
In Deutschland ist man Wahlkampfplakate mit Gesichtern von Politiker gewohnt. Vor ein paar Tagen war ich im Süden Brandenburgs und sah dort Bilder eines lächelnden Schimpansen. Ich brauchte einen Moment um zu verstehen, dass es Werbung für einen Zoo, nicht für Stimmen war. Und was erscheint jetzt auf den Straßen von Teheran? Riesengroße Bildnisse lächelnder, winkender Generäle und Geistlicher, die alle vor kurzem befördert wurden zum höheren Dienst im Jenseits.
Kaum ist der Staub wieder zu Ruhe gekommen (ich meine der Staub der Betonbunker, nicht derer, die darin waren), laufen Fußgänger und fahren Autos an Bannern vorbei, die ganze Häuserwände bedecken. Wie schafft man das? So schnell? Ich bin einfach neugierig. Ich sehe aus meiner Perspektive mehrere Herausforderungen.
Erstens, technisch: Wie groß sind diese Banner, 20 mal 50 Meter oder so? Aus was sind sie gemacht, wie schwer sind sie, auch wenn zusammengerollt? Wie transportiert man sie (auf großen Lastwagen?), wie (mit Kränen, an denen sonst Regimegegner erhängt werden?) erhebt man diese riesigen Bilder an die Mauer? Wie werden sie dort fest fixiert, damit sie nicht (oh Horror!) wieder herunterfallen, wenn der Wind weht oder nur wegen des Gewichts?
Es muss irgendwo ein riesengroßen Drucker geben. Mitarbeiter stecken Kunststoffplanen in diese Maschine, computergesteuert erscheint das jeweilige Gesicht. Das muss viel Strom und Energie kosten. Wohl auch deswegen brauchen sie so viel Atomkraft “für zivilen Zwecken“.
Zweitens: Wie erschafft man die Bilder, in Farbe, sehr groß, sicher von Fotos gemacht und vergrößert, wahrscheinlich mit Hilfe von KI, obwohl einige wie gemalte Porträts aussehen? Hat jemand eine Speicherplatte gefüllt mit solche Gesichter, alle zwinkernd, lächelnd, glückliche Hüter des Volkes (oder zumindest das Teil des Volkes, der noch überlebt hat)? Sind sie auf Lager irgendwo, für die Zeit, wen sie gebraucht werden sollen?
Drittens: Wer entscheidet, wer ein solches Banner posthum erhält und so geehrt wird, wo es aufgehängt wird (nicht wie die Regimegegner, natürlich, die werden woanders aufgehängt), wie lange es dort hängen soll bis der nächste Märtyrer diesen Platz braucht? Es ist ein Mischung von Kunst und Personenkult. Aber die Leute, die da herunterschauen, werben sich nicht mehr für eine Stelle hier unten. Sie haben schon ihren Platz in Paradies. Sie sind bereits auserwählt als Märtyrer. Sie brauchen kein andere Wahl mehr zu erkämpfen.
Viertens: Wie schaffen sie das so schnell? Gibt es irgendwo, außerhalb Teherans, ein große geheime (vielleicht unterirdische) Lagerhalle, wo solche vorbereiteten Poster zusammengerollt warten bis sie gebraucht werden? Wie Raketen auf Lastwagen, in lange Reihen in Tunneln? Einige haben mehr als ein Person darauf, in heilige schwarze Gewände und Turban gehüllt oder in blitzsauber Uniform. Muss jemand, ein IRGC-Beamte aus irgendeiner Ministerium da anrufen und sagen: “Gerade ist unser Bruder Alibaba ins Paradies aufgestiegen. Wir brauchen sein Bild in einer halben Stunde auf Hauptstrasse 50, Ecke Seestrasse. Sonst gibt es Konsequenzen!“?
Ich könnte auch fragen, wer das alles bezahlt. Aber das wäre dumm. Ein Regime, das bereit ist Milliarden Rials auszugeben für Raketen, Drohnen und sein Atomwaffenprogramm, hat ein anderes Konzept von Reality.
