Bild: Polizeistation in Bet Shemesh, Israel. Foto: Alan Posener
In ihren Beiträgen zur Einführung der Todesstrafe für Terrorismus gegen Israelis haben sowohl
Rabbi Dr. Walter Rothschild als auch Rabbi Dr. Moshe Navon (in einem Kommentar zu Rabbi Rothschilds Beitrag) auf die Heuchelei vieler Kritiker des jüdischen Staates hingewiesen.
Rabbi Navon verurteilt (leicht redigierte Fassung der Perplexity-Übersetzung seines Kommentars aus dem Englischen) „die Doppelmoral der ausländischen Kritiker“, die „diese rechtliche Maßnahme verurteilen, während sie zu den völkermörderischen Ideologien von Terrorgruppen schweigen“. Dadurch „offenbaren ein tiefgreifendes moralisches Versagen. Indem sie einem souveränen Staat das Recht absprechen, die äußerste Strafe gegen jene zu verhängen, die Massenmorde organisieren, signalisieren diese Kritiker eine stillschweigende Unterstützung der Täter von Völkermord. Sich dem Recht einer Demokratie zu widersetzen, ihr eigenes Überleben zu verteidigen, kommt faktisch einer Verteidigung jener gleich, die sie zerstören wollen.“
Das ist größtenteils Unsinn. Ich kann der IDF das Recht zubilligen (und tue es auch), Schulen und Krankenhäuser anzugreifen, wenn sich darin Kommandoposten und Kämpfer der Hamas oder Hisbollah befinden; ich kann „Kollateralschäden“ unter Zivilisten verteidigen (und tue das auch); ich kann präemptive Schläge gegen Ägypten 1967 und den Iran 2026 verteidigen (und tue das auch) – und dennoch der Ansicht sein, dass auch Terroristen nicht nach der Festnahme, also nachdem sie als Gefahr ausgeschaltet worden sind, getötet werden sollen. Mir zu unterstellen, damit verteidigte ich jene, die Israel zerstören wollen, ist absurd und eines Rabbis nicht würdig.
Dennoch hat Rabbi Navon Recht, wenn er auf die Doppelmoral – also die Heuchelei – ausländischer Kritiker verweist, die nur Israel kritisieren und kein Wort zur Praxis der Feinde Israels verlieren.
Weniger apodiktisch, dafür mit mehr Beispielen, argumentiert Rabbi Rothschild. Er verweist darauf, dass der Iran, die Hamas und Saudi-Arabien Menschen hinrichten, dass dies auch bis vor einigen Jahrzehnten auch die Türkei und Großbritannien taten und dass die USA das bis heute tun. Seine Liste ist keineswegs vollständig. Man könnte und müsste hier vor allem China nennen, das Land mit den meisten Hinrichtungen weltweit: Schätzungen zufolge mindestens 1000 jedes Jahr. Das hat uns nie daran gehindert, den Henkern und ihren Auftraggebern Autos zu verkaufen. Am Schluss schreibt Rabbi Rothschild:
„Ich biete hier keine einfache Schlussfolgerung an, sondern bitte lediglich diejenigen, die sich so
sehr über den Beschluss der Knesset aufregen – einen Beschluss, mit dem auch rund die
Hälfte der Israelis nicht einverstanden ist –, sich zumindest die Mühe zu machen, einige Fakten
und den Kontext nachzuschlagen, bevor sie ihre Wut einseitig gegen Israel richten. Wie ein
Jude einmal sagte: ‚Wer ohne Sünde ist, werfe den ersten Stein.’“
Nun, wenn wir von Kontext reden, sollte man vielleicht erwähnen, dass Rabbi Jesus mit dem Spruch die Hinrichtung einer rechtmäßig wegen Ehebruchs verurteilten Frau verhindert hat. Er lag, wie mir mein Cousin Yohanan Peres sagte, damit auf einer Linie mit der damaligen rabbinischen Rechtsprechung, die allerlei Verfahren und Tricks anwendete, um Frauen nicht steinigen zu müssen, die des Ehebruchs verdächtigt wurden.
Einen solchen Trick wollte der Vater des erwähnten Jesus anwenden, nachdem offenbar geworden war, dass seine Verlobte nicht von ihm schwanger war und zur Erklärung eine völlig unglaubwürdige Geschichte mit einem Engel aufgetischt hatte. Da er, wie Matthäus uns versichert, „ein gerechter Mann“ war, also gesetzestreu und barmherzig, gedachte er, Maria heimlich zu verlassen. Damit hätten alle angenommen, dass er seine Verlobte geschwängert und sitzengelassen habe, was ihr Schande und Tod erspart hätte. Aber ich schweife ab.
