avatar

Meine Brandmauer

Die syrische Familie, um die sich der Autor kümmert – Stein der Anstoßes für die Fremdenhasser

Bisher war ich trotz allem dafür, mit AfD-Anhängern zu reden, um wenigstens einige zurück zu gewinnen. Nach einem massivem Shitstorm, den ich als Flüchtlingshelfer gerade erlebt habe, ist für mich jedoch die Grenze erreicht. Die Hassbürger sind weder diskussionswillig noch diskussionsfähig. Sie sind für die Demokratie verloren.

Jedes Ökosystem hat wie das Klima Kipppunkte. Enthält ein Gewässer zuviele Fäkalien, Schadstoffe und Stickstoff, kippt es um. Es ist tot. Alle Fische und sonstigen Lebewesen darin sterben, das Wasser verwandelt sich in Jauche. Ähnlich ist es wohl mit Teilen der Bevölkerung, irgendwann vielleicht mit der gesamten Gesellschaft.

Auf Facebook hatte ich dieser Tage spontan meine Freude über eine syrische Familie zum Ausdruck gebracht, die ich seit Jahren betreue. Die Mutter hat im zweiten Anlauf die B1-Deutschprüfung geschafft und kann nun wie schon ihr Mann und die vier Kinder eingebürgert werden und sich Arbeit suchen, nachdem der Jüngste in der Kita ist. Der Vater, der für geringen Lohn Lkw fuhr, hat eine Transportfirma gegründet, damit die Familie nicht mehr auf staatliche Hilfen angewiesen ist. Ein Musterbeispiel für Integration, könnte man sagen. Jedenfalls für mich.

Was dann kam, hätte ich nicht erwartet, obwohl ich vieles auch aus meiner Arbeit als Journalist gewohnt bin und seit langem das verhärtete gesellschaftliche Klima miterlebe. Neben einigen, die sich mit mir freuten, kippten Hunderte ihre ganze Verachtung für Migranten, Flüchtlinge und Muslime und ihre Menschenfeindlichkeit in die Kommentare, garniert jeweils mit Dutzenden Likes und Deppensmileys, wenn ich darauf antwortete. Ich wurde als „Naiviling“, linker „Verräter“ und Unterstützer radikaler Muslime beschimpft, nur weil die Frau, die wir ihr Mann säkular ist, auf einem Foto der Familie, das ich dazu stellte, Kopftuch trägt, und hinter ihnen die alte, neue syrische Flagge nach dem Sturz der Assad-Diktatur hängt.

Es half auch nicht, dass ich erklärte, dass das Paar Gegner des Assad-Regimes war, der Vater schon als Jugendlicher ins Gefängnis geworfen und gefoltert wurde, er als Anwalt andere Regimeopfer verteidigte und er nach dem Umsturz sofort nach Syrien zurück wollte, um das Land und ihre Heimastadt Aleppo wieder aufzubauen. Ich habe ihn davon abgehalten, weil ich ahnte, was unter dem neuen islamistischen Machthaber kam, einem früheren Terrorführer: neue Greueltaten, diesmal gegen ethnische Minderheiten, Alawiten, Kurden und Christen.

Ressentiments statt Argumente

Natürlich kann und muss man über wichtige Themen wie die Migrations- und Flüchtlingspolitik diskutieren und streiten. Aber auf der Basis von Fakten und mit Argumente, nicht mit dumpfen Ressentiments und völliger Unkenntnis. Schon gar nicht mit Hass und Menschenverachtung.

Dass die verantwortlichen Parteien von der CDU bis zu den Grünen viel zu lange eine Debatte über die veränderte Flüchtlingspolitik seit 2015 verhindert haben, hat wesentlich dazu beigetragen, dass sich der gesellschaftlche Klima dramatisch verschlechtert hat und die AfD und Rechtsextreme und Fremdenfeinde insgesamt so stark geworden sind. Das rechtfertigt jedoch nicht, darauf mit genereller Ablehnung des Asylrechts, gefährdeter Menschen und der Demokratie zu antworten.

Frust bei den Helfern

Die naive Haltung von Linken, Grünen und sonstiger Gutmeinender, dass jeder, der einen Asylantrag stellt, eine Bereicherung darstellt, macht es nicht leichter, dagegen zu halten. Alle Migranten pauschal zu verteufeln, selbst wenn ihnen in ihrem Leben Schlimmstes widerfahren ist, widerspricht jedoch den grundlegendsten Werten einer humanen Gesellschaft.

