Gedanken zu Jörg Baberowskis gleichnamigen Buch
Die Demokratie scheint in einer tiefen Krise zu stecken: Wer sich bislang als Mitte der Gesellschaft verstand, hat zunehmend das Gefühl, an den Rand geschoben zu werden. Das ganze Konstrukt scheint ein Selbstbedienungsladen für die da oben geworden zu sein, während wir hier unten immer fettere Rechnungen für immer weniger Leistung präsentiert bekommen.
Wenn man sich die Schlagzeilen durchliest, trifft es wieder mal die Schwächsten, diejenigen, die am Lebensende kaum noch eine angemessene Pflegestufe bekommen, so dass die Angehörigen diese Tätigkeit übernehmen müssen, die aber gleichzeitig länger arbeiten und vom Lohn bei galoppierender Inflation noch etwas für die Rente zurücklegen sollen, denn diese soll nach jahrzehntelanger Arbeit nur noch eine Basisrente sein.
„Ist’s Wahnsinn auch, so hat es doch Methode“, schrieb Shakespeare in seinem Hamlet und hat damit die Probleme unserer Gegenwart und die angebotenen Lösungen als das beschrieben, was sie sind: Wahnsinn! Um dieses Problem zu lösen, müsste man es benennen, also erst mal darüber reden, wer seit der Wende, also seit Jahrzehnten die Rentenkasse wieder und wieder plündert. Kleiner Tipp: Die Senioren sind es nicht.
Bei einer der wenigen Fernsehsendungen, die ich anzuschauen überhaupt noch in der Lage bin, lauschte ich neulich „Tadeusz, lang und breit“ im Gespräch mit Jörg Baberowski, Professor für die Geschichte Osteuropas an der Humboldt-Universität, von dem ich schon „Verbrannte Erde. Stalins Herrschaft der Gewalt“ gelesen und für außerordentlich interessant befunden hatte.
Sein neues Buch „Am Volk vorbei“ lag wenige Tage später auf dem Lesetisch und beim zufälligen ersten Aufschlagen fand ich dieses Zitat von Didier Eribon: „Der Mensch lebt nicht vom Brot allein, sondern auch von Ehre und Würde, für die manche sogar ihr Leben aufs Spiel setzen. Darum streitet und kämpft der Mensch, hat Feinde und sucht Feinde. Ohne die Sehnsucht von Millionen nach gerechten Verhältnissen, nach Anerkennung, gäbe es keinen Populismus, Dieses Bedürfnis haben einst die sozialdemokratischen Parteien Europas befriedigt. Sie sind gegenwärtig nur noch ein Schatten ihrer selbst, weil sie nicht mehr sein wollen und können, was sie einmal waren. Ihre Funktionäre, die nur noch vom „Konsens der demokratischen Parteien“, über Kultur, Rassismus und Geschlecht, aber nicht mehr vom Kampf gegen ungerechte Verhältnisse sprechen, habe Arbeitern, Handwerkern und allen jenen, die über keine hörbare Stimme verfügen, nichts zu mehr sagen. „Ohne dass sie es überhaupt bemerkt hätten, hätten die linken Parteien irgendwann die Sprache der Regierung gesprochenen und den Standpunkt der Regierten verächtlich von sich gewiesen […] In diesem Augenblick war die sozialistische Bewegung tot. Nun wandten sich die Arbeiter dem Populismus zu.“ (Didier Eribon, Rückkehr nach Reims).
Weiter im Text mit Baberowski: Aber „der Faschismus steht nicht vor der Tür. Selbst wenn es irgendjemanden danach verlangte, eine Diktatur zu errichten, wer würde ihm schon folgen? […] Wo populistische Politiker an die Macht gelangen, wie in den USA, in Italien, Griechenland, Polen und Brasilien, gaben sie sie auch wieder ab, nachdem sie in Wahlen unterlegen waren. Die gute Nachricht lautet: Wir stehen nicht am Abgrund.“
Der geordnete Kosmos verschwindet
Das mag stimmen. Denn im Gegensatz zu dem medialen Feuerwerk mit seinen dauergesendeten Kriegs- und Krisenberichten ist das alltägliche Leben beinahe aller Leute um mich herum entspannt und friedlich. Die kleinen Geldreserven reichen noch für ein bis zwei kleinere Inflationsschübe und ein bis zwei kürzere Ölkrisen. Trotzdem machen sich alle immerzu Sorgen und vermutlich nicht zu Unrecht. Denn es ist tief ins allgemeine Bewusstsein eingesickert, dass die aktuellen Krisen vor allem das Ergebnis politischer Fehlentscheidungen sind.