Wie Rabbi Navon kritisiert Rabbi Rothschild – wenn auch mit viel milderen Worten – „diejenigen, die sich so sehr über den Beschluss der Knesset aufregen – einen Beschluss, mit dem auch rund die Hälfte der Israelis nicht einverstanden ist“ und bittet sie, „sich zumindest die Mühe zu machen, einige Fakten und den Kontext nachzuschlagen, bevor sie ihre Wut einseitig gegen Israel richten.“
Ja. Die Einseitigkeit ist ein Problem. Und, wie ich – auch ein wenig apodiktisch – in dem Beitrag schrieb, auf die Rabbi Rothschild und Rabbi Navon implizit und explizit antworten:
„Zu Recht gelten „double standards“ als ein Merkmal des israelbezogenen Antisemitismus, eins der ‚3D‘: Dämonisierung, Delegitimierung, Double Standards. Von Israel also mehr zu verlangen, als man etwa von seinem eigenen Land – oder von einem beliebigen anderen Land in einer vergleichbaren Situation – verlangen würde: diese Heuchelei ist im Mund der Gojim antisemitisch.“
Einerseits. Andererseits gilt der schöne Spruch Fjodor Dostojewskis (oder stammt er von Francois de la Rochefoucauld?): „Die Heuchelei ist der Tribut, den das Laster der Moral zollt.“ Indem er Tugend heuchelt, gibt der Lasterhafte zu, dass die Moralgesetze gültig sind, auch wenn er sich nicht an sie hält. Ähnlich ist es mit der Kritik an Israel: indem sie an Israel andere Maßstäbe anlegen als an seine Feinde und an andere Staaten in der Region, geben die Kritiker des jüdischen Staates zu, dass sie von Israel mehr erwarten als etwa von Saudi Arabien oder dem Iran, ja auch mehr als von den USA, von China ganz zu schweigen.
Israel selbst kann sich nicht vergleichen mit der Hamas oder dem Iran; Israel ist eine Demokratie und ein Rechtsstaat, und es verlangt von sich im Kampf gegen den Terror mehr, eine andere Moral als jene, die in den Königreichen und Autokratien, Terrorstaaten und dergleichen in der Region gilt; ja mehr als selbst von anderen westlichen Staaten. Das ist seine Schwäche. Das ist seine Stärke.
Israel hat in seiner ganzen Geschichte einen einzigen Menschen hingerichtet: Adolf Eichmann. Und das machte Probleme, weil Israel weder über Henker noch über entsprechend eingerichtete Bauten verfügte, obwohl die Briten ihnen diesbezüglich einiges hinterließen. (Ich selbst durfte vor ein paar Jahren in einer von meinem Vater für die Briten erbauten und von Israel noch als Polizeistation genutzten Tegart-Fort in Bet Shemesh die Hinrichtungskammer mit Falltür besuchen, in der heute Akten vergammeln.)
Niemand wird Eichmann eine Träne nachweinen; aber der Mann, der ihn hängen musste, litt sein leben lang darunter. Mein Haupteinwand gegen die Todesstrafe ist denn auch nicht das, was sie dem Hinzurichtenden antut, vorausgesetzt, er ist schuldig, sondern das, was sie den Hinrichtenden antut und dem Staat, der sie beschäftigt. Aber um Argumente für oder gegen die Todesstrafe geht es hier nicht, sondern um die Doppelmoral, was Israel betrifft: Ja, sie kann Ausdruck eines Antisemitismus sein, wird es meistens vielleicht sein; und zugleich ist sie Ausdruck einer oft nur halb bewussten Anerkennung, dass Israel anders ist, besser, als seine Nachbarn und Gegner. Der Tribut, den der Antizionismus der Wirklichkeit des jüdischen Staates zollt. Wehe Israel, sollte es eines Tages keinen Grund mehr für solche Doppelmoral geben.
Ich finde meinen Vornamen, Hans, auch ganz in Ordnung, in Verbindung mit meinem Nachnamen, zumindest in der Abkürzung (HH), nicht so mein Ding.
