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Peter Thiel und die Demokratie

Bild: KI-generiert nach Prompts von A.P.

Kaum ein Satz des Investors Peter Thiel hat in linken Kreisen so viel Zorn erregt wie dieser: „Ich glaube nicht mehr, dass Freiheit und Demokratie miteinander kompatibel sind.“ Der Satz stammt aus einem Aufsatz, den Thiel 2009 im Debattenjournal „Cato Unbound“ veröffentlichte.

Nun muss man gleich hinzufügen, dass Thiel mit „Freiheit“ vor allem unternehmerische Freiheit meinte und meint. In besagtem Aufsatz beklagt er darum, dass die Wirtschaftskrise von 1920/21 die letzte gewesen sei, die nicht zu massiver Regierungsintervention führte. Die “Goldenen Zwanziger Jahre” seien das Ergebnis jener “kreativen Zerstörung“ im Sinne Joseph Schumpeters, die durch Regierungseingriffe zur Milderung der Krise eben nicht stattfinde, wodurch die Krise des Systems chronisch werde. Heute von „kapitalistischer Demokratie“ zu reden, sei darum „ein Oxymoron“.

Man kann sich fragen, ob Thiel mit seiner Analyse Recht hat. Sie ist aber weder skandalös noch originell. Neben Schumpeter, der 1942 die Inkompatibilität von Kapitalismus und Demokratie feststellte und darum als Ergebnis der fortdauernden „schöpferischen Zerstörung“ durch das Kapital die Hinwendung der Gesellschaft zum Sozialismus vorhersagte, postulierte auch Friedrich Hayek in „Der Weg zur Knechtschaft“ 1944 die Unvereinbarkeit eines demokratischen Staates mit der unternehmerischen Freiheit. Demokratisch gewählte Politiker würden ständig den Druck ihrer Klientel verspüren, durch Staatseingriffe die Auswirkungen des Kapitalismus abzumildern und durch Kreditaufnahme die soziale Lage der Mehrheit zu verbessern. Das eben sei der Weg in die totalitäre Knechtschaft des Sozialstaats. Hayek war deshalb für strikte Gesetze, die den Eingriff des Staats in die Wirtschaft untersagten, und für die Wahl von Volksvertretern für eine einmalige Periode von 15 Jahren mit anschließender Pensionierung, damit sie nicht im Interesse ihre Wiederwahl wirtschaftlich unverantwortliche Versprechungen machen müssten.

Ganz allgemein besteht aber, und das müsste unter Liberalen Konsens sein, dass das Versprechen der Demokratie, dem Willen der Mehrheit zum Durchbruch zu verhelfen, begrenzt sein muss durch das Versprechen des Rechtsstaats, die Rechte und Freiheiten von Minderheiten gegen die Diktatur der Mehrheit zu schützen. Ob also Demokratie und Freiheit miteinander „inkompatibel“ seien, wie es Thiel, Schumpeter, Hayek und die Nietzsche-Adeptin Ayn Rand sahen, mag Ansichtssache sein; dass sie zueinander im Spannungsverhältnis stehen, ist unbestreitbar.

Thiel verfasste den Aufsatz als Reaktion auf seine Erkenntnis, dass radikal-libertäre Positionen in den USA keine Mehrheit finden könnten. Das stimmte 2009, es stimmte 2016, als viele Libertäre, darunter Thiel, ihre Hoffnung auf den „Disruptor“ Donald Trump setzten, und es stimmt heute. Trump selbst hat, mit seinem Zollkrieg gegen freie Märkte, seiner Politik der schuldenfinanzierten Steuersenkungen und nun seinem Krieg gegen den Iran freilich – trotz der DOGE-Episode mit Elon Musk – mehr getan, um die These Peter Thiels zu bestätigen, als viele explizit staatsinterventionistische Präsidenten.

Die USA haben inzwischen Staatsschulden von mehr als 40 Billionen US-Dollar, oder 120.000 Dollar auf jeden Einwohner. In Deutschland, für MAGA-Ideologen ein Hort des Sozialismus, liegt die Pro-Kopf-Verschuldung bei etwa 34.000 US-Dollar. Aber das nur nebenbei.

Science Fiction und Todesangst

In einem Essay für die „Salonkolumnisten“ habe ich argumentiert, dass man Peter Thiel nur verstehen kann, wenn man die Zentralität der Todesfurcht für sein Fühlen und Denken begreift. Unternehmerische Freiheit bedeutet für ihn vor allem die Freiheit, die Schranken unseres endlichen irdischen Daseins mittels technischer Innovationen abzuschütteln.

