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I’m in love with my car. Ansichten eines grünversifften Auto-Liebhabers

Wenn wir drei Stunden lang im Stau stehen, eigentlich aufs Klo müssten, aber man das Fahrzeug auf der Überholspur der A 5 besser nicht verlässt, kann es schon mal passieren, dass die Liebste kalt lächelnd raunt: „Tja, mein Lieber. Wenn man schon Auto fährt, darf’s wenigstens keinen Spaß machen“.

Wenn wir mit der Bahn unterwegs sind, und die Bahn teilt uns genauso kalt mit, dass unser Wagen gleich verschrottet wird und wir bitteschön mit dem „Schienenersatzverkehr“ weiterfahren sollen, morgen wieder ab 12 Uhr im Zwei-Stunden-Takt, dann schnaube ich wutentbrannt: „Ich will, dass die Deutsche Bahn in einem Feuerball verglüht“. Sie merken schon: es ist kompliziert.

Ich fahre nämlich sehr gern Auto, da bin ich so ein richtiges Arschloch. Mein erstes Auto war ein roter Renault. Am Ende konnte man mit dem kleinen Finger in die rostige Karosserie drücken. Bereits hunderte Meter vor jeder roten Ampel musste man mit dem Bremsen beginnen. Der Gestank runtergerockter Bremsbeläge war für mich der zarte Duft von Freiheit und Abenteuer.


Inzwischen halte ich funktionierende Bremsen für ein notwendiges Übel. Wichtiger noch aber ist eine rustikale Stereoanlage. Ich liebe es, auf der Autobahn unterwegs zu sein, selbige bis zum Anschlag aufzudrehen und romantische Metal-Hymnen mit zu brüllen: „Orches blazed and sacred chants were praised / As they start to cry, hands held to the sky / In the night, the fires are burning bright / The ritual has begun, Satan’s work is done / 666, the number of the beast / Hell and fire was spawned to be released“. Yeah, Baby, Hölle und Feuer. Mache ich natürlich nur, wen ich alleine on the road bin. Sonst käme ja vom Beifahrersitz ein gestrenges „Das scheppert, mach das leiser“. Woraufhin ich für gewöhnlich sage: „Man muss es lauter machen, dann scheppert es nicht mehr“. Was mir für gewöhnlich verweigert wird.

Schizophrenie 

Worauf wollte ich hinaus? Ich als leidenschaftlicher Autofahrer auf der einen und leidenschaftlicher Grüner auf der anderen Seite lebe mit einer schmerzhaften Persönlichkeitsspaltung. Das Autofahrer- Gen habe ich von meinem Großvater mütterlicherseits. Der „in der Heimat“ im Mährischen vor Krieg selbständiger Taxler war, nach der Vertreibung zum Sattelschlepperpilot „beim Daimler“ konvertierte und täglich Motoren von Stuttgart-Untertürkheim nach Rastatt und zurück speditierte. Dafür gab es zur Pensionierung einen Mercedes-Stern, der heute auf meinem Schreibtisch steht. Einen Daimler konnte er sich natürlich nie leisten. Ich könnte, aber damit könnte ich ja nicht zum Wahllokal vorfahren. Nur Winfried Kretschmann darf das.Ob es der Cem darf,werden wir noch sehen.
Erstaunlicherweise gab mein Großvater, der am Wochenende als PKW-Pilot alle anderen Verkehrsteilnehmer mit Schimpfkanonaden überzog (von „Sonntagsfahrer“ bis „Zigeuner“) mit 73 Jahren seinen Führerschein ab. Er fand, es seinen jetzt genug Leute auf der Strasse unterwegs, da müsse er nicht auch noch. Darüber denke auch ich seit geraumer Zeit nach. Ich könnte doch einfach aufhören, weil die Autolosigkeit doch so herrlich ist. Das denkt zumindest der Grüne in mir, weil er mal eine nahezu autofreie Stadt wie das niederländische Utrecht besucht hat oder Paris, wo eine linksgrün versiffte Verkehrspolitik den Autofahrern das Leben so herrlich zur Hölle macht, dass mein Herz vor Schadenfreude hupft.
Aber mein Autofahrer-Organ (der Blinddarm?) will doch Auto fahren. Nicht etwa schnell, wie jener befreundete Heavy Metal-Gitarrist, der eine Chevrolet Corvette mit 425 PS fährt. „Ich rase gern“, sagt er. Er fährt so, wie er Gitarre spielt. Auf seinem Beifahrersitz habe ich schon mal überlegt, ob ich fromm werden soll – und mich dagegen entschieden. Also bevorzuge ich biedere Familien-Limousinen und fahre einen Passat Kombi. Es ist sogar ein Benziner, stellen Sie sich das vor. Gekauft habe ich den, weil ich ein Diesel-Verbot fürchtete, nachdem mein voriges treues Diesel-Pferd – aus Gründen „Rostinante“ genannt – verstorben war.