Was mich stutzig gemacht hat, lieber Alan Posener, ist Ihre Erwähnung der Todesstrafe für Maria, der sie nur entkommen konnte, indem Josef sie wegen Ihres „Fremdgehens“ heimlich verlassen hat. Den Zusammenhang kann ich nicht nachvollziehen. Ich finde im Neuen Testament nichts darüber.
Lieber Hans Happ, im Gesetz des Mose, das ja damals galt, wird für Ehebruch die Steinigung vorgeschrieben (2 Mose 20,14). Auf diese Vorschrift bezieht sich der Spruch des Rabbi Jesus: „Wer von euch ohne Schuld ist, der werfe den ersten Stein“ (Johannes 8,1ff). Jesus hat wohlgemerkt nicht gesagt, die Frau soll nicht gesteinigt werden. Er war ja nach eigener Aussage nicht gekommen, um das Gesetz aufzuheben, sondern, um es zu erfüllen (Matthäus 5,17). So, und nun finden wir bei Matthäus 1,18FF folgende Geschichte: 2Die Geburt Jesu Christi geschah aber so: Als Maria, seine Mutter, dem Josef vertraut war, fand es sich, ehe sie zusammenkamen, dass sie schwanger war von dem Heiligen Geist. Josef aber, ihr Mann, der fromm und gerecht war und sie nicht in Schande bringen wollte, gedachte, sie heimlich zu verlassen.“ Joseph weiß ja nicht, dass Maria vom Heiligen Geist schwanger ist. Er denkt natürlich, wie jeder Mann in seiner Lage denken würde, dass Maria die Ehe (genauer: die Verlobung) gebrochen hat. Aber weil er „fromm und gerecht“ ist, will er sie „nicht in Schande bringen“. Eine Schande, die, siehe oben, die Steinigung nach sich gezogen hätte. Es ist auch sicher kein Zufall, dass dem erwachsenen Mann Jesus zugemutet wird, das Urteil über eine Ehebrecherin zu fällen. Es gab zu seinen Lebzeiten schon Gerüchte über seine Herkunft. Ich empfehle zu diesem Komplex mein Buch über Maria.
Nun ja, Glaubensfragen und Bibel Auslegung hin oder her:
„Zu jener Zeit, als Mose heranwuchs, ging er hinaus zu seinen Brüdern und sah, wie sie ihre Fronarbeit verrichteten. Da sah er, wie ein Ägypter einen Hebräer, einen seiner Brüder, erschlug. Da schaute er sich nach allen Seiten um. Als er sah, dass niemand da war, erschlug er den Ägypter und verscharrte ihn im Sand.“ (Exodus 2,11f)
Selbstverteidigung? Eher nicht. Wohl eine (verständliche) Rache. Ein Leben für ein Leben- nichts mit „Schlägt dich jemand auf die eine Wange, halte auch die andere hin.“ Merken Sie was? Mit der Bibel, dem Koran, dem Talmud kann man fast jedes Verbrechen rechtfertigen, genauso wie das Gegenteil. Mir, dem Atheisten, will ohnehin nicht in den Kopf, warum wir uns heute noch über Texte streiten, die in der Regel von Leuten geschrieben wurden, die Jesus niemals kennen gelernt haben. Der Heiland, der sich angeblich schon mit 12 Jahren im Tempel mit den Schrifgelehrten stritt, hat, so weit bekannt, kein einziges schriftliches Zeugnis hinterlassen. Kurz darauf verschwand er und kehrte mit ca 30 Jahren zurück um zu predigen, was ihn schließlich, wenn man der Legende glaubt, ans Kreuz brachte. Dann war fast 300 Jahre nichts weiter, als dass ein paar Prediger durchs Land zogen, die Kirchen errichteten. Und dann, 325, auf dem Konzil zu Nicäa wurde der längst verstorbene Jesus zum Sohn Gottes erklärt, genauer mehrheitlich gewählt. Finden Sie nicht, dass das eine etwas dünne Basis ist, um darauf eine allgemeine Religion zu begründen, noch dsazu mit konkreten Anweisungen, was erlaubt ist, und was nicht? Ich schon. Aber immerhin hat dieses „Geschäftsmodell“ der diversen Weltreligionen schon sehr lange gehalten, und wenn es deren Anhänger dazu bringt, sich moralisch und menschlich zu verhalten, soll es mir recht sein. Zumindest letzteres scheint aber immer nur kurze Zeit zu funktionieren, und dann gehen sie wieder aufeinander los. Oder, um unser aktuelles Stück: Ein kurzer Abend über den Tod“ zu zitieren: „So bald Religion ins Spiel kommt, ist Mord und Totschlag nicht weit.“
Gesegneten Sommer allerseits
Lieber Stefan Buchenau, mein Beitrag hat eigentlich mit Glaubensfragen nichts zu tun. Deshalb kann ich mit Ihrem Kommentar wenig anfangen.