Baberowski sieht aber noch eine Gefahr von ganz anderer Seite auftauchen und schreibt weiter: „Der einstmals geordnete Kosmos verschwindet, die kleine, mehr oder weniger geschlossene und stabile Umgebung löst sich auf und weicht einer großen, offenen Umwelt, in der sich die Lebensrhythmen im Takt des reißenden Stromes bewegen. Der Mensch reagiert nur noch, er verliert die Hoheit über sein Leben, er erlebt den Wandel und die Entwurzelung seiner Lebensverhältnisse als Überforderung, der er nicht gewachsen ist. Der Bruch mit den Gewissheiten vergangener Tag ist tief und verstörend.“
Reformen wirken bedrohlich
Damals, als ich jung war und ab und zu mal Westfernsehen mitgucken durfte, sah ich, wie auch die Erwachsenen um mich herum, mit heimlichen Gruseln die Berichte von den Überproduktionskrisen der siebziger und achtziger Jahre, von Ölkrisen und autofreien Sonntagen, von Streiks und Massenentlassungen. Das kam uns vor wie Filme über Dracula; so nah und doch so fern und alle wussten: Das passiert uns nicht.
Dann kam die Wende und die Erlebnisse dieser Zeit sind bei den meisten Älteren als Trauma noch nicht verarbeitet und die Angst vor einer Wiederholung des Vor-dem-Nichts-Stehen ist real vorhanden. Denn Aussagen wie „Wir lassen die Menschen in dieser Krise nicht allein“ klingen in den Ohren der Leute eher nach zusätzlichen Härten, so wie auch die Ankündigung von „Reformen“ bei den meisten sofort neue Befürchtungen weckt.
De-ja vus
Wir Menschen des Ostens erleben das nun zum zweiten Male, noch stärker und unnachsichtiger; ohne jede Handlungsalternative ausgeliefert an den Fortgang der Geschichte. Denn damals zur Vorwendezeit war doch die westeuropäische Demokratie die große Hoffnung, dort wollten wir doch hin. Ja, bitte auch Bananen, aber es wäre auch ohne Südfrüchte gegangen. Es ging um die bürgerliche Freiheit, die sich aus dem Verlangen speiste, als Individuum behandelt zu werden und individuelle Entscheidungen treffen zu können. Wir wussten aber nicht so genau, wie man auf der demokratischen Klaviatur spielen und mit allerlei Tricks Mehrheiten für jede politische „Reform“ organisieren kann.
Wir konnten nicht ahnen, in welchem Ausmaß diese für uns neue Demokratie damals schon Beute der Parteien war und dieser Trend sogar immer weiter zunimmt. Und wir hatten vergessen, dass die ökonomischen Grundlagen der westeuropäischen Staaten, deren Wirkungsweise wir in langen Jahren gebetsmühlenartig immer wieder über uns hatten ergehen lassen, das diese Gesetzmäßigkeiten weiterwirken und das der neue gesamtdeutsche Vater Staat nicht automatisch das bessere, das sorgenfreiere Leben garantiert. Wir hatten nicht beachtet, dass wir in einer repräsentativen Demokratie leben, die Macht also nicht vom Volk ausgeübt wird, sondern von gewählten Repräsentanten. Und diese Damen und Herren sorgen erst mal für sich selbst und dann für ihre Leute, dann für ihre Hilfstruppen. Selbst die AFD, die noch kaum Macht hat, verfährt in der gleichen Weise.
Sollte aber aus der gigantischen Menge Steuergeld dann immer noch was übrig bleiben, dann wäre möglicherweise auch mal das Volk dran. Das wird uns nun gerade wieder einmal deutlich vorgeführt. Passenderweise las ich dazu unlängst auf einem Facebook-Acount den Spruch: „Die Westdeutschen vererben viermal so viel Vermögen wie die Ostdeutschen. Aber wieviel ist null mal vier?“ Mein Gartennachbar holt eine gute Flasche Whisky und sagt: „Das stimmt alles. Und trotzdem können wir froh sein, dass es bis jetzt noch so glimpflich abgelaufen ist“. Er hat erforscht, dass die Wurzeln bestimmter Pflanzen essbar sind und experimentiert mit neuen Kartoffelsorten, falls es mal zu Versorgungskrisen kommen sollte. Und er überlegt, welche Art Heizung es braucht, um im nächsten Winter den Keller des Hauses auf 10 Grad Wärme zu bekommen, falls das Gas alle wird. Der Whisky ist wirklich lecker.
Jörg Baberowski: Am Volk vorbei, C.H.Beck-Verlag, 25 €
Meiner ohnmassgeblichen Auffassung nach ist Ost/West mit dem einzig wirklichen Erbe des Sozialismus erklärt.
Der Sache mit dem Erbe.
Der westdeutsche Haushalt vererbt im Schnitt das 4-fache von dem, was ein ostdeutscher Haushalt vererbt.
Weil Erbe eben über Generationen aufgebaut wird.
