
Die Behauptung, islamistischer Terror wie beim Anschlag auf den Berliner CSD habe nichts mit der Religion zu tun, führt in die Irre. Wir Muslime müssen uns damit auseinandersetzen, warum die gewaltverherrlichende Interpretation des Islam besonders für junge muslimische Männer so attraktiv ist.
Der Generalsekretär der Islamischen Gemeinschaft Milli Görüş scheint übersinnliche Kräfte zu haben und zu meinen, mehr als andere über den Mann zu wissen, der das Attentat auf den Berliner Christopher Street Day verübt hat. Anders kann ich mir nicht erklären, warum Ali Mete auf seiner Facebook-Seite die Pressemitteilung der IGMG zu dem Anschlag mit folgenden Worten teilte: „Wer Menschen angreift, ermordet oder in Angst versetzt, handelt nicht im Namen des Islams, sondern folgt einer menschenverachtenden Wahnideologie. Er missbraucht Religion, um Hass und Gewalt zu rechtfertigen. Dafür darf es weder religiöse noch politische Entschuldigungen geben.“
Ali Mete ist nicht der einzige Funktionär eines Islam-Verbands, der nach dem Morden eines 21-jährigen Anhängers des Islamischen Staats bekundete, der Täter habe nicht im Namen des Islams gehandelt. Wie immer nach Anschlägen von Personen, die sich als Muslime bezeichnend morden, betonen Akteure des organisierten Islams und muslimische Einzelpersonen, für die mörderische Gewalt gebe es im Islam keine Grundlage.
Ich bin keine islamische Theologin und keine Islamwissenschaftlerin, daher maße ich mir nicht an, mich zu der Frage zu äußern, ob und was die mörderische Gewalt mit meiner Religion zu tun hat. Mein Wissen zu der Frage, ob und wenn ja, was die Gewalt gegen Andersgläubige, -denkende, -lebende und -liebende mit der islamischen Religion zu tun hat, beziehe ich von Experten aus den jeweiligen Fachgebieten, aus der Lektüre von Fachpublikationen.
Aber selbst, wenn ich keine Kenntnisse über die Erkenntnisse von Theologen und Forschern hätte: Wenn ein Täter sein Handeln mit seinem islamischen Glauben legitimiert, käme ich nicht auf die Idee, es in Abrede zu stellen. Das wäre anmaßend und steht mir nicht zu! Wenn jemand seine Religion so interpretiert, dass sie Gewalt legitimiert, dann hat es nunmal auch was mit dieser Religion zu tun.
Unterschiedliche Auslegungen des Koran
Spätestens nach dem Bekanntwerden des Bekennervideos besteht kein Zweifel daran, dass das Attentat ein islamistischer Terrorakt war. Dass Muslime und Islam-Funktionäre meinen zu wissen, dass der Täter nicht im Namen „des“ Islam handelte, macht mich wütend. Mit solch einer Aussage kommen wir Muslime in dem Bemühen um eine ausschließlich friedfertige Auslegung unserer Religion nicht weiter. Damit wird verleugnet, dass es unterschiedliche Interpretationen dieser Religion gibt, genauso wie Christentum, Judentum und anderen Religionen.
Daher bin ich sehr froh über die Klarstellung des islamischen Religionspädagogen Ednan Aslan. Er war einer der ersten und leider auch einer der wenigen aus dem Kreis der deutschsprachigen Islamwissenschaftler und islamischen Theologen, der nicht um den heißen Brei herumeredet. Der österreichisch-türkische Professor am Institut für Islamisch-theologische Studien der Universität Wien geht in seinem auf Facebook veröffentlichten Beitrag der Frage nach, „warum wir die theologischen Dimensionen des Terrors offen diskutieren müssen“.
Der Terror sei kein Phänomen, das ausschließlich einer Religion zugeschrieben werden könne. Eine solche Sichtweise wäre weder fair noch würde sie der Realität gerecht werden, schreibt Aslan. Im islamischen Kontext müsse aber offen und ehrlich darüber diskutiert werden, „inwieweit bestimmte theologische Positionen jungen Menschen Argumente liefern oder ihre Bereitschaft zur Gewalt religiös legitimieren“. Diese Debatte dürfe nicht länger mit dem pauschalen Hinweis beendet werden, Terror habe „nichts mit dem Islam zu tun“. Genauso wie es nicht den einen Islam gebe, sollte auch anerkannt werden, dass bestimmte islamische Auslegungen und Rechtstraditionen zur Rechtfertigung von Gewalt herangezogen werden. Diese Tatsache zu benennen, bedeute nicht, den Islam insgesamt zu verurteilen, sondern Verantwortung für problematische Entwicklungen innerhalb der eigenen religiösen Tradition zu übernehmen.