Hallo Herr Posener
Der Kommentar ist auch nicht auf Sie gemünzt, sondern auf die Debatte um die Todesstrafe für Plästinesnische Terroristen und den religiösen Eiertanz, der darum in den Kommentarspalten aufgeführt wurde und wird.
… werter S.B., ich kann keinen ‚religiösen Eiertanz‘ erkennen … aaaber wenn Sie nicht weiterwissen, das Grundgesetz gibt einfache Antworten:
Präambel des Grundgesetzes für die Bundesrepublik Deutschland
Im Bewußtsein seiner Verantwortung vor Gott und den Menschen, … hat sich das Deutsche Volk kraft seiner verfassungsgebenden Gewalt dieses Grundgesetz gegeben.
… im Übrigen, der Gottesbezug in der Präambel des Grundgesetzes entstand 1949 als Reaktion auf den Nationalsozialismus. Er dient als ethische Begrenzung staatlicher Macht, erinnert an übergeordnete Werte und betont, dass der Staat nicht die letzte Instanz ist, ohne dabei eine bestimmte Konfession vorzugeben.
Wollen Sie das ändern?
Gegenrechnungen ersetzen keine Argumente; haben es noch nie. Insofern könnte man auch fragen, ob Verteidiger des harten Vorgehens der IDF im Gazastreifen (zu denen ich mich grundsätzlich auch rechne) es sich nicht etwas einfach machen, wenn sie dem die Taten anderer Staaten und Regierungen gegenüberstellen. Zumal ja schon diese Gegenüberstellung schnell als Eingeständnis einer angeblich „genozidalen“ oder sonstwie verbrecherischen Qualität des Gazakrieges verstanden werden kann.
Ich fühle mich immer etwas unwohl, wenn ich im Gespräch mit „propalästinensischen“ Menschen Whataboutismus betreibe – gerade so, als stünde es den Menschen nicht zu, sich vom Nahostkonflikt besonders betroffen zu fühlen. Und als wäre es für eine Privatperson möglich, alle Kriege und Völkerrechtsverletzungen dieser Welt mit gleicher Aufmerksamkeit zu verfolgen und zu kommentieren. Menschen mit der Staatsbürgerschaft eines islamischen Landes trifft der Vorwurf der Doppelmoral in der Regel wohl zu Recht, wenn sie sich über Israel ereifern. Muslime allgemein? – Vielleicht, häufig, wobei die deutschen Katholiken ja nicht gerade die Straßen füllen, um Missbrauchsopfern Gerechtigkeit zu verschaffen. Die bloße Tatsache, dass man Eines kritisch kommentiert und ein Anderes nicht oder weniger, ist nicht zwangsläufig Doppelmoral.
Sicher ist jemand Antisemit, der „Genozid!“ über Israel ausruft, ohne die völkermörderische Agenda der Hamas und des Iran auch nur zu erwähnen, oder der Israel die Verantwortung für die Taten seiner Feinde zuschiebt. Das kann über die Überbewaffnung der IDF, gemessen an der Hamas, und die gewaltige Überzahl palästinensischer Opfer nicht hinwegtäuschen.
Die Hamas ermordete in Israel 2023 über tausend Menschen. Im Gazastreifen forderte der Krieg bis jetzt über siebzigtausend direkte Todesopfer – der Großteil davon sicher Zivilisten. Auch wenn man weiß, dass das dem Kalkül der Hamas nur entspricht, überrascht es mich doch nicht, dass Menschen die durchaus rationale Frage stellen, ob man noch von Verhältnismäßigkeit sprechen kann, wenn die Opferzahlen des Gegners die eigenen um ein Vieldutzendfaches übertreffen. Und das, wohlgemerkt, ohne dass die Hamas jetzt vom Erdboden getilgt wäre. Dass sie sogleich nach Beginn der Waffenruhe damit begann, öffentlich Menschen hinzurichten, zeigt doch, dass das militärische Hauptziel nicht erreicht wurde.
