
Am 19. August 1989 war als ich als Reporter dabei, als beim paneuropäischen Grenzpicknick im ungarischen Sopron Hunderte DDR-Bürger in den Westen flohen. Millionen wollten damals die Freiheit. Heute sehnen sich viele im Osten nach einer autoritären Ordnung zurück. Eine persönliche Erinnerung.
Im Frühjahr 1989 wechselte ich als Korrespondent der Nachrichtenagentur Reuters von Hamburg in die Bundeshauptstadt Bonn. Meine Tochter war erst ein paar Monate alt, ich dachte, ich könnte mich den Sommer über, wenn der Politikbetrieb üblicherweise ruht, in Ruhe in der neuen, alten rheinischen Heimat einrichten und auf die neue Aufgabe vorbereiten. Doch dann überschlugen sich die Ereignisse: DDR-Bürger besetzten die westdeutschen Botschaften in Prag und Warschau und campierten vor der in in der ungarischen Hauptstadt, um ihre Ausreise in den Westen zu erzwingen. Ich wurde nach Budapest geschickt.
Gleich nach der Landung und einem kurzen Kennenlernen des britischen Reuters-Korrespondeten fuhr ich zur Botschaft. Dort saßen und standen Hunderte Männer, Frauen und Kinder aus dem anderen, mir fremden Teil meines Landes vor ihren Tabis, Wohnwagen und Zelten und warteten voller Bangen, ob sie in die Freiheit durften oder die ungarischen Behörden sie in ihre sozialistische Republik zurückschicken würden.
Ich war nur einmal in der DDR gewesen, als 17jähriger Gymnasiast bei einer evangelischen Familie im brandenburgischen Fürstenwalde, vermittelt von einem Dominikanerpater, der bei den Weltjugenfestspielen 1973 in Ostberlin gewesen war und dort Kontakte zu christlichen Gemeinden im Osten geknüpft hatte. Am Bahnhof Friedrichstraße wurde ich von DDR-Grenzern aus dem Zug geholt, weil ich als Reiselektüre einen „Spiegel“ und „Stern“ dabei hatte. Die finster blickenden Uniformierten führten mich über endlose Treppen in einen kleinen Raum tief im Untergeschoss, wo sie mich verhörten. Ob ich mit den feindlichen Presseorganen den Arbeiter- und Bauernstaat infiltrieren wollte; was ich dort überhaupt wollte; wer mich geschickt habe; warum ich als Jugendlicher alleine reiste, wollten sie wieder und wieder wissen. Ich fürchtete, dass sie mich entweder einsperren oder zurückschicken würden. Aber am Ende konfiszierten sie, offenbar scließlich überzeugt, dass ich harmlos und keine Spion war, nur die beiden Magazine, ordentlich gegen Quittung („Die können Sie bei der Ausreise wieder abholen“), und ließen mich einreisen. Mit der S-Bahn fuhr ich weiter durch das mir unbekannte Land.
Ganz normale Wünsche
An die Familie erinnere ich mich, dass sie sehr herzlich war und es mir zu Ehren eine Gurke zum Abendbrot gab – für sie etwas Besonderes, für mich etwas völlig Normales. Mit den jugendlichen Kindern ging ich zu Treffen der evangelischen Jungen Gemeinde, wo sie über den Glauben und den Alltag sprachen, nicht über Politik. Genauso in der Familie. Und nun saß ich, 16 Jahre später, als sehr Westdeutscher mit anderen DDR-Landsleuten auf der Bordsteikante gegenüber der Botschaft. Sie erzählten mir, warum sie in den Westen wollten: Weil sie ihr Leben selbst bestimmen wollten und darüber was ihre Kinder lernen und werden sollten, ohne staatliche Bevormundung, ohne Angst. Dass sie mehr Wohlstand wollten. Und Reisefreiheit. Ganz normale, für mich selbstverständliche Wünsche, dachte ich mir. Nichts Weltbewegendes, nichts Umstürzlicheres, nichts Revolutionäres. Aber für sie so fern. Und zugleich nah, weil die bundesdeutsche Botschaft ihnen nur westdeutsche Pässe ausstellen müsste, dann würden die ungarischen Behörden, die den Eisernen Vorhang schon gelockert hatten, sie ziehen lassen. Aber das Botschaftsgebäude war verschlossen.
