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Warum die Rolling Stones an Amy Winehouse scheitern

Illustration: Gemini nach Prompts von Amy Winehouse

Ich liebe Cover-Versionen. Daran erkennt man erst, wie gut ein Sänger, eine Sängerin oder eine Band ist. Manche Cover-Versionen sind besser als das Original: man denke etwa an Ray Charles‘ Version von Eddy Arnolds Song „You Don’t Know Me“, die einfach Maßstäbe gesetzt hat. Maßstäbe, an denen man so herzzerbrechend schön (und gewollt) scheitern kann wie Meryl Streep in „Postcards from the Edge“, dass man den Film immer wieder sehen will, nur um ihre Version zu hören.

Andererseits lief Ray Charles, gerade weil er so gut war, immer wieder Gefahr, entweder unbedeutende Songs zu covern (weil er glaubte, er könnte aus jedem Song etwas machen), oder perfekte Songs durch seine Coverversion zu verschlimmbessern: etwa „Yesterday“ und „Eleanor Rigby“ von den Beatles.

Die Beatles wiederum haben ihre Qualität auch durch großartige Coverversionen bewiesen: „Please Mr Postman“ (The Marvelettes), „Boys“(The Shirelles), “Money” (Barrett Strong), “Twist And Shout” (The Isley Brothers). Dadurch haben sie für eine ganze Generation weißer Jugendlicher das Tor zur schwarzen Musik aufgemacht. Die Bewunderung der Beatles für die frühen Motown-Musiker hat sie angespornt, sich besonders anzustrengen und die Originale zu übertreffen.

Dort, wo man bei den von den Beatles gecoverten Songs argumentieren könnte, das Original sei doch besser, etwa bei Little Richards „Long Tall Sally“ oder Smokey Robinsons „You’ve Really Got a Hold On Me”, bleibt der Gesang der Beatles – McCartneys kontrollierte Verrücktheit bei „Long Tall Sally“, das wie ein Dudelsack dröhnende McCartney-Lennon-Duo bei „You’ve Really Got a Hold On Me”, aus dem Lennons Stimme wie eine gequälte Kreissäge immer wieder ausbricht – etwas sehr Besonderes.

Die Rolling Stones, die als R&B-Coverband begannen und erst unter dem Einfluss der Beatles begannen, eigene Songs zu schreiben, haben herrliche Coverversionen hingelegt, darunter von dem Beatles-Stück „I Wanna Be your Man“, das um Längen besser ist als das Original, auch weil es eine Dekonstruktionsarbeit ist. Bis heute haben ihre ersten drei Alben, die fast ausschließlich aus Cover-Versionen bestehen, einen ganz eigenen Reiz. Kulturelle Appropriation – in diesem Fall der Musik schwarzer Amerikaner durch weiße Briten – geht eben zuweilen damit einher, dass derjenige, der sich die Musik aneignet, sich der Musik anverwandelt, tiefer in sie eindringt als derjenige, der sie zuerst produziert.

Auf ihrem neuesten Album covern die Stones nicht nur einen alten Song von Chuck Berry, dem Rock’n’Roll-Lehrer aller klassischen britischen Bands, von den Stones und Beatles über die Pretty Things und Kinks bis hin zu den Hollies (und über diese herrlich informelle Jam-Version des Songs wäre ein eigenes Stück zu schreiben), sondern einen Song der großen Amy Winehouse, also einer weißen – genauer: jüdischen – britischen Sängerin: „You Know I’m No Good“. Und dazu gehört Mut. Denn Winehouse schuf Songs, die so perfekt sind, dass man sich kaum von Cover-Versionen einen Mehrwert verspricht.

Die „legendäre“ Cover-Version dieses Songs durch die Arctic Monkeys etwa ist eher ein braves Nachspielen und Nachsingen, und sie ist vermutlich hauptsächlich deshalb „legendär“, weil sie auf keinem Album der Band zu finden ist. Und weil manche Fans aus der queeren Community sie als Bestätigung ihres Wunschverdachts empfinden, Leadsänger Alex Turner sei bisexuell.