Ich möchte meinen, das spricht dafür, dass die Todesstrafe für Terrorismus – als Verlängerung des Krieges nach innen – ihr Ziel verfehlen wird. Sie wird vor allem im Ausland das antisemtische Zerrbild des „Terrorstaates Israel“ festigen, ohne etwas für die innere Sicherheit zu leisten. Die Menschen, auf die die neue Rechtslage abstellt, dürften sich mit ihrem Tod im Vorhinein abgefunden haben.
Ist es wirklich eine Doppelmoral, die Ausweitung der Todesstrafe besonders dort zu registrieren, wo sie bisher praktisch nicht existent war? Saudi-Arabien, China und der Iran sind zu keinem Zeitpunkt meines Lebens demokratischen und rechtsstaatlichen Verhältnissen auch nur nahegekommen. Israel hingegen kenne ich nicht anders denn als Rechtsstaat, und es wäre mir nicht willkommen, wenn sich das ändern würde. Leider gibt es viele Indizien dafür, dass genau das passieren könnte. Dass Demokratie und Rechtsstaatlichkeit auf dieser Welt die Ausnahme, nicht die Regel, sind, ist eine Sache; das Abbröckeln der freien Welt eine andere.
Einig sind Sie, Alan Posener und ich uns darin, dass die Todesstrafe – falls sie überhaupt in Kraft tritt, was keineswegs sicher ist, da das Oberste Gericht darüber entscheidet – das Zerrbild Israels noch verstärken wird; dass sie grundsätzlich ethischen Grundsätzen, auch denen des Judentums widerspricht; und dass sie nichts bringen wird, weil sie zu allem entschlossene Terroristen und Selbstmordattentäter davon nicht abschrecken lassen. Vielmehr werden die Familien der Attentäter auch dann von der PA eine „Märtyererrente“ b bekommmen. Was Gaza betrifft, sagt die angebliche Zahl der Getöteten und Verletzten noch nichts darüber aus, ob die Operationen der IDF verhältnismäßig oder unverhältnismäßig und damit mögliche Kriegsverbrechen waren. Schon gar nicht, dass es ein „Genozid“ war. Aber natürlich hat Israel auch diesem ihm aufgezwungenen Krieg politisch in den Augen der Weltöffentlichkeit verloren. So wie auch die USA und Israel den gegen das iranische Regime. Weil Israel machen kann, was es will, selbst mit völliger völkerrechtlicher Berechtigung – für die Gegner des jüdischen Staates ist es immer ein „Verbrechen“.
Gewiss, lieber Ludwig Greven, besagen Zahlen noch nicht viel. Das habe ich selbst in Diskussionen mit „propalästinensischen“ Personen auch immer wieder artikuliert. Andererseits ist mir dadurch klar geworden, dass viele Menschen es sich gar nicht erst zumuten, bei der Bewertung eines Geschehens über die Bildebene hinauszudenken: Da schlägt mir blanke Empörung von gar nicht dummen Menschen entgegen, die einfach nicht verstehen wollen, wie ich Bilder zerstörter Siedlungen und beschossener kritischer Infrastruktur sehen kann, ohne es „Genozid“ zu nennen. Der Hinweis, dass man als Konsequenz dieser Logik auch den alliierten Bombenkrieg gegen das Dritte Reich genozidal nennen müsste, wird nach meiner Erfahrung als geschmacklos empfunden. Eine leider nicht kleine Schicht politischer Menschen bleibt konsequent im Emotionalen, schon die mir und Ihnen selbstverständlichste Abstraktion wird verweigert. Ob jeder dieser Menschen judenfeindlich ist, will ich nicht entscheiden. Wohlweislich habe ich hier auch nur auf Zahlen verwiesen, die israelischerseits anerkannt wurden und daher auch kaum den Zusatz „angeblich“ verdienen.
Es bleibt eine Tatsache, dass die de-facto-Grenzen des jüdischen Staates immer weiter ausgedehnt werden. Sicher: Der Rückzug aus dem Gazastreifen 2005 ist zu nennen – noch am selben Tag flogen die ersten Raketen der Hamas. Auf Gewalt mit Gewalt zu antworten, ist staatsmännisch legitim und gegenüber Akteuren wie der Hamas, die nicht verhandlungsfähig sind, auch unausweichlich. Die Hamas hat deutlich bewiesen, dass sie auch auf Rückzüge nicht mit Mäßigung antwortet. Dennoch stellt sich die Frage, welche dauerhafte Lösung den politisch Verantwortlichen in Israel vorschwebt. Die Indizien sind stark, dass wir in den nächsten Jahrzehnten Zeugen sein werden, wie die Verinselung der Palästinensergebiete fortschreitet. Und man sich irgendwann womöglich sehnsuchtsvoll an Diskussionen über eine Zwei-Staaten-Lösung erinnern wird.