Und weshalb im Westen dann der Einwandererhaushalt auch noch unterdurchschnittlich weniger vererbt. Und der „biodeutsche“ Haushalt im Westen überdurchschnittlich viel vererbt.
Und in stürmischen Zeiten (und wir leben in stürmischen Zeiten) beginnt immer der zuerst zu frieren, der die dünnere Jacke anhat.
Sie meinen wirklich, zwischen 1990 und 2026 sei keine Zeit gewesen, sich ein Haus oder eine Wohnung zu kaufen, um die Immobilie dann zu vererben? Ich habe mein Haus 2002 gekauft, und es war 18 Jahre später abbezahlt. Auch wenn es nicht restlos abbezahlt wäre, so wäre der Wert weit höher als die Hypothek. Das konnte sich kein Ostdeutscher denken?
Tun Sie nicht so, als seien Sie von Ihrem Vati ENTERBT worden, Alan Posener.
Was wollen Sie damit sagen? Ich habe von meinem Vater keinen Cent geerbt. Der hatte auch nichts zu vererben. Oder denken Sie: der war doch Jude, der musste doch reich gewesen sein?
Was Sie immer hören, @Alan Posener,
Tcha, warum hat ein ANGESTELLTER sächsischer Lehrer, vergütet 2002 nach Vergütungsgruppe IIa (entspricht A 13) Bundesangestellten-Tarifvertrag Ost ( = 90 % vom Tarifvertrag West) …
… den noch gemindert mit tariflich festgelegten verkürzten Stundenzeiten wegen des Lehrerüberhangs auf ein 70% – Depot, …
…warum hat der wohl nicht den Kredit für den Hausbau bekommen, den ein VERBEAMTETER Studiendirektor, vergütet nach A 15 bekam?
Hat das möglicherweise was damit zu tun, dass das Monatseinkommen des Einen weniger als die Hälfte des Einkommens des Anderen betrug?
Ach, jetzt ist es nicht der reiche jüdische Papa, jetzt ist es der Beamtenstatus. Sie machen sich nicht einmal die Mühe, meine Biographie zu checken. Die Schule habe ich 1992 verlassen, um als freiberuflicher Autor zu arbeiten. Das Haus habe ich mit dem Springer-Gehalt abbezahlt. Aber der Neid – nach IHRER Meinung auch der große Treiber auch des Antisemitismus – spricht aus jeder Zeile, die Sie hierzu schreiben. Und ich dulde Sie hier als Autor (ich habe Sie nicht angeworben, war es Frau B.?) und Kommentator allein deshalb, weil Sie das so schön demonstrieren. Sie sind sozusagen das lebende QED für alles, was im Umfeld der AfD schiefläuft. Bitte mehr davon.
Ach Herr Posener, das ist doch nicht das Thema!
Ich verstehe ja, dass Sie das denken, aber es ist ein anderer Reflex, von dem Herr Walther hier getriggert wird, denke ich.
Der durchschnittliche Westdeutsche hat eben etwas geerbt. Der durschnittliche Ostdeutsche aber nicht. Nur 5 Prozent im Osten, das ist ein Wert, der fast schon als Ausreißer bei normaler Statistik herausgerechnet würde.
https://www.destatis.de/DE/Presse/Pressemitteilungen/Zahl-der-Woche/2026/PD26_40_p002.html
Ich habe das mal geprüft, wenn es nicht so regional abgegrenzt wäre, müsste man das statiststisch tatsächlich herausrechnen.
Auch wenn Sie vielleicht Pech gehabt haben Herr Posener – aber Sie beziehen sich nur auf Ihren Vater-, vielleicht haben Sie ja von Ihrer Mutter geerbt oder Ihre Frau von ihren Eltern, ist es normal – auch bei mir und meiner Frau -, dass sich überdurchnittlich derjenige ein Eigenheim leisten kann, der auch etwas von seinen Eltern geerbt oder im Wege der „warmen Hand“ geschenkt bekommen hat oder von der Großtante oder dem Großonkel etc. pp.
Auch wenn Herr Walther mal bei der AfD war, und – was für Sie möglicherweise noch fataler ist – ein undankbarer „Ossi“ ist, glaube ich nicht, dass er ein Antisemit ist, ich bin mir sogar fast sicher.
Aber wenn Sie auf dem Niveau argumentieren wollen, sei es Ihnen unbenommen.
Herzliche Grüße
Ihr 68er
Sagen wir es so, lieber 68er: ich wäre vielleicht weniger empfindlich, wenn es nicht der Fall gewesen wäre, dass die in der Tat sehr wohlhabende Familie meines Vaters von den Nazis enteignet und nach dem Krieg von der DDR keinen Pfennig, von der Bundesrepublik lächerliche Entschädigungssummen bekommen hätte.
