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Ist das, was ich schreibe, überhaupt wichtig?

Illustration von Gemini nach Prompt von A.P.

Positionsbestimmung im Zeitalter von Populismus, KI und der eigenen Bedeutungslosigkeit

Vor etwa drei Jahren fragte mich jemand, warum ich mich mit meinem ökonomischen Hintergrund entschieden habe, meine Zeit ausschließlich dem Klimawandel und den damit verbundenen Themen zu widmen. Es sei doch für eine Umkehr ohnehin zu spät – und ich würde mit meinen wissenschaftlich geprägten Aussagen „keinen Hund hinter dem Ofen hervorholen“.

Meine Antwort war einfach: das, was ich tue, ist für MICH der größte Hebel, mit dem ich meinen (kleinen) Einfluss auf die Welt ausüben könnte. Jede Leserin und jeder Leser meiner Bücher und meiner Essays und jede Zuhörerin und jeder Zuhörer meine Vorträge hat potenziell eine multiplikative Wirkung bei der Verbreitung meiner Themen.

Nein, Klimaaktivisten wie ich ändern die Welt nicht. Seit der Wiedererscheinung von Donald Trump und dem Auftreten seiner Tech-Buddies um Jeff Bezos, Elon Musk, Peter Thiel, etc. komme ich mir noch mehr vor, wie Don Quijote, der Ritter von der traurigen Gestalt in seinem Kampf gegen die Windmühlen.

Ich stelle mir gerade (wieder einmal) die Sinnfrage. Ist das, was ich mit meinen Essays und meinen Vorträgen erreichen wollte und will reine Zeitverschwendung?  Oder habe ich kleine Dinge verändert, die später erst ihre Wirkung auf die Welt zeigen?

Die Vorteile des Verfassens von Analysen zu wissenschaftlichen Themen

Die Verteilung meiner Essays über das Internet und einige wenige soziale Medien, die ich nutze, hat es mir ermöglicht, meine Ideen mit beispielloser Geschwindigkeit, Breite und Zugang in den Diskurs zu bringen.

Wissenschaftler brauchen Monate, um ihre Studien zu erstellen, die hinterher nur ein sehr, sehr kleiner Kreis von anderen Wissenschaftlern oder den an Wissenschaft interessierten Menschen liest.

Ich analysiere deren Arbeit, recherchiere in englisch-, französisch-, italienisch- oder spanischsprachigen Webseiten und schreibe dann in 800-1200 Zeichen mein Essay als Zusammenfassung.

Meine Arbeit und meine Vorgehensweise ermöglichen mir auch, eine Vielzahl von Themen zu bearbeiten, Die Menschen, die meine Artikel lesen, erwarten, dass ich eher Analyst als absoluter Experte des jeweiligen Themas bin.

Von Ideen-Impulsen oder „Dinge in Gang bringen“

Es ist soziologisch wichtig und nützlich, das Instrument des Setzens von „Ideenimpulsen“ zu nutzen und voranzutreiben. Ich habe in einem Buch den Satz gelesen: „Menschen, die glauben, keine intellektuellen Einflüsse zu benötigen, sind in aller Regel die Sklaven eines systemischen Stillstands im Denken und Handeln.“

Ist also der Grund, warum ich alles kommuniziere, was ich so schreibe oder in meinen Vorträgen wiedergebe, genau dieser: Ideenimpulse zu geben?

Oder ist es persönliche Frustbewältigung, also das Abarbeiten von Belastungen, die mein Leben und die Zukunft meiner Familie und Freunde prägen? Sicher ist nur eines: Seit der Pandemie 2020 und deren Ende 2022 haben sich tektonische Verschiebungen in den Gesellschaften der Welt ergeben.

Populismus – und dessen Auswirkungen

Der Aufstieg des Populismus auf allen Seiten des politischen Spektrums in vielen Teilen der Welt bedeutet, dass kluge Ideen keine Wichtigkeit mehr haben, da die Machthabenden nach ihren eigenen Plänen arbeiten.  umgesetzt werden.

Um Populismus zu verstehen, muss man zunächst den Pluralismus verstehen, der unser Land (und die Welt??) bis vor wenigen Jahren prägte. Pluralismus bedeutet, dass viele verschiedene Lebensentwürfe mit unterschiedlichen Meinungen, Interessen, Zielen und Hoffnungen gleichzeitig existieren.

Im Pluralismus haben alle Achtung und Respekt vor anderen Menschen, die in einem Staat leben, und sie erkennen die Vielfalt in der Gesellschaft an. Alle haben das gleiche Recht, dass ihre Meinung von Politikerinnen und Politikern gehört und beachtet wird.

Those were the days, my friend….“

Der Populismus erkennt den Pluralismus nicht an. Populisten behaupten, den „einzig richtigen Volkswillen“ zu kennen. Sie selbst – und eben nur sie selbst – beanspruchen, diesen Volkswillen zu vertreten. Andere Meinungen sind aus populistischer Perspektive nicht einfach andere Meinungen, sondern ein Verrat am „Volk”. Dieser Anspruch ist in seinem Kern komplett antipluralistisch: Nur ganz bestimmte Lebensentwürfe und politische Positionen finden Anerkennung.

