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Der seltsame Herr Lindenberg. Eine halbe Hommage zum 80.

Udo Lindenberg wird 80 Jahre alt. Die Presse überschlägt sich sich geradezu panisch vor Lobeshymnen. Der Rolling Stone, die Prawda des Musikjournalismus, macht ihn zur Titelgeschichte. Die ZEIT druckt eine ganzseitiges Interview mit Benjamin Stuckrad-Barre, dem Lindenberg-Verehrer, -verklärer und -erklärer der Nation.

Wir erfahren darin Sensationelles: Der kleine Benjamin, der sich schon im Alter von sieben Jahren als Udos Freund betrachtete, hat kürzlich mit Udo telefoniert, und der habe ihn mitten im Gespräch gefragt, wo denn wohl der Lichtschalter in seinem, Udos Hotelzimmer, sein könne. Weiter berichtet Stuckrad-Barre noch, Udo habe auch nicht gewusst, wo die Küche in seiner Berliner Wohnung ist. Na, wozu hat man gute Freunde. Aber sonst ist heute wieder alles klar? Keine Panik auf der Andrea Doria? Oder so?

Ich habe Udo Lindenberg nie persönlich kennengelernt und konnte ihm deshalb nie das Licht in seinem Zimmer anknipsen. Aber er hat mir ein Licht aufgehen lassen. Das kam so: Es war 2004, ich hatte gerade die Aussicht auf eine Lehrerstelle auf Lebenszeit. Volles Deputat und sichere Rente. Aber ich wollte noch eine bisschen weiter als freier Schreiber arbeiten. So geriet ich in eine Pressekonferenz in einer sogenannten Kult-Kneipe in Baden-Baden, wo Udo für eine kleine Schar Journalisten Hof hielt, denn alsbald stand ein Konzert in Karlsruhe an, unter dem bescheidenen Titel „Aufmarsch der Giganten“. Es war die Zeit, als nur 40 Prozent der Befragten einer Emnid-Umfrage zufolge den damaligen Präsidenten Horst Köhler kannte, aber 96 Prozent den Panik-Präsidenten. Der wiederum Karlsruhe nicht kannte. „Ich bin nicht so gut in Erdnusskunde…“, nuschelte er. Dann kündigte er an: „Ich singe erst mal zwei Oktaven tiefer“, es sei ja quasi noch früher Morgen um halb vier nachmittags. Er brauche überhaupt sofort Eierlikör. Bis der geliefert wurde, pries er Hermann Hesse und dessen humanistische Weltsicht. Drogen? „Wir sind junge Talente, wir studieren noch“. Aha,
Mir wurde gewahr: Das ist meine Welt, lasset fahren den erlernten Beruf der Lehrers und folgt den Spuren des Erleuchteten aus dem Norden, der uns erlösen wird von jedweder Panik auf der Titanic. Ich rief meinen Schulleiter an und kündigte den Vertrag. Kurze Zeit später durfte eine Schar auserwählter Fans Udo am Auftrittsort zum Small Talk treffen, wo der verkündete: „Der Greis ist heiß“. In der Halle sei ja auch „viel Platz für’n Heiligen Geist drin….und so. Und die haben viel Platz gelassen für die ganzen Christkindlein….“ Einer wollte wissen, wo Udo an Weihnachten sei. „Weihnachten bin ich glaube ich in Shanghai, glaub ich“, murmelte der Primär-Gigant unter Giganten nebst anderen rätselhaften Sätzen.

Das letzte Mal habe ich ihn aus nächster Nähe 2012 gesehen. Da gab es eine Warm Up Show in den betonkalten Katakomben der Mannheimer Popakademie. Udo stand einen Meter vor meiner Kameralinse und orakelte gegen Ende dar Darbietungen: „Früher Tod, großer Ruhm. In meinem Fall lohnt sich das einfach nicht mehr“, während das Panikorchester tat, was es immer tut: Desseb Musik auch in einer Telefonzelle klingen würde, als ginge es um Stadionbeschallung: Breitkrempige Brüllgitarren, unterfüttert von Brüllorgeln und gelegentlich herrlich anachronistisch anmutenden Synthesizern. Nach den letzen Tönen des Konzerts begegnete ich draußen vor den highligen Katakomben Mannheims (laut Udo „eine idyllische Stadt von außergewöhnlichem Reiz“) einem halben Dutzend sehr junger, sehr aufgekratzter Frauen, die ich investigativ nach ihren Erkenntnissen der vergangenen drei Stunden befragte: „Udo Lindenberg ist einer der bedeutendsten Intellektuellen des Landes!“ So sprachen sie zu mir. Ein Schwerst-Intellektueller geradezu, dessen Albumtitel –wie „Udopia“, „Götterhämmerung“ oder „Sündenknall“ – vermutlich zur Tarnung – eher wie Titel von Lehrerkabarettprogrammen klangen. Aber es muss schon was dran sein, schliesslich trägt ja die Mittelschule in Mellrichstadt mittlerweile seinen Namen. Weil er ein Mittel-Intellektueller ist? Nein. Die Begründung steht auf der Homepage der Schule: „Lindenberg macht sich seit über 40 Jahren stark für die Rechte von Minderheiten, für Frieden, Menschlichkeit und einen respektvollen Umgang in einer bunten Republik Deutschland. In seinen Liedern wie in seinem Handeln stellt er immer wieder den Gedanken in den Mittelpunkt, dass jeder Mensch, unabhängig von seiner Herkunft, seiner Hautfarbe oder Religion, die gleichen Rechte hat und genauso wertvoll ist“.