Elektrophobie

Elektroauto? Na, ich weiss nicht. Wo man doch den Strom nicht sehen kann, wenn er aus der Steckdose kommt. Ganz anders das dickflüssige Benzin. Es ist doch wie der Unterschied zwischen Vinyl und Spotify. Nein? Dann eben nicht. Aber ist denn immer ein Steckdose da, wenn man sie braucht in der Wüste zwischen Klein-Sprillwitz und Kacken an der Havel? Und überhaupt, rede ich mir ein: Wer denkt an die armen schwarzen Kinder, die in unterirdischen Sklavenminen Batterien anbauen und ernten müssen für uns wohlstandsverwahrloste Luxusgrüne in unseren vornehmen Villen, in denen wir abends aus von Waisenkindern mundgeblasenen Kelchen teure Weine aus der Toskana schlürfen. Schlimm genug. Nein, das geht nicht. Und Stadtmobil, ein in meiner Stadt florierendes Leihunternehmen? Da müsste ich gar am Ende gar ein paar Meter zum nächsten verfügbaren Fahrzeug laufen! Der blanke Horror. Es sei denn, ich könnte eine Sänfte samt Personal dazu buchen. Aber haben die sowas?


Also fahre ich weiter mein benzinbetriebenes Schiff mit Stauraum für eine Großfamilie, gleichwohl der Nachwuchs schon längst anderswo lebt. Wobei mir gerade auffällt: meine geschätzten Nachfahren haben zwar den Führerschein (den sie nur widerwillig angestrebt haben), besitzen aber kein Fahrzeug. Ist das ein Zeichen? Soll ich Buße tun? Schliesslich gibt es noch mehr Gründe, das Autofahren sein zu lassen: Beim Einparken etwa will ich eine Parklücke, die mindestens einen Kilometer lang ist. Aber bitte nur vorwärts. Fürs rückwärts Einparken hätte ich ein Aufbaustudium gebraucht.

Parkplatzphobie

Dazu kommt meine panische Angst vorm Nichtvorhandensein eines Parkplatzes: Wenn ich etwa ein Konzert meiner Lieblingsband besuchen will, das an einem Ort mit „schwieriger Parkplatzsituation“ stattfindet, bleibe ich lieber zuhause. Bei Hotelbuchungen ist mir vollkommen egal, ob das Bett knarrt und ächzt oder in der Dusche seltsame Tiere herumkrabbeln. Mich interessiert nur eines:: „Haben Sie einen Parkplatz für mich? Etwa einen Kilometer lang und zweihundert Meter breit?“ Falls nein, wähle ich im ein anderes Urlaubsziel oder bleibe den ganzen Sommer auf dem Balkon sitzen.Oder fahre mit der Bahn auf ene autofreie Insel…..
Fazit: Demnächst, wenn wir wieder mal nach Berlin fahren, streiten wir wie immer: Bahn oder Auto? Ha! Wir müssen sperrige Gegenstände mitnehmen, also gewinne ich dieses Mal. Und das Hotel hat einen Parkplatz für mich. Als ich den zum ersten Mal gebucht habe, habe ich ihn sicherheitshalber mit Google Earth aus der Luft betrachtet und mit Millimeterpapier massstabgerecht vermessen. Ach so: Ja, also mit 75 höre ich dann aber wirklich auf mit dem Autofahren. Ganz bestimmt. Sicher. Obwohl – ich muss ja ab und zu ein ziemlich großes Schlagzeug transportieren. Das braucht mein Ego. Wenn das Auto weg ist, wäre auch der Rock’n’Roll weg, und das geht natürlich nicht.

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Über Thomas Zimmer

Wollte mal Lehrer werden. Anglistik und Geschichte studiert, mangels Arbeitsplatz Journalist geworden und das sogar mit an- und abschwellender Leidenschaft. Erst Radio, dann Print. Alles, nur nicht Wirtschaft und Sport. Vorzugsweise Rock, Pop und Folk. Vier Semester Dozent für Pop- und Rockgeschichte an der Musikhochschule Karlsruhe. Biografie des BAP-Drummers Jürgen Zöller und ein Buch mit Konzertkritiken aus 20 Jahren. Interviews mit Rock-Größen wie Phil Collins, Ian Gillan, Beth Hart u.v.a. Interview-Podcast „Das Ohr hört mit“ - mit Musikern und anderen Kulturmenschen. Bei "Starke Meinungen" schreibe ich über alles, was mir gerade durch den Kopf rauscht. Podcast hier: https://open.spotify.com/episode/18TWjOfWR07gezCpidAsKV Homepage: www.thomaszimmermusik.de

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