Am nächsten Morgen beobachtete ich jedoch, wie Mitarbeiter der Botschaft auf einem Gelände des ungarischen Malteserordens, der die DDR-Fluchtwilligen mit Lebensmitteln und Getränken versorgte und ihnen Schlafplätze anbot, ihnen die ersehnten Pässe ausstellten. Aufgeregt schrieb ich einen Bericht darüber und schickte ihn an die Zentrale in Bonn. Die exklusive Meldung sorgte für Aufsehen und große Aufregung. Die Regierung in Ostberlin reagierte empört und beschuldigte die ungarische, das Ausstellen der Pässe auf nichtdiplomatischen Terrain zu dulden und so mit dem Bundesrepublik zu kooperien – gegen das immer noch verbündete sozialistische Bruderland. Ungarische Regierungsvertreter beschwerten sich daraufhin beim Außenministerium in Bonn, dass man sie in eine missliche Lage gebracht habe und das nun auch noch international bekannt war. Das Auswärtige Amt beschwerte sich wiederum bei der Chefredaktion von Reuters, weil durch meinen Bericht die klandestine Hilfe für die DDR-Bürger erschwert wurde. Die aber dachte nicht daran, ihn zurückziehen, was ohnehin nichts gebracht hätte; die Meldung war ja in der Welt. Und lobte mich stattdessen für den Scoop.
Flucht im Morgengrauen
Die DDR-Leute vor der Botschaft und auf dem Malteser-Gelände erzählten mir, dass noch viel mehr von ihnen auf Campingplätzen am Plattensee auf eine Gelegenheit warteten, über die nahe, nicht mehr streng bewachte Grenze nach Österreich fliehen zu können. Im Juni hatten der ungarische Außenminister Gyula Horn und sein österreichsicher Kollege Alois Mock symbolisch den Eisernen Vorhang durchschnitten. Viele in der DDR verstanden das als Einladung. Deshalb waren in diesem Sommer viel mehr als sonst nach Ungarn gefahren, obwohl die DDR-Behörden es zu unterbinden versuchten, um ihre Flucht zu verhindern. Mit dem englischen Reuters-Kollegen interviewte ich einen General der ungarischen Grenzertruppe, der bestätigte, dass auf Flüchtlinge nicht mehr geschossen wurde. Danach fuhr ich mit einem Leihwagen an den Balaton, den Plattensee, und traf unter den Campern viele, die dort tatsächlich nur Urlaub machen wollten, aber auch andere, die mir von ihren Fluchtplänen berichteten.
Mit einer Gruppe von Jugendlichen fuhr ich am nächsten frühen Morgen noch in der Dämmerung in meinem Wagen durch einen Wald Richtung Grenze. Auf den Waldwegen standen Kolonnen zurückgelassener Trabis und VW-Golf mit DDR-Kennzeichen. „Auf einen solchen Golf von Euch haben meine Eltern 15 Jahre gewartet“, sagte einer der Jugendlichen lachend. „Und jetzt stehen sie hier herum. Man könnte sich einfach einen nehmen.“ Wir schlichen durchs Unterholz näher zur Grenze. Am Waldrand schauten sich die Jugendlichen um, ob irgendwo ein Grenzer zu sehen war. Dann rannten sie einer nach dem anderen über das offene Feld zum Grenzzaun und sprangen hinüber in die Freiheit. Während sie noch liefen, tauchte in der Nähe von mir plötzlich ein Grenzsoldat auf. Erschrocken fragte ich mich, was jetzt passieren würde. Aber er sah den Flüchtlinge nur nach und machte keine Anstalten, sie zu stoppen, so wie es der General gesagt hatte.
Ich jubelte über die Jungs und Mädchen, die es geschafft hatten und die anderen, die sich vielleicht gerade jetzt auch auf den Weg machten, obwohl man als Reporter eigentlich neutral sein soll. Aber seit den Begnungen vor der Botschaft fühlte ich mich den nun nicht mehr so fremden Landsleuten verbunden. Aufgewühlt fuhr ich eilig nach Budapest zurück, wo ich im Reuters-Büro eine lange Reportage über die Fluchtgeschichte schrieb, die der Kollege ins Englische übersetzte und die dann mit meinem Namen auch über den Reuters-World-Service in alle Welt geschickt wurde. Aus meinem erste Satz „Der frühe Vogel frisst den Wurm“ wurde in der englischen Version: „The early bird picks the grapes.“ Einen Ausdruck davon habe ich mir aufbewahrt.