Ich denke, der beste Gruß, den man bestimmten Leuten in Teheran jetzt geben könnte, wäre: “Es soll ein Bild von Dir bald über den Mitbürgern erscheinen!“
Was soll das? Das ist nicht lustig.
Wieso schreiben Sie nicht diesen Satz:
„Ein Regime, das bereit ist hunderte Milliarden Schekel auszugeben für Raketen, Drohnen und sein abgeschlossenes Atomwaffenprogramm, hat ein anderes Konzept von Reality.“
Den finden Sie wahrscheinlich nicht funny. Ich finde beide nicht lustig. Und ich denke, dass man mit solchen Artikeln nur Öl ins Feuer gießt. Ich Frage mich, wieso man sowas macht, aber das weiss nur der Autor selbst.
Das ist Trump – Niveau, in jeder Hinsicht.
„… abberufen durch israelische Raketen“, hahaha.
…. „abberufen durch israelische Raketen“ ist eine wunderschöne, zärtliche Formulierung. Höchste Poesie.
Es gibt leider Situationen im Leben, Dilemmata, in denen es unmöglich ist, neutral zu bleiben. Jeder Versuch dazu führt in Überheblichkeit. Die Existenz Israels gehört dazu. Insofern einen das Thema interessiert oder etwas angeht. Selbstverständlich gibt es aber auch ein Recht auf Desinteresse.
Richtig, lieber Klaus J. Nick,
in der DDR bestand die Minimalforderung zur Meinungsäußerungsfreiheit in der Forderung, gar keine Meinung abgeben zu MÜSSEN.
Die Sozialisten gingen einem in der Schule ja ständig auf den Sack mit irgendwelchen Bekenntnisen oder Resolutionen, die man da unterschreiben sollte.
Berühmt ist auch Väterchen Maos „Laßt tausend Blumen blühen“, also die Aufforderung, sich jetzt mal ganz frei zu äußern.
Maoisten bemerken dann an dem Ossi, dass er das lieber nicht tut. Sie meinen, das sei so, weil der Ossi so diktaturgeschädigt sei.
Isser. Er weiß ja, was Maoisten sind und wer Mao war.
Lieber KJN,
ich kann mich nicht daran erinnern, früher von Ihnen solch unlogische Dinge gelesen zu haben.
Herzliche Grüße
68er
Lieber 68er, da das Leben kein geschlossenes logisches System ist, wovon Ideologen irrtümlicherweise ausgehen, sondern eine Entwicklung mit stets offenem Ende, kann auch nicht alles logisch begründbar sein, logischerweise. Hier im Speziellen: Der Wille, daß Israel weiterhin existiert.
Lieber Bodo Walther, ich kann Ihnen aus nicht ganz so schöner persönlicher Erfahrung (als Wessi) bestätigen, daß die spontane Bereitschaft, der Aufforderung „sich mal ganz frei zu äußern“ zu folgen, den letzten Schritt, erwachsen zu werden noch vermissen lässt. Vor Menschen mit solcher Rhetorik sollte man Reißaus nehmen. Egal aus welcher Ecke sie kommen. Die Frage schließt sich also an: Warum sich überhaupt äußern? Nun, man kann ja nicht immer Reißaus nehmen.
Lieber KJN,
meine letzte Zeitzeugenstunde war vor Beamtenanwärtern des sächsischen mittleren Beamtendienstes.
„Die Frage, Herr Walther“, sagte mir die Dozentin so nebenbei, „Die Frage, die unsere Beamtenanwärter umtreibt, heißt: Was darf ich als Beamter sagen, ohne meinen Job zu gefährden?“
https://www.instagram.com/abz_bobritzsch/reel/C7d2GrrtLun/
Und aus diesem Grund müssen ja Wahlen auch GEHEIM sein. Also es darf gar niemand wissen, wer wen gewählt hat.
