Wenn die NS-Justiz auf ein bis heute bestrittenes Urteil trifft. Zwei Bücher über Verantwortung, Schuld und das eisige Schweigen danach.
Manche Bücher nimmt man nicht wegen ihres Umfangs ernst, sondern wegen der Frage, die sie stellen. Die beiden Erzählungen von Claus Copenhagen gehören dazu. „Das Postfach“ und „Florentin Hermann oder Die Klassenlesung“ sind schmale Bände, die man an einem Abend gelesen hat. Beide führen zu einer Frage, die in Deutschland nie ganz beantwortet worden ist: Wer trägt Verantwortung, wenn ein Urteil zu Unrecht wird? Und was geschieht mit denen, die danach damit leben müssen?
#Die jüngere der beiden Erzählungen, „Florentin Hermann oder Die Klassenlesung“ (2025), beginnt mit einem Fund. Nach dem Tod seiner Mutter liest Florentin Hermann ihr Tagebuch und erfährt, was in der Familie nie ausgesprochen wurde: Sein Vater war in die NS-Justiz verstrickt. Die Wahrheit trifft ihn völlig unvorbereitet. Kurz darauf bricht er auf einem öffentlichen Platz zusammen und stirbt, das Tagebuch noch in der Hand.
Damit endet die Geschichte aber nicht. Ein Kind findet das Heft, und über einen Lehrer gelangt es in eine Schulklasse. Die Jugendlichen lesen, was Erwachsene jahrzehntelang beschwiegen haben, und sie tun es ohne die Befangenheit der Generationen vor ihnen. Am Schluss steht eine gemeinsame Lesung, durch die aus einem privaten Dokument ein öffentliches Gespräch wird. Copenhagen erzählt das leise und ohne Pathos, und gerade deshalb wirkt es.
Das NS-Unrecht wurde beschwiegen
Die Erzählung kommt zur rechten Zeit. Die Zeitzeugen sterben, und mit ihnen geht die Möglichkeit, ihnen selbst Fragen zu stellen. Was bleibt, sind Briefe, Fotografien und Tagebücher auf Dachböden, dazu Enkel und Urenkel, die entscheiden müssen, ob sie hineinsehen wollen. Erinnerung wird künftig weniger aus Gedenkstunden bestehen als aus solchen Funden. Copenhagen wählt dabei einen Blickwinkel, den man in Deutschland noch immer ungern einnimmt. Er erzählt nicht aus der Sicht der Opfer, deren Geschichten zu Recht im Mittelpunkt stehen, sondern aus der Sicht der Familien derer, die das Unrecht verwaltet haben. Kaum ein Richter oder Staatsanwalt der NS-Justiz musste sich nach 1945 in der Bundesrepublik für seine Urteile verantworten, viele setzten ihre Laufbahn ungehindert fort. Geschwiegen wurde darüber nicht nur in den Gerichtssälen, sondern auch zu Hause am Küchentisch. „Florentin Hermann“ zeigt, was dieses Schweigen in der nächsten Generation anrichtet.
Bemerkenswert ist, dass gerade dieser Text in Israel gehört wurde. Am 24. Juni 2026 las Copenhagen in Tel Aviv, und Jugendliche trugen dabei ausgewählte Passagen mit ihm gemeinsam vor. Die Plattform MyTacheles unterstützte den Abend, die Deutsche Botschaft empfahl ihn in ihrem Kulturnewsletter, und das Magazin IsraelZwischenzeilen kündigte ihn unter der Überschrift „Erinnerungskultur aus anderer Perspektive“ an. Eine deutschsprachige Lesung über die Schuld eines Täters, vor Publikum in Tel Aviv und im Gespräch mit jungen Menschen, ist keine Selbstverständlichkeit. Sie zeigt, dass ein ehrlicher Blick auf die Täterseite Menschen nicht trennt, sondern ins Gespräch bringt.
