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Wie geht es weiter mit dem Abraham-Geiger-Kolleg?

Noch residiert hier das Abraham-Geiger-Kolleg. Foto: Rigorius, Wikimedia Commons

Vor einer Woche wurden die Studierenden des Abraham-Geiger-Kollegs in Potsdam durch folgende Nachricht überrascht: „Heute beim Frühstück gab R(abbi Andreas) Nachama bekannt, dass die Universität Potsdam den Mietvertrag mit dem Kolleg gekündigt hat. Zwar nicht mit sofortiger Wirkung: Wir bleiben hier mindestens noch ein Semester, wenn nicht länger. Jedoch wird das Kolleg irgendwann in der Zukunft permanent umziehen, und zwar ins Jüdische Krankenhaus Berlin.“

Was war da passiert? Es ist offenkundig, dass die Universität Potsdam nicht nur den Mietvertrag für den schönen Barockbau gekündigt, sondern überhaupt die Zusammenarbeit mit dem Geiger-Kolleg aufgekündigt hat, wo liberale (und bis vor etwa einem Jahr am angegliederten  Zacharias-Frankel-Kolleg auch konservative) Rabbiner, Rabbinerinnen, Kantoren und Kantorinnen ausgebildet wurden. Damit hat die Auseinandersetzung mit dem Wirken Walter Homolkas an der Universität Potsdam, die vor etwas mehr als vier Jahren mit internen Beschwerden gegen Homolka und einer internen Untersuchung begann und durch einen Artikel von mir in die Öffentlichkeit getragen wurde, ihren vorläufigen Abschluss gefunden.

Zugleich wird die merkwürdige Situation bereinigt, in der es für eine überschaubare Anzahl künftiger Rabbiner und Kantoren in Potsdam fünf „An-Institute“ gibt: Geiger und Frankel (obwohl meines Wissens das Frankel-Kolleg nur noch auf dem Papier existiert) einerseits, andererseits die unter dem Dach der Nathan-Peter-Levinson-Stiftung firmierenden  drei Seminare: Abraham-Heschel-Seminar für konservative Rabbinerausbildung, Regina-Jonas-Seminar für liberale Rabbinerausbildung und Louis-Lewandowski-Seminar zur Kantorenausbildung.

Diese unerquickliche Situation, wurde allgemein dem Universitätspräsidenten Oliver Günther angelastet, der mit Homolka persönlich befreundet ist. Wie kam es nun zum Sinneswandel? Hier kann man nur spekulieren, und da einige der Personen, die in diesem Campusroman eine Rolle spielen, ausgesprochen klagefreundlich sind, verweise ich darauf, dass ich im Folgenden nur spekuliere und nichts unterstelle.

Die „School of Jewish Theology“

Zur Vereinbarung über die Rabbinerausbildung in Potsdam gehörte die Einrichtung eines theologischen Seminars analog den Seminaren für christliche Theologie an einigen deutschen Hochschulen, wo Pfarrer oder Priester ihre akademische Ausbildung erhalten. Die an der „School of Jewish Theology“ lehrenden Professoren sollten konfessionell gebunden, also Juden, sein und erst dann berufen werden können, wenn eine „Ständige Kommission für das jüdisch-geistliche Amt“ sein Placet gab – eine Kommission, in der u.a. das Geiger-Kolleg, die „Union progressiver Juden“ (UpJ – ein Zusammenschluss liberaler Gemeinden), die Masorti (konservative) Strömung und die (liberale) „Allgemeine Rabbiner-Konferenz“ (ARK) vertreten sein sollten. Da Homolka und seine Freunde und Unterstützer das Geiger-Kolleg, die UpJ, die ARK und via Frankel-Kolleg auch die Masorti damals kontrollierten, bedeutete diese Konstruktion, dass kein Professor an die die „School of Jewish Theology“ gegen Homolkas Willen berufen werden konnte.

Mit den Vorwürfen gegen Homolka – ob sie zutreffen oder nicht, mögen andere entscheiden, für die Zwecke dieses Artikels spielt das keine Rolle – geriet dieses System ins Wanken. Die wichtigsten Geldgeber des Kollegs – das Potsdamer Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kultur und das Bundesinnenministerium sowie die KMK – entzogen ihre Unterstützung. Die politischen Instanzen gaben zu verstehen, dass die den Zentralrat der Juden unterstützen, der mit der Levinson-Stiftung einen neuen institutionellen Rahmen für die Rabbinerausbildung schuf, die nun auch von der Zentrale der Masorti-Bewegung in den USA anerkannt wird.

Inzwischen gibt es an der „School of Jewish Theology“ nur noch zwei Professoren, die einander überdies spinnefeind sind: Walter Homolka und Jonathan Schorsch, der mit einem internen Kritikpapier an Homolka die Ereignisse ins Rollen brachte, die nun zum Umzug des Geiger-Kollegs geführt haben. Gegen Homolka sollen noch interne Ermittlungen wegen akademischer Unregelmäßigkeiten laufen. Es müssen dringend zwei Professuren neu besetzt werden, soll der Anspruch einer akademischen Ausbildung angehender Rabbiner und Kantoren in Potsdam aufrechterhalten werden.