Dass man im Westen Vermögen schaffen und vererben konnte, im Osten eher nicht: nun, wir hatten eben das bessere System. Wer wollte das leugnen? Nun können die Ossis aufholen. Und ich kenne – auch in meinem unmittelbaren Bekanntenkreis – genug Leute, die ihre Beziehungen 1989ff nutzten, um sich ziemlich viele Immobilien für lau unter den Nagel zu reißen. Es waren auch nicht alle ehemalige „Funzionäre“, aber viele. Das unrechte Gut gedieh in vielen Fällen gut und wird, sofern die Leute Kinder hatten, aber daran hapert’s auch im Osten, vererbt.
Wie dem auch sei: Die Neiddiskussion zu personalisieren, wie es Bodo Walther hier tut – das ist schlicht schofel. Ich gönne jedem sein Häuschen, und ich erwarte, dass man meins mir gönnt. Wenn sich Bodo Walther mit den Ossis anlegen will, die das „Volksvermögen“ stahlen, soll er es aber gern machen: https://www.spiegel.de/geschichte/verschwundenes-sed-vermoegen-plastiktueten-voller-geld-ard-dokuserie-die-milliardenjagd-a-ad96cae1-084a-412e-a25d-f5e95357da3e
Ach Alan Posener,
ich habe doch in den 12 Jahren am Regierungspräsidium Halle auch mal am Landesamt zur Regelung offener Vermögensfragen gearbeitet und kenne doch auch den § 1 Abs. 6 der Rückübertragungsregelungen des Vermögensgesetzes, der ab 1990 für das Gebiet griff, über das Sie schreiben, es habe der Familie Ihres Vaters nichts zurückgegeben.
Die Norm heißt:
(6) Dieses Gesetz ist entsprechend auf vermögensrechtliche Ansprüche von Bürgern und Vereinigungen anzuwenden, die in der Zeit vom 30. Januar 1933 bis zum 8. Mai 1945 aus rassischen, politischen, religiösen oder weltanschaulichen Gründen verfolgt wurden und deshalb ihr Vermögen infolge von Zwangsverkäufen, Enteignungen oder auf andere Weise verloren haben. Zugunsten des Berechtigten wird ein verfolgungsbedingter Vermögensverlust nach Maßgabe des II. Abschnitts der Anordnung BK/O (49) 180 der Alliierten Kommandantur Berlin vom 26. Juli 1949 (VOBl. für Groß-Berlin I S. 221) vermutet.
Und es geht doch nicht darum, ob ich Ihnen Ihr Haus gönne (meines habe ich an meine Söhne verschenkt).
Ausgangspunkt Ihrer Polemik war mein Satz:
„Und in stürmischen Zeiten (und wir leben in stürmischen Zeiten) friert immer der zuerst, der die dünnere Jacke anhat.“
Ja, Herr Walther, mit jenem Amt hatte ich in Berlin auch zu tun. Als ich wegen eines Grundstücks in der Jerusalemer Straße vorsprach, das meine Großmutter 1939 zum Spottpreis an Herrn Stinnes verkaufen musste, und das die SMA 1945 enteignete, weil „Eigentum von Großkapitalisten und Naziunterstützer“, traf ich auf Leute, die alle Hände damit voll zu tun hatten, Anträge abzuweisen. Da ich die Atmosphäre aus den bis dahin erhaltenen Schreiben kannte, gab ich mich als Pressevertreter aus, der sich nach dem entsprechenden Grundstück erkundigte. „Na, wenn man denen glaubt“, sagte der Sachbearbeiter im vertraulichen Ton, den Arier untereinander verwenden, und „die“ waren eben die Juden allgemein, „Wenn man denen glaubt, hat ihnen vorm Krieg halb Polen gehört, und halb Berlin dazu.“
Nun ja. Mein Vater, der in Geldsachen ganz unjüdisch inkompetent war, schrieb der Stadt Berlin, die auf dem Grundstück eine Kindertagesstätte errichtet hatte, er wolle nicht, dass sie unseretwegen abgerissen würde. Das ärgerte zwar die Verwandtschaft in Israel, den USA und Großbritannien, die der Ansicht war, die Enkelkinder der Täter sollten ruhig in eine Kita ziehen, die von den Tätern oder ihren Kindern bezahlt würde; aber der Brief tat seine Wirkung, und Sie können die – inzwischen neu errichtete und übrigens sehr schöne – Kita in der Jerusalemer Straße besichtigen, wenn Sie wollen.
Es gab allerdings eine Entschädigung, und sie war großzügig. Ich konnte mir mit meinem Anteil – mein Vater war inzwischen gestorben, und er hinterließ eine Frau und drei Kinder – ein Auto gekauft, zum ersten Mal kein gebrauchtes. Dafür bin ich sehr dankbar. Es war ein Ford Focus, den ich sehr geliebt habe und den ich 15 Jahre lang gefahren bin, weil ich ja mein Haus abbezahlen musste.