Ein umstrittenes Urteil
Wer verstehen will, woher Copenhagens Blick auf die Justiz kommt, sollte auch sein früheres Buch lesen. „Das Postfach“ erschien 2021 unter dem bürgerlichen Namen des Autors und liegt seit diesem Jahr als Nachdruck vor. Die Erzählung ist erkennbar autobiografisch. Ende der siebziger Jahre verurteilte das Landgericht Braunschweig den Autor als jungen Mann wegen Raubes zu zweieinhalb Jahren Haft. Nach seiner Darstellung und nach damaligen Presseberichten stützte sich das Urteil im Kern auf eine einzige Zeugenaussage. Der Autor hat die Tat stets bestritten. Anfang der neunziger Jahre setzten sich namhafte Strafrechtler, unter ihnen Bernhard Haffke, Wilfried Küper und Claus Roxin, für eine Wiederaufnahme des Verfahrens ein. Die Frankfurter Rundschau berichtete 1994 über Widersprüche im Protokoll der polizeilichen Gegenüberstellung. Das Urteil hat bis heute Bestand.
In der Erzählung wird diese Erfahrung zur Geschichte der Figur Renz. Er sitzt in einer Pension bei Karlsruhe, unweit des Bundesverfassungsgerichts, das seine Beschwerde nicht angenommen hat, und erzählt seiner Gastgeberin sein Leben. Er spricht von der Verurteilung, von seiner schwangeren Verlobten, die starb, während er in Haft war, und von Jahrzehnten vergeblicher Eingaben. Um Entschädigung geht es Renz nicht. Er wartet auf einen einzigen Satz, den niemand ausspricht: dass man sich geirrt hat. Weil dieser Satz ausbleibt, schlägt seine Verzweiflung in Gedanken an Vergeltung um. Wohin sie ihn führen, lässt der Autor offen. Die Berner Zeitung schrieb, das Buch berühre durch die Frage, was ein Justizirrtum mit einem Menschen macht. Die Freiburger Nachrichten fanden, es rege zum Nachdenken an, vor allem nach dem Nachwort, in dem der Autor von seinem langen Kampf gegen die Mühlen der Justiz berichtet.
Statt großer Literatur im klassischen Sinn erhält der Leser etwas Unmittelbareres: eine schlichte, klare Sprache, knappe Szenen und Fragen, die lange nachwirken. Ihre eigentliche Kraft entfalten die beiden Bücher, wenn man sie nebeneinander liest. In beiden geht es um die Verantwortung von Institutionen. In „Florentin Hermann“ ist es ein Unrechtsstaat, dessen Juristen sich nach dem Krieg ihrer Verantwortung entzogen. In „Das Postfach“ ist es ein Rechtsstaat, dessen Urteil ein Einzelner ein Leben lang bestreitet. Beides darf man nicht gleichsetzen, und Copenhagen tut das auch nicht. Gemeinsam ist beiden Büchern aber eine Einsicht: Mit der Verkündung ist ein Urteil nicht abgeschlossen. Es wirkt weiter, in Lebensläufen, in Familien und über Generationen. Wie eine Gesellschaft mit solchen Urteilen umgeht, ob sie hinsieht oder schweigt, sagt viel über sie aus. Das gilt für das Recht ebenso wie für die Erinnerung.
Am Ende von „Florentin Hermann“ lesen junge Menschen laut vor, was die Älteren nicht aussprechen konnten. Vielleicht liegt darin die eigentliche Hoffnung dieser Bücher: dass das Schweigen nicht das letzte Wort behält. Wer sich mit Erinnerung, Schuld und Verantwortung beschäftigt, und gerade jetzt, da die letzten Zeitzeugen verstummen, findet in diesen beiden kleinen Bänden ernsthafte und lesenswerte Anstöße.
Claus Copenhagen: „Florentin Hermann oder Die Klassenlesung“, 2025.
„Das Postfach“, Eigenverlag 2021, Nachdruck 2026, 80 Seiten.