg werden auf beiden Seiten DIE EINZIGEN SÖHNE erschossen. Eine solche Kultur hat meines Erachtens keine Zukunft. Weil Zukunft Kinder braucht.
Der alte Sarkastiker Broder sagt:
„Deutschland wird einmal im günstigsten Fall eine chinesische Provinz, im ungünstigsten Fall ein Kalifat.“
Zum Thema Demografie las ich heute morgen folgenden traurigen Befund von Mirna Funk, die immer wieder erfreulich genau hinguckt:
https://www.welt.de/kultur/plus6a22ca8ea85ce647df4726c6/sinkende-fertilitaetsrate-der-ueberzaehlige-mann.html?source=puerto-reco-2_ABC-V50.4.A_schlagzeilen_control
Das dürfte insofern mit dem Thema hier zu tun haben, daß die abgehängten Massen das Potenzial und den Ausschlag für die Revolutionen liefern und nicht die stets überschätzten Revolutionäre und Philosophen aus den Geschichtsbüchern.