Demgegenüber legt sich Mick Jagger ordentlich ins Zeug und zeigt, welche gesanglichen Fähigkeiten er mit 83 noch hat. Die Stimme ist – wie überhaupt auf den letzten beiden Alben, und anders als beim armen Paul McCartney – voll und geschmeidig, er freut sich offensichtlich an der nicht trivialen Melodie und den Stimmungswechseln im Song. Die gitarrenbetonte Begleitung und vor allem Jaggers Harmonikaspiel tun ein Übriges, um dem Song eine raue R&B-Textur zu geben, ihn zu einem Stones-Song zu machen. Hut ab.

Und doch scheitern die Stones am Song. Nicht wegen der Musik, sondern wegen des Textes (den man wie immer unten findet). Wie in „Back to Black“, „Rehab“, „Valerie“ und anderen Liedern, bewohnt Winehouse in diesem Song eine Persona, die ziemlich nahe an ihrem wirklichen Selbst ist. Eine Frau, die – weil sie trinkt, weil sie sich langweilt, weil sie Bestätigung braucht, weil sie eben „no good“ ist im Sinn der patriarchalischen Moral, promisk, „mannstoll“, wie der Direktor meines Reforminternats eine Schülerin nannte, die es wagte, drei Freunde kurz hintereinander zu haben.

Kein Mann würde sich selbst bezichtigen, nichts zu taugen, weil er seine Freundin betrogen hat. Und auch die meisten Frauen versuchen, dafür tiefere Gründe zu finden, etwa in „Torn Between Two Lovers“, einem Lied von ausgesuchter Widerlichkeit. Es spricht also für Jagger, dass er in die Rolle des reumütigen Betrügers schlüpft. Aber man nimmt es ihm nicht wirklich ab. Den unendlich müden Selbstekel, den Amy Winehouse mit ihrer Stimme ausdrückt, kann Jagger beim besten Willen nicht vortäuschen.

Überhaupt die Objektivierung der Frau – beschnüffelt wie Gin, verhört wie eine Verbrecherin, niedergemacht wie ein James-Bond-Bösewicht, beäugt wie ein leckeres Essen, abgetan mit einem Schulterzucken: das kann nur eine Frau beschreiben und besingen; und dass sie sich für die Missachtung und Verachtung auf die einzige Weise rächt, die sie kennt, und die sie in ihren eigenen Augen nur noch verächtlicher macht – „ich habe mich selbst betrogen / und ich wusste es schon / ich hab dir gesagt, dass ich nur Ärger bringe / du weißt, dass ich nichts tauge“: das ist dergestalt bitter, dass man ihr die – auch noch zufällig wahre – Standardausrede nicht einmal übelnimmt: Ich habe dabei nur an dich gedacht: „Im Bett mit meinem Ex / Er in mir drin, doch es ist schlechter Sex / Er tobt sich aus, ich denk an dich / und jetzt endlich komme ich.“

Diese Stelle hat Jagger geändert (die Arctic Monkeys nicht, was dir Gerüchte beförderte, Turner sei bisexuell, sicher verkaufsfördernd). Statt „Upstairs in bed with my ex-boy / He’s in the place, but I can’t get joy” singt Jagger: “Upstairs in bed with my ex-girl / She’s in a place in her own world”. Na ja. Das ist weniger direkt-dreckig als “he’s in the place“ und allzu unbestimmt.

Kurzum: Es ist ein Scheitern, zweifellos. Aber ein ziemlich grandioses Scheitern an einem grandiosen Song.

 

Meet you downstairs in the bar and hurt
Your rolled up sleeves in your skull T-shirt
You say, „What did you do it with him today?“
And sniffed me out like I was Tanqueray

′Cause you’re my fella, my guy
Hand me your Stella and fly
By the time I′m out the door
You tear me down like Roger Moore

I cheated myself
Like I knew I would
I told you I was trouble
You know that I’m no good

Upstairs in bed with my ex-boy
He’s in the place, but I can’t get joy
Thinkin‘ on you in the final throes

This is when my buzzer goes

Run out to meet your chips and pita
You say, „When we′re married“
‚Cause you′re not bitter
„There’ll be none of him no more“
I cried for you on the kitchen floor

I cheated myself
Like I knew I would
I told you I was trouble
You know that I′m no good

Sweet reunion, Jamaica and Spain
We’re like how we were again
I′m in the tub, you on the seat
Lick your lips as I soak my feet

Then you notice little carpet burn
My stomach drop and my guts churn
You shrug and it’s the worst
Who truly stuck the knife in first?

