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Nicht nur Juden tun das

Hinrichtung durch den Strang. Bild von ArtWithTammy auf Pixabay

Als liberaler Rabbiner bin ich eigentlich kein Befürworter der Todesstrafe. Aber ich kann dennoch Fälle erkennen, in denen sie relevant sein könnte. Trotz aller moralischen Argumente. Denn es gibt und gab schon immer Gründe dafür und dagegen.

In Israel – einem auf Beschluss der UN nach der Ermordung von sechs Millionen Juden durch Deutsche gegründeten demokratischen Staat, dessen Existenz seit der Gründung 1948 von seinen Nachbarn bedroht wird und der seitdem von den UN weder geschützt noch unterstützt wurde – ist es einer Gruppe rechter Politiker gelungen, im Parlament ein Gesetz durchzusetzen, um die Todesstrafe auf den Mord an Israelis auszuweiten. So formuliert klingt es sehr einfach. Aber natürlich ist es das nicht.

Eine Frage ist, warum die Ermordung von Israelis als besonderes Verbrechen angesehen wird. Die zweite, warum die Todesstrafe nur für palästinensische Terroristen gelten soll, nicht für israelische. Die dritte und vierte, warum sie – von Ausnahmen abgesehen – als alleinige automatische Sanktion vorgesehen ist und weshalb vor Militärgerichten, nicht normalen verhandelt werden soll.

Der Aufschrei in Europa war wie zu erwarten groß. Alan Posener hat hier in diesem Blog geschrieben, als typische Reaktion auch seitens viele linke Israels: “Sowas tun Juden nicht“. Das war so, bleibt vielleicht noch immer so, aber…

Hinrichtungen im Iran und in den Palästinensergebieten

Am selben Tag hat das iranische Regime zwei Bürger wegen „Spionage“ hingerichtet und vielen weiteren mit der Todesstrafe gedroht. Die Mullahs haben – oft nach Folter und ohne Gerichtsverfahren – seit ihrer Machtübernahme 1979 Tausende hinrichten und im Januar Zehntausende Demonstranten ermorden lassen. Man hört nur noch wenig darüber.

Die Hamas richtet Menschen hin, die sie der Unterstützung des Feindes verdächtigt. Auch die Hisbollah richtet Menschen hin. Und wie sieht es mit dem Gebiet aus, in dem die Palästinensische Autonomiebehörde herrscht? In Wikipedia heißt es: „Nach palästinensischem Recht gibt es 77 Straftaten, die mit der Todesstrafe geahndet werden. Von 1994 bis 2022 wurden etwa 260 Todesurteile verhängt: rund 230 im Gazastreifen und 30 im Westjordanland. Insgesamt wurden in diesem Zeitraum 41 Hinrichtungen vollstreckt, wobei die überwiegende Mehrheit im Gazastreifen stattfand.“ Weiterhin: „Nach der Umsetzung des Gaza-Friedensplans im Oktober 2025 führte die Hamas Hinrichtungen von Personen durch, die sie als Kollaborateure und Kriminelle bezeichnete. Die erste fand am 22. September statt, als drei Personen erschossen wurden, denen Zusammenarbeit mit Israel vorgeworfen wurde. Berichten zufolge wurden insgesamt 33 Männer getötet. Humanitäre Organisationen, darunter das Al-Mezan Center for Human Rights, verurteilten die Tötungen als außergerichtliche Hinrichtungen und forderten eine Rechenschaftspflicht.

Saudi-Arabien ist berühmt für die Zahl der Menschen, die es im Namen des Königshauses aus dem Leben zu entfernen beschließt. Allein im Jahr 2025 waren es über 356. Menschen werden wegen Mordes, wegen Drogenschmuggels, wegen Spionage hingerichtet. Ich zähle hier nicht die Opfer religiösen Fanatismus mit, die in vielen Staaten des Nahen Ostens wegen der angeblichen
Sünde, den falschen Glauben zu haben, hingerichtet werden.

Staatliches Töten auch in den USA

Die Türkei hat offiziell bis 1984 Gefangene hingerichtet und hat kein Problem damit, Kurden zu töten. In Syrien wurden Jesiden hingerichtet und Kurden und Angehörige anderer Minderheiten unter der Herrschaft des neuen islamistischen Machthabers ermordet.

Ich selbst bin Bürger eines europäischen Staates, der bis 1998 die Todesstrafe hatte; Großbritannien hatte ihre Anwendung bis dahin auf Hochverrat beschränkt. Es ist auch erwähnenswert, dass der neue Staat Israel das britische Rechtssystem, wie es während des Palästina-Mandats des Völkerbundes galt, als Grundlage seines Rechtssystems übernahm, und dass die Briten viele
Juden für Taten gehängt hatten, die sie als strafwürdig erachteten.

