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Politik ist gar nicht so wichtig

Ich möchte, dass Sie weniger Zucker zu sich nehmen und die CDU wählen! Karikatur:

Während alle mit bedeutungsvollen Mienen über die Wahlen im September nachdenken, ja sogar Angst davor haben, geht das Leben weiter. Die Kinder gehen in die Schule, die Erwachsenen zur Arbeit. Man kümmert sich darum, dass das eigene Leben funktioniert. Das ist das Beste für eine funktionierende Demokratie.

Als ich im Jahr 2013 für ein paar Monate in den USA leben und arbeiten durfte, faszinierte mich vor allem eine Tatsache: Die Amerikaner interessieren sich eigentlich überhaupt nicht für Politik. Sie halten sie für irrelevant für ihr eigenes Leben, wollen nicht darüber reden und sie haben kaum auf dem Schirm, was da in Washington gerade passiert.

Es passierte gerade Dramatisches. Die Republikaner hatten die US-Regierung und die öffentliche Verwaltung lahmgelegt, weil Präsident Barack Obama seine Gesundheitsreform nicht opfern wollte. 800.000 Staatsdiener bekamen kein Geld mehr. „Shutdown“ nannte sich das. Wenn ich Amerikaner danach fragte, blickte ich in fragende Gesichter: „Shutdown. Really? Das habe ich gar nicht gewusst. Ich habe gerade viel um die Ohren.“

Politik ist nicht verantwortlich für Glück

Aus der üblichen europäischen, überheblichen Sicht könnte man jetzt sagen, tja, die doofen Amis haben eben keine Peilung, was Politik angeht. Doch meine Erlebnisse sprechen nicht für Desinteresse. Sie zeigen, dass die Menschen dort einfach anders gewichten. Sie machen nicht die Politik verantwortlich für ihr eigenes Wohlergehen, für ihr Glück und Unglück, sondern sehen vor allem sich selber in der Verantwortung.

In Deutschland fühlt man sich für alles mögliche verantwortlich. Das globale Klima, die Regierung in Israel, die gesunde Ernährung der Mitbürger, für das weltweite Elend von Migranten oder die Verletzlichkeit von Randgruppen. Die Verantwortung für das eigene Leben will man jedoch nicht so gerne übernehmen. Vor allem, wenn etwas schief läuft. Wenn mal etwas daneben geht, richten sich die Augen auf den Staat. Wann kommt denn jetzt die Hilfe für mich?

Ist die Demokratie wirklich so schwach?

Die Stärke einer Demokratie kann man daran ablesen, wie unabhängig die Menschen vom Staat sind. Je unabhängiger, desto freier ist eine Gesellschaft, desto stärker ist die Demokratie. Aber wenn sich der Staat als Versorger, als Verteiler von Almosen, besserer Unternehmer oder Erziehungsberechtigter seiner Bürger aufspielt, ist das brandgefährlich. Denn wenn der staatliche Rubel nicht mehr rollt, ist die Demokratie schnell am Ende.

Wenn jetzt die Angst vor den falschen Wahlsiegern im September so groß ist, zeigt das eigentlich nur, dass die Deutschen die Demokratie als ein sehr schwaches Konstrukt wahrnehmen. Da wird ein eher biederer Kandidat zum „gefährlichsten Mann Deutschlands“ stilisiert. Ausgerechnet er soll die Kraft haben, dieses System zu stürzen? Wenn er das wirklich könnte, wäre das ein Armutszeugnis für uns alle. Zur gleichen Zeit leben rund 1000 gewaltbereite Islamisten mitten unter uns in Berlin. Unsere Kinder gehen jeden Tag an ihnen vorbei zur Schule.

Was so auf der Straße herumliegt

Ein freundlicher älterer Herr mit weißem Haar und Gehstock gehört seit Jahren zum Stadtbild in Berlin-Schöneberg. Man trifft ihn überall, weil er gerne spazieren geht. Seit einigen Wochen hat eine Mülltüte dabei und sammelt nebenbei auf, was auf der Straße herumliegt und dort nicht hingehört. Eine Kleinigkeit. Wie wäre es, wenn wir mehr Menschen dazu bringen, mehr Verantwortung für eigenes Leben und ihrer Umgebung zu übernehmen? Wenn sie spüren würden, dass Politik gar nicht so wichtig für ihr Leben ist. Das wäre das Beste für eine starke Demokratie.

Frank Schmiechen ist Journalist und Musiker. Er startete als Reporter bei der Bergedorfer Zeitung, war später unter anderem Stellv. Chefredakteur der WELT und Chefredakteur des Online-Mediums Gründerszene.

 

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