
Für meine Generation war er die absolute Hassfigur. Wer in den späten 1970er- und 1980er-Jahren jung, progressiv oder links war – und links waren damals gefühlt alle, die man irgendwie ernst nahm –, für den verkörperte Franz Josef Strauß das perfekte Feindbild. Atomkraft, Rüstung, Überwachungsstaat: Der CSU-Chef stand zuverlässig auf der anderen Seite. „Stoppt Strauß“ war kein nüchterner Appell. Es war ein Lebensgefühl.
Ganz grundlos war unsere Abneigung nicht. Strauß war kein Salonkonservativer. Publizistische Widersacher nannte er „Ratten und Schmeißfliegen“, politische Gegner behandelte er nicht selten wie Feinde. Die von ihm ausgelöste Spiegel-Affäre von 1962 war ein massiver Eingriff in die Pressefreiheit und kostete ihn das Amt des Verteidigungsministers.
War Strauß also die AfD seiner Zeit? Aus unserer damaligen Sicht: eindeutig. Aus heutiger Sicht: eindeutig Nein.
Warum? Strauß wollte die Bundesrepublik nicht überwinden, er gehörte zu ihren prägenden Figuren. Sein Koordinatensystem war westlich, transatlantisch und entschieden antikommunistisch. Man konnte seine Politik für falsch, gefährlich oder unmoralisch halten. Aber niemand musste rätseln, ob er das Grundgesetz durch eine andere Ordnung ersetzen wollte. Dass wir das damals anders sahen – geschenkt.
Das zwang seine Gegner zu etwas, das heute aus der Mode gekommen ist: Sie mussten ihn politisch schlagen. Helmut Schmidt konnte das Problem Strauß nicht an den Verfassungsschutz delegieren. Die SPD musste mit Argumenten, Regierungsleistung und ihrem „Modell Deutschland“ gegen ihn antreten. Stoppt Strauß eben.
Darin liegt eine unbequeme Lehre für heute.
Wird die AfD durch ein Verbotsverfahren diszipliniert?
Ende September saß der Rechtsanwalt Chan-jo Jun als Sachverständiger im Thüringer Landtag. Es ging um einen Antrag der Linken, die Landesregierung solle ein AfD-Verbotsverfahren anstoßen. Jun brachte einen Gedanken ein, der hängen bleibt: Ein Verbotsverfahren kann eine Partei verändern. Karlsruhe friert die Wirklichkeit nicht am Tag der Antragstellung ein. Liegen zwischen Antrag und Urteil Jahre, zählt, welche Ziele die Partei verfolgt, wenn das Gericht entscheidet.
Ein neues Hochglanzprogramm reicht dafür natürlich nicht. Wer tagsüber Verfassungstreue beschließt und abends die alten Ziele verfolgt, wird Karlsruhe kaum beeindrucken. Personal, Sprache, Parteidisziplin und Praxis müssten sich tatsächlich ändern. Was aber, wenn die AfD genau das versteht?
Anfang Oktober hat Robin Alexander in der Welt und im Machtwechsel-Podcast die Strategie der AfD analysiert: ein Playbook, dessen Ziel letztlich die Zerstörung der CDU ist. Bisher hält sich die Partei ziemlich genau an ihre internen Strategiepapiere.
Legt man beides nebeneinander, entsteht ein Szenario, über das erstaunlich wenig gesprochen wird. Was, wenn ein Verbotsverfahren die AfD nicht beseitigt, sondern diszipliniert?
Man kann für eine drastische Begrenzung der Migration eintreten, ohne eingebürgerte Deutsche zu Bürgern zweiter Klasse zu erklären. Man kann Islamismus kompromisslos bekämpfen, ohne Muslime kollektiv auszuschließen. Man kann Kernreaktoren fordern, die EU fundamental umbauen wollen und Law and Order predigen, ohne Menschenwürde und Rechtsstaat infrage zu stellen.
Die AfD könnte fast ihre gesamte Härte behalten und trotzdem einen großen Teil ihres verfassungsrechtlichen Risikos loswerden. Dafür müsste sie nur den innerparteilichen Überbietungswettbewerb um die nächste Grenzüberschreitung beenden. Im laufenden Verfahren wäre der nächste radikale Satz nicht mehr nur Applaus auf dem Parteitag oder ein erfolgreiches TikTok-Video. Er wäre ein weiteres Blatt in der Karlsruher Akte.
Eine andere, aggressive CSU?
Bisher hat jeder Versuch der Mäßigung vor allem die Mäßiger gekostet. Lucke, Petry, Meuthen. Nur stand bisher auch nie ein Verbot konkret im Raum. Opfern müsste die Partei dann wohl Personal. Eine AfD, die sich glaubwürdig von Björn Höcke und dem völkischen Vorfeld trennt, stünde immer noch weit rechts. Aber sie wäre etwas anderes als die Partei, über deren Verbot heute gestritten wird. Am Ende könnte sie aussehen wie eine aggressive CSU der alten Bundesrepublik. Franz Josef Strauß auf Wish bestellt. Härte, nationale Zuspitzung, Angriffslust – die äußere Form ließe sich kopieren.