In den USA wurden im Jahr 2026 von Januar bis März sieben Menschen hingerichtet. An Ostern haben Christen an die Hinrichtung von drei Männern vor 2000 Jahren durch die Römer erinnert, zwei wegen Diebstahls und einer wegen Aufrufs zur Rebellion.

„Du sollst nicht morden“

Politiker sprechen gern von den „jüdisch-christlichen Werten“, wobei der christliche Wert über
den größten Teil der Geschichte hinweg auch darin bestand, Juden zu töten. Einer dieser Werte wird oft als „Du sollst nicht töten“ bezeichnet. Doch dies ist in Wirklichkeit falsch. Im hebräischen Text der “Zehn Gebote“ in Exodus Kapitel 20, Vers 13 heißt es eindeutig „Lo Tirzach“, „Du sollst nicht morden“. Dies steht im Zusammenhang mit den Verboten von Diebstahl, Ehebruch und Meineid.

Hinrichtungen finden sich in der Bibel. Normalerweise war Steinigung die angewandte Methode, da auf diese Weise niemand für die eigentliche Tötung verantwortlich gemacht werden konnte, ähnlich wie bei einem Exekutionskommando, bei dem jeder einzelne der mehreren Schützen den tödlichen Schuss abgegeben haben könnte. Jemand, der die Religion durch Götzenanbetung untergrub, hatte theoretisch ein Kapitalverbrechen begangen. In Matthäus 5,21 erweitert Jesus das Verbot sogar noch und erklärt, dass auch Worte und Beleidigungen als eine Form des Mordes eingestuft werden können. Daher der deutsche Begriff „Rufmord“ für Verleumdung.

(Ich bin sogar schon Vegetariern begegnet, die behaupten, dass „Du sollst nicht töten“ auch für
Tiere gelte. Sie sollten einfach Kapitel 20 Vers 21 lesen, dann würden sie konkrete Anweisungen
zur Vorbereitung von Tieren für die Schlachtung und Opferdienst finden.)

Auch Soldaten dürfen töten

Nehmen wir also an, dass eine der Definitionen eines Staates eine politische Einheit ist, die das
Recht hat (oder sich dieses Recht anmaßt), zu entscheiden, wer leben darf und wer sterben muss. Er kann seine Bürger zum Militärdienst einberufen, um die Feinde des Staates zu töten. Er kann seine Polizeikräfte ermächtigen, Personen zu verhaften oder zu erschießen, wenn sie dies für angemessen halten. Die grundlegende Idee der Todesstrafe ist damit gegeben.

Dann stellen sich die Fragen, wie man am besten definiert, was angemessen ist, wie man die
Anwendung staatlicher Gewalt am besten einschränkt und wie man die Beweise, die Zeugen und
die Straftat, der jemand beschuldigt wird, gerichtlich am besten bewertet. Hier schufen die Rabbiner
in der Mischna-Zeit eine meisterhafte Struktur, durch die die Todesstrafe zwar nicht tatsächlich
abgeschafft wurde – das konnten sie nicht tun, da sie biblischen Ursprungs war –, deren
Anwendung jedoch so kompliziert und schwierig gestaltet wurde, dass es fast unmöglich wurde, sie
durchzuführen. Es musste unabhängige, rechtlich gültige, koschere und vertrauenswürdige Zeugen
geben; alle 71 Richter im Sanhedrin mussten einstimmig für die Todesstrafe stimmen, und zwar in
aufsteigender Reihenfolge ihres Dienstalters, damit keiner von den Dienstälteren beeinflusst werden
konnte. Ganz offensichtlich wollten sie das Judentum von gerichtlichen Hinrichtungen distanzieren,
aber sie konnten nur die Details ändern, nicht das Prinzip.

Kein Austausch mehr von Mördern

Die israelische Regierung hat nun eine Gesetzesänderung eingeführt. Es war eine knappe
Abstimmung, und das Land ist gespalten, ebenso wie seine politischen Führer; es steht derzeit nicht nur vor einem externen Krieg, sondern auch vor vielen internen Spaltungen und Spannungen, dem Missbrauch politischer Macht und dem Missbrauch der Religion. Man könnte noch weitermachen. Die Regierungsmehrheit hat jedoch beschlossen, dass Personen, die gezielt Israelis ermorden, nicht mehr wie der Hamas-Anführer und Planer des 7. Oktober Yahya Sinwar, der 1988 wegen Mordes an zwei Israelis und vier Palästinensern verurteilt worden war, einer lebensrettenden Operation unterzogen und dann zusammen mit über 1000 anderen Gefangenen, von denen viele Mörder waren, gegen einen entführten israelischen Soldaten ausgetauscht werden sollen. Das ist die Art von Modell, die man nicht wiederholen möchte.

