Zu Weihnachten 1987 wurde der Mitarbeiter der Grünen im Europaparlament Gerd Albartus nach Damaskus gelockt, dort vor ein Femegericht gestellt und erschossen. Richter und Henker waren vermutlich der venezolanische Terrorist Ilich Ramirez Sanchez, genannt Carlos, und der deutsche Terrorist Johannes Weinrich.
Weshalb der Polizistensohn Albartus, der zusammen mit Weinrich Mitglied der „Revolutionären Zellen“ (RZ) und an mehreren terroristischen Aktionen beteiligt gewesen war, sterben musste, ist umstritten. Manche sagen, man habe ihn als Agenten des Ministeriums für Staatssicherheit der DDR verdächtigt; aber Weinrich hatte vier Jahre zuvor nichts dabei gefunden, selbst mit dem MfS beim Bombenanschlag auf die Maison de France in Berlin zusammenzuarbeiten; und er und Carlos konnten in Damaskus nur operieren, weil das dortige, eng mit der DDR kooperierende Regime sie gewähren ließ.
Wahrscheinlicher ist, dass Albartus wegen seiner Homosexualität als Sicherheitsrisiko galt. Wie die RZ in einem Nachruf schrieben, habe er „offensiv als Schwuler“ gelebt (das Wort „offensiv“ muss man sich auf der Zunge zergehen lassen) „Veranstaltungen zum Thema AIDS“ organisiert und die „Schwulenszene auf Ibiza“ genossen. Wie die im Safe Space Westdeutschland schreibenden Genossen den Meuchelmord entschuldigend ausführten: Wo das Leben „von militärischen Angriffen, von permanentem Ausnahmezustand, von Ausgangssperren, Verhaftungen und Folter“ bestimmt werde (gemeint war nicht etwa Syrien, wo das tatsächlich der Fall war, sondern „Palästina“ und die „Dritte Welt“ allgemein), sei „wenig Raum für Ambivalenzen, die der metropolitanen Herkunft geschuldet sind“. Dort, wo mit der Waffe in der Hand gegen den Imperialismus gekämpft werde, müsse „die Frage nach der eigenen Person fast lächerlich klingen“.
Die Homosexualität als Zivilisationskrankheit, der Individualismus als lächerliche Ablenkung vom Kampf, das Ausleben der eigenen Sexualität als „offensives“ Verhalten, das beim zu gewinnenden Volk „Misstrauen und Ablehnung“ hervorruft und dort jedenfalls nicht zu dulden sei, wo „unbedingte Gefolgschaft und Unterordnung“ verlangt werden: bis in die einzelnen Vokabeln hinein ist diese Erklärung von faschistischem Geist geprägt.
Das Beispiel und die Zitate sind Jan Gerbers Buch „Fluchtpunkt Entebbe: Der linke Terrorismus und Israel“ entnommen, das von Klaus Bittermann in der Edition Tiamat herausgegeben wurde. Das Buch, eine Sammlung von journalistischen und wissenschaftlichen Artikeln aus den letzten 20 Jahren, ist nicht zuletzt deshalb interessant, weil es eben die Revolutionären Zellen (RZ) ins Visier nimmt, die durch die mediale Konzentration auf die RAF und ihre Stars Baader, Meinhof, Ensslin und Mahler und auf die „Bewegung 2. Juni“ mit dem mörderisch-antisemitischen „Polit-Clown“ Kunzelmann an der Spitze bislang zu wenig Aufmerksamkeit erfuhren.
Das mag paradoxerweise – aber das ist eine Unterstellung – auch daran liegen, dass die RZ sozusagen Feierabendterroristen waren, die halbwegs bürgerlichen Berufen nachgingen und in der linken Szene und den diversen „Bewegungen“ – gegen die Startbahn West in Frankfurt, gegen Atomkraftwerke usw. usf. – gut vernetzt waren, anders als die im Untergrund arbeitenden Vollzeitgangster der RAF. So wird der eine oder andere Journalist möglicherweise mit der einen oder anderen zwielichtigen RZ-Gestalt ein wenig mehr zu tun gehabt haben, als sich für eine Karriere als förderlich erweist.
Es gehört jedenfalls zu den Thesen Gerbers, der aus dem Umfeld der „Jungle World“ und der „Bahamas“ kommt, dass die RZ (und die radikale Linke allgemein) gerade weil sie „dem Volke dienen“ wollten, also linke Populisten waren, die vermeintlichen – oder wirklichen – Vorurteile und psychischen Macken der von den Alliierten besiegten, besetzten und zwangsumerzogenen Deutschen mehr oder weniger bereitwillig, mehr oder weniger bewusst übernahmen, ob das nun der Antiamerikanismus, die Verherrlichung von Kampf und Gefolgschaft, der Antisemitismus oder der Schwulenhass seien.