2010 schon hatte die Eberhard-Schöck-Stiftung Udo für seine „Verdienste um die deutsche Sprache“ mit dem Jacob-Grimm-Preis ausgezeichnet. Der soll diejenigen würdigen, die sich „im besonderen Maße um die Anerkennung, Weiterentwicklung und Pflege des Deutschen als Kultursprache“ verdient gemacht haben. „Ich gratuliere der Jury zu dieser kessen Entscheidung, erstmals einen Rockmusiker auszuzeichnen“, sagte der Geehrte bei der Preisverleihung, und dann noch in weiterentwickelter deutscher Sprache. „Keine Panik, alles easy und so“. Zu den vorangegangenen Preisträgern gehörte under anderen Loriot, FAZ-Herausgeber Frank Schirrmacher und Herta Müller.
Schon 2007 hatte er die Carl-Zuckmayer-Medaille bekommen, weil er „seine Songtexte immer in der deutschen Sprache gesungen“ hat. Der Kunsttheoretiker Bazon Brock hielt die Laudatio, aus der ich hier kurz zitieren möchte. Mein Tipp: geniessen und langsam im Hirn zergehen lassen: „Zuckmayer hat in vielerlei Hinsicht mit seiner grandiosen Autobiografie, ‚Als wär’s ein Stück von mir‘, vorgegeben, was sich meines Erachtens nur in zwei weiteren Fällen erfüllt hat: einmal im Werk von Walter Kempowski und einmal im Werk von Udo Lindenberg. Diese Nähe zwischen dem Literaten Walter Kempowski und dem Lyriker Lindenberg ist im Übrigen nicht zufällig gewählt. Man kann das Zuckmayer’sche Entwicklungsschema des Verhältnisses von Musik und Literatur bis hin zum Beispiel Wolf Biermanns weiterverfolgen, der in der Musik ungefähr die Position von Günter Grass vertritt. Ein dritter Musiker im Bunde wäre dann Rio Reiser, gleichsam der Martin Walser der Musikszene“. Und wer ist dann der Udo Lindenberg der Literaturszene? Herta Müller?

„Ich habe viele Bands ermutigt. Heute singt irgendwie jeder Deutsch, Jan Delay oder Silbermond. Das klingt easy und cool und so“, kommentierte der Preisträger, als ihm Kurt Beck den Preis überreichte. Klar, alles easy und cool für einen, der sich selbst schon in seinem Frühwerk heilig gesprochen hatte. Da war ihm ein Engel erschienen und er sang: „….und nun steh‘ ich hier
und ich heiße Jeremias. Ich weiß auch noch nicht so genau, was man da macht. Aber irgendwie, na klar, irgendwie krieg’n wir das schon hin. Da gab′s doch schon mal einen, der hat das auch gebracht. Halleluja, Halleluja!“ Nie weiss man bei Udo so genau, ob er hier spricht oder das lyrische Ich. Was sagt Stuckrad-Barre?. „Keiner hat den Versuch, die Kunstfigur und den sogenannten Menschen dahinter zu vereinen, soweit getrieben wie Udo. Einen privaten Udo gibt es nicht. Sein größter Song ist seine Biografie.“

Aber hat der Dichter überhaupt selbst gedichtet? Olaf Kübler, als Saxophonist lange in Diensten Lindenbergs, hat in seiner Autobiographie behauptet, er und nicht Udo habe die Sprüche erfunden, die Udo später zu Songtexten verarbeitet hat: „Wenn ich dann gut besoffen war und auch noch ein Röhrchen geraucht hatte, fielen mir die Sprüche nur so aus dem Kopf und dann war Udo immer ganz Ohr und registrierte alles mit seinem phänomenalen Gedächtnis“. Ob da was dran ist, sei dahingestellt. Eines aber ist sicher: Udo war nicht der erste, der Rock eindeutschte. Zum einen gab es schon zuvor (die allerdings eher unfreiwillig komischen) Versuche der DDR-Bands, die sich meist in verquaster verbaler Wolkenschieberei suhlten, um die Werktätigen ein bisschen vom grauen Alltag abzulenken. Metaphern statt Mandarinen.