Falsch sei auch das Legitimieren des Terrors als eine normale Reaktion auf die Kriege in islamischen Ländern. Dadurch würde der Terror verharmlost und die Ermordung unschuldiger Menschen indirekt gerechtfertigt. Ähnliches gelte auch für den Umgang mit Menschen unterschiedlicher sexueller Orientierung. Die religiös begründete Abwertung homosexueller Menschen sei in vielen islamischen Diskursen nach wie vor präsent. Nicht selten würden sie als Ausdruck einer angeblich dekadenten westlichen Lebensweise dargestellt.
In zahlreichen muslimisch geprägten Ländern werden homosexuelle Menschen kriminalisiert, gesellschaftlich ausgegrenzt und mit schwersten Strafen bedroht. Aslan zieht daraus eine auch für mich unumgängliche Konsequenz: „Als Muslime sollten wir den Mut haben, die theologischen Grundlagen solcher Haltungen kritisch zu hinterfragen. Es lässt sich historisch nicht bestreiten, dass in Teilen des klassischen islamischen Rechts für homosexuelle Handlungen die Todesstrafe vorgesehen wurde und dass diese Auffassungen bis heute von einzelnen Gelehrten vertreten oder verteidigt werden.“ Deshalb könne man nicht ernsthaft behaupten, all dies habe mit dem Islam oder seiner Rechtsgeschichte nichts zu tun.
Warum äußern sich deutsche Islamwissenschaftler nicht?
Die Verantwortung von Muslime bestünde darin, diese Traditionen kritisch zu reflektieren und mit den ethischen Maßstäben unserer Zeit neu zu bewerten. Statt sie einfach in Abrede zu stellen, um sich selbst zu entlasten.
Seine Stellungnahme zu dem Anschlag beendet der Religionspädagoge so: „Gerade, weil ich mich seit vielen Jahren wissenschaftlich mit islamischem Extremismus beschäftige und persönlich immer wieder Ziel islamistischer Drohungen geworden bin, sehe ich es als meine Verantwortung an, diese Debatte offen, differenziert und ohne Tabus zu führen. Probleme zu verschweigen, schützt weder den Islam noch die Gesellschaft. Nur eine ehrliche Auseinandersetzung mit den theologischen, ideologischen und gesellschaftlichen Ursachen von Radikalisierung kann langfristig dazu beitragen, Gewalt zu verhindern und den Frieden zu stärken.“
Starke Worte! Meine Kritik richtet sich an all die hoch dotierten Professoren und weniger gut bezahlten akademischen Mitarbeiter an den Zentren für islamische Theologie in Deutschland, die aus öffentlichen Mitteln – damit ja auch von meinen Steuern – finanziert werden und schweigen anstatt sich öffentlich zu Wort melden. Warum bringen sie nicht in ihre Sichtweise in die notwendige innenmuslimische Debatte ein?
Die meisten von ihnen forschen vor sich hin, der Umfang der Liste ihrer Publikationen ist ihnen wichtiger als das, was auch Aufgabe von Wissenschaft sein sollte: Forschungsergebnisse in einer verständlichen Sprache an eine breite Öffentlichkeit vermitteln. Und dazu gehören nun einmal auch die Erkenntnisse darüber, dass der Koran Passagen enthält, die Gewalt legitimieren. Eben diese Passagen dienen ja echten oder selbsterklärten Islamgelehrten zum Aufstacheln zu Gewalt und Terror.
Autochtone Deutsche als Fürsprecher von Muslimen
„Islam ist Frieden“: Mit solchen abgedroschenen Parolen machen wir Muslime uns nur noch lächerlich bei all denen, die tagtäglich nicht nur über Medien den Gewaltexzessen von Islamisten in Nah und Fern ausgesetzt sind. Was wir als Muslime und als Gesellschaft insgesamt brauchen ist eine ernsthafte Auseinandersetzung mit den unterschiedlichen Auslegungen des Islams und mit den Gründen für die Anziehungskraft der Gewalt legitimierenden Islaminterpretation.
Was ich auch nicht mehr hören kann: Dass fehlende Anerkennung durch die Mehrheitsgesellschaft junge Muslime in die Hände von Islamisten treibe. Das entmündigt Muslime, die für ihre Taten und Morde selbst verantwortlich sind.
Und was wir Muslime am allerwenigsten brauchen: autochthone Deutsche, die sich als Schutzpatrone der Muslime gerieren und meinen, uns Muslimen verteidigen zu müssen.