(An dieser Stelle sei der autobiographische Hinweis gestattet, dass ich zwar zehn Jahre vor der Ermordung Albartus‘ aus der maoistischen KPD ausgetreten war, in meiner Zeit als Kader jedoch einige dieser Mechanismen kenne und damals internalisiert habe. So schnitten wir uns die langen Haare ab, trugen am 1. Mai Anzug und Krawatte und pflegten einen bürgerlichen Lebensstil einschließlich monogamer heterosexueller Beziehungen. Ich war selbst beteiligt an der Untersuchung des Selbstmords eines Genossen – in Göttingen, wenn ich mich recht erinnere -, der vermutlich aus Verzweiflung über seinen Ausschluss wegen Homosexualität den Tod suchte, und musste das meinem früheren besten Freund gegenüber rechtfertigen, von dem ich wusste, dass auch er schwul war. Und tat es, obwohl ein Teil von mir sich darüber schämte.)
Die Verwandtschaft zwischen ganz links und ganz rechts kam aber vor allem in der Unterstützung des arabischen Terrors gegen Israel zustande. Dass die RZ-Mitglieder Wilfried Böse und Brigitte Kuhlmann bei der Entführung der Air-France-Maschine nach Entebbe ihren arabischen Freunden bei der Selektion jüdischer – nicht nur israelischer – Passagiere zur Hand gingen, ist bekannt, und diese exemplarische Handlung rechtfertigt den Titel des Buches.
Weniger bekannt ist aber, dass, wie Gerber berichtet, Mitte der 1970er Jahre RZ-Terroristen und deutsche Neonazis in palästinensischen Ausbildungslagern gemeinsam für den bewaffneten Kampf trainierten; dass bereits beim Angriff arabischer Terroristen auf die israelische Olympiamannschaft 1972 sowohl RZ-Mann Böse als auch der Neonazi Willi Pohl nach eigenen Angaben wichtige Unterstützerdienste leisteten; dass beim Mord an dem hessischen Wirtschaftsminister Heinz-Herbert Karry, dem ersten Juden, der in der Bundesrepublik ein hohes politisches Amt bekleidete, am 11. Mai 1981 die Polizei lange im Dunkeln tappte, ob es sich bei den – bis heute nicht erfassten – Tätern um Neonazis oder um die RZ ging, die für Gerber glaubhaft die Tat für sich reklamierte.
Fanal für den linksdeutschen Terror sollte eben nicht zufällig am 9. November 1969 ein – allerdings gescheiterter – Anschlag auf das Jüdische Gemeindehaus in West-Berlin sein, und Morde gegen Juden pflastern den Weg des linken Terrors – einen Weg, der nicht zufällig für Carlos ebenso wie für seine beiden deutschen Helfershelfer Michael Steinau und Bernard Falk nicht zufällig in den Islamismus führte: Von „Ho, Ho, Ho-Tschi-Minh!“ zu „Allahu Akbar!“
Nicht zufällig ist es auch, wie Gerber berichtet, dass nicht etwa AfD- oder Pegida-Sympathisanten oder ostdeutsche Baseball-Hooligans zuerst gewaltsam Front machten gegen die Asylpolitik der Bundesregierung, sondern bereits in den 1980er Jahren die Revolutionären Zellen, und mit ähnlichen Argumenten wie den heutigen Rechten (und BSW-Linken): sie diene der Spaltung des Volkes im Kampf gegen das internationale Kapital.
Wer „das Volk“ beschwört im Kampf gegen das Kapital, gegen Amerika, gegen den Imperialismus oder Globalismus und die wurzellose Elite, der landet eher früher als später beim Antizionismus und Antisemitismus, bei Schwulen- und Fremdenfeindlichkeit. Nicht nur in Deutschland, aber vielleicht besonders hier. „Ich bin kein Nazi! Ich bin Idealist!“ soll Wilfried Böse auf den Vorwurf eines jüdischen Passagiers reagiert haben, er folge in den Fußstapfen der Vätergeneration. Aber Nazi und Idealist ist kein Gegensatz. Wie Adolf Hitler schrieb, der den Kampf gegen das Judentum als apokalyptischen Kampf um die ökologische Rettung der Erde beschrieb: „Indem ich mich des Juden erwehre, kämpfe ich für das Werk des Herrn!“