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Von Weißen Adler-Orden und so…

Bild: Der Orden des Weißen Adlers, die höchste polnische staatliche Ehrung (aus Wikipedia).

Vom Anlass (nicht Grund) des ukrainisch-polnischen Streites, auf dessen gestrigem Höhepunkt der polnische Präsident Karol Nawrocki (gesetzt von der Partei „Recht und Gerechtigkeit“ = Prawo i Sprawiedliwość, kurz: PiS) …

… von den Geschichten, aus denen heraus er dem ukrainischen Staatspräidenten Wolodymyr Selenski den Weißen Adlerorden entzogen hat ….

… also von diesen haben Sie vermutlich noch nie etwas gehört.

Als ich bei Philipp Ther (Bild oben) davon las, dachte ich ja auch erst:

„Polnisch-Ukrainischer Krieg? 1942 bis 1947 ? Hä ? Was soll denn das sein ?“

Also:

Die 1918 ausgerufene polnische „Zweite Republik“ hatte sich überhaupt nicht halten wollen an die Grenzen, die der damalige britische Außenminister, George Curzon, 1. Marquess Curzon of Kedleston, vormals auch Vizekönig von Indien, ihr gnädigerweise zugedachte.

Im „Polnisch-Sowjetischen Krieg“, im polnischen Sprachgebrauch „Polnisch-Bolschewistischer Krieg“ („Wojna polsko-bolszewicka“), von 1919 bis 1921 dehnte Polen seine Grenzen etwas weiter gen Osten aus. Gut unterstützt von Frankreich, dessen Außenminister Stéphen Pichon in Polen einen „Cordon Sanitaire“ gegen die Rote Fahne sah.

Gut unterstützt auch von ukrainischen Nationalisten, denen die Bolschewiken noch verhasster waren als die Polen. Allerdings hatten die ukrainischen Nationalisten keineswegs das Ziel, dann polnische Nationalisten zu werden.

So „erbte“ die Zweite Polnische Republik beträchtliche nationale Minderheiten in ihren Grenzen:

Die heutige polnische Staatsgrenze im Osten auf der obigen Karte (aus Wikipedia) bekommen Sie selbst zusammen. Sie entspricht in etwa der 1918 von seiner Lordschaft Curzon gezogenen Linie. Sie entspricht in etwa der Linie, der entlang sich Deutschland und die Sowjetunien mit dem gemeinsamen Überfall auf Polen 1939 das Land aufteilten.

Bekanntlich brach Deutschland dann am Sonntag, dem 22. Juni 1941 den Waffenstillstand mit Moskau und die Wehrmacht marschierte gegen anfangs nur geringen sowjetischen Widerstand ein.

Manche glauben, die Deutschen seien als die neuen Herren in der Ukraine bejubelt worden. Aber der Jubel erstreckte sich lediglich auf den Zusammenbruch der Sowjetherrschaft.

Die 1929 in Wien gegründete Organisation Ukrainischer Nationalisten (ukrainisch: Організація українських націоналістів; deutsche Abkürzung: OUN) hatte vor, selbst Herrschaft auszuüben. Untereinander war sie gespalten in

– die Anhänger Andrij Melnyks (OUN-M), der vom Alter her der Urgroßvater des gleichnamigen Diplomaten sein könnte, dies aber nicht ist, und

– die Anhänger Stepan Banderas (OUN-B).

Und die OUN-B, die „Bandera-Leute“ stellten 1942 eine Ukrainische Aufstandsarmee (ukrainisch Українська повстанська армія / Ukrajinska powstanska armija; kurz UPA). zusammen. Deren Ziel war klar: Die Errichtung eines ukrainischen Staates.

Eines national homogenen Staates der Ukrainer. Ohne Russen, ohne Polen und auch ohne Juden.

In Ostmitteleuropa waren Juden ja keineswegs so assimiliert wie in Deutschland, wo noch „Ahnenforschung“ betrieben werden mußte. Wenn es 1939 in Europa überhaupt noch eine spezifisch jüdische Kultur gegeben hat, dann eben dort.

Der oben schon zitierte Philipp Ther hat die Vorstellungen vom ethnisch homogenen Staat in seinem Buch Die dunkle Seite der Nationalstaaten / »Ethnische Säuberungen« im modernen Europa beschrieben.

Götz Aly legt in seinem Buch Europa gegen die Juden 1880–1945 (Bild unten) in vielen Schilderungen dar, warum Juden in dieser Zeit die Hauptopfer des Nationalismus werden mußten.

Und wir Deutschen wurden die Vollstrecker: Juden hatten kein „Heimatland“, in das sie hätten ausweichen können.

Zu Melnyk und Bandera wird in Deutschland kaum mehr als der Holocaust thematisiert.

In Polen hingegen verbindet die Geschichtsschreibung die OUN beider Flügel vor allem mit deren Kampf gegen polnische Partisanen und alles Polnische überhaupt. Mindestens 80.000 Polen in Wolhynien und Galizien, so das Polnische Institut für Nationales Gedenken, seien 1942/43 von der UPA hingemetzelt worden.

Die Vertreibung von 2 Millionen Polen aus der sowjetischen Schreckenslandschaft, beginnend schon in dieser Zeit, hängt auch damit zusammen.

Ja und weil Wolodymyr Selenski jetzt irgend so einer ukrainische Armeeeinheit den Namen der Ukrainischen Aufstandsarmee „verliehen“ hat, deshalb hat der polnische Staatspräsident, von Beruf auch Professor für Geschichte, Noten verteilt:

„Ungenügend! Durch alle Prüfungen gefallen!“

Das ist nicht ganz gerecht. Es gibt auch in der Ukraine beachtliche Publikationen dazu.

Aber Staatspräsident Karol Nawrocki hat Selenski den Orden weggenommen. Darf er. Ein Präsident, der Orden verleihen darf, darf sie auch wieder einsammeln.

Geht es wirklich um die „richtige Deutung“ von Geschichte?

Natürlich nicht!

Es geht darum, dass Polen mitverhandeln will in der europäische Position zum Ukraine-Krieg. Die wird derzeit bestimmt ausschließlich von „den Großen“. Von London, Berlin und Paris..

Und das geht aus polnischer Sicht nicht, verdammt nochmal !

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Über Bodo Walther

Bodo Walther, geboren 1960 in Weißenfels im heutigen Sachsen-Anhalt, studierte 1985 bis 1991 Rechtswissenschaften in Tübingen und Bonn. Er war aktiver Landes- und Kommunalbeamter in Sachsen-Anhalt, ist heute im Ruhestand und Anwalt in der Nähe von Leipzig.

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