Sie wissen viel allgemein, oder glauben es zu wissen, und Sie haben einiges erlebt, aber die dominierende Emotion bei Ihnen ist das Ressentiment. Dass ausgerechnet die Ossis, deren Land als einziges des ehemaligen Ostblocks mit der Wiedervereinigung sofort auch Mitglied der EU war und Hilfen ohne Ende erhielt, dass ausgerechnet die Ossis sich über ihre „dünnere Jacke“ gegenüber den Wessis beschweren, das ist so undankbar wie geschichtsvergessen und dégoutant. Ben Fricke liefert die Zahlen dazu.
Lieber Alan Posener,
Ihre Gefühle „dazu“ glaube ich, verstehen zu können.
Mein erster Dienstposten am Regierungspräsidium Halle, 5 Jahre nach Ende der DDR-Diktatur als Regierungsrat z.A. war die Bezirksbezügestelle.
Bezüge der Landesbediensteten im Bezirk auszahlen.
Das Gebäude war das der ehemaligen Bezirksverwaltung der Deutschen Volkspolizei.
Meine Kolleginnen, für die ich vors Arbeits- oder Verwaltungsgericht zu ziehen hatte, waren ehemalige Mitarbeiterinnen der Lohnbuchhaltung dieser Bezirksverwaltung.
Alles Volkspolizistinnen gewesen. Alles Genossinnen gewesen.
Doch, doch, ich hatte in meinem Kopf auch „damit“ zu kämpfen.
Ich habe die Erfahrung gemacht:
Wenn „man“ sich entschieden hatte, „mit denen“ zusammenzuarbeiten (und andere, die fähig waren, ein Lohnsystem zu tragen gab es nicht) …
… und es gab einen guten Grund, sich dafür zu entscheiden, “ mit denen“ zusammenzuarbeiten, der hiess Geld, Besoldungstabelle West, Verbeamtung auf Lebenszeit …
… dann trocknet der Geifer irgend wann ein.
Ich habe die Beobachtung gemacht: Die heftigsten Anwürfe gegen den „SED-Unrechtsstaat“ kommen von Menschen, die heute im Westteil Deutschlands leben.
Damit meine ich nicht „ahnungslose Wessis“, sondern durchaus auch Menschen, die in der DDR „was erlebt haben“.
Und diese Differenzierung schildern Sie ja auch mit der Auffassung Ihres Vaters im Vergleich zu der der Verwandtschaft ausserhalb Deutschlands.
P.S.:
Zur Rückübertragung von im 3. Reich enteignetem Vermögen und in der SBZ/DDR enteignetem Vermögen im Beitrittsgebiet nach 1990 gibt es im Vermögensgesetz einige Brüche, die dem „Arier“, wie Sie sagen, Alan Posener aufstoßen:
Es gibt zu im 3. Reich enteignetem Vermögen keinen „gutgläubigen Erwerb“. Auch 60 Jahre „danach“ nicht.
Zu in der SBZ/DDR enteignetem Vermögen gibt es einen „gutgläubigen Erwerb“ schon.
Ist das enteignete Grundstück später Bestandteil öffentlicher Infrastruktur geworden (z.B. mit einem Kindergarten), gibt es zu im 3. Reich enteignetem Vermögen (theoretisch „sofortige“) Entschädigung nach dem Verkehrswert, zu in der SBZ/DDR enteignetem Vermögen gibt es über Jahrzehnte laufende Schuldverschreibungen zum Einheitswert.
Die Frage nach dem „Warum dieser Unterschied?“, versuchen nachträgliche Vorkämpfer gegen den Nationalsozialismus bereits mit der Moralkeule zu erschlagen.
Dabei ist die Antwort erschreckend nüchtern:
Die alte Bundesrepublik hatte sich im dritten der Pariser Verträge zur Aufhebung des Besatzungsstatuts VÖLKERRECHTLICH verpflichtet, das Restitutions- (=Rückgabe-) Recht der amerikanischen, britischen und französischen Militärregierungen und des Alliierten Kontrollrates NIEMALS ZU VERSCHLECHTERN.
Und das Beitrittsgebiet trat am 3. Oktober 1990 dieser Verpflichtung, das Besatzungsrecht zu respektieren, bei. Der Bundestag hatte also – anders als zum Restitutionsrecht zu in der SBZ/DDR enteignetem Vermögen, keinerlei Spielraum.
So wenn es Ihnen Spaß macht, können Sie auch aus diesen meinen Worten einen Antisemitismus oder sekundären Antisemitismus oder tertiären Antisemitismus oder so was stricken.