Gerangel um die Besetzung der „Ständigen Kommission“

Aber wie sollte die „Ständige Kommission“ besetzt werden? Laut ursprünglicher Vereinbarung mit der Universität hätten mit den Geiger-Kolleg und der UpJ mindestens zwei Institutionen Sitz und Stimme in der Kommission, die immer noch zu Homolka halten. Andererseits hätte die Levinson-Stiftung laut Vereinbarung keine Stimme. Zwar wären mit Professor Schorsch als Interimsdirektor der „School“ sowie mit der ARK auch die Homolka-kritischen Stimmen vertreten, doch es gab die reale Gefahr einer Pattsituation, einer Blockade der Kommission und damit des Funktionierens der „School of Jewish Theology“. Man darf annehmen, dass in dieser Situation die Politik – vor allem das Potsdamer Ministerium als Aufsichtsbehörde – Unipräsident Günther zu einer Entscheidung drängte. Wird die Vereinbarung mit Geiger gekündigt und die Levinson-Stiftung als An-Institut der Universität anerkannt, was inzwischen geschehen ist, kann eine neue Vereinbarung unterschrieben werden, die auch die Besetzung der „Ständigen Studienkommission“ neu regelt und die Berufung neuer Professoren ermöglicht. Wie es scheint, hat Günther nachgegeben und das Kolleg beschlossen, nicht gegen die Kündigung zu klagen.

Ein Grund könnte sein, dass die Jüdische Gemeinde Berlin alle früher Walter Homolka gehörenden Anteile an dem als gGmbH privatwirtschaftlich organisierten Geiger-Kolleg besitzt. Es dürfte juristisch schwer zu argumentieren sein, dass eine der Berliner Gemeinde gehörende Einrichtung über die Besetzung von Professuren an einer Universität des Landes Brandenburg mitbestimmen soll.

Was passiert jetzt?

Wie geht es weiter? Demnächst dürfte die Levinson-Stiftung aus dem Container aus- und in die von Geiger geräumten edlen Altbauräume einziehen, wird die betreffende Bushaltestelle „Campus Universität – Abraham Geiger Kolleg“ umbenannt werden müssen; muss das vom türkischen Unternehmen „Medicana“ betriebene Jüdische Krankenhaus Räume an das Geiger-Kolleg abgeben (vermutlich war das schon Gegenstand der Übernahmevereinbarung, nachdem das Jüdische Krankenhaus Ende 2025 Insolvenz anmeldete). Zwei neue Professoren werden an die Potsdamer School of Theology berufen, und wenn Homolka in einigen Jahren pensioniert wird (er ist 62 Jahre alt), dürfte das Kapitel Homolka in Potsdam abgeschlossen sein.

Und dann?

Was aber nach einem vollständigen Sieg des Zentralrats und der Kritiker Homolkas aussieht, ist im wesentlichen das Ergebnis erfolgreicher Lobbyarbeit gegenüber der Politik. Ob angehende liberale Rabbiner und Rabbinerinnen, denen der Name Homolka wenig sagt und denen die Auseinandersetzungen der letzten Jahre schnurz sind, lieber in Potsdam oder in Berlin studieren werden, bleibt abzuwarten. Die UpJ, der nach wie vor die Mehrheit der liberalen Gemeinden in Deutschland angehören, hat schon angekündigt, keine Absolventen der Levinson-Seminare zu beschäftigen. Hinzu kommt die Attraktivität Berlins, wo es eine Reihe funktionierender Synagogen und jüdischer Einrichtungen, eine durch zugezogene Israelis erweiterte relativ starke jüdische Präsenz gibt (während man witzelt, in Potsdam gebe es mehr Synagogen als Juden),und wo das kulturelle und das auch für angehende Rabbiner nicht uninteressante Nachtleben eine ganz andere Qualität haben als im beschaulich-provinziellen Potsdam.

So könnten die angehenden Rabbiner und Rabbinerinnen mit den Füßen abstimmen und sich die Potsdamer Seminare als Potemkinsche Dörfer erweisen. Es sei denn, und darauf setzen vermutlich der Zentralrat und das Ministerium in Potsdam, der Jüdischen Gemeinde geht das Geld aus. Denn der Betrieb des Geiger-Kollegs ist teuer und auf Dauer von der Gemeinde, die sich im Clinch mit dem Zentralrat befindet, nicht zu stemmen. Die Hoffnung von Gemeindechef Gideon Joffe dürfte sein, dass hier das Land Berlin einspringt. Die Versuchung für Berliner Lokalpolitiker ist groß: Berlin schmückt sich gern mit „seinen“ Juden, Politiker lassen sich gern als Freunde des Judentums schmeicheln; und dafür lässt man dann ein paar Kröten springen für das Kolleg und vielleicht noch etwas Geld für die eine oder andere konfessionsgebundene Professur.

Das Kalkül der Linkspartei

So lange Berlin allerdings von einem CDU-Bürgermeister reagiert wird, dürften sich Joffes Träume nicht realisieren. Die Union will es sich mit dem Zentralrat nicht verderben. Anders könnte es aussehen, wenn im September gewählt wird und die Linkspartei die Bürgermeisterin stellt, wonach es nach jetzigen Umfragen aussieht. Der nach wie vor einflussreiche Linken-Politiker Bodo Ramelow ist eng mit Homolka befreundet; die Linkspartei wiederum ist sauer auf Zentralratspräsident Josef Schuster sauer, der angesichts antizionistischer Aktionen aus ihren Reihen gesagt hat, die Linkspartei biete Antisemiten eine Heimat und sei für Juden „nicht wählbar“. Mit der Unterstützung der Rabbinerausbildung in Berlin könnte die Partei einerseits dem Zentralrat eins auswischen, andererseits dem Vorwurf entgegentreten, antisemitisch zu sein: Schaut mal, die Partei schenkt den Juden ein Kolleg.

Wer mir bis hierhin gefolgt ist, weiß also: Es bleibt kompliziert.

 

 

 

 

 

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