Bild: Polizeistation in Bet Shemesh, Israel. Foto: Alan Posener
In ihren Beiträgen zur Einführung der Todesstrafe für Terrorismus gegen Israelis haben sowohl
Rabbi Dr. Walter Rothschild als auch Rabbi Dr. Moshe Navon (in einem Kommentar zu Rabbi Rothschilds Beitrag) auf die Heuchelei vieler Kritiker des jüdischen Staates hingewiesen.
Rabbi Navon verurteilt (leicht redigierte Fassung der Perplexity-Übersetzung seines Kommentars aus dem Englischen) „die Doppelmoral der ausländischen Kritiker“, die „diese rechtliche Maßnahme verurteilen, während sie zu den völkermörderischen Ideologien von Terrorgruppen schweigen“. Dadurch „offenbaren ein tiefgreifendes moralisches Versagen. Indem sie einem souveränen Staat das Recht absprechen, die äußerste Strafe gegen jene zu verhängen, die Massenmorde organisieren, signalisieren diese Kritiker eine stillschweigende Unterstützung der Täter von Völkermord. Sich dem Recht einer Demokratie zu widersetzen, ihr eigenes Überleben zu verteidigen, kommt faktisch einer Verteidigung jener gleich, die sie zerstören wollen.“
Das ist größtenteils Unsinn. Ich kann der IDF das Recht zubilligen (und tue es auch), Schulen und Krankenhäuser anzugreifen, wenn sich darin Kommandoposten und Kämpfer der Hamas oder Hisbollah befinden; ich kann „Kollateralschäden“ unter Zivilisten verteidigen (und tue das auch); ich kann präemptive Schläge gegen Ägypten 1967 und den Iran 2026 verteidigen (und tue das auch) – und dennoch der Ansicht sein, dass auch Terroristen nicht nach der Festnahme, also nachdem sie als Gefahr ausgeschaltet worden sind, getötet werden sollen. Mir zu unterstellen, damit verteidigte ich jene, die Israel zerstören wollen, ist absurd und eines Rabbis nicht würdig.
Dennoch hat Rabbi Navon Recht, wenn er auf die Doppelmoral – also die Heuchelei – ausländischer Kritiker verweist, die nur Israel kritisieren und kein Wort zur Praxis der Feinde Israels verlieren.
Weniger apodiktisch, dafür mit mehr Beispielen, argumentiert Rabbi Rothschild. Er verweist darauf, dass der Iran, die Hamas und Saudi-Arabien Menschen hinrichten, dass dies auch bis vor einigen Jahrzehnten auch die Türkei und Großbritannien taten und dass die USA das bis heute tun. Seine Liste ist keineswegs vollständig. Man könnte und müsste hier vor allem China nennen, das Land mit den meisten Hinrichtungen weltweit: Schätzungen zufolge mindestens 1000 jedes Jahr. Das hat uns nie daran gehindert, den Henkern und ihren Auftraggebern Autos zu verkaufen. Am Schluss schreibt Rabbi Rothschild:
„Ich biete hier keine einfache Schlussfolgerung an, sondern bitte lediglich diejenigen, die sich so
sehr über den Beschluss der Knesset aufregen – einen Beschluss, mit dem auch rund die
Hälfte der Israelis nicht einverstanden ist –, sich zumindest die Mühe zu machen, einige Fakten
und den Kontext nachzuschlagen, bevor sie ihre Wut einseitig gegen Israel richten. Wie ein
Jude einmal sagte: ‚Wer ohne Sünde ist, werfe den ersten Stein.’“
Nun, wenn wir von Kontext reden, sollte man vielleicht erwähnen, dass Rabbi Jesus mit dem Spruch die Hinrichtung einer rechtmäßig wegen Ehebruchs verurteilten Frau verhindert hat. Er lag, wie mir mein Cousin Yohanan Peres sagte, damit auf einer Linie mit der damaligen rabbinischen Rechtsprechung, die allerlei Verfahren und Tricks anwendete, um Frauen nicht steinigen zu müssen, die des Ehebruchs verdächtigt wurden.
Einen solchen Trick wollte der Vater des erwähnten Jesus anwenden, nachdem offenbar geworden war, dass seine Verlobte nicht von ihm schwanger war und zur Erklärung eine völlig unglaubwürdige Geschichte mit einem Engel aufgetischt hatte. Da er, wie Matthäus uns versichert, „ein gerechter Mann“ war, also gesetzestreu und barmherzig, gedachte er, Maria heimlich zu verlassen. Damit hätten alle angenommen, dass er seine Verlobte geschwängert und sitzengelassen habe, was ihr Schande und Tod erspart hätte. Aber ich schweife ab.