Mit solchen Menschen möchte ich nichts zu tun haben. Sie sind offensichtlich, wie ich gerade wieder erlebt habe, unbelehrbar, völlig verroht und suhlen sich in ihren dumpfen Gefühlen und ihrem Hass auf alles Fremde und alle Fremden. Flüchtlinge und Migranten sind für sie nur „Schmarotzer“, Menschen, „die nicht hierhin gehören“, Kriminelle, Terroristen.

Das ist nichts Neues. Fremdenfeindlichkeit hat eine lange Tradition, nicht erst seit den Nazis. Als Journalist hatte ich mit CSU- und CDU-Politikern zu tun, die sich ähnlich äußerten. Der hessische CDU-Vorsitzende Roland Koch ließ während der Auseinandersetzungen um die doppelte Staatsbürgerschaft unter Rot-Grün „gegen Ausländer“ unterschreiben. Es gab die Anschläge und Ausschreitungen in Mölln, Hoyerswerda und Rostock-Lichtenhagen. Aber das war damals ein Minderheit, es gab keine starke Partei, die das zum Programm erhob. Und es konnte nicht jeder im Internet seine Hassbotschaften verbreiten.

Nicht mehr erreichbar

Was dagegen zu tun ist? Wahrscheinlich wenig. Ich glaube nicht, dass eine politische Brandmauer die gesellschaftliche Stimmung drehen kann. Die AfD muss man unbedingt von der Macht fernhalten. Wenn sie die Chance bekommt, ihre Ziele umzusetzen, vielleicht schon im Herbst in Sachsen-Anhalt, wird sie es tun und das ganze Land verändern. Als Migrant würde ich dann überlegen abzuhauen.

Aber selbst wenn es gelingt, die AfD zu stoppen und sie verboten würde, wären die Menschen ja nicht weg, die sie und ihr menschen- und demokratiefeindliches Programm unterstützen. Kann man die überhaupt noch erreichen, gar überzeugen, dass sie auf dem Holzweg sind?

Ich habe da inzwischen massive Zweifel. Die anderen Parteien von der Union bis zu den Grünen haben ihren Anteil daran, dass es soweit gekommen ist, weil sie ihre Politik – unterstützt von vielen Medien und Journalisten – für alternativlos erklärt haben; weil sie zuviele Menschen ins Land gelassen haben, die wieder gehen müssten; weil sie sich auch um andere drängende Probleme nicht gekümmert haben, sodass sich viele nicht mehr gesehen und vertreten fühlen.

Aber das alles entschuldigt nicht, mit Hass auf Menschen loszugehen, die dafür nichts können. Und auf die demokratische Ordnung, die den Dumpfen ermöglicht, ihrer Wut freien Lauf zu lassen.

Vor einem neuen 1933 stehen wir nicht. Davon bin ich unverändert überzeugt. Die Demokratie ist stark. Das hat sich ja gerade in Ungarn bewiesen. Dennoch macht mir die Entwicklung große Sorgen, nicht nur, weil die AfD inzwischen bundesweit in den Umfragen auf Platz 1 vor der Union liegt. Selbst wenn sich die schwarz-rote Regierung endlich ermannt, die notwendigen Reformen umzusetzen, wird sich daran nicht viel ändern. Der Hass und die Demokratieverachtung haben sich tief in die Gesellchaft eingefressen. Und es gibt ja auch noch die linken und muslimischen Extremisten und die Judenhasser, der sich seit dem 7. Oktober in seit dem Ende der Nazi-Zeit nie gekannter Weise aus allen Ecken breit machen.

Verzagen und verzweifeln darf man trotzdem nicht. Man muss den Wutbürgern und Menschenfeinden überall entschlossen entgegen treten. Ich werde für mich eine persönliche Brandmauer errichten, um mich vor solchen Angriffen zu schützen. Aber erst einmal werde ich mit der syrischen Familie feiern, dass sie noch ein Stück mehr angekommen ist. Solche Menschen und Erfahrungen helfen gegen jede Depression.

Folge uns und like uns:

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Scroll To Top