Ein Beleg dafür ist das Handbuch der aktuellen US-Regierung mit dem Titel „Project 2025“. Veröffentlicht wurde es im Jahr 2023 von dem konservativen Think Tank „Heritage Foundation“ – einer rein neoliberalen Gruppe, die das knapp 900 Seiten umfassende Papier als Vision für eine zweite Amtszeit von Donald Trump vorgesehen hatte.

Project 2030 in Europa?

Es treibt mich fast in den Wahnsinn, mit welcher stoischer Ignoranz die Menschen in Deutschland (und Europa) den neuen (und alten) Populisten folgen. Und gegen genau das soll ich vorankommen?

Populismus ist der Totengräber von Menschenwürde und Optimismus. Er ist ein potenzieller Tsunami an Stillstand und Rückschritt, der dafür sorgt, dass wir die großen Krisen unserer Zeit gemeinsam bewältigen.

Die sozialen Medien und KI

Die allgemeine Verlagerung zu Facebook, Instagram, TikTok, Substack, YouTube und anderen Kanälen der sozialen Medien mit direktem Publikum haben die Betrachtungen und Analysen von wissenschaftlichen Themen nicht nur weniger wichtig gemacht, sondern sie de facto ausradiert.

Es kann heute aus journalistischer Sicht den Menschen kaum noch zugemutet werden, einen Artikel zu lesen und zu verstehen, der eine Lesezeit von über 6-7 Minuten hat. In Zeichen übersetzt, bedeutet das, dass ich meine Essays zu sehr komplexen Themen auf 800-1200 Zeichen reduzieren muss. Bisher habe ich diese Herkulesaufgabe immer gut bewältigt. Die Rückfragen und Bemerkungen meiner Leserschaft belegen allerdings, dass selbst diese geringe Anzahl an Wörtern und Begriffen nicht komplett gelesen wird.

Die Gesellschaft ist offensichtlich intellektuell so verarmt, dass nur noch sehr kurze Botschaften aufgenommen werden.

Hinzu kommt die rasche Verbreitung von KI-Antworten. Auch dieser Trend hat die Aufmerksamkeitsanforderungen der Leserschaft enorm beeinflusst.

Warum mache ich mir also die Mühe, nach drei Stunden Recherchen einen Artikel oder eine Präsentation selbst zu verfassen, wenn KI eine ähnliche Zusammenfassung in Sekundenschnelle bewältigen kann?

Es gibt natürlich einen Unterschied: ich garantiere mit meinen Quellenangaben für die Richtigkeit, meiner Recherche und meine Zusammenfassung. KI ist da eher unverbindlich. Aber eben schneller. Und kürzer. Bei der zeitlich und inhaltlich begrenzten Aufnahmefähigkeit der Menschen hat KI offensichtlich Vorteile gegenüber der schreibenden Zunft.

Die Isolierung des Unbedeutenden

Der ungarische Journalist Ferenc Molnar hat einmal gesagt „Schreiben ist wie Prostitution. Zuerst tust du es aus Liebe, und dann für ein paar enge Freunde und dann für Geld.“

Ich befinde mich in der zweiten Phase – und werde und will die dritte Phase auch nicht erreichen.

Mein Problem ist vielmehr, dass in der gesamten deutschsprachigen Welt unndlich viele qualitativ hochwertige Inhalte wie meine generiert werden, und zwar von echten „Celebrities“, also bekannten Klimaexperten, Meteorologen, Soziologen, Wirtschaftsjournalisten, etc.

Es ist immer für die Leser- und Zuhörerschaft schwer zu entscheiden, wo und wem sie ihre Aufmerksamkeit zuweist. Wenn der von mir hochgeschätzte Sven Plöger einen Vortrag hält, hören ihm hunderte Menschen zu. Und ja, es müssten Tausende sein, was er sich auf alle Fälle inhaltlich verdient hätte.

Meine eigene Bedeutungslosigkeit manifestiert sich durch die Tatsache, dass ich schon fünfzig Teilnehmende als „Erfolg“ verbuche. Da motiviert es mich auch nur peripher, wenn mir einige davon dann erzählen, meine Argumentation sich mit Sven Plögers Vortrag komplett deckt.

Damit komme ich zurück zum Kern meiner Frage: Ist das, was ich schreibe (und worüber ich referiere), überhaupt wichtig?

Ich habe diese Frage an mich selbst weder abschließend geklärt noch für mich selbst eindeutig beantwortet. Bis dahin arbeite ich weiter wie bisher und genieße den Vorteil meiner eigenen ständigen Wissenserweiterung.

Dies ist immer mit der Hoffnung verbunden, dass sich auch die Leserschaft meiner Essays bzw. die Zuhörerschafft meiner Vorträge der gleichen Wissenserweiterung erfreuen kann, wie ich selbst.

 

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