Kunst darf alles: übertreiben, sich über Normen hinwegsetzen, auch auswählen, also Inhalte, Figuren, Schauplätze bei einer Literaturverfilmung weglassen. Das ist dem Regisseur Christopher Nolen nicht vorzuwerfen, darauf haben wir als Zuschauer ein Recht. Ein Film darf brutal und unerhört, nur eben niemals eins sein: langweilig! Eine Filmbesprechung von Marion Klink.
Dieses filmische Epos ist zu keinem Zeitpunkt langweilig. Nolans Odyssee greift den Kinobesucher an, bricht gewaltsam über hämmernde, rhythmische aggressive Klänge in sein Unterbewusstes ein, erinnert ihn an großes Menschentum, fesselt ihn auf seinen Sitz, lässt ihn Angst, ohnmächtige Wut, unerträgliche Verzweiflung und eben auch Hoffnung spüren. Affekte, die wir in unserem weitestgehend saturierten Dasein in dieser Intensität kaum noch erleben.
Unser Dasein bietet kaum Chancen lebensverändernde Abenteuer zu erleben, während unserer Reisen ist Sicherheit oberstes Gebot, Heldentaten in der Bahn, im Flieger, im 4-Sterne-Hotel unwahrscheinlich. Und wir wollen es auch so.
Nolan führt uns in die Epoche der Bronzezeit zurück, wo Körperlichkeit, Kraft und der Mut, schnell irreversible Entscheidungen zu treffen, entschieden über Leben und Tod der Agierenden. Verantwortung konnte nicht auf breite Schultern verteilt werden so wie heute, der Held traf sie allein und hielt den Folgen wie selbstverständlich stand.
König Odysseus von Ithaka, brillant gespielt von Matt Damon, besitzt diese Eigenschaften, aber eben auch einen wachen Verstand, strategisches Denken und hohe moralische Werte. Der Zuschauer kann sich mit ihm identifizieren, er gleicht uns intellektuell und ist uns doch gleichzeitig überlegen, denn er ist das Konglomerat der Eigenschaften des idealisierten modernen Menschen.
Was Kunst nicht darf
Kunst darf alles, nur nicht langweilig sein! Sie darf unerhört sein, muss es aber nicht. Frei mit dem Sujet umgehen, eine Notwendigkeit bei der Fülle des antiken Stoffes. Odysseus Aufenthalt bei der schönen Calypso hätte die Gelegenheit sexuell anregender Bilder geboten. Es ist eine Stärke des Films, das nicht nötig zu haben, um Zuschauer zu generieren.
Nolan konzentriert sich auf die Gespräche über die ihr von den Göttern vorgegebene Aufgabe der Calypso, Odysseus aufzuhalten, ihn gefangen zu nehmen um jeden Preis. Die schlichte Kostümgestaltung für Charlise Theron passt zu dieser Intention. Ein Fischernetz als Kleid. Sie ist eine Menschenfischerin.
Homer beschreibt in seiner Odyssee das intensive Zusammenspiel von dominanten Göttern und den ihnen ausgelieferten Menschen. Die intriganten Bösartigkeiten von Zeus und Poseidon, ihre kleinliche Rachsucht, ihre menschlich anmutende Oberflächlichkeit ist die Ebene Olymp. Die Menschen auf der Erde gleichen den Göttern in allem.
Im Film wird diese übermächtige Dominanz allerdings kaum für den Zuschauer erlebbar, denn ein gekonnt integrierter, unaufdringlich wirkender Erzähler erläutert die Motive der Götter. Nur die von Zendaya gespielte Göttin Athene taucht körperlich auf und ist sehr schlicht gekleidet, zurückhaltend kommentierend oder auch nur wortlos beobachtend anwesend. Niemals dominant, aber in ihren moralischen Belehrungen doch prägend und überzeugend.
Moderne Menschen sind prozentual überwiegend Agnostiker oder zu mindestens Atheisten und glauben nicht an einen strafenden, rachsüchtigen Gott im Sinne Homers. Menschen sehen sich selbst als die Herren ihres Schicksals und die Gestalter ihres Lebens und fühlen sich zurecht nicht übermächtigen Göttern ausgeliefert. Nolans Weniger ist also ein Mehr!
Kunst darf grausam sein
Eines der stärksten Bilder des Films ist für mich das Auftauchen des Agamemnon am von Odysseus Männern geöffneten Tor von Troja . Der Zuschauer sieht zunächst nur diesen einen Mann in schwarzer Rüstung, dämonisch angsteinflößend, ehe die griechische Armee die Stadt erobert und die Hölle über Troja hereinbricht. Odysseus hat mit seiner List den Massenmord ermöglicht und die Bilder des Grauens steigen in filmischen Sequenzen in ihm wiederholt auf.
Das Frohlocken über den Sieg währt nur kurz, seine Gewissensqualen ein Leben lang. Odysseus begreift nicht, dass die Irrfahrten seine gerechte Strafe sind. Damit folgt Nolan der Darstellung Homers.
Die Polyphem-Episode des Films hat aus meiner Sicht Längen. Hier hätte man den Plot ohne Not kürzen können. Dieser entstellte, einäugige Sohn des Poseidons, eher tierisches Monster als Mensch, wird von Odysseus nach der erfolgreichen Flucht aus der Höhle ohne Not durch einen Pfeilschuss ins Gesicht gequält. Beindruckend, was hier Computertechnik an Mitleid erregender Hässlichkeit kreieren konnte.
Das Menschenfresser-Motiv wird szenisch verwoben mit der tradierten Bestattungspflicht in der griechischen Antike. Odysseus agiert pragmatisch beim Zurücklassen der getöteten Mitstreiter. Er kann seiner moralischen Pflicht nicht nachkommen, wenn er nicht das Leben aller riskieren will. Wenigstens will er das Monster noch leiden sehen, die Blendung reicht nicht aus als Rache für den Tod der Gefährten, das Hässliche hat kein Anrecht auf Fairness. Laut Nolan zieht er erst durch den Schuss auf das geblendete, nun wehrlose Kind die Rache des Meeresgottes auf sich.