Ich würde es – aus friedenspolitischer Sicht – begrüßen, wenn es bei der Übernahme des Westjordanlandes und Gazas durch Nachbarstaaten geblieben wäre. Oder wenn alle deren Einwohner als gleichberechtigte Bürger Israels leben könnten – und wollten. Beides ist wohl utopisch, und gerade Letzteres würde mir Mancher vielleicht sogar als antisemitisch auslegen, da es die prägekräftige Dominanz des Judentums in Israel unterbrechen könnte. Doch sind diese beiden Ein-Staaten-Lösungen meines Erachtens die einzigen völkerrechtlich vertretbaren Optionen, wenn man keinen Palästinenserstaat möchte. Ich hätte nichts gegen einen solchen, für alternativlos halte ich ihn nicht.
Die meisten Menschen auf der Welt, auch viele Deutsche, scheinen nicht recht einzusehen, warum Israel nicht zu den Grenzen von 1967 zurück kann. Ist das unreflektiert? Sicher. Aber versucht worden ist es eben auch nicht.
Insofern halte ich es für etwas weitgehend, zu konstatieren, dass Israel „machen kann, was es will“, und es von seinen Gegnern immer für ein Verbrechen gehalten werden. Denn dies bleibt eine These, solange von israelischer Seite geschaffene Fakten, die zu Ungunsten der Palästinenser gehen, nicht wirklich zur Disposition stehen.
Auf diesem Blog sind die Narrative der „Verteidigung“ und des „Überlebenkampfes“ Israels beliebt. Dass Verteidigung, die so erfolgreich verläuft, dass sie in Eroberung mündet, keine Verteidigung mehr ist, wird in der Regel nicht angenommen. Es ist auch schwer zu begreifen, dass es um alles oder nichts gehen soll, wenn man an dem Punkt ist, die Annexion von Teilen der Nachbarländer erwägen zu können. Trotz des aufgezwungenen Krieges in Gaza ist Israel heute in einer komfortableren Position denn je: Die früheren Kriegsgegner Ägypten und Jordanien haben es anerkannt, Syrien liegt in Trümmern, und Präsident Trump eröffnet die Möglichkeit eines Krieges mit dem Iran.
Die Todesstrafe für Terroristen – und zwar absehbar nur für palästinensische – drückt ein politisches Selbstbewusstsein aus, dass für einen Staat immer problematisch ist. Die Verantwortlichen haben sich hinter dem Narrativ, dass man nichts richtig machen könne, bequem eingerichtet, und legen es offenbar so aus, dass man es zunehmend unterlassen könne, eine Begrenzung von Kritik auch nur zu versuchen. Wenn Itamar Ben-Gvir angibt, dass es ihm bei dem Entwurf um „Abschreckung“ und „Gerechtigkeit für Opfer des Terrorismus“ gegangen sei, so ist das nicht trivial. Es ist eine Rückkehr zur Idee der Blutsühne und zu der voraufklärerischen Logik, dass nur eine brutale, eine zum Äußersten bereite Justiz wirklich in der Lage sei, Gerechtigkeit zu schaffen.
Das alles besorgt mich, und das nicht nur, weil es Antisemiten in die Hände spielt.