Interessanterweise wird diese Deutung durch den vorliegenden Essay des damals 42-Jährigen bestätigt. Die ersten beiden Sätze lauten:  “I remain committed to the faith of my teenage years: to authentic human freedom as a precondition for the highest good. I stand against confiscatory taxes, totalitarian collectives, and the ideology of the inevitability of the death of every individual.”

Ich bleibe dem Glauben meiner Teenagerjahre treu: der echten menschlichen Freiheit als Voraussetzung des höchsten Guts. Ich stehe fest gegen räuberische Besteuerung, totalitäre Kollektive und die Ideologie des unausweichlichen Todes jedes Individuums.“

Man könnte geneigt sein, den „unausweichlichen Tod jedes Individuums“ metaphorisch zu deuten, im Sinne der Auslöschung der Individualität, wie in den Dystopien „Schöne Neue Welt“ oder „1984“. Aber die quasi-religiöse Sprache – „faith“, „highest good“ – und der Wortsinn des Satzes sprechen ebenso dagegen wie die Tatsache, dass sich schon der 30-Jährige fasziniert zeigte von der Möglichkeit der Kryonik, des Einfrierens von Menschen, bis das Problem des Todes gelöst ist.

Thiel ist gegen die „Ideologie“, dass jeder einzelne Mensch sterben muss. Nur ist das keine Ideologie, sondern biologisch bedingte Wirklichkeit. Gegen diese Wirklichkeit rebelliert Thiel, und diese pubertäre Realitätsverweigerung entwertet auch seine ansonsten durchaus seriöse Rezeption von Schumpeter und der anderen Libertären.

Lebten wir ewig, hätten wir wohl keine Angst vor den wiederkehrenden Überproduktionskrisen des Kapitalismus; da wir aber nur 70 bis 90 Jahre leben, können diese Krisen unser Leben zerstören und unsere Ersparnisse vernichten. Wir alle leben daher mehr oder weniger nach dem Motto „Nach mir die Sündflut“, und es ist kein Zufall, dass es Maynard Keynes war, der Prophet des Regierungsinterventionismus, der auf den Einwand hin, auf lange Sicht seien seine Rezepte unhaltbar, gelassen zurückgab: „Auf lange Sicht sind wir alle tot.“

Peter Thiel und die Letzten Menschen

Ob freilich Menschen, die ewig lebten (und alle Arbeit der KI und KI-gesteuerten Robotern überließen), ihre Befreiung vom Tod dazu benutzen würden, kreativ die Sache der Menschheit voranzubringen, darf man bezweifeln. Der Tod ist ja der Stachel, der Kreativität hervorbringt. Eher würden die von Peter Thiel imaginierten todlosen Wesen den „letzten Menschen“ gleichen, die Friedrich Nietzsche persiflierte:

Die Erde ist dann klein geworden, und auf ihr hüpft der letzte Mensch, der alles klein macht. Sein Geschlecht ist unaustilgbar wie der Erdfloh; der letzte Mensch lebt am längsten. „Wir haben das Glück erfunden“ – sagen die letzten Menschen und blinzeln. (…) Krankwerden und Misstrauen-haben gilt ihnen sündhaft: man geht achtsam einher. Ein Thor, der noch über Steine oder Menschen stolpert! (…) Man hat sein Lüstchen für den Tag und sein Lüstchen für die Nacht: aber man ehrt die Gesundheit. „Wir haben das Glück erfunden“ – sagen die letzten Menschen und blinzeln.