P.S.:
Weder die besatzungsrechtlichen Vorschriften zur Rückgabe feststellbarer Vermögenswerte von 1946 bis 1948, noch das 1990er Gesetz zur „Regelung offener Vermögensfragen“ hatten zuvörderst eine Entschädigung im Blick.
Ziel der Regelungen war die möglichst rasche und die möglichst unanfechtbare Zuordnung vor allem Grundvermögens an den „richtigen“ Eigentümer.
Denn diese ist eine der wichtigsten Geschäftsgrundlagen des so genannten Kapitalismus. Grundvermögen ist Basis aller Sicherheiten bei Kreditvergaben.
Das sind interessante Ausführungen, lieber Bodo Walther. Ich will daraus keinen wie auch immer gearteten Antisemitismus konstruieren, und dass Sie darauf kommen, zeigt allenfalls, dass Ihnen bei der Sache doch unwohl ist. Denn Sie wissen (oder müssten wissen), dass die Restitution und Entschädigung in Westdeutschland an zig konkreten Hindernissen scheiterte. Zum Beispiel (das betrifft etwa die deutschen Bankguthaben meiner 1939 in Genua auf der Flucht nach Palästina verstorbenen Großmutter) weil die Nachweise über die Existenz dieser Gutachten nicht aufzutreiben waren. Sagen wir es so: viele hatten in diesen Jahren Wichtigeres im Kopf als Papiere beieinander zu halten, von denen sie nicht wussten, ob sie je etwas wert sein würden. Zum Beispiel wurde in vielen Fällen (das betrifft die Jerusalemer Straße) nicht enteignet; die jüdischen Besitzer verkauften ihre Grundstücke legal, um die Reichsfluchtsteuer usw. zu bezahlen. In vielen Fällen war es schwer nachzuweisen, dass der bezahlte Wert unter dem Grundstückswert lag. Und dann (dies betraf etwa ein großes Grundstück unserer Familie an der Potsdamer Brücke im damaligen West-Berlin) war es so, dass die Bewag auf dem Ruinengrundstück ein kleines Kraftwerk für die Fernwärme errichtet hatte, was den Wert des Grundstücks angeblich so minderte, dass die Erben (in den 1960er Jahren, so lange zog sich das hin) dafür weniger bekamen als für die angeblich sehr wertvolle, verschollene Briefmarkensammlung meines in Theresienstadt verstorbenen Großonkels Alfred Oppenheimer. Kaum war die Entschädigung erledigt, verkaufte die Bewag das angeblich fast wertlose Grundstück rund um das Kraftwerk, und Sie können heute die ebenso hässliche wie einträgliche Bebauung bewundern. Na, und so weite rund so fort. Die ganze Entschädigungschose hat mehrere Anwaltskanzleien über Jahrzehnte beschäftigt und war, wie gesagt, erst Ende des Jahrhunderts abgeschlossen. Kurz und gut: der gute politische Wille Konrad Adenauers traf auf hinhaltenden (und verständlichen) Widerstand der Profiteure (die eben nicht nur Privatleute waren, siehe Bewag); auf die Unfähigkeit der Überlebenden (die in unserem Fall in Israel, Großbritannien und den USA genug damit zu tun hatten, sich ein neues Leben aufzubauen und schlicht nicht die Energie hatten, ihre deutschen Angelegenheiten voranzutreiben, während die Profiteure ja hier saßen); und auf die (auch verständliche) mangelnde Sympathie von Behörden, in denen oft dieselben Leute nun mit der Rückabwicklung von Vorgängen beschäftigt waren, die sie selbst zwanzig Jahre zuvor veranlasst hatten und deren Rechtmäßigkeit sie nicht ohne Weiteres infrage stellen wollten. Da war es einem entsprechenden Beamten unter umständen recht, eine Briefmarkensammlung, zu der es keine Dokumentation gab, einfach mit ein paar tausend Mark zu veranschlagen, die aus der Bundeskasse zu zahlen waren, als den Direktor einer Bank zu verärgern, der gern ein potenziell wertvolles Grundstück für fast nichts aufschnappen wollte und keine Lust hatte, sich mit einer Erbengemeinschaft herumzuschlagen. Na, und so weiter und so fort. Die Fälle sind tausendfach dokumentiert (und von geraubter Kunst habe ich noch gar nicht gesprochen), und es besteht nicht der geringste Anlass, die angeblich zügige und gerechte Entschädigung oder Rückübertragung an die Überreste der deutschen Juden (oftmals waren keine Besitzer mehr zu ermitteln, weil die ganze Familie ausgelöscht war, dann bekam die Claims Conference die Immobilien) gegen die angeblich ungerechte Behandlung derjenigen DDR-Bürger auszuspielen, die im guten Glauben geraubten Besitz erworben hatten. Ich rede übrigens gar nicht davon, dass Juden, die im Ostblock lebten, bis 1990 von Deutschland keine Entschädigung für erlittene Schäden erhielten, weil die Bundesregierung (zu Recht) davon ausging, solche Gelder würden sofort von den Kommunisten einkassiert. ich habe bei einer Reise durch die Ukraine vor Jahren Juden besucht, die in einer Armut lebten, die ich in Europa bis dahin nicht gesehen hatte. andere Geschichte. Aber vielleicht sollte man deutscherseits das Jammern, sei es über Schulkult, sei es über die angebliche Bevorzugung der Juden bei der Restitution, einfach lassen. Es ist dégoutant.