Es gibt einen doppelten Standard in Bezug auf Israel, sowohl was Rüstungshilfe, Internationale Unterstützung und wirtschaftliche Zusammenarbeit angeht. Dass Israel erfolgreich alleine gegen die Welt steht, sind Machtfantasien. Soweit ich beobachtet habe, fand eine Auseinandersetzung wegen der Todesstrafe hauptsächlich innerhalb der Feuilletonblase der Leitmedien statt und natürlich bei den professionellen Antizionisten, die man ohnehin nur schaut, wenn es einem nach Israel Bashing ist. Dem Rest ist das, was in Israel passiert, schlicht egal. Israel ist out. Der Vorwurf, schweigen heißt zustimmen, ist rhetorisches Boomer Karate. Die Erwartungshaltung befindet sich im freien Fall. Die einzige Demokratie im Nahen Osten rückt von der Position der besonderen Verantwortung zum Nerd-Thema, einer Boomer-Marotte. Wenn der Preis an der Tanke wieder stimmt, werden auch Antizionisten merken, dass das Thema durch ist. Dem Pingpong von Zionisten vs Antizionisten werden die Zuschauer ausgehen…und das Schicksal Israels wird gleichberechtigt und ohne Doppelmoral neben dem des Sudans, Nepals oder Wakandas stehen. Im Auge des www Sturms steht nicht die Legitimität Israels, sondern deren Unterstützer im Westen. Nicht die Existenz Israels wird in Frage gestellt, sondern die Unterstützung Israels, und zwar gerade mit dem Argument der doppelten Standards und Doppelmoral. DDD ist ein Hit der 90er und wird in jedem Keller schon lange gesampelt. Deswegen zündet auch BDS nur in bestimmten Kreisen, was Anhand der Handy Bilder, die aus Gaza und Israel kommen eigentlich ein Wunder für sich ist. Was junge Israelis so per Handy posten…yaiks. Die Reaktion darauf ist nicht Judenhass, sondern Gleichgültigkeit. Sowohl für DDD als auch BDS. Juden und Araber bringen sich um, so what? Es gibt Memes, dass schon Moses gewarnt hätte, Irans Bombe sei nur noch drei Wochen entfernt. Wenn Debatten aus Israel-Solidarität im Westen nur l’art pour l’art sind und das eigentliche Ziel ist, dass Israel gleichbedeutend mit der Republika Srpska wahrgenommen wird…nichts für Ungut. Wenn das Ziel die Erhaltung einer wie auch immer unzulänglichen Solidarität mit Israel ist, braucht es einen neuen Text. Der „I don`t give a f…“, gerade wegen DDD, hat die Bühne betreten und das weitaus erfolgreicher als alle BDSler zusammen. Es kommt der Tag, an dem ein Günther Grass als Sparringspartner fehlen wird. Die eigentliche Pointe des (nur vorübergehenden sehr lauten, die Spritpreise werden fallen) US-Trends ist nicht eine Debatte um das Existenzrecht Israels, sondern der innere Schlussstrich. Hilfe für Israel wird unter Rechtfertigungsdruck kommen, weil, naja, jeder so seine Probleme hat und meine kaputte Brücke mir näher steht als ein neuer Wohnkomplex für Siedler aus New Jersey. Ey…nicht, dass mich das Siedeln stören würde…aber ich habe wichtigere Probleme. Ich hoffe Sie verstehen, worauf ich hinaus will.
„Ich hoffe Sie verstehen, worauf ich hinaus will.“
Jo.
Wenn ich ehrlich bin, lieber Stevanovic – so richtig verstehe ich nicht, worauf Sie hinauswollen. Es kommt alles reichlich konfus daher.
„Soweit ich beobachtet habe, fand eine Auseinandersetzung wegen der Todesstrafe hauptsächlich innerhalb der Feuilletonblase der Leitmedien statt und natürlich bei den professionellen Antizionisten, die man ohnehin nur schaut, wenn es einem nach Israel Bashing ist.“
Die Leitmedien und die eigene, algorithmengeleitete Social-Media-Blase sind ja auch das, was man vor allem beobachten kann, wenn man nicht gerade Meinungsforscher ist. Es braucht aber nur wenige Klicks, um herauszufinden, dass die Ausweitung der Todesstrafe keineswegs nur Feuilletonisten beschäftigt, sondern sehr wohl auch zahlreiche Regierungen aufgeschreckt hat, von NGOs gar nicht zu reden. Zum Beispiel.
Und ganz ehrlich: Wann „ist“ es einem nach Israel-Bashing? Ich kann sowas nur mit leisem Grauen gucken, aber manchmal kommt man nicht drumrum. In einer Demokratie muss man wissen, was der Feind denkt.
„Dem Rest ist das, was in Israel passiert, schlicht egal. Israel ist out. Der Vorwurf, schweigen heißt zustimmen, ist rhetorisches Boomer Karate. Die Erwartungshaltung befindet sich im freien Fall. Die einzige Demokratie im Nahen Osten rückt von der Position der besonderen Verantwortung zum Nerd-Thema, einer Boomer-Marotte.“
Wenn Sie israelfeindliche Demos beobachten, werden Sie finden, dass die nicht nur von „Boomern“ frequentiert werden. Francesca Albanese und Greta Thunberg, um nur die zu nennen, sind jetzt auch nicht gerade Teil der Boomer-Generation.