11 Kommentare zu „Peter Thiel und die Demokratie“

  1. Unter dem alten Beitrag kommentierte ich:
    „Vor ein paar Monaten las ich das Buch »Peter Thiel – Wie der Pate des Silicon Valley die Welt beherrscht« von Max Chafkin. M. E. säkularisiert Peter Thiel Begriffe des Christentums und framt damit. Dass das libertäre Unternehmertum teilweise schlecht mit dem Christsein vereinbar ist, darüber schreibt Max Chafkin in dessen Buch (S. 96) zu Geschäftsaktivitäten bei PayPal. Dass Marktradikale sich von science fiction inspirieren ließen, fand ich auch im Buch »Kapitalismus ohne Demokratie« von Quinn Slobodian. Es geht m. E. auch nicht nur um Peter Thiel, sondern um eine Ideologie.“
    Das will ich nun ergänzen, denn dazu gäbe es so viel mehr zu schreiben. Aufmerksam auf Peter Thiel wurde ich eigentlich erst, als ich die Bücher »Muskismus« von Quinn Slobodian und Ben Tarnoff und »Der Unsichtbare« über Alex Karp von Michael Steinberger gelesen hatte. Jill Lepore gab der welt ein Interview: https://www.welt.de/kultur/literarischewelt/plus6abc0dfb72f1dd17be2d3705/ki-was-uns-die-tech-ceos-praesentieren-ist-nichts-anderes-als-recycelter-unsinn-aus-den-1930er-jahren.html. Dem möchte ich zustimmen. Weder Schumpeter, noch Hayek oder Thiel habe ich im Original gelesen. Allerdings schaute ich gerade mit dem Buch »Die AGFA-ORWO-Story« vom Historiker Rainer Karlsch in die Geschichte zurück. Der Anfang und das Ende der Filmproduktion sind m. E. Beispiele „schöpferischer Zerstörung“. Es gab jeweils Gewinner und Verlierer. Die Gründer von AGFA zeigten Verantwortung für deren eigenen Arbeiter, bauten nicht nur Fabriken, sondern auch soziale Einrichtungen auf. Dennoch kam es zwischenzeitlich zur Verelendung der Massen, die politische Radikalisierung zur Folge hatte. Heute wissen wir ungleich mehr über die Auswirkungen von technologischem Fortschritt auf Mensch und Natur als damals. Die Digitalisierung verändert unser Leben rasant. Deshalb möchte ich noch einmal Daron Acemoğlus und Simon Johnsons Buch »Macht und Fortschritt« erwähnen, in dem diese der Frage nachgehen: „Wie kann technologischer Fortschritt zu breitem Wohlstand führen?“ (KT) Dazu machen die Autoren auch einige Vorschläge.

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    • Gerade die Entwicklung von Pay Pal zeigt aber doch, daß westliche staatliche Institutionen mit der technischen Entwicklung überhaupt nicht mitkommen und sich die Firma gezwungen sah, sich mit einem ausgeklügelten Bewertungssystem selbst zu helfen, wie es bei eBay erprobt und verfeinert wurde. So ist die Plattformwirtschaft entstanden. Meister darin sind mittlerweile die Chinesen. Die DHL z.B. spurt bei denen mehr als bei jeder deutschen Netzagentur. ‚Wir‘ konnten zwar auch mal mithalten mit unseren Universitäten, der NASA usw. Jetzt aber nicht mehr, noch nicht mal einen mp3- Spieler haben wir hingekriegt, weil wir die innovativen, wichtigen Themen, entschuldigung ich polemisiere etwas und spitze zu, vernachlässigt haben und uns stattdessen mit soziologischen Randthemen und empirischer Erbsenzählerei beschäftigen, statt die physikalischen Erkenntnisse der letzten 100 Jahre in Technik umzusetzen. Es scheint mir daher nicht weiter zu führen, Musk und Thiel politischen Extremismus vorzuwerfen. Wohin soll das führen? Verbieten? Westliche Institutionen haben ihre Chance gehabt, ein weiter – so mit aller Empörung dürfte nur eine totalitäre Farce hervorbringen. Das ist es zumindest, was die Empörung einer Jill Lepore anstrebt. Und ‚Sozial‘ muss bezahlt werden, da hat z.B. Elon Musk, man muss ihn nicht mögen, mehr zu beigetragen als die Sozialdemokratie der letzten 100 Jahre.

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      • Zunächst möchte ich noch einmal, auf die von mir genannten Bücher verweisen. Sicher kann ich meinen Hut vor der Entwicklung von Plattformen, wie Paypal, ziehen. Das ist eine spannende Geschichte. Ich will das gar nicht abwerten. Allerdings verfolgte Peter Thiel andere Ziele damit. Um die geht es mir. Ich weiß nicht, was die Historikerin Jill Lepore anstrebt. Es geht mir auch nicht um die Rolle der Sozialdemokratie. Wollen wir wirklich unser Leben in die Hand einzelner Unternehmer und deren Visionen legen? Wohlstand tröpfelt nicht so einfach nach unten, wie mensch uns gern glauben machen will. Dies haben Daron Acemoğlu und Simon Johnson in deren Buch gezeigt. Insbesondere mit dem Blick auf China, möchte ich auf die Empfehlungen der Autoren hinweisen: Ziel müsste heute sein von übermäßiger Überwachung, Datenspeicherung, Werbung (soziale Medien) und übermäßiger Automatisierung (Stichwort Maschinennützlichkeit) wegzukommen.