I cheated myself
Like I knew I would
I told you I was trouble
You know that I’m no good

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6 Gedanken zu “Warum die Rolling Stones an Amy Winehouse scheitern;”

  1. avatar

    Hey, Boomer! The times they are a changing. Mich erstaunt es, wie viele junge Männer Zuverlässigkeit, Standhaftigkeit und Ehre wieder leben. Romantik muss nicht immer zu den Kosaken führen, sie kann auch stabile Beziehungen hervorbringen. Vielleicht sind Männer Schweine, aber immer mehr eignen sich einen moralischen Kodex an, der weit über das Seelenleben eines Black und Decker Schlagbohrers hinausgeht. Sollten diese Jungs sich dann als schwul outen, überarbeite ich den Beitrag, dann lag die Treue am Versuchsaufbau und zählt nicht als ritterlich.

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      Hey, Stevanovic! Was, bitte sehr, hat Ihr Kommentar mit meinem Text zu tun? Bloß weil Sie bis vor Kurzem nicht gemerkt haben, dass die anständigen Männer schon immer in der Mehrzahl waren, heißt das nicht, andere hätten das nicht schon immer gewusst.

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        „Kein Mann würde sich selbst bezichtigen, nichts zu taugen, weil er seine Freundin betrogen hat.“

        Bezog sich natürlich und ausschließlich auf diesen Satz. Abgekürzt, beruflich habe ich gerade viel mit jungen Männern zu tun und es erstaunt mich, dass viele nicht nur anständig sind, sondern tatsächlich etliche einen Kodex besitzen, unter dessen Bruch sie wirklich leiden. Wegen sich und der Partnerin. Das habe ich so bewusst offen ausbuchstabiert jenseits religiöser Kreise nicht erlebt. Nicht in meiner und auch nicht in der Generation vor mir. Und das stimmt, das habe ich erst vor Kurzem so mitbekommen. Nein, meiner Peergroup würde ich das Lied zumeist nicht abkaufen. Die sind treu aus Bequemlichkeit oder Angst…anständige Schlagbohrer. Die heute glauben, was sie sagen. Nein, nicht alle, nicht mal die Mehrheit, aber so viele, dass mein Kulturpessimismus ernsthaft unter Druck steht. Die Jüngeren haben sich Amys Eskapaden und ihre Lieder genau angeschaut. Ihr größter Verdienst war es, dass alles vor Publikum passierte. Whitney Houston hatte diesen Effekt nicht, weil die Info überraschend kam. Wenn es einen Musiker gibt, der nicht einfach eine Überdosis hatte, sondern mit seinem Tod etwas bewegte, dann war das ohne Frage sie. Ich hätte lieber sie als die Moral von der Geschichte behalten, aber so funktioniert das Leben nicht.

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        Ja. Besonders das Letzte, über Amy Winehouse. Und das ist es ja, was ich zu sagen versuche. Ich relativere also meine Behauptung „kein Mann … usw.“; aber ein anständiger Mann von der Art, wie Sie ihn beschreiben und zu denen ich mich auch zähle, trotz allem, würde sich anders ausdrücken. Sie – die Sängerin, und wohl auch Amy W. selbst – hat, wie ich schreibe, die Normen einer meinetwegen (und hoffentlich) sterbenden Ära oder einer bestimmten Subkultur internalisiert, in der kein Mann usw.; jedenfalls kenne ich kein Lied, in dem das ausgedrückt wird, und man kann es Jagger – trotz „Wild Horses“ – nicht wirklich abnehmen.

      3. avatar

        Das Gegenteil oder die Leitplanke auf der anderen Seite könnte the Kids are allright von Who sein (angenommen ich verstand das Lied richtig)

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