„Jeder kann sich ein Stück des Eisernen Vorhangs mitnehmen“

Nach weiteren Berichten, Meldungen und Reportagen und ziemlich erschöpft wollte ich eigentlich einige Tage später zurück zu meiner kleinen Tochter. Aber dann sah ich am Abend vorher in Budapest an einem Laternenmast ein Plakat: „Paneuropäisches Picknick in Sopron am Ort des ‚Eisernen Vorhangs'“ am 19. August 1989, 15 Uhr, mit Otto von Habsburg, Sohn des letzten österreichischen Kaisers und Königs von Ungarn, ehemaliger Kronprinz, Präsident der Paneuropaunion und CSU-Abgeordneter im Europarlament, und dem ungarischen Staatsminister Imre Koczay als Schirmherrn. Darunter standen Sätze, die mich elektrisierten: Es sollte eine „Grenzüberschreitung“ an der „grünen Grenze“ geben. Und: „Baue ab und nimmt mit! Die Teilnehmer dürfen sich selbst am Abriss des ‚Eiserne Vorhangs‘ beteiligen und ein Stück mitnehmen.“ War das nicht ein offizielle Einladung zur Flucht?
Ich cancelte den Rückflug und raste noch in der Nacht mit einem Fotografen nach Sopron. Am nächsten Tag standen wir mit mehreren Hundert Ungarn und DDR-Bürgern auf einem abgeernteten Feld und lauschten den Reden von Habsburgs, die seine Tocher verlas, Pozsgays, die mir einige Umstehende übersetzten, und mehrerer Künstler. In den Ansprachen ging es um den neuen völkerverbindenden Geist und die europäische Einheit. Dann setzte sich die Menge im Gänsemarsch in Bewegung Richtung Grenze. Nach einigen Kilometern entlang von Wiesen, Feldern und Gebüschen kamen wir an ein Gatter. Davor standen zwei ungarische Grenzbeamte mit umgeschnallten Köfferchen, die ich von Fahrten nach Westberlin von den DDR-Grenzern kannte. Darin sicher Stempel für die annoncierte „einmaligen, okkasionelle Grenzüberschreitung“ von Vertretern der Paneuropaunion ins österreichische St. Margarten. Auf der anderen Seite des Gatters warteten Vertreter der Gegenseite. Alle standen ratlos herum. Doch dann fassten sich einige der sonst so braven DDR-Bürger ein Herz, schoben die ungarischen Grenzer zur Seite und drückten mit vereinten Kräften das Gatter auf. Das Tor in den Westen stand auf einmal weit offen. Unter lauter Jubelrufen rannten Hunderte, darunter ganze Familie hindurch nach Österreich. „Frei, endlich frei“, schrien sie. Nur ein mittelaltes Paar, an ihren Jeansjacken als DDRler zu erkennen, blieb am offenen Tor stehen. „Wollen Sie nicht fliehen?“, fragte sich sie erstaunt. „Nein. Wir wollten eigentlich zu einem internationalen Motorradtreffen in Sopron“, sagten sie mir. „Dann sahen wir die Schlange und schlossen uns an, weil wir es gewohnt sind. Nun gehen wir zurück. An dem Feld steht unser Golf, auf den wir so lange gewartet haben.“
Ich hatte aber keine Zeit, sie weiter auszufragen, weil ich so schnell wie möglich die Weltsensation vermelden wollte: die bis dahin größte Massenflucht von DDR-Bürgern. Weil der Fotograf nach Budapest wollte, um seine Bilder zu entwickeln und zur Reuters-Zentrale in London zu schicken, und da ich den Mietwagen zurückgeben musste, rannten wir nicht auf die österreichische Seite, sondern ebenfalls zurück, damit ich ein Telefon suchen konnte, um die Eilmeldung durchzugeben. Handys gab es ja noch nicht. Doch in allen Häusern, an denen ich hielt, schüttelten die Bewohner den Kopf: keine Verbindung in den kapitalistischen Westen. Schließlich fand ich ein Hotel, von dem aus ich Bonn anrufen konnte. Ein Kollege der österreichischen Nachrichtenagentur APA, der auf der anderen Seite gewesen war, war mir jedoch einige Minuten zuvor gekommen. Trotzdem wurde ich von der Reuters-Zentrale in London und den Kollegen in Bonn gefeiert. Immerhin war ich als einziger westlicher Reporter auf der ungarischen Seite dabei gewesen und konnte es beschreiben.