Wie Rabbi Navon kritisiert Rabbi Rothschild – wenn auch mit viel milderen Worten – „diejenigen, die sich so sehr über den Beschluss der Knesset aufregen – einen Beschluss, mit dem auch rund die Hälfte der Israelis nicht einverstanden ist“ und bittet sie, „sich zumindest die Mühe zu machen, einige Fakten und den Kontext nachzuschlagen, bevor sie ihre Wut einseitig gegen Israel richten.“
Ja. Die Einseitigkeit ist ein Problem. Und, wie ich – auch ein wenig apodiktisch – in dem Beitrag schrieb, auf die Rabbi Rothschild und Rabbi Navon implizit und explizit antworten:
„Zu Recht gelten „double standards“ als ein Merkmal des israelbezogenen Antisemitismus, eins der ‚3D‘: Dämonisierung, Delegitimierung, Double Standards. Von Israel also mehr zu verlangen, als man etwa von seinem eigenen Land – oder von einem beliebigen anderen Land in einer vergleichbaren Situation – verlangen würde: diese Heuchelei ist im Mund der Gojim antisemitisch.“
Einerseits. Andererseits gilt der schöne Spruch Fjodor Dostojewskis (oder stammt er von Francois de la Rochefoucauld?): „Die Heuchelei ist der Tribut, den das Laster der Moral zollt.“ Indem er Tugend heuchelt, gibt der Lasterhafte zu, dass die Moralgesetze gültig sind, auch wenn er sich nicht an sie hält. Ähnlich ist es mit der Kritik an Israel: indem sie an Israel andere Maßstäbe anlegen als an seine Feinde und an andere Staaten in der Region, geben die Kritiker des jüdischen Staates zu, dass sie von Israel mehr erwarten als etwa von Saudi Arabien oder dem Iran, ja auch mehr als von den USA, von China ganz zu schweigen.
Israel selbst kann sich nicht vergleichen mit der Hamas oder dem Iran; Israel ist eine Demokratie und ein Rechtsstaat, und es verlangt von sich im Kampf gegen den Terror mehr, eine andere Moral als jene, die in den Königreichen und Autokratien, Terrorstaaten und dergleichen in der Region gilt; ja mehr als selbst von anderen westlichen Staaten. Das ist seine Schwäche. Das ist seine Stärke.
Israel hat in seiner ganzen Geschichte einen einzigen Menschen hingerichtet: Adolf Eichmann. Und das machte Probleme, weil Israel weder über Henker noch über entsprechend eingerichtete Bauten verfügte, obwohl die Briten ihnen diesbezüglich einiges hinterließen. (Ich selbst durfte vor ein paar Jahren in einer von meinem Vater für die Briten erbauten und von Israel noch als Polizeistation genutzten Tegart-Fort in Bet Shemesh die Hinrichtungskammer mit Falltür besuchen, in der heute Akten vergammeln.)
Niemand wird Eichmann eine Träne nachweinen; aber der Mann, der ihn hängen musste, litt sein leben lang darunter. Mein Haupteinwand gegen die Todesstrafe ist denn auch nicht das, was sie dem Hinzurichtenden antut, vorausgesetzt, er ist schuldig, sondern das, was sie den Hinrichtenden antut und dem Staat, der sie beschäftigt. Aber um Argumente für oder gegen die Todesstrafe geht es hier nicht, sondern um die Doppelmoral, was Israel betrifft: Ja, sie kann Ausdruck eines Antisemitismus sein, wird es meistens vielleicht sein; und zugleich ist sie Ausdruck einer oft nur halb bewussten Anerkennung, dass Israel anders ist, besser, als seine Nachbarn und Gegner. Der Tribut, den der Antizionismus der Wirklichkeit des jüdischen Staates zollt. Wehe Israel, sollte es eines Tages keinen Grund mehr für solche Doppelmoral geben.
APo: Einen solchen Trick wollte der Vater des erwähnten Jesus anwenden, nachdem offenbar geworden war, dass seine Verlobte nicht von ihm schwanger war und zur Erklärung eine völlig unglaubwürdige Geschichte … aufgetischt hatte.‘
… werter APo, alles Trick? So ganz ohne Belehrung 😉 … etwa 740/701 BC, Prophezeiung des Isaias Kap. 7;14. ‚Deswegen wird der Herr selbst euch ein Zeichen geben: Siehe, die Jungfrau wird empfangen und einen Sohn gebären und man wird seinen Namen Emanuel nennen.‘ (Emanuel stammt aus dem Hebräischen und bedeutet übersetzt ‚Gott ist mit uns‘.‘
Nur blöd, dass sie ihn Jeschu genannt haben, damals ein Allerweltsname wie Jochanan (Hans).