Aber auch im Westen hatte sich vor Udo schon einiges getan: Die Nürnberger Band Ihre Kinder hatte bereits 1969, inspiriert von Bob Dylan angefangen, deutsch zu singen. Im Gegensatz zu Udo eher bekifft als besoffen, aber immerhin. Dass Udo den Ruhm erntete, den Ihre Kinder gesät hatten, ficht Ernst Schultz, einer der Väter der Kinder, wenig an. „Der hat ja damals noch Schlagzeug gespielt bei Doldinger, als wir ‚Leere Hände‘ (das zweite Album) gemacht haben“ hat Schultz mir vor ein paar Jahren erzählt. „Aber er hat uns auch bei Echo-Verleihungen fairerweise immer erwähnt und auch oft gesagt, dass er ohne uns vielleicht gar nicht auf die Idee gekommen wäre, so was zu machen. Deswegen war ich da nie traurig, dass wir nicht den großen Ruhm geniessen wie er. Das war überhaupt nie unser Thema, wir wollten in unseren Straßenklamotten auf die Bühne gehen, und wenn da mal nur eine Neonleuchte als Beleuchtung war, war das auch okay.“

Für Udo reichte die Neonleuchte nie. Von Anfang an brauchte und wollte er das ganz große Theater, den über die Jahre immer wahnsinnigeren Ball Pompös. Vollkommen irrsinnige Inszenierungen mit Zwergen, Pinguinen und anderen lebenden Wesen. Bei der Rock-Revue ’79, der Umsetzung der „Dröhnland-Sinfonie“, inszeniert von Theater-Regisseur Peter Zadek, erschien Udo im Schlitten, gezogen von zwei Rentieren.
„Schön verrückt ist das immer, hat aber nie den Beigeschmack von anarchischem Laientheater verloren“, war in der Süddeutschen Zeitung zu lesen. „Zadek als Konsequenz – das scheint da beinahe unausweichlich, zumal der Regisseur die Neigung Udo Lindenbergs zu allerlei makabren Monstrositäten, zum Aufsteigen von Gewalt und Brutalität in unserer Welt teilt, ihn in der Lust am Destruktiven womöglich noch übertrifft.“ Was auch immer das bedeuten mag: Man merkt vielen Kritikern an, dass sie das Phänomen Lindenberg nie so richtig einsortieren konnte und ihn eher mit spitzen Fingern nach dem Motto „Bisschen schön, bisschen scheusslich“ behandelten. Aber Udo war das alles noch nicht genug. Bei der „Ich mach mein Ding“-Tournee 2012/2013 schwebte er in einem 20 Meter langen Zeppelin in die Arenen. Alles ganz easy, Leute.

Ob Udo mit seinem „Sonderzug nach Pankow“ 1983 eine solche Schallwelle erzeugte, dass sechs Jahre später die Mauer einstürzte? Manche glauben das. Auch da gehen die Meinungen auseinander. Zugutehalten muss man ihm allerdings, dass er – im Gegensatz zum in der DDR schon kurz vor der Wende wohlgelittenen Heinz Rudolf Kunze – nie ein Buch zusammen mit Egon Krenz gemacht hat und mit Sicherheit auch keine diesbezüglichen Ambitionen hatte . Das ist ja immerhin schon mal etwas heute nicht mehr Selbstverständliches. Nachts, so berichtet Stuckrad-Barre, fahre Udo spektakulär langsam mit dem jeweils neuesten Porsche durch die Stadt und denke. Auch nicht selbstverständlich. Ach, und die Idee, mit alkoholischen Getränken zu malen, finde ich charmant. Aber ich würde lieber mal Wodka statt Eierlikör nehmen für den Anfang. Dann sieht man nicht gleich, wenn es Pfusch ist. Prost, Udo!

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Über Thomas Zimmer

Wollte mal Lehrer werden. Anglistik und Geschichte studiert, mangels Arbeitsplatz Journalist geworden und das sogar mit an- und abschwellender Leidenschaft. Erst Radio, dann Print. Alles, nur nicht Wirtschaft und Sport. Vorzugsweise Rock, Pop und Folk. Vier Semester Dozent für Pop- und Rockgeschichte an der Musikhochschule Karlsruhe. Biografie des BAP-Drummers Jürgen Zöller und ein Buch mit Konzertkritiken aus 20 Jahren. Interviews mit Rock-Größen wie Phil Collins, Ian Gillan, Beth Hart u.v.a. Interview-Podcast „Das Ohr hört mit“ - mit Musikern und anderen Kulturmenschen. Bei "Starke Meinungen" schreibe ich über alles, was mir gerade durch den Kopf rauscht. Podcast hier: https://open.spotify.com/episode/18TWjOfWR07gezCpidAsKV Homepage: www.thomaszimmermusik.de

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