Ein weiteres weit verbreitetes Missverständnis ist, dass das Hauptziel des Judentums nicht Frieden
ist, sondern Überleben. Der Begriff „Schalom“ bedeutet, dass beide Seiten mit dem zufrieden sind,
was sie haben. Frieden wäre wunderbar, wir beten für Frieden, wir sehnen uns nach Frieden, wir bitten Gott, uns mit Frieden zu segnen. Aber wenn es keinen Frieden gibt, weil die andere Seite keinen Frieden will, sondern unsere Auslöschung, dann müssen wir zumindest überleben, bis in eine Zukunft, in der er (theoretisch) noch kommen könnte – die messianischen Zeiten.

Wo das Judentum tatsächlich etwas zu sagen hat, ist die Frage nach einem einzigen Gesetz sowohl für den Bürger als auch für „den Fremden innerhalb deiner Grenzen“. (Siehe 4. Mose 15,15f
und 15,29, sowie 3. Mose 24,22). In dieser Hinsicht scheint die neue Gesetzesinitiative auf den ersten Blick über dieses Konzept hinauszugehen oder ihm zuwiderzulaufen, da sie auf eine bestimmte Gruppe potenzieller Straftäter abzielt und nicht auf alle. Das traditionelle Judentum würde eine solche Diskriminierung verurteilen. Doch hier liegt ein interessantes Dilemma vor. Viele derjenigen, die jetzt protestieren, waren auch diejenigen, die lautstark forderten, Israel solle das Westjordanland nicht annektieren. Wenn dem so ist, dann ist es kein Teil des eigentlichen Israels, diese Terroristen „leben nicht in eurer Mitte“, und theoretisch können für sie andere Gesetze gelten.

Übrigens wendet auch die Palästinensische Autonomiebehörde unterschiedliche Maßstäbe an.
Wenn ein Israeli einen Palästinenser tötet, werden beim UN-Sicherheitsrat Proteste laut, während
ein Palästinenser, der einen Israeli tötet oder zu töten versucht, und seine Familie eine lebenslange
Rente erhalten, die aus Mitteln der europäischen Steuerzahler finanziert wird: „Pay for Slay“.

Die harte Realität des Nahen Osten

Im Talmud heißt es: “Ha-ba le-horgekha, hashkem le-horgo“ – “Wenn jemand kommt, um dich
zu töten, solltest du dich beeilen, ihn zuerst zu töten.“ Das religiöse Gesetz erlaubt es einem Hausbesitzer zudem, jemanden anzugreifen, der ihn nachts überfällt, da davon auszugehen ist, dass der Einbrecher – wohl wissend, dass der Hausbesitzer Widerstand leisten würde – bereit ist, ihn zu töten, um das Haus auszurauben.

Es gibt weitere Beispiele für Rechtsprechung, die nicht auf friedlicher Nächstenliebe beruhen,
sondern auf den harten Realitäten des Lebens im Nahen Osten. Und nicht nur dort.

Ich biete hier keine einfache Schlussfolgerung an, sondern bitte lediglich diejenigen, die sich so
sehr über den Beschluss der Knesset aufregen – einen Beschluss, mit dem auch rund die
Hälfte der Israelis nicht einverstanden ist –, sich zumindest die Mühe zu machen, einige Fakten
und den Kontext nachzuschlagen, bevor sie ihre Wut einseitig gegen Israel richten. Wie ein
Jude einmal sagte: „Wer ohne Sünde ist, werfe den ersten Stein.“

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Über Walter Rothschild

1954 in Bradford, England geboren. Studium Theologie und Religions-Pädagogik in Cambridge. Religionslehrer, dann Rabbinerausbildung am Leo Baeck College, London. Rabbiner in Leeds und Nord-Ost England, Wien, Aruba (holländische Antiillen), Berlin. Dort zunächst als liberale Gemeinderabbiner, aber schnell freigestellt und 25 Jahre freiberuflich in mehrere Gemeinden und Ländern: Deutschland, Kroatien, Österreich, Polen. Dazu promovierte Eisenbahnhistoriker zu den Eisenbahnen in Palästina 1945-1948, Dichter, Liedermacher, Jazz-Musiker. Verfasser diverser Bücher, u.a. ''99 Fragen zum Judentum'' und ''Tales from the Rabbi's Desk''. Drei dieser Bände mit Kurzgeschichten, basierend auf seinen Erfahrungen, sind auch in Deutsch als ''Rabbinische Resonanzen'' erschienen.

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