Lieber Bodo Walther, nicht nur für Beamte, für jeden Amtsträger, der seine Funktion erfolgreich ausführen möchte, gilt eine gewisse politische Neutralitätspflicht. Nicht immer, aber man ist gut beraten, sich bei Entscheidungen, die andere Menschen betreffen, daran zu halten. Daß man sich an die Gesetze, Persönlichkeitsrechte usw. hält, müsste sowieso klar sein. Und wer in einer Firma arbeitet, ist auch gut beraten, die Produkte derselben nicht schlecht zu reden. Auch die derzeitige politisierte, hysterische Diskussion über Meinungsfreiheit sollte unter diesem Aspekt beleuchtet werden. Ob ein Robert Habeck z.B. politisch gut beraten ist, gegen ein „Schwachkopf“ Meme vorzugehen, mag dahingestellt sein, aber es ist sein gutes Recht (Persönlichkeitsschutz). Genauso müssten allerdings die laufenden Persönlichkeitsverletzungen, und üblen Nachreden, ausgeübt von sog. Satirikern, wie Jan Böhmermann sanktioniert werden – hier scheint die Verwahrlosung des Rechtsstaats schon weit fortgeschritten zu sein. Davon strikt zu trennen sind persönliche Meinungen und Einsichten, z.B. daß man diese oder jene Politik desaströs findet. Ohne weitestgehende Meinungsfreiheit kann eine Demokratie nicht funktionieren. Z.B. scheint es mir nicht konsistent zu sein, die „Leugnung“ von irgendetwas unter Strafe zu stellen. Berichtigen Sie aber gerne als gelernter Jurist mein Rechtsgefühl.
Na ja, KJN,
es muß aber z.B. einem Lehrer durchaus erlaubt sein, sich z.B. zur Schulleitplanung, also der Planung von Schulstandorten zu äußern.
Obwohl tragischerweise seine Äußerung nicht objektiv sein kann. Natürlich wird er dagegen sein, ausgerechnet „seine“ Schule zu schließen.
Zur „Holocaustleugnung“ hat diese ihren Ursprung im Ehrenschutz.
Das Grundgesetz sagt in Artikel 5:
(1) Jeder hat das Recht, seine Meinung in Wort, Schrift und Bild frei zu äußern….
(2) Diese Rechte finden ihre Schranken in den Vorschriften der allgemeinen Gesetze, … in dem Recht der persönlichen Ehre.
https://www.gesetze-im-internet.de/gg/art_5.html
Deshalb: Die Leugnung ist eine Beleidigung Überlebender und verletzt auch das Andenken der Ermordeten.
Für sinnvoll halte ich solch eine Verfolgung „von Amts wegen“ deswegen nicht, weil sich alle Diskussionen dazu von diesem Ursprung gelöst haben.
Vielmehr wird diskutiert, ob eine „Leugnung von historischen Wahrheiten“ strafbar sein muß.
Darf sie aber gar nicht. Was „historische Wahrheit“ ist, muß immer offen sein in einer GeschichtsWISSENSCHAFT. Und die Diskussion dazu darf NUR mit dem Schutz der Ehre der Betroffenen beschränkt werden.
Und nicht nur nebenbei: Als jemand, der 3 Jahre unter Gründen politischer Verfolgung in der DDR hinter Gittern war, muß ich mir täglich Beleidigungen dazu anhören. Die reichen von: „Gesetzesverletzer werden überall bestraft.“ bis zu „Na der hat ja durch die Haft jetzt einen Dachschaden.“
https://www.bmjv.de/SharedDocs/Downloads/DE/Gesetzgebung/RefE/RefE_StrRehaGSch%C3%A4V.pdf?__blob=publicationFile&v=1
Lieber Bodo Walther, danke! Für die Differenzierung zwischen Ehrenschutz (bei Leugnung des Holocaust) und Bezweifeln irgendwelcher Sachverhalte oder Auffassungen (Geschichtsschreibung, ‚Klimawandelleugnung‘, ‚Gender pay gap‘ usw.). Was die unerträgliche Anmaßung des politischen Aktivismus – mit der Folge, wesentliche humanistische Grundsätze der Zivilisation zu verwässern – wieder sichtbar macht. Es stellt sich mal wieder heraus, wie tief verwurzelt eine gute Gesetzgebung in der Kultur und im Humanismus sein kann. Zu Ihrer Anmerkung bezüglich des Umgangs mit Ost-Biografien: Da ich das das Vorgehen der Institutionen D-West im Wissenschaftsbereich, Treuhand usw., das ‚Kaltstellen‘ der Ost-Kollegen, direkt mitbekommen habe, stößt mir die Arroganz derer, die im aktuellen politischen Disput (AfD-Erfolge usw.) von ‚Jammerossis‘ meinen reden zu dürfen, besonders unangenehm auf. Besonders starke Meinungen sind nun mal i.d.R. etwas.. unterkomplex.