Beim Landesamt zur Regelung Offener Vermögensfragen war ich übrigens nur 3 Monate, Alan Posener,
als Regierungsrat z.A. war ich gefragt worden, was ich gern machen würde und ich hatte geantwortet:
„Alles, nur nicht Bereinigung von SED-Unrecht.“
Das hatte ich zuvor, 1994/95 in Leipzig „gemacht“.
Und die ständigen Beschimpfungen von Seiten der Antragsteller, die nicht bekamen, was sie beantragten,…
… die Beschimpfungen als „Rote Altlast“ oder „Ahnungsloser Wessi-Jurist“ (Ich war ja immer beides gleichzeitig.), die wollte ich nicht noch mal haben.
Möglicherweise hatte ich in Leipzig Antragsteller auch damit gereizt, dass ich den üblichen Eingangssatz wegliess:
„Zu meinem Bedauern muss ich Ihnen auf Ihren Antrag mitteilen…“
Der Beamte hat sein Handeln nicht zu bedauern. Schon gar nicht schriftlich.
Wenn er bedauert, dass Recht und Gesetz auf seinem Dienstposten das Ergebnis zeitigt, das es zeitigt, …
… dann sollte er diesen Dienstposten meiden.
Wenn man Statistiken und Quellen zitiert und verlinkt, muss man sie schon auch lesen und verstehen können. Und vielleicht nicht alles durcheinanderwerfen.
Ein paar Zahlen des Statistischen Bundesamtes zur Wohneigentumsquote (Mikrozensus 2022): Brandenburg 44,3 %, Sachsen-Anhalt 42,4 %, Thüringen 42,1 %. Zum Vergleich: Hessen 42,5 %, Nordrhein-Westfalen 38,6 %, Bremen 32,0 % und Hamburg 20,3 %. Selbst Sachsen liegt mit 34,5 % noch vor Bremen und Hamburg. Natürlich spielen dabei auch Stadt-Land-Unterschiede eine Rolle. So ganz ohne Immobilien scheinen die Ostdeutschen jedenfalls nicht dazustehen.
Und nun zu den nur 5 % Ostdeutschen, die etwas erben, lieber Achtundsechziger: Das steht überhaupt nicht in der von Ihnen verlinkten Statistik. Die 5 % sind hier der Anteil Ostdeutschlands inkl. Berlins am bundesweiten Wert der steuerlich erfassten Erbschaften und Schenkungen, nicht der Anteil der Ostdeutschen, die etwas erben. Das sind 2 komplett unterschiedliche Dinge. Die meisten Erbschaften tauchen in dieser Statistik überhaupt nicht auf. Der erbschaftsteuerliche Freibetrag beträgt für Kinder immerhin 400.000 € pro Elternteil, für Ehepartner sogar 500.000 €.
Auch Ihre Aussage, lieber Herr Walther, westdeutsche Haushalte vererbten im Schnitt das Vierfache, ist nicht gedeckt. Die Vierfachrelation betrifft den steuerlich erfassten Wert von Erbschaften und Schenkungen pro Einwohner, nicht das tatsächlich durchschnittliche Erbe eines Haushalts.
Dann kann man auch die Lebenshaltungskosten berücksichtigen. Die sind in Ostdeutschland niedriger, besonders die Wohnkosten. Da bekommt man mehr fürs Geld. Auch Immobilien sind dort günstiger, allerdings entsprechend auch weniger wert. Ein Eigenheim in Sachsen-Anhalt und eines im Münchner Umland können in einer Eigentumsstatistik gleich viel zählen, in einer Vermögensstatistik aber Welten auseinanderliegen.
Hauptsache, den „Ossi“ als ewigen Benachteiligten zu inszenieren.
Meine beiden Brüder, lieber Ben Frick,
hatten nicht das Glück, studieren zu können und verbeamtet zu werden. Sie haben ihr Leben lang für andere Leute Häuser gebaut und ausgebaut. Knochenarbeit.
Der eine hat ein Stück Land im Speckgürtel von Berlin mit S-Bahn-Anschluss. Der andere ein Sück Land auf’m Dorf in Sachsen-Anhalt.
Das können nur Geistesblitze wie Sie schönrechnen mit „ist doch irgendwie dasselbe“.
Ist es aber nicht.