      • Inzwischen las ich das Buch »Die Regierung der Maschinen Aufstieg und Fall des Künstlichen Staates« der Historikerin Jill Lepore. Ich konnte darin keine Empörung entdecken. In letzter Zeit las ich öfter, dass die Tech-Oligarchen sich oft von Science fiction (SF) inspirieren lassen. Auch meine Vorstellung von zukünftigen Entwicklungen wurde von manchen SF-Roman beeinflusst, wie ich gelegentlich an mir selbst feststellte. Allerdings haben die Tech-Oligarchen nach Jill Lepore die SF nicht „als literarischer Texte oder als ein Kanon von Geschichten mit einer Moral“, sondern „als Reihe von Bauanleitung“ (S.174) gelesen, mit der sie den Grenzen der Menschen und der Erde entfliehen wollen. Die Autorin erläutert in deren Buch an Hand von Literatur, insbesondere der SF, der Rechtswissenschaften und anderen Quellen die Auseinandersetzungen um Mensch, Natur und Maschinen seit Menschen sich darüber Gedanken machen. Auch hier auf SM beteiligte ich mich vor 15 Jahren an entsprechenden Diskussionen. Besondere Aufmerksamkeit erfährt im Buch auch eine Gruppe namens Technocracy in Kanada, zu der auch ein Großvater von Elon Musk gehörte. Der Großvater, er starb als Elon Musk 2 Jahre alt war, ging nach dem Verbot der Technocracy und der Ausrufung der Apartheid nach Südafrika. War ein „Künstlicher Staat“ heute tatsächlich das Ziel? Jill Lepore schreibt in deren Epilog, dass dieser eher Folge vieler einzelner Entwicklungen und deren Nebeneffekte sein könnte und dabei Einfluss auf die Demokratie hat (S.304). Das könnte für China vielleicht nicht gelten. Für mich, die mit Planwirtschaft, Umweltzerstörung, Überwachung u.a. im DDR-Chemiedreieck aufwuchs, sind das doch sehr persönliche Themen, die meine Affekte triggerten.

  2. Das interessante ist würden wir ewig Leben würde unsere Spezies am Ende zur Stagnation neigen und wir hätten extreme Ressourcen Konflikte. Deswegen hatte die Evolution das Prinzip sterben eingebaut. Hatte dazu ein schönes Video gesehen.

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    • So isses. Der Tod ist die Bedingung für das Leben und die Entwicklung. Der Informatiker Dennis E. Taylor hat mit ‚Wir sind viele“ eine wunderbare SF-Reihe begonnen, in der ewig lebende Replikanten einer Person sich im Universum ausbreiten. Absurd und lustig. Besonders die Partnerwahl. Peter Thiel würde ich die Lektüre empfehlen.

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      • Den Tod fürchte ich nicht, weil ich ein Teil von etwas größerem bin. Wenn ich glauben würde, dass ich nur ein Sack Fleisch auf einer Kugel in einem riesigen Kosmos wäre, würde ich vielleicht auch glauben, dass mit dem Sack Fleisch die Welt zu Ende geht. Und dann würde ich vielleicht auch glauben, dass die Überwindung der Haltbarkeitsdauer die Rettung der Menschheit sei.
        Die Frage der Unsterblichkeit ist Unsinn, weil sie tatsächlich nicht mal unsere Ur-Enkel erreichen werden. Vielleicht nicht ich, aber bestimmt einige hier werden Thiels Begräbnis noch erleben. Aber die Debatte gibt erschreckenden Einblick, was Individualismus als höchstes Prinzip mit einer Seele machen kann. Ich stelle mir Thiel als einsamen Menschen vor. Wenn er Christ wäre, wäre er zumindest neugierig, was auf der anderen Seite ist. Ich bin es. Ich hoffe einige wieder zu sehen, sehr. Allein deswegen verzichte gerne auf diese Vision. Ob ich Recht habe, oder mich nur tröste, werde ich erfahren, ich habe meine Chips gesetzt.
        Viel spannender ist die Frage, was ein Thiel bereit wäre uns anzutun, um sein Ziel zu erreichen, ob unsinnig oder nicht.

      • @Stevanovic Die Schwiegermutter sagte am Sterbebett auf die Frage, ob wir einen Pastor holen sollen: „Jo – ma weiß ja net bofür et good is“ (man weiß ja nicht, wofür es gut ist).. Wenn ich ihr hier damit ein Denkmal als Philosophin setzen kann, so tue ich das sehr gerne.

  3. „Ob freilich Menschen, die ewig lebten (und alle Arbeit der KI und KI-gesteuerten Robotern überließen), ihre Befreiung vom Tod dazu benutzen würden, kreativ die Sache der Menschheit voranzubringen, darf man bezweifeln.“
    Ja, das darf man bezweifeln, denn dann herrschte ja so etwas wie Kommunismus.
    Im Kapitalismus würden sich diese letzten Menschen – selbstverständlich immer mit guten Gründen – gegenseitig umbringen.

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