..noch @Bodo Walther: vielleicht darf ich noch eine Sache loswerden, mir ist bewusst, daß wir weit weg vom Thema sind: „Obwohl tragischerweise seine Äußerung nicht objektiv sein kann. Natürlich wird er dagegen sein, ausgerechnet „seine“ Schule zu schließen.“
Der ‚Wams des Beamten ist zwar eng, aber er hält sehr warm‘, hieß es früher. Anders: Der (mittlerweile sehr gut besoldete) akademische Beamte ist in besonderem Maße zu Loyalität verpflichtet (das sagt man so, oder?) , im Klartext: Er muss gehorchen und dafür wird er besonders gut bezahlt, auch in Krisenzeiten. Dazu passt kein politischer Aktivismus. Überhaupt sollten Berufsethos, die berufliche Rolle, die man einzunehmen hat, um erfolgreich zu arbeiten zu können, wieder mehr betont werden. Das hat nichts mit mangelnder Meinungsfreiheit zu tun, sondern mit ernsthafter Identifikation mit der Tätigkeit.
Das mit dem Beamtenwams, KJN,
idt wohl wahr. 2 1/2 Jahre wsr ich Beirat der Stasiunterlagenbehörde und der Beirat diskutierte zu „Viele Standorte und Aussenstellen“. Und die gaben das ab „im Namen der CDU- Fraktion“ und „der SPD-Fraktion“ und der GRÜNEN und „der FDP“ …
… und das waren alles die Sichtweisen der Behördenmitarbeiter. Die nicht „umziehen“ wollen bei einer Stsndortschliessung.
Ich sollte einen „Standpunkt der AfD-Fraktion“ darlegen. Den ich nicht habe, nur meine eigenen:
Ich sagte, dass ich zur Akteneinsicht 1992 von Weiden in der Oberpfalz gekommen sei, mir völlig Rille gewesen sei ob ich von da aus nach Halle, Leipzig oder Berlin fahre.
Und dass man Einsicht in „seine“ Stasiunterlagen einmal im Leben nimmt. Na gut, vielleicht noch ein zweites mal.
Aber das sei kein Vergleich zum Gang ins Rathaus.
Im Protokoll stand dann, die AfD hielte Bürgernähe beim Stasiunterlagenstandort nicht für wichtig.
Was leider nicht richtig ist. Meine ehemaligen AfD-Freunde, die heute „damit“ befasst sind quatschen im Prinzip (wie alle Parteien) das nach, was die Berufsaufsarbeiter vorquatschen.
@68er & S.T.
… schon klar, Israel sollte sich mit Wattebäuschen verteidigen. Trump sowieso.
Lieber Hans, das war ein verbohrter alter Idiot Herr Khamenei, das kann ich so frei sagen, weil der ja tot ist. Was denken Sie, was ich von Smotrich, Ben Gvir, Gallant und Co. halte? Und finden Sie man unterscheidet sich gross von den Vorgenannten, wenn man ins gleiche Horn bläst?
Ihr 68er
… apropos Donald Trump. *rofl*
Sehr treffend, in mehrfacher Hinsicht. Bei uns gibt es dafür gelegentlich Wahlplakate, auf denen man strahlende Scheintote sieht. Und es sind keine Schimpansen