Weil vom Vermögenswert des Grundstücks abhängt, mit wie viel Geld Sie das Vermögen beleihen können, wie „kreditwürdig“ Sie sind.
Und ohne Kredit können Sie auch kein weiteres Vermögen schaffen.
Und diese Schere geht dann nun einmal immer weiter auseinander.
Lieber Bodo Walther,
Sie haben schon eine bemerkenswerte Fähigkeit, gegen Behauptungen zu argumentieren, die niemand aufgestellt hat. Was genau soll Ihre Familiengeschichte an den von mir genannten statistischen Zahlen widerlegen?
Ich schrieb ausdrücklich: „Ein Eigenheim in Sachsen-Anhalt und eines im Münchner Umland können in einer Eigentumsstatistik gleich viel zählen, in einer Vermögensstatistik aber Welten auseinanderliegen.“
Und Sie antworten mir allen Ernstes, das sei eben nicht dasselbe? Ja, herzlichen Glückwunsch zu dieser Erkenntnis.
Dass der Marktwert einer Immobilie ihre Beleihbarkeit beeinflusst, ist selbstverständlich. Aber Kreditwürdigkeit hängt nicht ausschließlich vom Grundstückswert ab, sondern auch von Einkommen, vorhandenen Verbindlichkeiten etc. Man kann sogar einen Immobilienkredit bekommen, ohne vorher eine Immobilie zu besitzen. Sonst gäbe es doch wohl kaum Erstkäufer.
Und Ihre Behauptung, ohne Kredit könne man kein weiteres Vermögen schaffen, ist schlicht falsch.
Eine andere Frage sind die regionalen Immobilienpreise und die Kaufkraft. Etwa in München und Umland können sich selbst Gut/Bestverdiener kein Eigenheim leisten (und bitte kommen sie nicht zb mit Leipzig, die Preise sind andere im Vergleich zu machen Gegenden in Westdeutschland), während man sich mit demselben oder etwas nierdrigerem Einkommen in vielen Regionen Ostdeutschlands etwas finanzieren kann. Umgekehrt bedeutet ein höherer Immobilienwert nicht automatisch einen höheren Wohnstandard.
P.S.:
Das Entschädigungsrecht zum „SED-Unrecht“ ist in Teilen dem NS-Entschädigungsrecht nachgebildet bzw. behauptet in anderen Teilen, das zu sein. Oft
Fälschlicherweise.
Dass das Bundesentschädigungsgesetz keineswegs so eine „Opferrente“ von monatlich 417 Euro vorsieht, die ich erhalte, weiss ich.
Dass Altersrenten an NS-Verfolgte nur in Berlin und an Berliner gezahlt werden, weiss ich auch.
Dass NS-Verfolgte im Osten bis zur Errichtung der Stiftung „Erinnerung, Verantwortung Zukunft“ gar nichts erhielten, weiss ich sowieso.
Ich heule hier nicht larmoyant rum. Im Gegenteil:
Ich hatte mal in der Diskussion um „Opferrenten“ für ehemals Inhaftierte 2006 eine WIRKLICHE Darstellung des sehr zersplitterten NS-Entschädigungsrecht ins Netz gestellt.
Und Kramer, damals Generalsekretär des ZdJ, hatte mich dazu sehr interessiert angemailt (Wer weiss denn wirklich, was in der Ehrenrenten-Anordung des Ministerrats der DDR für „Verfolgte des Faschismus stand? Das war doch eine Vertrauliche Verschlussache, zu der man sich die Mühe machen musste, in die Archive zu steigen.)
Kramer mag ich allerdings trotzdem nicht. Wegen Sozialist.
Danke, werde das Buch kaufen! Eine Anmerkung, Zitat: »Es ging um die bürgerliche Freiheit, die sich aus dem Verlangen speiste, als Individuum behandelt zu werden und individuelle Entscheidungen treffen zu können.« Das ist m. E. Selbstbetrug, analog zu diesen Bonmot des Ex-Linken Norman Podhoretz in „Ex-Friends“ (eine Art „Abrechnung“ mit „der“ Linken): »… the biggest lie ever propagated by a philosopher was Socrates‘ self-aggrandizing assertion that the unexamined life is not worth living.«
Leute wollen keine Demokratie, das wollen nur die, die zuletzt das konstruieren – können, dürfen, sollen –, was Demokratie ist. Es ist eben auch ein Herrschaftsinstrument. Aber all das Hehre darum, um sie, die Demo-Kratie, verkennt, meine ich, dass es den meisten Menschen majorativ ums Fressen (gern auch via Haute Cuisine), F… (Fortpflanzung und mehr inkl. Teilsublimierung) und Saufen (= synonym für Partymachen, gute Laune, Distraktion vom Elend, siehe »De Miseria Condicionis Humane«, Papst Innozenz III) geht.