Die Substanz nicht. Wer sich heute auf YouTube die Interviews ansieht, die Günter Gaus mit Strauß geführt hat, bemerkt die enorme Fallhöhe gegenüber dem, was heute politisch kommuniziert wird. Strauß argumentierte präzise und geschichtsbewusst. Und konnte trotzdem Stammtisch und Bierzelt.
Es gibt sogar eine Seite an ihm, die wir ihm damals nie zugestanden hätten. Recherchen von Report München haben 2026 Briefe aus den Jahren 1935 bis 1937 zutage gefördert, die Strauß mit seiner Klassenkameradin Hanne Trautwein wechselte – der späteren Frau des Schriftstellers Hermann Lenz –, teils auf Latein und Altgriechisch, um offen sprechen zu können. Nach NS-Rassenlehre galt sie als „Halbjüdin“. Strauß hielt trotz allem an der Freundschaft fest, und als man sie von der Abiturfeier ausschloss, richtete er ihr eine eigene aus. Politisch ausgeschlachtet hat er das nie. Ausgerechnet der Mann, dem wir jeden moralischen Kompass abgesprochen haben. Zum Heiligen macht ihn das nicht. Die Spiegel-Affäre bleibt, seine Nähe zu autoritären Regimen auch.
Die habe ich selbst gesehen. Wer Mitte der 1990er-Jahre in Togo unterwegs war, stieß überall auf die Spuren der eigenartigen bayerisch-togoischen Freundschaft. Die Hanns-Seidel-Stiftung ist dort seit langem präsent, Strauß pflegte enge Beziehungen zum Diktator Gnassingbé Eyadéma. Ich erinnere mich an ein Land, in dem bewaffnete Kontrollen zum Alltag gehörten und Repression unmittelbar spürbar war. Strauß betrieb dort keine Menschenrechtspolitik. Er betrieb Machtpolitik. Aber innerhalb eines klaren westlichen Koordinatensystems.
Genau hier endet die Ähnlichkeit. Ein beträchtlicher Teil der AfD pflegt ein Verhältnis zu Putins Russland, das vom transatlantischen Antikommunismus eines Strauß kaum weiter entfernt sein könnte. Auch eine verfassungskonform gewordene AfD wäre keine CSU der Achtziger. Sie wäre eine andere Rechtspartei: gesellschaftspolitisch hart, rhetorisch aggressiv, außenpolitisch mit völlig anderer Richtung.
Die Union bekäme ein Problem
Bisher hat die Abgrenzung zur AfD einen mächtigen Joker. Bei jeder Debatte über Migration oder innere Sicherheit steht im Hintergrund die Frage, ob Teile der AfD überhaupt auf dem Boden des Grundgesetzes stehen. Fällt diese Frage weg, verändert sich der Wettbewerb. Juristisch würde ein gescheitertes Verfahren nicht jede Forderung der AfD für verfassungsgemäß erklären, Karlsruhe prüft eine Partei, nicht jeden Programmsatz. Politisch ist diese Feinheit kaum zu vermitteln. Die AfD würde das Urteil als Gütesiegel verkaufen.
Vor allem die Union bekäme ein Problem. Straußens berühmte Formel lautete nicht, rechts von der CSU dürfe es nichts geben. Dort dürfe es keine demokratisch legitimierte Partei geben. Das funktionierte, solange die Union diesen Raum selbst besetzte. Steht dort dauerhaft eine große Partei, der man die Verfassungsfeindlichkeit nicht mehr überzeugend vorhalten kann, ist die Brandmauer keine Selbstverständlichkeit mehr. Sie müsste jeden Tag neu begründet werden.
Aus Sicht des Grundgesetzes wäre daran wenig auszusetzen. Eine Partei, die Menschenwürde, Demokratie und Rechtsstaat respektiert, darf sehr weit rechts stehen. Das Grundgesetz garantiert keine linke Mehrheit und keine politische Mitte. Es garantiert den offenen Wettbewerb verfassungstreuer Parteien. Wer eine Partei durch Verbotsdruck auf diesen Boden zwingt, hätte also einen Erfolg erzielt. Er müsste nur damit leben, dass sie dort auch Politik machen darf.
Zum Albtraum wird das nur für die, die sich vom Verbot erhoffen, diesen Kampf nicht führen zu müssen. Denn dann steht die politische Mitte wieder vor genau der Aufgabe, der sie entkommen wollte: Sie muss den Gegner politisch schlagen. Mit Argumenten, besseren Lösungen und einer Regierung, die funktioniert. So wie Helmut Schmidt einst gegen Franz Josef Strauß antreten musste. Nur dass der Gegner diesmal nicht Franz Josef Strauß sein wird. Sondern die Wish-Version.