Der Junge mit dem Teddybär
Der Fotograf schoss bei der Massenflucht ein Bild, das um die Welt ging: ein kleiner Junge mit einem Teddybär, der aus seinem Rucksack lugte, zwischen seinen Eltern an deren Händen in die Freiheit laufend. Viele Jahre später war ich als Podiumsteilnehmer zur einer Diskussion in der Berliner Kulturkirche St. Matthäus am Kulturforum am Potsdamer Platz eingeladen. Thema: „Mit Rechten reden?“ Danach gingen wir mit einigen Leuten in eine Weinstube. Neben mir saß der Pastor der Kirche, Hannes Langbein. Er sagte mir, dass er aus Jena stamme, ich ihm, dass ich aus dem Rheinland komme, sehr weit im Westen. Wir sprachen über die friedliche Revolution, das Ende der DDR und wie sich das geeinte Land seitdem verändert hatte. Ich erzählte ihm von meinen Erlebnissen am Plattensee und in Sopron und dem kleinen Jungen mit dem Teddybär. „Ich war der Junge mit dem Teddy!“, rief er lachend. Ich konnte es erst gar nicht glauben. Da saß ich plötzlich neben jemand, der in Sopron dabei war, nicht als Reporter, sondern als kleiner Flüchtling. „Ich habe auch nie jemand wieder getroffen, der dabei war und mit uns geflohen ist“, sagte er. „Damals gab es ja noch kein Internet, um sich in einer Online-Gruppe zu suchen.“
Wir verabredeten uns eine Weile später noch einmal in Berlin, mit seinem Vater. Sie erzählten, was sich damals für sie ereignet hatte und wie ihr Leben danach weiter gegangen war. Der Vater war in Jena in einer kirchlichen Gruppe aktiv. Deshalb durfte er als als Physiker an seiner Hochschule nicht Professor werden. Von ebenfalls oppositionellen Freunden in Ungarn hatten sie den Tipp bekommen, dass in Sopron etwas passieren würde, womöglich mit der Gelegenheit zur Flucht. Deshalb waren sie dorthin gefahren und zu dem Grenzpicknick gegangen. Im Westen bekam der Vater durch ein Sonderprogramm der Bundesregierung schnell eine Stelle als Dozent an einer Hochschule in Hessen. Als drei Monate die Mauer fiel und die innerdeutsche Grenze offen bar, was damals keiner ahnen konnte, fuhren sie sofort nach Jena. Normalerweise wurden die Wohnugen von Republikflüchtlingen von den DDR-Behörden sofort beschlagnahmt und ausgeräumt. Aber weil in dem Sommer soviele geflohen waren, war ihre Wohnung nur versiegelt. „Das Frühstücksgeschirr stand noch auf dem Tisch, so wie wir es zurückgelassen hatten. Wir hätten sofort wieder einziehen können. Die Schlüssel hatten wir dabei“, berichteten sie. Aber weil die Familie in Hessen schon Fuß gefasst hatte, beschlossen sie, dort zu bleiben und nicht in ihr altes Leben zurück zu kehren. Die Welt stand ihnen ja nun offen.
Wie sie heute die Entwicklung in ihrer ehemaligen Heimat sehen werden, wo viele ihrer früheren Landsleute eine Partei wählen, die DDR-Nostalgie pflegt und wieder ein autoritäres, abgeschottetes System errichten will? Sicher mit Sorge und Unverständnis. Sie haben wie so viele aus der DDR eine Menge riskiert, alles zurückgelassen und sich auf eine ungewisse Zukunft eingelassen, um frei und selbstbestimmt leben zu können. Und nun soll es wieder so werden wie in der düsteren Vergagenheit?
… beindruckend was Sie, Hr. Grewe, zur Wendezeit ’89 erlebt und gesehen haben.
Wegen fehlender Gurken haben die Deutschen sicher nicht Ihre Heimat aufgegeben. Allein im Sommer und Herbst 1989 flohen etwa 60’000 DDR-Bürger über Ungarn in die ‚BRD‘.
Zwischen 1949 und 1989 verließen insgesamt rund 3,8 bis 4 Millionen Menschen die ‚DDR‘ in Richtung Bundesrepublik.
Cut; nun es gibt mehr als genug Gurken und Bananen in Deutschland. Trotzdem ‚wandern‘ etwa 300’000 Deutsche jedes Jahr aus Deutschland aus.
Woran liegt ’s? Ich gebe einen Tipp! (Etwa ab 2:15 Minute.)
Habe ich behauptet, dass irgend jemand wegen grünem Gemüse oder gelben Früchten in den Westen geflohen oder gezogen ist? Ich habe die Gurke nur erwähnt, weil es mir den unterschiedlichen Lebensstandard im Vgl. zum Westen zeigte. Warum jetzt Menschen aus Deutschland abwandern, hat wiederum damit nichts zu tun. Gurken und Bananen zu vermischen, ist unsinnig und schmeckt nicht.