„Nicht die Existenz Israels wird in Frage gestellt, sondern die Unterstützung Israels, und zwar gerade mit dem Argument der doppelten Standards und Doppelmoral.“
Wie denn, ich dachte, Israel wäre out und was da passiert, fast allen egal?
„DDD ist ein Hit der 90er und wird in jedem Keller schon lange gesampelt. Deswegen zündet auch BDS nur in bestimmten Kreisen, was Anhand der Handy Bilder, die aus Gaza und Israel kommen eigentlich ein Wunder für sich ist. Was junge Israelis so per Handy posten…yaiks. Die Reaktion darauf ist nicht Judenhass, sondern Gleichgültigkeit.“
Ich bin beeindruckt, wie viel Wissen Sie allen Statistikern und Medienforschern voraushaben.
„Es kommt der Tag, an dem ein Günther Grass als Sparringspartner fehlen wird.“
Tut er bereits. Der Mann ist seit zehn Jahren tot.
„Hilfe für Israel wird unter Rechtfertigungsdruck kommen, weil, naja, jeder so seine Probleme hat und meine kaputte Brücke mir näher steht als ein neuer Wohnkomplex für Siedler aus New Jersey.“
Israel muss man nicht explizit helfen, lieber Stevanovic. Es ist ein hochentwickeltes Land. Es nicht zu boykottieren, ist aber für Israel nützlich und für die öffentlichen Kassen in Deutschland ebenso.
„Ey…nicht, dass mich das Siedeln stören würde…aber ich habe wichtigere Probleme.“
Desinteresse an Völkerrechtsverletzungen ist für die, die sie zu verantworten haben, ziemlich hilfreich.
Und so weiter, und so weiter. In Kürze: Sie widersprechen sich in einem fort selbst, stellen haltlose oder bizarre Aussagen in den Raum, spekulieren wild herum und zeigen mit alldem nur, dass das Thema alles Andere als passé ist.
Lieber Matt Sand,
danke für den Input. Ich habe mir Ihre Konstruktive Kritik ausgedruckt und werde sie heute Nachmittag mit der Gruppe besprechen.
Ich wünsche Ihnen eine schöne Woche
Danke Alan, auf den Punkt: Die Kritik der Israelgegner an dem Todesstrafen-Gesetz ist unglaubwürdig. Wenn es in Kraft tritt und angewendet wird, macht sich Israel unglaubwürdig. Hoffen wir, dass das nicht passiert.
APo: Einen solchen Trick wollte der Vater des erwähnten Jesus anwenden, nachdem offenbar geworden war, dass seine Verlobte nicht von ihm schwanger war und zur Erklärung eine völlig unglaubwürdige Geschichte … aufgetischt hatte.‘
… werter APo, alles Trick? So ganz ohne Belehrung 😉 … etwa 740/701 BC, Prophezeiung des Isaias Kap. 7;14. ‚Deswegen wird der Herr selbst euch ein Zeichen geben: Siehe, die Jungfrau wird empfangen und einen Sohn gebären und man wird seinen Namen Emanuel nennen.‘ (Emanuel stammt aus dem Hebräischen und bedeutet übersetzt ‚Gott ist mit uns‘.‘
Nur blöd, dass sie ihn Jeschu genannt haben, damals ein Allerweltsname wie Jochanan (Hans).
… ich find den Namen nicht blöd. Er passt zur Vorsehung: Der Name Jesus stammt vom hebräisch-aramäischen Namen Jeschua (oder Yeshua, Jehoschua) ab. Er bedeutet „JHWH (Gott) ist Rettung“ oder „JHWH rettet“. Über das Griechische (Iesous) und Lateinische (Iesus) entwickelte sich die heutige Form, die als Kurzform für „Gott hilft“ im antiken Judäa verbreitet war.
Ich kann keinen ‚Misston‘ zwischen ‚Gott ist mit uns‘, ‚JHWH (Gott) ist Rettung‘ oder ‚Gott hilft‘ erkennen.
Mein Allerweltsname gefällt mir, ‚hans‘ – vom hebräischen Namen Jochunan, was ‚Gott ist gnädig‘ oder ‚Gott hat sich erbarmt‘ bedeutet. Alan als keltischer ‚kleiner Fels‘ gefällt mir auch. 😉