Wer kennt sie nicht, Beethovens 3., die »Eroica«. Ich habe sie erst spät kennen gelernt. Lieben gelernt. Als Studienrat für Musik ist sie obligat: Curriculumszwang. Aber aus Zwang wurde Freiheit. Passion.
Bei der Unterrichts-Recherche zu diesem Kunstwerk stieß ich per Zufall auf eine BBC-Produktion von 2003, knapp 200 Jahre nach der Uraufführung der Sinfonie 1804 in Wien. Natürlich in Anwesenheit Beethovens. Im Film wird das gesamte Werk aufgeführt – in Originalstaffage. Herrlich. Ferner schleichen sich liebevolle Nebenszenen ein, die das formstrenge 19.-Jahrhundert-Ständeleben sowie den Furor Beethovens bravourös in Szene setzen.
Hier können Sie den Film anschauen (YouTube-Link).
Fünf Szenen schaue ich mir öfter gesondert an – ob mit oder ohne Schüler. Die erste ist für Musikkenner, besser gesagt Strawinsky-Liebhaber, zu denen ich mich seit über 30 Jahren zähle:
1.) Ich vermute, dass die recht flüchtig auftönende Akkordrepetition bei Min 22:33 (eine Dominante mit verminderter None, hier als Notenbeispiel, hier im Film) Inspiration war für Igor Strawinskys „Augurs“-Akkord, siehe hier. Oder errare humanum est.
Allzumenschlich geht’s hier weiter:
2.) »Because difficult is good. Difficult is beautiful. Difficult is clother to the truth.« Dies soll Beethoven dem Grafen von Dietrichstein unmittelbar ins Gesicht gesagt haben. Die Szene beginnt bei Min. 47:58, schauen Sie dann eine Minute. Großartig.
Diese Szene geht direkt über in die von mir empfohlene dritte, eine politische. Ich trenne sie der Einfachheit halber ab, e viola:
3.) Min. 51:11: Beethoven setzt sich zu den Musikern. Es ist Pause, zu der reichlich Bier und feistes Speisegut (es ist früher Mittag) serviert wird. In was für ruchlos-lustfeindlichen Zeiten wird doch in 2026 leben. Elend. Egal. Also:
Sie alle parlieren über Napoleon, dem Beethoven, nebenbei, das Werk widmete. Hier startet’s. Schauen Sie eine Minute. Beethoven wird direkt angefragt: »What are you for?« »I’ll tell you what I’m against. I’m against Tyranny. The Truth is that’s what Bonaparte’s been fighting to overthrow.« Wie sympathisch. Und was für ein Träumer. A propos Traum: Schauen Sie bitte weiter. Bei Min. 53:31 bittet Beethoven den Grafen v. D. um Verzeihung für seine Heißblütigkeit – auf eine sehr trockene Art. Mutig. Vorbildhaft.
Weg von der Politik hin zur Liebe, zur vierten Szene.
4.) Auch hier geht’s unmittelbar weiter. Beethoven bittet Josephine Brunsvik/Deym zum Gespräch: Heirat – ja oder nein? Sie ahnen oder wissen es. Wirklich erschütternd ist die Aussage, welche die Dame über Beethovens Musik tätig. Die Szene startet hier, Min. 53:50 . Sie dauert circa sieben Minuten. Das grausame Ständeleben.
5.) Direkt zum Ende, zum Ende des Werks, des Films, 1:21:16. Nach dem Schlussakkord. Das Blicken, das Schweigen.
Stille.
Kein Applaus.
Halten Sie mich für kitschig. Einfältig. Was auch immer. Ich habe es noch vorhin ein paar Mal angeschaut. Ich weinte.